{"id":16652,"date":"2019-09-09T14:43:03","date_gmt":"2019-09-09T12:43:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16652"},"modified":"2019-09-09T14:44:02","modified_gmt":"2019-09-09T12:44:02","slug":"die-karriere-eines-irrtums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16652","title":{"rendered":"Die Karriere eines Irrtums"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">2009 erschien das Buch &#8222;Darwin. Das Abenteuer des Lebens&#8220; aus der Feder des Journalisten und Autors J\u00fcrgen Neffe &#8211; p\u00fcnktlich im gro\u00dfen Darwin-Jahr, das den 200. Geburtstag des Forschers feierte. Der studierte Biologe verfasste auch Biographien \u00fcber gro\u00dfe Denker wie Marx und Einstein. Sein Buch \u00fcber den Mitbegr\u00fcnder der modernen Evolutionstheorie ist eigentlich ein Reisebericht auf den Spuren der Weltumsegelung Darwins auf der Beagle (1831-36). Zwischen Neffes Eindr\u00fccken von den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern finden sich mitunter lange Einsch\u00fcbe mit biografischen Ausf\u00fchrungen sowie aktuelle Bez\u00fcge.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kapitel 18 geht Neffe ausf\u00fchrlich auf Darwins Beziehung zu Christentum und Kirche ein, behandelt das Thema Religion und Evolution und widmet sich dabei auch der Kritik des Kreationismus. &#8222;Kreationisten haben in einem Buch \u00fcber Darwin eigentlich so wenig verloren wie Astrologen in einer Abhandlung \u00fcber Astronomie&#8220;, so Neffe jedoch streng.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch will es sich der Autor nicht nehmen lassen, Evolutionsskeptiker heftig abzuwatschen: &#8222;Heute zweifelt kein ernst zu nehmender Wissenschaftler die Richtigkeit von Darwins Lehre an, ob gl\u00e4ubig oder nicht. Im Gegenteil: die Beweislast der Fossilien ist seit seiner Zeit erdr\u00fcckend geworden. Evolution l\u00e4sst sich im Reagenzglas wie im Freiland beobachten, und seit sich in Gen-Analysen der Stammbaum alles Lebendigen immer exakter widerspiegelt, d\u00fcrfte es zumindest \u00fcber die Frage der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen keine Debatte mehr geben. Es sei denn man lehnt den Rationalismus von vornherein ab. Da tun Ultra-Kreationisten, die der Wissenschaft ihre Bibel entgegenstrecken wie dem Teufel das Kreuz. Auf dieser Ebene treten zwei Systeme gegeneinander an, die nicht kompatibel sind. Wer die biblische Sechstagewoche ernst nimmt, wer noch heute mit sechstausend Jahren Erdalter argumentiert oder die Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes f\u00fcr bare M\u00fcnze h\u00e4lt, der lehnt im Grunde nicht nur Darwin ab, sondern die ganze wissenschaftliche Methode als Basis moderner Zivilisation.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neffe ist zwar Biologe und sollte als Wissenschaftler sachlich bleiben, doch hier schl\u00e4gt er \u00fcber die Strenge, so dass die Wahrheit auch schon mal auf der Strecke bleibt: Sicherlich sind Adaptionen und Mutationen zu beobachten, aber keineswegs die Evolution, ist damit doch gemeinhin die Entstehung neuer Arten gemeint. Neffe argumentiert in diesen S\u00e4tzen nicht, sondern versucht einzusch\u00fcchtern, ja mundtot zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Kieker hat er nat\u00fcrlich auch &#8222;Intelligent Design&#8220;, das &#8222;durch die Hintert\u00fcr der Wissenschaft als Gegenmodell zur Evolutionstheorie&#8220; aufgebaut werden solle. Die Anh\u00e4nger dieses Forschungsprogramms streben einen konkurrierenden Ansatz zur vorherrschenden Evolutionstheorie an, so dass als Ziel wenigstens &#8222;Theorie gegen Theorie&#8220; steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch auch dies gef\u00e4llt Neffe nicht, was schon das Wort &#8222;Hintert\u00fcr&#8220; deutlich macht. Die Evolutionstheorie ist n\u00e4mlich keine blo\u00dfe Theorie neben anderen. Sie ist Normalwissenschaft (wie Thomas S. Kuhn sagte), das neue wissenschaftliche Leitparadigma, das keine ernstzunehmenden Konkurrenten mehr hat &#8211; und duldet. &#8222;Kein Wissenschaftler behauptet, dass die Evolutionstheorie alle Fragen beantworten kann&#8220;, so Neffe g\u00f6nnerhaft. &#8222;Jeder Wissenschaftler w\u00fcrde auch unterschreiben, dass Darwins Theorie &#8217;nur&#8216; eine Theorie ist, die sich widerlegen &#8211; falsifizieren &#8211; oder durch eine bessere ersetzen lie\u00dfe. Aber bis heute ist weder der Ansatz einer alternativen Theorie noch die geringste Spur eines Gegenbeweises aufgetaucht, auch wenn die Neokreationisten genau das unterstellen&#8220;. Die Ans\u00e4tze alternativer Theorien werden ignoriert, weil ihre Vertreter angeblich einen &#8222;pseudowissenschaftlichen Kreuzzug&#8220; f\u00fchrte, au\u00dferdem ging es ihnen vor allem um &#8222;Macht und Einfluss&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Die vordringlichste Aufgabe der Menschheit&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wissenschaft ist nat\u00fcrlich auf Darwins, auf unserer Seite &#8211; so gibt Neffe im ganzen Buch zu verstehen. Fast schon im Ton eines Richards Dawkins unterstellt er den Kreationisten die b\u00f6sesten Motive. Dummerweise steht der Autor selbst mit der Wirklichkeit auf Kriegsfu\u00df und zeigt an einigen Stellen eine geradezu frappante Unkenntnis wichtiger Sachverhalte und Erkenntnisse. Neffe erweist sich n\u00e4mlich als unverbesserlicher Anh\u00e4nger von Thomas Robert Malthus, der zwar ein guter Analytiker war, dessen Prophezeiungen sich jedoch als haltlos erwiesen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kapitel 10 des Buches f\u00fchrt Neffe aus: &#8222;Im Augenblick verhalten wir Menschen uns auf unserem Planeten noch wie Karnickel auf einer Insel, die sich immer weiter vermehren und ihren Lebensraum kahl fressen. Die Folgen sind bekannt. Kaninchen verenden im massenhaften Hungertod, wenn ihre Ressourcen aufgebraucht sind. Die Konsequenzen f\u00fcr die Menschheit sind die gleichen. Irgendwann werden wir uns nicht mehr alle durchf\u00fcttern k\u00f6nnen. Darwinistisch gesehen werden die (technisch) T\u00fcchtigsten \u00fcberleben und die Schw\u00e4chsten unvermeidlich untergehen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weiter: &#8222;Wenn sich die Kindersterblichkeit verringert (was jedermann w\u00fcnscht) und alle satt zu essen haben sollen (was auch jeder bef\u00fcrwortet), dann muss \u00fcber kurz oder lang unsere Vermehrung weltweit zum Erliegen kommen und unsere Zahl sogar wieder schrumpfen. Das ist pure, brutale Biologie, der wir nur dadurch begegnen k\u00f6nnen, dass wir es nicht erst zum Kampf ums \u00dcberleben kommen lassen. Die Erde w\u00e4re uns f\u00fcr jede Milliarde weniger dankbar. Ob wir das durch Verzicht oder Vernichten erreichen, ist ihr egal. Wie auch immer wir es anstellen: Irgendwann m\u00fcssen wir die Bev\u00f6lkerungspyramide der Menschheit in einen Zylinder mit konstanter Menschenzahl verwandeln oder sogar auf den Kopf stellen&#8220;. Europa sei dabei &#8222;auf dem einzig richtigen Weg&#8220;. Der &#8222;Pillenknick&#8220; Ende der 60er Jahre k\u00f6nne daher &#8222;f\u00fcr eine der wichtigsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte stehen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Duktus f\u00e4hrt Neffe im 14. Kapitel fort: Es drohe &#8222;zweihundert Jahre nach Darwins Geburt eine malthusische Hungerkrise ungekannten Ausma\u00dfes. Erstmals werden Nahrungsmittel im globalen Ma\u00dfstab knapp. Gut m\u00f6glich, dass die Menschheit diesmal davonkommen und die Produktion noch einmal kr\u00e4ftig steigern kann. Doch mit dem puren \u00dcberleben ist das Problem l\u00e4ngst nicht gel\u00f6st, Das Ziel kann es nicht sein, Milliarden gerade so durchzubringen.&#8220; Es w\u00e4chst nicht nur die Bev\u00f6lkerung, die Menschheit produziert ja &#8222;auch noch \u00f6konomisches Wachstum und Kaufkraft. Das aber bedeutet., dass jeder im Schnitt mehr verbraucht. Wenn aber nur die H\u00e4lfe der Weltbev\u00f6lkerung den Wohlstand der untersten Mittelklasse in Europa erreichen soll (was k\u00f6nnten wir dagegen haben?), dann w\u00e4re die Erde beim heutigen Stand von Landwirtschaft und Technik schon mit vier Milliarden \u00fcberbev\u00f6lkert.&#8220; Neffes Fazit, und hier nennt er wieder den Vater dieser Denke, jenen Thomas Robert Malthus: &#8222;Jeder Schritt zu breiterem Wohlstand versch\u00e4rft die Spannung zwischen \u00d6konomie und \u00d6kologie und damit die malthusische Krise.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Kapitel bezeichnet Neffe das Ausbreiten der Menschheit als den &#8222;gr\u00f6\u00dften biologisch-kulturellen Erfolg&#8220;. Dieser gef\u00e4hrde nun aber &#8222;Weiterleben und Fortschritt. Die Weisung der Bibel &#8211; &#8217;seid fruchtbar und mehret euch&#8216; &#8211; ist an ihre biologischen Grenzen gesto\u00dfen.&#8220; Immer mehr neugeborene Kinder \u00fcberleben dank verbesserter Medizin, das Prinzip des Survival of the fittest, so Neffe, wird also zur Seite geschoben. Daher gilt f\u00fcr ihn: Umso &#8222;unverzichtbarer wird Geburtenkontrolle&#8220;. Er kommt zu folgendem dramatischen Schluss: &#8222;Mehr als alles andere hat meine Reise mich in der Ansicht best\u00e4rkt, dass ein Ende unseres Wachstums die vordringlichste Aufgabe der Menschheit ist. S\u00e4mtlich globalen Krisen. h\u00e4ngen davon ab.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das &#8222;gro\u00dfe Gesetz der Natur&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum etwas von diesen S\u00e4tzen ist wahr. Neffe selbst liefert hier Pseudowissenschaft. Es ist alles ganz anders, und die Beweislast der historischen Fakten ist erdr\u00fcckend geworden. Wachstum ist und bleibt die vordringlichste Aufgabe der Menschheit, denn nur so kann breiterer Wohlstand geschaffen werden. Neffe spricht es nicht deutlich aus, aber im Grunde gibt er zu verstehen: Ihr in den immer noch \u00e4rmeren L\u00e4ndern strebt gef\u00e4lligst nicht unseren westlichen Wohlstand an und bleibt \u00e4rmer &#8211; bis sich die Erde dies leisten kann; au\u00dferdem habt ihr eure Bev\u00f6lkerung in Schach zu halten. Schlie\u00dflich wollen wir in Europa &#8211; und wir sind ja auf dem richtigen Weg! &#8211; unseren Wohlstand weiter genie\u00dfen. Wir haben eben Gl\u00fcck gehabt und dieses Wohlstandniveau dank Fortschritt, Technologie und Wachstum zuerst erreicht. Pech gehabt! Nun ist die Erde aber endg\u00fcltig zu voll!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem puren Zynismus l\u00e4sst sich Neffe nat\u00fcrlich nicht hinrei\u00dfen, aber er steckt implizit in seinen Zeilen. Neffe ist dabei so stolz auf den Darwinismus, dass er den fatalen Zusammenhang mit der Theorie des Thomas Robert Malthus verkennt bzw. diese Denkweise \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Abhandlung \u00fcber das Bev\u00f6lkerungsgesetz (An Essay on the Principle of Population) von 1798 hatte eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr Darwins Denken. Der anglikanische Pfarrer Malthus war davon \u00fcberzeugt, dass sich die Bev\u00f6lkerung immer st\u00e4rker vermehrt als parallel dazu die Nahrungsmittelproduktion anw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Malthus stellte die These auf, dass die Bev\u00f6lkerungszahl exponentiell wachse (also nach der Reihe 2, 4, 8, 16 usw.), die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear (2, 4, 6, 8, 10 usw.). Das habe zur Folge, dass Nahrungsmittelangebot und -nachfrage sich auseinanderentwickelten. Gleich im ersten Kapitel nennt er dies das &#8222;gro\u00dfe Gesetz unserer Natur&#8220;. Daher wird oder muss sich die Bev\u00f6lkerung in ihrem Wachstum begrenzen &#8211; auf brutale oder zivilisierte Art. In fr\u00fcheren Zeiten haben Hungersn\u00f6te, Kriege und Seuchen das Problem der \u00dcberbev\u00f6lkerung &#8218;gel\u00f6st&#8216;. Malthus hatte als Christ nat\u00fcrlich moralische Vorbehalte gegen das massenhafte Sterbenlassen von Menschen. Er bef\u00fcrwortete deshalb effektive Hemmnisse in der Bev\u00f6lkerungsentwicklung. Ein Entkommen aus dieser Situation sah Malthus als unm\u00f6glich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war genau dieses &#8222;Naturgesetz&#8220;, dass Darwin nach der Lekt\u00fcre der Abhandlung Ende der 1830er Jahre den Ansto\u00df zur Evolutionstheorie gab. In der Entstehung der Arten meint er daher, ein &#8222;Kampf ums Dasein&#8220; m\u00fcsse stattfinden &#8211; mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. &#8222;Das ist die Lehre von Malthus mit verst\u00e4rkter Kraft auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewendet&#8220;. \u00c4hnlich dann auch in der Abstammung des Menschen: Mensch und Tier seien beherrscht von den &#8222;gleichen Gesetzen der Vererbung&#8220;, und ganz im Sinne von Malthus beschreibt er dies Gesetz wie folgt: &#8222;Der Mensch vermehrt sich in einem st\u00e4rkeren Ma\u00df als seine Existenzmittel; infolgedessen ist er gelegentlich einem harten Kampf um die Existenz ausgesetzt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Malthus hat seine Umwelt gut beobachtet und die Zusammenh\u00e4nge der Vergangenheit und noch seiner Gegenwart treffend beschrieben. Die Bedingungen unserer Existenz sah er im richtigen Licht, denn das vorindustrielle Wirtschaften konnte seine Theorie recht gut erkl\u00e4ren. Aber er untersch\u00e4tzte, zu welchen Leistungen der Mensch f\u00e4hig ist; er untersch\u00e4tzte die Dynamik, die das Zusammenwirken von Knappheit und Kreativit\u00e4t ausl\u00f6sen kann. Dies beeintr\u00e4chtigte seinen Blick in die Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jenseits seiner Vorstellungskraft lag die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, die vor allem in der Landwirtschaft die Produktivit\u00e4t erheblich erh\u00f6hte. Neue Technologien lie\u00dfen die Weltwirtschaft seit 1800 um das sage und schreibe 70-fache wachsen, die Erdbev\u00f6lkerung hingegen hat sich im selben Zeitraum &#8217;nur&#8216; versiebenfacht. Dies war nur m\u00f6glich, weil die Menschheit der Ressourcenknappheit an kultiviertem Land entgehen konnte. Noch Adam Smith und andere Denker des 18. Jahrhunderts hielten diese f\u00fcr eine un\u00fcberwindliche Wachstumsschranke, denn die Menge der landwirtschaftlich nutzbaren Fl\u00e4che auf der Erde ist tats\u00e4chlich relativ eng begrenzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen wissen wir, dass die Menschheit in den letzten beiden Jahrhunderten aus der sog. &#8222;malthusischen Falle&#8220; durchaus entkommen konnte &#8211; vor allem dank Innovationen, technischem Fortschritt und Industrialisierung. Nahrungsmittelproduktion und Bev\u00f6lkerung wuchsen seitdem parallel in f\u00fcr Malthus v\u00f6llig unbegreiflichem Ausma\u00df. Die Knappheit an materiellen Ressourcen bleibt weiter bestehen, doch der entscheidende Ressourcenmangel wurde derjenige an guten und neuen Ideen. Deren Unbegrenztheit sprengte den malthusischen K\u00e4fig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte zeigte somit eindeutig, dass Malthus mit seiner recht pessimistischen Sicht der Zukunft falsch lag und dass es sein &#8222;gro\u00dfes Gesetz der Natur&#8220; \u00fcberhaupt nicht gibt. Der harte Kampf gegeneinander ums \u00dcberleben findet gar nicht mit naturgesetzlicher Notwendigkeit statt. Dies sah schon Friedrich Nietzsche: &#8222;Der Kampf um&#8217;s Dasein ist nur eine Ausnahme&#8220; .Er erkannte auch klar den Zusammenhang zwischen Malthus und Darwin: &#8222;Um den ganzen englischen Darwinismus herum haucht etwas wie englische \u00dcberbev\u00f6lkerungs-Stickluft, wie Kleiner-Leute-Geruch von Not und Enge.&#8220; (Die fr\u00f6hliche Wissenschaft)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kollektive Panik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Malthus stand um 1800 an einer Epochenwende, wohl sogar an der s\u00e4kularen Epochenwende der Menschheit. Bis dahin hielt sich alles in der Waage &#8211; auf niedrigem Niveau. Die Weltbev\u00f6lkerung stagnierte f\u00fcr Jahrtausende im Bereich von einigen Hundert Millionen; zu Malthus Lebzeiten \u00fcberschritt sie die Marke von einer Milliarde. Langsam, ganz langsam ging es voran, aber der einfache deutsche Bauer zu Zeiten Luthers lebte nicht viel besser als der einfache \u00c4gypter zur Zeit der Pharaonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Industrialisierung \u00e4nderte alles. Sie f\u00fchrte letztlich aus der malthusischen Falle heraus. Doch wie so viele Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Theologen will auch Neffe offensichtlich nicht wahr haben, was sich seit 1800 ver\u00e4ndert hat. Kommen wir noch einmal zur\u00fcck zu seinen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber das, was uns angeblich bald droht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Irgendwann werden wir uns nicht mehr alle durchf\u00fcttern k\u00f6nnen&#8220;, so Neffe in seinem Vergleich mit den Kaninchen. Menschen sind aber keine Kaninchen. Die Menschheit wird noch einige Jahrzehnte wachsen, vor allem in Afrika, das tats\u00e4chlich seine Bev\u00f6lkerung verdoppeln wird und damit vor gro\u00dfen Herausforderungen steht. Doch viele Milliarden werden schon jetzt sehr gut durchgef\u00fcttert. Etwa eine Milliarde ist noch mangelern\u00e4hrt, lebensbedrohlich hungern immer noch zu viele, aber wir befinden uns hier im Prozentbereich der Weltbev\u00f6lkerung. Es ist daher genau anders herum: Irgendwann werden wir so gut wie alle gut durchf\u00fcttern k\u00f6nnen. Und in der Vergangenheit, als nur Hunderte Millionen die Erde bev\u00f6lkerten, wurde die Masse der Menschen gerade eben so satt (heute w\u00fcrden sie ganz \u00fcberwiegend unter die Mangelern\u00e4hrten oder Hungernden eingeordnet werden!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Erde w\u00e4re uns f\u00fcr jede Milliarde weniger dankbar.&#8220; Dies klingt eing\u00e4ngig, doch Neffe w\u00e4re zu fragen: War die Erde mit einer Milliarde wie zu Malthus Zeiten also viel besser dran? Sollen wir nun etwa einen R\u00fcckgang der Weltbev\u00f6lkerung anstreben? Wo ist aber nun die Grenze anzusetzen, damit die Erde wenigstens halbwegs zufrieden ist? Muss bei sieben endg\u00fcltig Schluss sein? Oder bei zehn? Oder doch zur\u00fcck zu vier?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Europa sei dabei &#8222;auf dem einzig richtigen Weg&#8220;. Die Weltbev\u00f6lkerung wird noch in diesem Jahrhundert ihre Wachstumskurve deutlich abflachen, wahrscheinlich kommt es sowieso zu dem von Neffe ersehnten Zylinder, also weg von der Pyramide. Doch Europas Geburtenzahlen sind schon eine Weile schlecht, sehr schlecht; einzig Zuwanderung l\u00e4sst Europa nicht heute schon deutlich schrumpfen. Soll das etwa der richtige Weg sein? Sei es zu begr\u00fc\u00dfen, dass eine Frau im Schnitt deutlich unter 2,1 Geburten bleibt, so dass ein Erhalt der Bev\u00f6lkerung nicht mehr stattfindet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neffe setzt noch einen drauf: Der &#8222;Pillenknick&#8220; Ende der 60er Jahre k\u00f6nne daher &#8222;f\u00fcr eine der wichtigsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte stehen&#8220;. Nein, die Pille ist nat\u00fcrlich nicht diese Erfindung. Menschen sind keine Kaninchen, die sich ganz unbegrenzt vermehren; schon Malthus unterstellte unserer Rasse einen geradezu nicht kontrollierbaren Vermehrungsdrang. Menschen sind jedoch intelligent genug, dass sie ihre Familiengr\u00f6\u00dfe planen k\u00f6nnen, und sie tun dies meist auch &#8211; mit oder ohne Pille. Auf der Linie von Neffes Denkweise liegt dann ein noch viel zynischerer Gedanke: die Erde m\u00fcsste den Staaten dankbar sein (hier ist gerade an die kommunistischen L\u00e4nder zu denken), die im 20. Jahrhundert Hunderte Millionen Abtreibungen als notwendige Schrumpfungsma\u00dfnahme haben durchf\u00fchren lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Erstmals werden Nahrungsmittel im globalen Ma\u00dfstab knapp&#8220;, so Neffe. &#8222;Gut m\u00f6glich, dass die Menschheit diesmal davonkommen und die Produktion noch einmal kr\u00e4ftig steigern kann. Doch mit dem puren \u00dcberleben ist das Problem l\u00e4ngst nicht gel\u00f6st, Das Ziel kann es nicht sein, Milliarden gerade so durchzubringen.&#8220; Nahrungsmittel waren schon immer knapp und werden es nat\u00fcrlich bleiben. Dank globalem Handel k\u00f6nnen wir nun tats\u00e4chlich vom globalen Ma\u00dfstab reden. Verhungerten fr\u00fcher Millionen in Indien oder China, bekam in Europa niemand etwas davon mit. \u00dcber Jahrtausende sind viele Menschen in vielen L\u00e4ndern massenhaft den Hungertod gestorben; der Hunger war der st\u00e4ndige Begleiter oder die st\u00e4ndige Bedrohung der allermeisten lebenden Menschen. &#8222;Die Menschheit&#8220; hat in der Vergangenheit gerade so \u00fcberlebt und hat sich erst seit 1800 vom Niveau des &#8222;puren \u00dcberlebens&#8220; zu einem bisher nicht gesehenen Wohlstand emporgehoben. Auch in China, Vietnam, Kambodscha, Brasilien und Kolumbien &#8211; um nur einige zu nennen &#8211; wird die Masse der Einwohner nicht &#8222;gerade so&#8220; durchgebracht. Der Hunger ist erstmals in der Menschheitsgeschichte aus vielen L\u00e4ndern ganz verschwunden, und das nicht nur aus Europa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neffe hofft, dass die Produktion von Nahrungsmitteln noch einmal kr\u00e4ftig gesteigert werden kann. Ja, das ist zu hoffen und wird sicher auch passieren. Die letzten zweihundert Jahre geben genug Anlass zu dieser Erwartung. Allerdings meint Neffe daneben, dass &#8222;ein Ende unseres Wachstums die vordringlichste Aufgabe&#8220; sei. Dies halte ich nun f\u00fcr v\u00f6llig falsch. Wie soll das gehen &#8211; kr\u00e4ftige Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und wirtschaftlicher Stillstand oder gar Schrumpfung? Wie, um alles in der Welt? Sollen wir nun etwa alle in kollektive Panik verfallen wie sich Greta Thunberg das ja w\u00fcnscht? Politiker, macht endlich was, erl\u00f6st uns endlich!? Dies wird die Probleme jedoch bestimmt nicht l\u00f6sen. Gute, neue Ideen braucht das Land, die Welt, und diese werden in vielen F\u00e4llen zu neuen Technologien und Produktionsweisen und damit auch zu Wachstum f\u00fchren. Dieses Wachstum wird auch die Ressourcennutzung ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hat Thanos recht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darwin \u00fcbernahm den Begriff des Kampfes ums Dasein (&#8222;struggle for existence&#8220;) von Malthus, er wurde zu einem Eckstein in der Evolutionstheorie. In einem ganz allgemeinen Sinn k\u00e4mpft jeder Mensch t\u00e4glich ums \u00dcberleben, ringt um sein Dasein, denn wir m\u00fcssen arbeiten, essen usw., um nicht zu sterben. Aber dies ist nicht, was Malthus und Darwin meinten. Sie glaubten, dass das &#8222;t\u00f6dlichste Ringen&#8220; (Darwin, Notebook E, 1839) zwischen ganzen Menschengruppen stattfinden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Malthus Vorhersagen erwiesen sich allerdings als falsch. Das t\u00f6dlichste Ringen ist nicht notwendig. Durch Austausch, Handel und weltweite Kooperation hat es die Menschheit zu nie gesehenem Wohlstand gebracht und unglaubliches Bev\u00f6lkerungswachstum erlebt. Malthus m\u00fcsste also als allgemein widerlegt gelten, doch Neffes Beispiel zeigt nur zu deutlich, wie gro\u00df sein Einfluss auf Denker im 19. und 20. Jahrhundert war und bis heute ist. Malthus Irrtum machte eine phantastische Karriere, und all der Hype um die &#8222;Fridays for Future&#8220;-Demos kann wohl nur als ein Festhalten am malthusischen Rahmen erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die demonstrierenden Sch\u00fcler sollten sich &#8222;Avengers: Infinity War&#8220; ansehen, den dritten Film aus der &#8222;Avengers&#8220;-Reihe (Ende April startete in Deutschland Teil 4: &#8222;Avengers: Endgame&#8220;). &#8222;Das Universum ist begrenzt, seine Ressourcen sind begrenzt; wenn das Leben unkontrolliert gelassen wird, wird das Leben aufh\u00f6ren zu existieren&#8220;. Dies sagt im Film Thanos, der B\u00f6sewicht. Er versucht, die halbe Bev\u00f6lkerung des Universums mit Hilfe der sechs Infinity-Steine auszul\u00f6schen, um das Universum ins Gleichgewicht zu bringen und vor \u00dcberbev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen. Sollte er alle sechs Steine in seinen Handschuh einsetzen k\u00f6nnen, br\u00e4uchte Thanos nur mit den Fingern zu schnipsen, und sein Plan w\u00fcrde Realit\u00e4t werden. Dem Universum muss geholfen werden, &#8222;und ich bin der einzige, der dies wei\u00df. Oder zumindest bin ich der einzige mit dem Willen zu handeln&#8220;, so Thanos. Er ist nicht nur b\u00f6se, er hat auch unrecht. Und Anh\u00e4nger dieser falschen Idee gibt es immer noch genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, www.lahayne.lt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2009 erschien das Buch &#8222;Darwin. Das Abenteuer des Lebens&#8220; aus der Feder des Journalisten und Autors J\u00fcrgen Neffe &#8211; p\u00fcnktlich im gro\u00dfen Darwin-Jahr, das den 200. Geburtstag des Forschers feierte. Der studierte Biologe verfasste auch Biographien \u00fcber gro\u00dfe Denker wie Marx und Einstein. 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