{"id":16784,"date":"2019-11-08T09:50:39","date_gmt":"2019-11-08T08:50:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16784"},"modified":"2019-11-08T09:50:39","modified_gmt":"2019-11-08T08:50:39","slug":"wieder-gedanken-zur-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16784","title":{"rendered":"&#8222;Wieder&#8220; &#8211; Gedanken zur Wende"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Fall der Mauer noch zu meinen Lebzeiten habe ich nie gerechnet. Dass sie auf alle F\u00e4lle irgendwann einmal fallen w\u00fcrde, wusste ich allerdings schon immer \u2013 aus den Geschichtsb\u00fcchern, besonders aus dem Buch der B\u00fccher, der Bibel. Und das habe ich unerm\u00fcdlich gepredigt und auch in Liedern formuliert. 1971 schrieb ich zu der triumphierenden Melodie \u201eGlory, glory hallelujah! das Lied \u201eFreunde, kommt singt Halleluja\u201c, dessen vierte Strophe lautet:<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Diese Welt mit ihren Herren muss vergehn.<br \/>\nHier kann auch der Gr\u00f6\u00dfte nicht in Ewigkeit bestehn.<br \/>\nDiese Welt mit ihren Herren muss vergehn,<br \/>\naber unser Herr, der kommt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war ja bei aller Deutlichkeit noch allgemein formuliert. Im Jahr 1989 wurde ich konkreter. Da lautete der Refrain meines Liedes \u201eFreiheit wird dann sein\u201c so:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Freiheit wird dann sein,<br \/>\nherrlich wird es sein,<br \/>\nFreiheit wird dann sein,<br \/>\nwenn Jesus wiederkommt.<br \/>\nKein Leid und keine Mauer,<br \/>\nkein Schmerz und keine Trauer,<br \/>\nFreiheit wird dann sein,<br \/>\nwenn Jesus kommt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch heute kriege ich eine G\u00e4nsehaut, wenn ich mich erinnere, wie in meinem Karl-Marx-St\u00e4dter Jugendgottesdienst 3.000 junge Leute Monat f\u00fcr Monat dieses Lied sangen, br\u00fcllten, den Mauerfall in der Hoffnung des Glaubens vorwegnehmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als es dann pl\u00f6tzlich und tats\u00e4chlich so weit war, sa\u00df ich wie Millionen anderer DDR-B\u00fcrger heulend vorm Fernseher. Das war emotional einfach nicht zu verkraften \u2013 ein jahrzehntelanger Traum erf\u00fcllte sich vor unseren Augen! Da flossen die angestaute Anspannung und Angst in einem Strom hilfloser Freudentr\u00e4nen davon. Was ich damals gedacht habe, wei\u00df ich nicht mehr. Vielleicht habe ich nichts weiter gedacht als: \u201eFrei! Frei! Frei!!!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht fiel mir auch ein, dass ich jahrelang mit der Angst schlafen gegangen war, irgendwann in der Nacht k\u00f6nnte die Stasi bei mir am Bett stehen und mich verhaften. Diese Angst war pl\u00f6tzlich vorbei. Vorbei! Ich brauchte keine Angst mehr zu haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso entsetzter bin ich, dass heute, nach 30 Jahren, die Angst wieder da ist und sich \u00fcber das Land ausbreitet wie eine dr\u00fcckende Decke. Nicht bei mir, sondern allgemein in der Bev\u00f6lkerung. Nicht vor der Stasi, aber vor vielem, was sich in unserem Staat abspielt. Nach dem Urteil des Historikers Arnulf Baring ist Deutschland, gesteuert durch eine \u201edrohnenhafte Herrschaftskaste\u201c, auf dem Weg in eine westliche \u201eDDR Light\u201c. Aber f\u00fcr so was bin ich vor dem Mauerfall nicht auf die Stra\u00dfe gegangen. Montag f\u00fcr Montag habe ich in Karl-Marx-Stadt vor dem Karl-Marx-Monument, oft bei Eisesk\u00e4lte, mit Tausenden gestanden, um meine b\u00fcrgerlichen Freiheiten einzufordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt \u2013 inzwischen als \u00fcber 80 Jahre alter Mann und Urgro\u00dfvater \u2013 stehe ich seit Jahren wieder an der gleichen Stelle protestierend vor dem \u201eNischel\u201c, wie die Leute respektlos\u00a0 diesen monstr\u00f6sen Karl-Marx-Kopf nennen, und fordere die gleichen Freiheiten, besonders die Meinungsfreiheit, ein. Da stehe ich, begleitet vom hasserf\u00fcllten Gel\u00e4rme und Gepfeife linker Schreih\u00e4lse, vor deren Gewaltbereitschaft nur ein riesiges Polizeiaufgebot sch\u00fctzen kann, bei dem ich mich regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr diesen Dienst bedanke. Fassungslos erlebe ich staatlicherseits die Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit und kirchlicherseits die str\u00e4fliche Unwissenheit, Naivit\u00e4t, Feigheit und Blindheit, z. B. bei der Beurteilung des Islams.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl wissend, dass Mauerfall, Wiedervereinigung und Freiheit g\u00f6ttliche Wunder und Geschenke sind, bin ich \u00fcberzeugt, dass dieses Geschenk auch gesch\u00fctzt und verteidigt werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die endg\u00fcltige Freiheit wird aber erst sein, \u201ewenn Jesus wiederkommt\u201c. Dass der, dem wir in erster Linie Mauerfall und Freiheit zu verdanken haben, in unserem Land immer weniger zu sagen hat, ist der fatalste und folgenschwerste Fehler Deutschlands seit dem Mauerfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pfr. Dr. Theo Lehmann, Chemnitz<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus:<br \/>\nRalf Kaemper (Hg.)<br \/>\n<strong>Mauer.Frei \u2013 30 Jahre danach<\/strong><br \/>\nChristliche Verlagsgesellschaft Dillenburg und idea, 2019<br \/>\n96 Seiten, 3,90 \u20ac<br \/>\nISBN: 978-3-8635-3646-6<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Fall der Mauer noch zu meinen Lebzeiten habe ich nie gerechnet. 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