{"id":1655,"date":"2006-02-07T20:35:09","date_gmt":"2006-02-07T18:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1655"},"modified":"2009-09-07T14:19:32","modified_gmt":"2009-09-07T12:19:32","slug":"verbotene-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1655","title":{"rendered":"Verbotene Bilder"},"content":{"rendered":"<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>Verbotene Bilder<br \/>\n<\/strong><strong>In der islamischen Welt finden sich zahlreiche Darstellungen von Mohammed<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Tagen \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Tausende von Menschen gehen auf die Stra\u00dfen der islamischen Metropolen, um f\u00fcr ihre Religion zu demonstrieren. D\u00e4nische und deutsche Fahnen, aus alter Gewohnheit auch mal eine amerikanische, werden verbrannt, ihre Botschaften angegriffen. Es hei\u00dft, mit Karikaturen von Mohammed seien Glaube und Tradition des Islam, die Gef\u00fchle der Muslime herabgew\u00fcrdigt worden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aufregenden Bilder waren vor vier Monaten in einer d\u00e4nischen Zeitung erschienen und sind wie auf Kommando jetzt im Nahen Osten aufgetaucht. Journalisten, die sie ebenfalls abdruckten, wurden unter Druck gesetzt und verloren teilweise ihren Job. Die d\u00e4nische Zeitung und der Ministerpr\u00e4sident des Landes haben sich inzwischen f\u00fcr die Publikation entschuldigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche fragen sich: Wof\u00fcr eigentlich? F\u00fcr die Pressefreiheit, f\u00fcr ein Gef\u00fchl, das durch die Pressefreiheit verletzt wurde, oder beides? Kann das Gef\u00fchl des Einzelnen ein f\u00fcr alle gemachtes Gesetz, noch dazu ein nichtislamisches, au\u00dfer Kraft setzen? Oder gibt es gar ein kollektives Muslimgef\u00fchl, das wann und wo immer proklamiert, eine alle Grenzen\u00fcberschreitende Gesetzeskraft erlangt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tiefere Grund des Vorgangs, das islamische Bilderverbot, ist dabei ein wenig an den Rand des Blickfelds geraten. Es st\u00fctzt sich, wie alle anderen wichtigen Aspekte auch, auf den Koran, der bekanntlich durch den Verk\u00fcnder Mohammed vermittelt wurde. Der Text l\u00e4\u00dft keine Unterscheidung zwischen &#8222;schaffen&#8220; und &#8222;formen&#8220; und damit auch keine bildende Kunst zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Allah die Welt und den Menschen geschaffen hat und fortw\u00e4hrend weiter schafft, ist es verboten, den Sch\u00f6pfer zu imitieren, indem man in Skulpturen und Bildern seine lebendigen Gesch\u00f6pfe formend und malend nachahmt. &#8222;Wer immer ein Abbild anfertigt&#8220;, droht die Tradition, &#8222;wird von Allah mit der Strafe daf\u00fcr belegt, seinem Produkt Leben einzuhauchen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer es dennoch tut, &#8222;geh\u00f6rt zu den schlechtesten Menschen&#8220;, den Polytheisten, die Allah im Koran als G\u00f6tzendiener verflucht. Die Traditionsgelehrten entwickelten diese Sicht weiter: Unrein seien die Bilder, wie Urin und Hunde verschmutzten sie die H\u00e4user der Gl\u00e4ubigen, von denen Allah seine Engel und ihren guten Geist fernhielte. Diese Argumentation drehen die Schiiten, die im Iran, Irak und am Golf konzentriert sind, zu einer Bef\u00fcrwortung des Bildes um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade bei intaktem Glauben sei eine Verunreinigung kaum m\u00f6glich. Weil der Polytheismus nur f\u00fcr den fr\u00fchen Islam gelte, die Religion nun aber gefestigt sei, ginge von der bildlichen Darstellung keinerlei Gefahr mehr aus. Und sie ermahnten die Eiferer in einem weiteren Punkt: Nicht der Mensch h\u00e4tte den Hersteller eines Bildes zu bestrafen, sondern sein Sch\u00f6pfer am Tag des Gerichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die oft aufgestellte Behauptung, das Verbot habe von Anbeginn des Islam bestanden, trifft keineswegs zu. Denn die Niederschrift der traditionellen Anweisungen und ihre Sammlung in verbindlichen Sammelwerken erfolgte erst im 9. Jahrhundert, also zwei Jahrhunderte nach Mohammed. Sowohl zuvor als auch danach ist die Beachtung des Verbots mehr als ungewi\u00df. Als sicher kann angenommen werden, da\u00df man schon sehr fr\u00fch damit begonnen hat, es auf den Verk\u00fcnder selbst konsequenter anzuwenden. Allerdings wurde auch bei ihm die &#8222;Verletzung der Gef\u00fchle&#8220; zur Regel, nachdem die Mongolen 1258 das halbtausendj\u00e4hrige Abbasidenreich vernichtet hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 1300 brechen sich in der T\u00fcrkei und im Iran Mohammed-Biographien und andere Werke Bahn, die reich bebildert sind und viele hundert Mal den Stifter des Islam koranwidrig darstellen. Dabei befinden sich Bilder, die sein Gesicht zeigen, keineswegs in der Minderzahl gegen\u00fcber denen, die es mit einem Schleier bedecken oder durch eine leere Fl\u00e4che ersetzen. Auch in Europa stellten ihn in den Jahrhunderten danach viele K\u00fcnstler auf verschiedenste Weise bis in die Gegenwart dar, ohne da\u00df jemand Notiz davon genommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das bekannteste dieser Bilder ist Dantes Fresko &#8222;Mahomet in der H\u00f6lle&#8220; am Dom von Bologna, das aber erst in unserer Zeit zum Stein des Ansto\u00dfes und sogar Ziel eines geplanten Bombenanschlags wurde. Wenn jetzt auch die d\u00e4nischen Karikaturen Spekulationen \u00fcber einen &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; anheizen, wird weniger die \u00e4sthetische, sondern die politische Dimension des Vorgangs deutlich. Denn der Islam ist (noch) keine Religion im westlichen Sinne, weil er keine Religionsfreiheit und damit auch keine Pressefreiheit kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorgang verdeutlicht, wie \u00fcberf\u00e4llig ein &#8222;Dialog&#8220; ist, der seinen Namen verdient. Der &#8222;Frieden des Islam&#8220;, die bekannte Floskel der Multikultur, ist der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber viele Jahre eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr schuldig geblieben, da\u00df er in wichtigen F\u00e4llen Ausnahmen fordert. Die Pressefreiheit ist eine von ihnen. Die Demonstrationen zeigen dar\u00fcber hinaus, da\u00df es im Islam kein rechtsstaatlich geregeltes Gewaltmonopol gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hans-Peter Raddatz (Jg. 1941) ist Orientalist, Volkswirt und Systemanalytiker.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Artikel erschienen am Di, 7. Februar 2006<br \/>\n\u00a9 WELT.de 1995 &#8211; 2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verbotene Bilder In der islamischen Welt finden sich zahlreiche Darstellungen von Mohammed Seit Tagen \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Tausende von Menschen gehen auf die Stra\u00dfen der islamischen Metropolen, um f\u00fcr ihre Religion zu demonstrieren. 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