{"id":16569,"date":"2019-07-24T11:52:46","date_gmt":"2019-07-24T09:52:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16569"},"modified":"2019-07-24T11:52:46","modified_gmt":"2019-07-24T09:52:46","slug":"demokratie-zwischen-echokammern-und-tabuzonen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16569","title":{"rendered":"Demokratie zwischen Echokammern und Tabuzonen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Ende der Meinungsfreiheit? Ein Essay \u00fcber Wahrheit, Toleranz und Irrtum im heutigen Diskurs<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Von J\u00fcrgen Liminski<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Arnold Gehlen, der sich selber als Gegner des Zeitgeistes bezeichnete, beschrieb auf dem H\u00f6hepunkt der 68er-Revolution die Kennzeichen von Dekadenz so: \u201eWenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtf\u00fc\u00dfigen Intellektuellen sich vordr\u00e4ngen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt, dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen K\u00f6rperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nerv\u00f6s, die Religion sentimental.\u201c Diese Kurzanalyse ist auch f\u00fcr unsere Zeit treffend. <\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Bundeskanzlerin Angela Merkel h\u00e4lt offensichtlich nicht allzu viel vom Primat des Rechts, Stichworte w\u00e4ren die Rechtsbr\u00fcche in der Fl\u00fcchtlingskrise 2015\/2016 oder die Lobhudeleien f\u00fcr Greta und ihre Anh\u00e4nger, die sich au\u00dferhalb der Ferienzeiten Freitags zu Demonstrationen versammeln. Kunst war immer auch Geschmackssache, und die Infantilisierung und Sentimentalisierung der Religion zeigt sich in Schw\u00e4rmereien von Bisch\u00f6fen zu eben besagter Greta oder in emp\u00f6rten \u00c4u\u00dferungen zur Politik, die mit dem Auftrag des Evangeliums allenfalls am Rande zu tun haben. Oder auch in Selbstverurteilungen der eigenen Kirche, zu deren Wesen die S\u00fcnde geh\u00f6re \u2013 so als ob die Kirchen eine Folge des B\u00f6sen seien und kein Instrument des Heils. Oder auch in infantilen Unterwerfungsgesten gegen\u00fcber dem Islam, so als ob es weder Dschihad oder nur friedfertige Suren gebe.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Gehlen konnte nicht wissen, wie \u201eprophetisch\u201c damals schon seine Worte waren. Aber er sp\u00fcrte es wohl und in einem Gespr\u00e4ch mit Theodor Adorno meinte er: \u201eWissen Sie, ich suche eigentlich in der Wirklichkeit eine honorige Sache, der man dienen kann.&#8220; Diese honorige Sache liegt heute auf der Hand: Die Verteidigung der Demokratie und damit wahrhaftiger Information. Gehlen w\u00fcrde heute in diesem Sinn einen Vortrag halten \u00fcber die Medien. Denn die Medien sind es, die eigentlich den Auftrag haben, Wirklichkeit zu vermitteln und den Argumentationsaustausch \u00fcber die Meinungsgrenzen hinweg zu f\u00f6rdern. Aber statt zu vermitteln wird vielfach verk\u00fcndet. Ideologien und Meinungen werden propagiert statt sie an Wirklichkeit und Logik zu messen. Das Publikum fragmentiert und lebt in ihren Echo-Kammern. Darin herrscht oft die \u00c4chtung des Andersdenkenden. Deshalb ist auch die Meinungsfreiheit gef\u00e4hrdet und mit ihr die Demokratie. Denn die Demokratie lebt von der Information, von der Logik der Argumente, vom Austausch begr\u00fcndeter Erkenntnisse. Ohne diesen Austausch wird auf Dauer die Demokratie ausgeh\u00f6hlt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Fragt man Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Diskurses, bekommt man in der Tat Skepsis zu h\u00f6ren. Die Meinungsfreiheit sei nur noch partiell gew\u00e4hrleistet und zwar in den Bereichen, in denen man nicht anecken kann oder die zum breiten Mainstream geh\u00f6ren. Der Medienphilosoph Norbert Bolz etwa meint: \u201eAbweichende Meinungen werden moralisch sanktioniert. Wer nicht mit dem Mainstream schwimmt oder treibt, dessen eigene moralische Integrit\u00e4t wird infrage gestellt, auch wenn das Thema mit Moral nichts zu tun hat. Viele Themen werden nur noch so behandelt\u201c. Als Themen w\u00e4ren da zu nennen das Migrationsproblem, der amerikanische Pr\u00e4sident Trump, der Euro und Europa, die Energiewende. Andere Pers\u00f6nlichkeiten sagen hinter vorgehaltener Hand dasselbe, wollen es aber \u00f6ffentlich nicht sagen, \u201eum den eigenen politischen Spielraum nicht einzuengen\u201c. In der Tat, anderslautende, mainstreamkontr\u00e4re Meinungen sind image- oder gar berufsgef\u00e4hrdend.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Es lie\u00dfe sich einwenden, dass unterschiedliche Meinungen schon immer im Diskurs vorhanden waren und dass dieser Diskurs als ver\u00f6ffentlichte Meinung eben nur beschr\u00e4nkter war, entweder als Meinung am Hofe oder in einem bestimmten geographischen Raum analog zu einem bekannten Grundsatz dann als ejus regio ejus opinio. Von der Herrschaftsmeinung abzuweichen konnte in diesen Zeiten t\u00f6dlich sein. Heute geht es eher um ein Lebensgef\u00fchl oder um die Isolationsfurcht, um das Angenommensein in der Gemeinschaft. Jean Jacques Roussau sah es so: \u201eDer Mensch, das soziale Wesen, ist immer wie nach au\u00dfen gewendet: Lebensgef\u00fchl gewinnt er im Grunde erst durch die Wahrnehmung, was andere von ihm denken\u201c. Deshalb ist die Isolation, das permanente Misstrauen, eine Art Folter, die der Mensch kaum auszuhalten vermag. Und John Locke schrieb: \u201eWer \u00fcberhaupt ein menschen\u00e4hnliches Wesen hat, bringt es nicht fertig, in einer Welt zu leben, in der ihm seine Mitmenschen st\u00e4ndig abweisend und ver\u00e4chtlich begegnen. Diese Last ist zu schwer, als dass ein Mensch sie ertragen k\u00f6nnte\u201c. Deshalb ist es \u201ebehaglich in der Majorit\u00e4t des Irrtums zu leben\u201c, wie Goethe meinte, und diese Behaglichkeit verhindert nicht selten, dass man den Sachverhalt hinterfragt oder ihn einfach als wahr annimmt.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die fr\u00fchere Umfragek\u00f6nigin Elisabeth Noelle-Neumann definierte genau in diesem Sinn die \u00f6ffentliche Meinung als \u201esoziale Haut\u201c, die die Gesellschaft zusammenhalte und dem einzelnen erlaube, die Isolationsfurcht zu \u00fcberwinden und sich in der Gesellschaft wohl zu f\u00fchlen. Noelle-Neumann hat aber in ihrem bekannten Werk \u201eDie Schweigespirale\u201c auch darauf hingewiesen, dass Mehrheitsmeinungen ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen, indem Pers\u00f6nlichkeiten mit dem besseren Argument aufwarteten. Das ist der Punkt. Dieses bessere Argument wird nicht mehr wahrgenommen, in den Echo-Kammern zieht man es vor, statt Argumente wahr-zunehmen, sie lieber falsch-zunehmen. Oder zu schweigen.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Nach einer aktuellen Umfrage des von ihr gegr\u00fcndeten Instituts Allensbach glauben zwei Drittel der Deutschen, dass es heute \u201eungeschriebene Gesetze gibt, welche Meinungen akzeptabel und welche tabu sind\u201c. Wirklich frei k\u00f6nne man sich nur unter Freunden \u00e4u\u00dfern, bei einigen Themen (58 %) und selbst bei vielen Themen (20 %) m\u00fcsse man in der \u00d6ffentlichkeit sehr vorsichtig sein. Unter dem Strich gilt: Der Raum f\u00fcr Meinungsfreiheit wird kleiner, immer mehr Themen werden zu Tabuzonen (s. Renate K\u00f6cher in: FAZ vom 23.5.2019, Grenzen der Freiheit).<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Schweigen aber hei\u00dft auf die \u201eEnth\u00fcllung der Wirklichkeit\u201c verzichten. Enth\u00fcllung der Wirklichkeit \u2013 so definierte der M\u00fcnsteraner Philosoph Josef Pieper die Wahrheit. Der Verzicht auf die Wahrheit ist der Kern der heutigen Krise, schrieb Benedikt XVI noch als Kardinal Ratzinger. Er sah deshalb ganz unsentimental das Christentum als eine vern\u00fcnftige Religion, ja die &#8222;am meisten universale und rationale religi\u00f6se Kultur&#8220;. Die Kirchen erinnern &#8211; oder sollten es tun &#8211; die Demokratie an ihre Prinzipien, an die Hierarchie der Werte, insbesondere an die Unantastbarkeit der W\u00fcrde des Menschen. Sie seien das Gewissen des demokratischen Staates, der die Wahrheit nicht wie Pilatus einfach suspendieren d\u00fcrfe. Tempi passati. Wir leben in einer Zeit des Relativismus und des Konstruktivismus, der die Wahrheit im traditionellen Sinn, n\u00e4mlich als \u00dcbereinstimmung des Denkens mit den Dingen (adaequatio intellectus et rei), wie Thomas von Aquin sie definierte, aufhebt und verneint. Es ist eine Zeit, in der man in der \u00d6ffentlichkeit lieber von Fiktionen redet als von Fakten. Es ist eine Zeit, in der nicht traditionelle Werte (z.B. W\u00fcrde, Wahrheit, Liebe) den Primat im Diskurs beanspruchen k\u00f6nnen, sondern das Wohlbefinden im lauen Strom der Mehrheitsmeinung. Ratzinger hat sp\u00e4ter als Papst Benedikt XVI. in einer Gru\u00dfbotschaft anl\u00e4sslich des zweiten internationalen Kongresses \u00fcber &#8222;Frieden und Toleranz\u201c in Istanbul am 8. November 2007 auch auf die soziale und politische Bedeutung von Werten hingewiesen, als er schrieb: \u201eOhne eine objektive sittliche Verankerung kann auch die Demokratie keinen stabilen Frieden sicherstellen&#8220;.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch die Wissenschaft, die doch von der Empirie lebt(e), ist nicht mehr frei von Tabuzonen. Der Warnruf des Pr\u00e4sidenten des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) Bernhard Kempen, der immerhin 31.000 Wissenschaftler vertritt und sich vehement gegen \u201eDenk-und Sprechverbote\u201c an Universit\u00e4ten ausgesprochen hat, fordert ganz konkret: \u201eDie freie Debattenkultur muss verteidigt werden.\u201c W\u00f6rtlich hei\u00dft es in einer Presseerkl\u00e4rung des DHV vom 10. April 2019: \u201eDie Toleranz gegen\u00fcber anderen Meinungen sinkt. Das hat auch Auswirkungen auf die Debattenkultur an Universit\u00e4ten &#8230; Im Streben nach R\u00fccksichtnahme auf weniger privilegiert scheinende gesellschaftliche Gruppierungen forderten einige Akteure das strikte Einhalten von \u201aPolitical Correctness\u2018. Parallel dazu wachse mit dem Erstarken politischer R\u00e4nder das Erregungspotenzial \u2026 Differenzen zu Andersdenkenden sind im argumentativen Streit auszutragen \u2013 nicht mit Boykott, Bashing, Mobbing oder gar Gewalt\u201c. Die Universit\u00e4ten sollten, so Kempen, alle vom Bundesverfassungsgericht nicht als verfassungswidrig eingestuften Parteien zu Wort kommen lassen. Das bedeute in einem freiheitlichen Rechtsstaat, dass die \u00c4u\u00dferung einer nicht verfassungswidrigen, aber politisch unerw\u00fcnschten Meinung nicht nur gesch\u00fctzt, sondern notfalls auch erst erm\u00f6glicht werden m\u00fcsse. Das Licht Voltaires scheint hier auf. Anlass f\u00fcr solche Warnrufe sind die Machenschaften zum Beispiel gegen die Professoren J\u00f6rg Baberowski und Werner Patzelt. Baberowski ist hochkar\u00e4tiger Historiker und Diktaturforscher an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. Seit geraumer Zeit ist er, ohne dass der Uni-Pr\u00e4sident einschreiten w\u00fcrde, einem \u00fcblen Mobbing linker Vereinigungen ausgesetzt. Patzelt ist Politologe an der TU Dresden. Weil er \u00fcber Pegida und die AfD geforscht hat und weil er die CDU ber\u00e4t, hat ihm die Universit\u00e4t Dresden eine Seniorenprofessur verweigert. Betroffen sind aber auch viele Studenten, die in Examensarbeiten eine schlechtere Zensur bekommen, wenn sie nicht \u201egendergerecht\u201c schreiben. Ein weiteres Beispiel ist die Frankfurter Islam-Expertin Susanne Schr\u00f6ter. Gegen sie wurde ein Kesseltreiben veranstaltet, weil sie am 8. Mai eine Konferenz zum Thema \u201eDas islamische Kopftuch \u2013 Symbol der W\u00fcrde oder der Unterdr\u00fcckung?\u201c veranstaltete. Prof. Dr. Susanne Schr\u00f6ter ist Direktorin des \u201eFrankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI)\u201c der Universit\u00e4t Frankfurt und bekannt als mutige Frau, die den Schalmeienkl\u00e4ngen der Islamophilen nicht aufsitzt. Als Referenten f\u00fcr den 8. Mai hatte sie unter anderem Alice Schwarzer und Necla Kelek eingeladen. Einigen \u201eStudierenden\u201c passte das nicht. Sie forderten: \u201eWir Studierenden \u2026. sind schockiert, dass Prof. Dr. Susanne Schr\u00f6ter eine Konferenz \u2026 stattfinden lassen kann \u2026.Wir k\u00f6nnen das nicht weiter dulden und fordern deshalb, dass die Veranstaltung \u2026.. abgesagt wird und Prof. Dr. Susanne Schr\u00f6ter ihrer Position enthoben wird.\u201c Die Liste der Beispiele lie\u00dfe sich leicht verl\u00e4ngern. Erstaunlich ist weniger das Leisetreten in der Politik, als vielmehr das der Kirchen. Denn der Kampf um Wahrheit im \u00f6ffentlichen Diskurs geh\u00f6rt eigentlich zu ihren ureigenen Aufgaben. Sicher, in der pluralistischen Welt ist das Grundrecht der Meinungsfreiheit ein &#8222;schlechthin konstituierendes&#8220; Element des demokratischen Staatsgef\u00fcges, wie das Bundesverfassungsgericht im Januar 1958 schon ausdr\u00fccklich festgestellt hat; beim Recht der Gegendarstellung zum Beispiel spielt es in den meisten Landespressegesetzen in Deutschland keine Rolle, ob die Gegenaussage wahr ist, also der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Aber dieses Grundrecht wird durch \u00c4chtung einem wachsenden Teil der W\u00e4hler und Politiker verweigert. Bezeichnend war j\u00fcngst die Diskussion um die Talk-Sendung \u201ehart aber fair\u201c zu rechter Gewalt, weil Moderator Frank Plasberg einen AfD-Politiker eingeladen und nicht st\u00e4ndig verurteilt, sondern fair behandelt hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Josef Isensee spricht von \u201emoralisierendem Opportunismus\u201c, Herrmann L\u00fcbbe in seinem Essay \u201ePolitischer Moralismus\u201c vom \u201eTriumph der Gesinnung \u00fcber die Urteilskraft&#8220;. Auch das ist nicht neu. Gustave le Bon, der Vater der Massenpsychologie, hat das Ph\u00e4nomen vor mehr als 110 Jahren in seinem Standardwerk \u201eDie Psychologie der Massen\u201c bereits beschrieben. In der Masse, so der Gelehrte, \u201egilt die Forderung mehr als die Vernunft, z\u00e4hlt das Prestige mehr als die Kompetenz, wirkt das Bild mehr als die Idee, hat die Behauptung mehr Gewicht als der Beweis und verbreitet sich ein Glaube mehr durch Ansteckung denn durch \u00dcberzeugung\u201c. Das ist der Weg in die Diktatur eines geistigen Proletariats. Es ist auch der <\/span><\/span><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Weg von der liberalen Demokratie in den Abgrund des Nihilismus. Dieser Weg in den Nihilismus ist mit guten Vors\u00e4tzen gepflastert, wie Nietzsche schon meinte, und heute w\u00fcrde man die guten Vors\u00e4tze mit den Begriffen \u201epolitisch korrekt\u201c und tolerant \u00fcbersetzen. Nietzsche hielt die Toleranz f\u00fcr eines jener \u201ekaschierenden Prunkworte\u201c, die das doppelte Ma\u00df der Bewertung anzeigen. In der Tat: Toleranz geh\u00f6rt zum pers\u00f6nlichen Tugend-Baukasten der neuen Jakobiner. Toleranz ist nach ihren Ma\u00dfst\u00e4ben insbesondere gegen\u00fcber dem Islam geboten, auch gegen\u00fcber ethischen Einstellungen zum Leben, zum Beispiel bei der Abtreibung. Ausgenommen von der Toleranzpflicht sind die Lebenssch\u00fctzer und die \u201eFamiliensch\u00fctzer\u201c, sofern sie gegen den Mainstream des Denkens versto\u00dfen, der der Wirtschaft Vorfahrt einr\u00e4umt vor der Familie und dem Leben.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Anh\u00e4nger des modernen Toleranzbegriffs berufen sich gern auf die eigene Meinungsfreiheit und \u2013 das ist die h\u00f6here Form der Toleranz \u2013 auf ein Recht auf Irrtum. Hier f\u00e4ngt die relativistische Verirrung an. Es gibt kein Recht auf Irrtum. Es gibt nur ein Recht auf eine pers\u00f6nliche Meinung, die allerdings irrig sein kann. F\u00fcr dieses Recht hat sich schon Voltaire ziemlich stark gemacht. Nur: Wenn diese Meinung als Irrtum erkannt ist, dann reduziert sich das Recht auf Irrtum lediglich auf das Recht der pers\u00f6nlichen Freiheit, an einen Irrtum glauben zu wollen. Das ist de facto die Freiheit zur L\u00fcge, das Nein zur Wahrheit. Auch diese Freiheit hat jeder Mensch. Aber Toleranz bedeutet nicht, ebenfalls nein zur Wahrheit sagen zu m\u00fcssen. Das Nein zum Irrtum kann durchaus einhergehen mit einem Ja zum Menschen und seiner Freiheit. Toleranz gilt unbeschr\u00e4nkt nur der Person und ihrer Freiheit, also ihrer W\u00fcrde. Die Person und ihre W\u00fcrde sind unantastbar, nicht der Irrtum. Darin ruht auch das Geheimnis der Feindesliebe.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcber diesen Sachverhalt hat die zivilisierte Menschheit immer schon nachgedacht. Sie hat auch immer differenziert zwischen Person und Sache, zwischen Freiheit und Wahrheit, zwischen Toleranz und Irrtum. Wahrheit und Irrtum sind seinsm\u00e4\u00dfige Begriffe, Toleranz und W\u00fcrde dagegen sind an die Person gebunden. Der Irrtum, die L\u00fcge, ist nicht zu tolerieren, die Person aber verliert nie ihre W\u00fcrde, sie ist immer zu tolerieren. Darin liegt gerade die Gr\u00f6\u00dfe des Christentums, dass es die Person \u00fcber den Irrtum stellt. Die Christen sind hier st\u00e4rker gefordert, blo\u00dfes Zur\u00fcckhalten und Abwarten reicht nicht mehr aus. Kleinmut ist kein Zeichen von Klugheit, er schadet. Leo XIII. schrieb in der Enzyklika \u00fcber die christliche Weisheit (Sapientiae Christianae, 10. Januar 1890): \u201eNichts ermutigt die K\u00fchnheit der B\u00f6sen mehr als die Schw\u00e4che der Guten.\u201c Um es deutlicher zu sagen: Die Feigheit der angeblich Guten. In Dantes G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die sitzen die Feigen \u00fcbrigens mit den Lauen in der H\u00f6lle.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Wahrheit braucht auch heute ihre Propheten und Verk\u00fcnder. Man muss die Wahrheit auch wollen, meinte Max Weber. Die Politik aber lenkt nicht mehr in diesem Sinn. Es fehlen die wertestiftenden Orientierungsmarken, und \u2013 so bemerkt der Verfassungsrichter Udo di Fabio in seinem Buch (\u201eGewissen, Glaube, Religion\u201c) \u2013 wo der Glaube versandet, verliert auch das Gewissen an Wirkkraft, \u201eund zwar als eigenwillige, sittliche Steuerungsinstanz, zu finden in jedem einzelnen Menschen. Damit schwindet eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass die lenkenden Z\u00fcgel und die Kontrollen der kollektiven M\u00e4chte bis auf ein Minimum zur\u00fcckgefahren werden k\u00f6nnen und pers\u00f6nliche Freiheit herrsche\u201c. Die pers\u00f6nliche Freiheit ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen Glaube und Gewissen. Das ist die M\u00fcnze, mit der die Gesellschaft ihren inneren Halt bewertet. Wer diese W\u00e4hrung entwertet durch massenhysterische Diffamation und \u00c4chtung, der riskiert das Ende der Toleranz und damit den Zerfall der Gesellschaft.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Das ist eine Zukunftsfrage. Ratzinger hat sie schon vor 30 Jahren nahezu prophetisch behandelt in seinem Buch \u201eAuf Christus schauen \u2013 Ein\u00fcbung in Glaube, Hoffnung, Liebe\u201c. Dort schreibt er nach einer Betrachtung \u00fcber Schein und Wirklichkeit, \u00fcber die Diktatur der Meinungen und die Sklaverei der Unwahrheit, nachdem Glaube und Gottesfurcht verloren gegangen sind: \u201eVielleicht f\u00e4llt es uns schwer, das Wort der Schrift praktisch auf unser Leben zu beziehen, dass Gottesfurcht der Anfang der Weisheit ist. Aber wenn wir das Wort umkehren, kommt sein praktischer Gehalt schnell zum Vorschein: Das Fehlen der Gottesfurcht ist der Anfang aller Torheit. Wo die Gottesfurcht nicht mehr herrscht, die im Inneren der Gottesliebe ihren rechten Ort hat, verliert der Mensch sein Ma\u00df, die Menschenfurcht tritt das Regiment \u00fcber ihn an, es kommt zur Idolatrie des Erscheinenden, und so steht jeder Torheit die T\u00fcr weit offen\u201c. Wir stehen an der Schwelle dieser T\u00fcr. Oder um es mit George Orwell zu sagen: \u201eJe weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen\u201c. Nat\u00fcrlich ist es nicht zu sp\u00e4t, die T\u00fcren der Torheit zu schlie\u00dfen. Es bedarf allerdings des Mutes, im Diskurs auch wieder \u00fcber Wahrheit zu reden \u2013 wenn sich die Gelegenheit bietet.<\/span><\/span><\/p>\n<p><em>Quelle: IDAF <span style=\"line-height: 107%; font-family: 'Times New Roman',serif; font-size: 12pt;\">Aufsatz des Monats, Juli 2019<br \/>\nwww.i-daf.org<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ende der Meinungsfreiheit? 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