{"id":16516,"date":"2019-06-24T09:50:09","date_gmt":"2019-06-24T07:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16516"},"modified":"2019-06-24T09:50:09","modified_gmt":"2019-06-24T07:50:09","slug":"musste-christus-nicht-fuer-gott-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16516","title":{"rendered":"Musste Christus nicht f\u00fcr Gott sterben?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der bekannte Theologe und Autor Hans-Joachim Eckstein ist ein gern gesehener Gast auf evangelikalen Veranstaltungen, sei es nun in Liebenzell, Marburg oder Siegen. Schlie\u00dflich verbindet er &#8222;den Glauben mit dem Alltag, die Theologie mit den Menschen, die Uni mit der Gemeinde&#8220;. Eckstein war bis 2016 Professor an der evangelisch-theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Bei der SMD ist Eckstein ein Stammredner, hielt z.B. den Hauptvortrag auf der Herbstkonferenz 2017, im Jubil\u00e4umsjahr der Reformation.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren feierte die SMD ihr sechzigj\u00e4hriges Bestehen (1949 gegr\u00fcndet als Studentenmission in Deutschland). Die &#8222;Heko&#8220; 2009 hatte man daher dem Kreuz Christi gewidmet, dem Kern des christlichen Glaubens. Im gleichen Jahr erschien in der Reihe Edition-SMD des Verlages der Francke-Buchhandlung John Stotts Hauptwerk &#8222;The Cross of Christ&#8220; in deutscher \u00dcbersetzung (&#8222;Das Kreuz&#8220;). In diesem Jahr kam erfreulicherweise eine Neuauflage heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Hauptvortrag hielt auch damals Prof. Eckstein. Er nahm darin ausf\u00fchrlich Stellung zu der sehr wichtigen Frage, was am Kreuz Christi geschehen und weshalb und f\u00fcr wen dort der Erl\u00f6ser gestorben ist. Eckstein setzte dabei jedoch ganz andere Akzente als gro\u00dfe evangelikale Theologen wie James I. Packer (geb. 1926) oder auch John Stott (1921-2011). Seine vorgebrachte Lehre \u00e4hnelt in entscheidenden Punkten nicht der der Reformatoren, sondern scheint eher von Neuerungen des neunzehnten Jahrhunderts gepr\u00e4gt zu sein. Auch Gedanken von Fausto Sozzini, dem Vater des unitarischen Glaubens, sind bei ihm zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Alles viel zu kompliziert&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der Kernthesen Ecksteins im Vortrag von 2009 lautet: &#8222;Es ist nicht Gott, der Objekt des Vers\u00f6hnungs- und S\u00fchnegeschehens ist.&#8220; Und betonend noch einmal: &#8222;Es ist nicht Gott.&#8220; Dies sei &#8222;die ganz entscheidende Weichenstellung&#8220;. Weiter hei\u00dft es in der Audioaufnahme des Vortrags:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Christus musste nicht f\u00fcr Gott sterben. Nicht Gott hatte ein Problem, wir hatten ein Problem. Das ist ganz entscheidend und l\u00e4sst sich bei der Vers\u00f6hnungsaussage sehr sch\u00f6n deutlich machen. 2 Korinther 5 und R\u00f6mer 5 hei\u00dft es: Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber. Es hei\u00dft nicht: Christus musste Gott vers\u00f6hnen, denn Gott war gar nicht Feind, er war schon immer der Sch\u00f6pfer und liebende Gott. Es hei\u00dft auch nicht: In Christus hat sich &#8211; in dialektischer Weise &#8211; Gott der Vater mit sich selbst vers\u00f6hnt. Als g\u00e4be es zwei Seiten in seiner Majest\u00e4t, denen er gleichzeitig gerecht werden m\u00fcsste; als w\u00e4re Gott selbst einer Gerechtigkeit unterstellt, und er hat jetzt eine L\u00f6sung gefunden, wie er sein Gesicht wahren kann als gerechter Richter und gleichzeitig barmherzig sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles viel zu kompliziert. Es ist viel einfacher. Christus ist nicht gestorben, um Gott zu vers\u00f6hnen, denn Gott war nicht Feind. Das Evangelium ist das Ungeheuerliche: Obwohl Gott allen Grund h\u00e4tte, unser Nein ernst zu nehmen und sich abzuwenden, akzeptiert Gott unser Nein nicht, nicht unsere Feindschaft, sondern er \u00fcbernimmt die Rolle, die eigentlich der Schuldige h\u00e4tte, n\u00e4mlich sich zu entschuldigen, zu werben: lass dich doch vers\u00f6hnen. Er tritt an unsere Stelle. Christus musste nicht sterben, damit Gott uns liebt, sondern Christus ist gestorben, weil Gott uns liebt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Kritik dieses Aussagenreihe wird noch einiges zu sagen sein. An dieser Stelle nur ein Gedanke. Eckstein dr\u00fcckt sich pr\u00e4zise und klar aus, wenn er etwas ablehnt und verwirft. Im zweiten Absatz geht er zur positiven Darstellung seines Verst\u00e4ndnisses des Kerns des Evangeliums \u00fcber. Es stimmt, dass Gott &#8222;die Rolle, die eigentlich der Schuldige h\u00e4tte&#8220;, \u00fcbernimmt; Jesus trat tats\u00e4chlich &#8222;an unsere Stelle&#8220;. Genauso wahr ist auch, dass Christus gestorben ist, &#8222;weil Gott uns liebt&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat er uns nun aber Positives &#8211; abgesehen von Gottes Motivation &#8211; \u00fcber das konkrete Werk Christi am Kreuz gesagt? Er \u00fcbernahm die Rolle des s\u00fcndigen Menschen, um &#8222;zu werben: lass dich doch vers\u00f6hnen&#8220;. Nat\u00fcrlich wirbt Gott, aber dies ist gewiss nicht die Handlung, die Jesus stellvertretend f\u00fcr den Menschen am Kreuz vollbrachte. Denn welchen Sinn sollte dies machen? Das Werben ist schlie\u00dflich nicht das, was der s\u00fcndige Mensch Gott schuldig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt also folgende Aussage: Jesus starb, um &#8222;sich zu entschuldigen&#8220;. Das klingt eing\u00e4ngig, weil nat\u00fcrlich irgendwie positiv, gerade in den Ohren von Christen &#8211; entschuldigen ist (fast) immer gut. Aber was soll dies in diesem Zusammenhang hei\u00dfen? Bei wem bzw. vor wem entschuldigte sich Jesus? Bei Gott? Doch dann ist dieser wieder das Objekt des Vers\u00f6hnungsgeschehens, was ja laut Eckstein nicht sein darf. Und wozu dann \u00fcberhaupt das Kreuz? Eine blo\u00dfe Bitte um Entschuldigung k\u00e4me doch wunderbar ohne das Kreuz aus. Wieso braucht es dann \u00fcberhaupt einen Stellvertreter, der an unserer Statt sich entschuldigt? Oder ist mit Ent-Schuldigung, also eine Schuldbeseitigung, gemeint? Aber wie, auf welche genaue Weise, geschieht diese dann? \u00dcber den halben Satz Ecksteins stolpert man beim ersten H\u00f6ren kaum, die Worte sind aber in der Sache unklar und liefern nichts wirklich Substanzielles. Allein dies sollte Skepsis wecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der gedruckten Version des Vortrags in &#8222;SMD transparent&#8220; (2009\/04) f\u00fchrt Eckstein aus: &#8222;Was ist im Kreuz aber nun eigentlich geschehen?&#8220; Er habe auch &#8222;aus berufen frommem Munde schon geh\u00f6rt: Christus kam, um Gott mit der Welt zu vers\u00f6hnen.&#8220; Dem wirft Eckstein auch hier entgegen: &#8222;Falsch! Christus kam nicht, um Gott mit der Welt zu vers\u00f6hnen. Das w\u00fcrde ja voraussetzen, dass Gott dieser Welt Feind w\u00e4re. Unvers\u00f6hnt war nicht Gott, unvers\u00f6hnt sind wir. Christus kam und starb nicht, damit Gott uns liebt; sondern Christus kam, lebte und starb, weil Gott uns liebt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pr\u00e4zise hei\u00dft es au\u00dferdem: &#8222;Das Kreuzesgeschehen ist nicht der Realgrund, sondern ausschlie\u00dflich der Erkenntnisgrund der Liebe Gottes. Das hei\u00dft: Christus musste nicht sterben, damit Gott uns liebt, sondern weil Christus gestorben ist, wissen und erkennen wir, dass und wie sehr Gott uns liebt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eckstein kommt auch auf Anselm von Canterbury zu sprechen. Der Theologe des hohen Mittelalters entwarf ein &#8222;Modell der Satisfaktion&#8220;, wonach &#8222;Christus einen Konflikt in Gott l\u00f6sen&#8220; musste. &#8222;Ich sage aber, Gott hat gar keinen Konflikt in sich! Gott liebt nicht konditioniert oder geteilt. Gott ist Liebe, Gott ist Licht und ihn ihm ist keine Finsternis. Das, was die Sache tr\u00fcbte, sind wir! Die S\u00fcnde hat Christus ans Kreuz gebracht. Was uns den Tod bringt, ist unsere Trennung von Gott als dem Leben und der Liebe, die Trennung von der Beziehung, die unser Leben begr\u00fcndet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Drei verf\u00e4lschende Buchstaben<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit die &#8222;Heko&#8220; 2009. In einem Interview mit dem epd vom M\u00e4rz 2010 ber\u00fchrte der Theologe ebenfalls diese Fragen. Eckstein betont darin wieder, dass nicht Gott vers\u00f6hnt werden musste, &#8222;sondern wir, die Menschen; denn nicht Gott war der Welt gegen\u00fcber feindlich und ablehnend, sondern die Menschen gegen\u00fcber Gott.&#8220; Au\u00dferdem ginge es &#8222;bei den biblischen Aussagen von &#8218;S\u00fchne&#8216; und Vergebung nicht prim\u00e4r um Strafe, sondern um die Wiederherstellung von Gemeinschaft und Heil&#8220;. Und wieder hei\u00dft es: &#8222;Christus musste nicht sterben, weil Gott ein Problem hatte, sondern weil wir als Menschen ein Problem hatten, n\u00e4mlich unsere Trennung von Gott als dem Leben und der Liebe. In Christus trug Gott stellvertretend f\u00fcr uns die Konsequenz unserer eigenen S\u00fcnde, den Tod, damit wir nun mit ihm in seinem neuen Leben leben k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenfalls auf den Seiten des &#8222;Instituts f\u00fcr Glaube und Wissenschaft&#8220; (IGUW), das mit der SMD eng verbunden ist, befindet sich der Beitrag &#8222;Das Wort vom Kreuz&#8220; aus der Feder Ecksteins. Die \u00dcberschrift von Kapitel V lautet &#8222;Wer wird vers\u00f6hnt?&#8220; Eckstein fragt rhetorisch: &#8222;Bestand nicht zwischen Gott und uns vor dem Sterben Christi der Zustand beidseitiger Feindschaft, und galt uns nicht anstatt der Liebe Gottes vorher nur sein Zorn? Musste nicht Christus zun\u00e4chst den Vater mit uns vers\u00f6hnen, so dass die Zuwendung Gottes zu uns lediglich als das Ergebnis der Vermittlung Christi zu verstehen ist?&#8220; Eckstein kommt auch in diesem Text zu dem Schluss: &#8222;Christus musste nicht Gott, den Vater, mit uns vers\u00f6hnen&#8220;. Es k\u00f6nne &#8222;von Feindschaft nur in Hinsicht auf unsere einseitige Ablehnung und Auflehnung Gott gegen\u00fcber gesprochen werden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eckstein betont: &#8222;nicht sich selbst musste Gott \u00e4ndern, sondern uns&#8220;; &#8222;nicht seine Abneigung galt es zu \u00fcberwinden, sondern unsere Feindschaft und unsere Trennung von ihm als dem Leben und der Liebe.&#8220; Er will den &#8222;f\u00fcr uns heute leider recht missverst\u00e4ndlichen Begriff des &#8218;Zornes&#8216; Gottes&#8220; nicht verwerfen und h\u00e4lt fest: &#8222;Unter Gottes Zorn haben wir seine entschiedene Ablehnung der S\u00fcnde zu verstehen&#8220;. Er habe aber &#8222;mit menschlicher Wut und unbeherrschten Zornausbr\u00fcchen nichts gemeinsam&#8220;. &#8222;Gerade weil Gott den S\u00fcnder liebt, wendet er sich konsequent gegen die S\u00fcnde, die den Menschen von Gott trennt und damit Leben und Liebe zerst\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nur zu gut bekannt, dass es in der Theologie manchmal um einzelne Worte, ja Buchstaben geht (man denke an den arianischen Streit). In der gerade zitierten rhetorischen Frage ist es ein einziges kurzes Wort, das uns vor eine falsche Alternative stellt: &#8222;galt uns nicht anstatt der Liebe Gottes vorher nur sein Zorn?&#8220; Ist die &#8222;Zuwendung Gottes. lediglich [nur]. das Ergebnis der Vermittlung Christi&#8220;? Sicher nicht! Aber wer hat je so etwas behauptet? Eckstein will den Gedanken einfach nicht zulassen, dass Gott dem S\u00fcnder sowohl in Zorn und Feindschaft als auch in Liebe gegen\u00fcber steht. Er will eben sein &#8222;es ist alles ganz einfach&#8220; durchdr\u00fccken, und da macht er es sich selbst ganz einfach: entweder nur Zorn oder nur Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gottes &#8222;Doppelheit&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eckstein ist landeskirchlicher Theologe, doch wer in den Bekenntnisschriften verwurzelt ist und sie noch halbwegs ernst nimmt, wird bei den steilen Aussagen des T\u00fcbinger Professors ins Stutzen kommen. Schlie\u00dflich spricht z.B. der Heidelberger Katechismus nicht weniger als sieben Mal von einer Bezahlung durch das Opfer des Sohnes am Kreuz. Und wer ist Empf\u00e4nger dieser Zahlung? Gott, der so vers\u00f6hnt wurde. Ist in diesem so wichtigen Katechismus der Tod Jesu am Kreuz &#8222;nicht der Realgrund, sondern ausschlie\u00dflich der Erkenntnisgrund der Liebe Gottes&#8220;? Ganz gewiss nicht! Autor Zacharias Ursinus hielt eben an einem Satisfaktionsmodell fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Kurzen Westminster-Katechismus der Presbyterianer hei\u00dft es eindeutig: &#8222;Christus \u00fcbt das Amt eines Priesters aus, indem er sich einmal als ein Opfer gab, um die g\u00f6ttliche Gerechtigkeit zu erf\u00fcllen, und um uns mit Gott zu vers\u00f6hnen, und indem er fortdauernd f\u00fcr uns eintritt.&#8220; (25) Nat\u00fcrlich spricht auch Martin Luther an vielen Stellen von der Vers\u00f6hnung des Menschen mit Gott in dem Sinne, dass Gott vers\u00f6hnt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re nun zu erwarten, dass John Stott in Das Kreuz in diesen entscheidenden Fragen eine im Kern gleiche Position wie Eckstein vertritt, doch dies ist keineswegs der Fall. In\u00a0\u00a0 Kapitel 5 betont der anglikanische Theologe dort, dass in der Bibel zahlreiche Begriffspaare wie Gerechtigkeit und Liebe oder Heiligkeit und Barmherzigkeit, G\u00fcte und Strenge, Gottes Zorn und Gottes Liebe &#8222;eine &#8218;Dualit\u00e4t&#8216; im Inneren Gottes ausdr\u00fccken&#8220;. Der Schweizer reformierte Theologe Emil Brunner (1889-1966) z\u00f6gere nicht, so Stott, in Der Mittler (1927) von &#8222;Gottes &#8218;Doppelheit&#8216; als dem &#8218;zentralen Geheimnis der Christusoffenbarung&#8216; zu schreiben. Denn &#8218;Gott ist nicht einfach die Liebe. Gottes Wesen soll nicht mit einem einzigen Wort ausgesagt werden k\u00f6nnen&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Brunner beklagt Stott &#8222;das Untergehen des Gedankens der g\u00f6ttlichen Heiligkeit in dem der g\u00f6ttlichen Liebe.&#8220; Noch einmal Brunners wichtiges Werk zitierend: &#8222;Das Kreuz ist der einzige Ort, wo der liebende, vergebende, barmherzige Gott so geoffenbart ist, dass er zugleich als der heilige ebenso unbedingt anzuerkennen ist, wie als der liebende.&#8220; Vers\u00f6hnung sei daher zu verstehen als &#8222;die Vereinigung beider, der unverbr\u00fcchlichen Strafgerechtigkeit und der alles \u00fcbergreifenden Liebe&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der niederl\u00e4ndische reformierte Theologe Gerrit C. Berkouwer (1903-1996) kommt bei Stott zu Wort: &#8222;Im Kreuz Christi werden Gottes Gerechtigkeit und Liebe gleichzeitig geoffenbart.&#8220; Unmi\u00dfverst\u00e4ndlich schlie\u00dflich auch Johannes Calvin: &#8222;Auf eine wunderbare und g\u00f6ttliche Weise hat er [Gott] uns geliebt, selbst als er uns hasste.&#8220; (Inst. II,16,4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Autoren und Stott selbst widersprechen also eindeutig dem &#8218;Monismus&#8216; Ecksteins, der ja von einer Dualit\u00e4t in Gott, von den &#8222;zwei Seiten in seiner Majest\u00e4t&#8220;, nichts, aber auch gar nichts wissen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingangs von Kapitel 6 (&#8222;Die Stellvertretung durch Gott selbst&#8220;) formuliert Stott das Grundproblem einer s\u00fcndigen Menschheit in der Frage &#8222;Wie kann die heilige Liebe Gottes sich mit der unheiligen Lieblosigkeit des Menschen abfinden?&#8220; Und er f\u00fcgt direkt hinzu: &#8222;Das Problem liegt nicht au\u00dferhalb von Gott, es liegt in seinem Wesen.&#8220; Eckstein dagegen: Das Problem liegt ausschlie\u00dflich bei uns und in keiner Weise in Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wir sahen will Eckstein an der Stellvertretung festhalten. Damit steht er in einer langen Traditionslinie. Stott weiter: &#8222;W\u00e4hrend der letzten Jahrhunderte wurden eine Reihe einfallsreicher Versuche unternommen, das Vokabular der &#8218;Stellvertretung&#8216; zu erhalten, dabei aber die &#8217;stellvertretende Strafe&#8216; abzulehnen.&#8220; Er nennt Abaelardus aus dem hohen Mittelalter, Socinus (Sozzini) &#8222;h\u00f6hnische Ablehnung der Lehre der Reformatoren&#8220; und dessen De Jesu Christo Servatore (1578), au\u00dferdem John McLeod Campbells The Nature of Atonement (1856).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Augen des Letztgenannten, des sehr einflussreichen schottischen Theologen (1800-1872), &#8222;seien die Leiden Christi keine &#8218;Strafleiden, die er erduldete, indem er die Forderung der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit erf\u00fcllte&#8216;, sondern &#8218;die Leiden der g\u00f6ttlichen Liebe, die ihrer eigenen Natur gem\u00e4\u00df unter unseren S\u00fcnden litt&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">McLeod Campbell lehnte die Auffassung ab, &#8222;dass Christus am Kreuz bestraft wurde&#8220;, so Alister McGrath in Der Weg der christlichen Theologie. Laut McGrath vertrat der Schotte die Vorstellung einer &#8222;stellvertretenden Bu\u00dfe&#8220;, dass n\u00e4mlich &#8222;Christus ein vollkommenes S\u00fcndenbekenntnis zugunsten der Menschheit ablegte, das in irgendeiner Weise erl\u00f6send wirke. F\u00fcr Campbell muss man sich den gekreuzigten Christus so vorstellen, dass er &#8218;die S\u00fcnde und den S\u00fcnder mit Gottes Augen betrachtet und im Blick auf sie mit Gottes Herzen f\u00fchlt.&#8216; Bei der Kreuzigung geht es nicht um das g\u00f6ttliche Auferlegen &#8218;einer bestrafenden Zuf\u00fcgung&#8216; auf Christus, sondern darum, dass Christus Gottes Hass gegen die S\u00fcnde und seine Liebe zum S\u00fcnder manifestiert und verk\u00f6rpert.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">McGrath geht in seinem Lehrbuch auch auf Robert C. Moberlys Atonement and Personality (1901) ein und kommt zu dem Schluss: &#8222;Keiner dieser Ans\u00e4tze kann als &#8217;strafrechtlich&#8216; betrachtet werden; beide nehmen aber den Gedanken der Stellvertretung auf, nach dem Christus etwas tut &#8211; in diesem Fall: Gott Bu\u00dfe f\u00fcr die S\u00fcnde anzubieten -, das die Menschheit selbst h\u00e4tte tun sollen.&#8220; Es ist zu vermuten, dass diese Argumentationslinie auch Eckstein inspirierte, wenn er vom Entschuldigen Jesu an unserer Statt spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stotts res\u00fcmiert jedoch zu diesen Ans\u00e4tzen: &#8222;Auf diese Weise hat sich das &#8218;S\u00fcndentragen&#8216; in Mitleid aufgel\u00f6st, die &#8218;Genugtuung&#8216; in Trauer \u00fcber die S\u00fcnde, und die &#8218;Stellvertretung&#8216; in eine stellvertretende Bu\u00dfe anstelle einer stellvertretenden Strafe.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Doppelseitige Feindschaft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stott zitiert auch zustimmend J.I. Packers wichtigen Artikel &#8222;What did the cross achieve? The logic of penal substitution&#8220; (1974). Demnach bedeutet die stellvertretende Strafe, &#8222;dass unser Herr Jesus Christus, getrieben von einer Liebe, die entschlossen war, alles Notwendige zu tun, um uns zu retten, das vernichtende g\u00f6ttliche Gericht erduldete und bis zur Neige leerte, dem wir sonst unentrinnbar verfallen gewesen w\u00e4ren, und so f\u00fcr uns Vergebung, Annahme an Kindes Statt und Herrlichkeit erlangte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stott wendet sich aber gegen die Vorstellung, &#8222;als w\u00e4re Jesus ein unwilliges Opfer der strengen Gerechtigkeit Gottes gewesen&#8220;. Vater und Sohn waren in erster Linie &#8222;Subjekte, die gemeinsam die Initiative zur Rettung der S\u00fcnder ergriffen. Was immer am Kreuz im Sinne einer &#8218;Gottverlassenheit&#8216; geschah, wurde von beiden freiwillig akzeptiert, aus derselben heiligen Liebe heraus, welche die S\u00fchne \u00fcberhaupt notwendig machte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Der einzige Weg, der heiligen Liebe Gottes Genugtuung zu verschaffen, besteht darin, dass sich seine Heiligkeit im Gericht gegen den von ihm erw\u00e4hlten Stellvertreter richtet, damit sich seine Liebe in der Vergebung auf uns richten kann&#8220;, so Stott. &#8222;Indem er seinen Sohn gab, gab er sich selbst.&#8220; Er zitiert R.W. Dale (1829-1895): &#8222;Die geheimnisvolle Einheit des Vaters und des Sohnes machte es Gott m\u00f6glich, das Strafleiden gleichzeitig zu erdulden und zu verh\u00e4ngen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kapitel 7 von Das Kreuz wird noch einmal deutlich, dass Ecksteins und Stotts Lehren nicht zusammenpassen. &#8222;Die entscheidende Frage ist, wie das S\u00fchnehandeln Jesu zu verstehen ist: Ist das Objekt der S\u00fchne Gott oder der Mensch? Im ersten Fall w\u00e4re das richtige Wort &#8218;S\u00fchnung&#8216; (Gott vers\u00fchnen, engl. propiation); im zweiten Fall ist der richtige Ausdruck &#8218;Wegnahme der S\u00fcnde&#8216; (engl. expiation).&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der klassischen Lehre, die auch Stott vertritt, geschah am Kreuz sowohl &#8222;propiation&#8220; als auch &#8222;expiation&#8220; (der australische Theologe Leon Morris hat in The Apostolic Preaching of the Cross, 1955, eine ausf\u00fchrliche biblische Begr\u00fcndung geliefert). Stotts Landsmann C.H. Dodd (1884-1973) legte jedoch den ganzen Akzent z.B. bei der Deutung von R\u00f6m 3,25 auf die Wegnahme der S\u00fcnde, nicht die S\u00fchnung. Stott lehnt diesen Ansatz ab. In einer Fu\u00dfnote bemerkt der deutsche Herausgeber gut: &#8222;&#8218;Propiation&#8216; bedeutet S\u00fchne im Sinne von &#8218;S\u00fchnung&#8216; oder &#8218;Bes\u00e4nftigung&#8216;, wobei Gott das Objekt ist. &#8218;Expiation&#8216; bedeutet S\u00fchne im Sinne von &#8218;Wegnahme&#8216;, wobei die S\u00fcnde das Objekt ist.&#8220; Es sieht also ganz danach aus, dass Eckstein Dodd folgt und das gr. hilasterion ausschlie\u00dflich im Sinne des engl. &#8222;expiation&#8220; verstehen will, nicht &#8222;propiation&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott ist zwar auch Objekt des S\u00fchnegeschehens, doch &#8222;es kann nicht stark genug betont werden, dass Gottes Liebe die Quelle, nicht die Konsequenz der S\u00fchne ist.&#8220; Stott ist also hier ganz bei Eckstein, der ja betont: &#8222;Christus ist gestorben, weil Gott uns liebt&#8220;. Der Brite zitiert den schottischen Theologen P.T. Forsyth (1848-1921): &#8222;Die S\u00fchne erwirkte nicht die Gnade, sie floss aus der Gnade.&#8220; Stott f\u00fchrt weiter aus: &#8222;Gott liebt uns nicht, weil Christus f\u00fcr uns gestorben ist; sondern Christus starb f\u00fcr uns, weil Gott uns liebte. Wenn es Gottes Zorn ist, der vers\u00fchnt werden musste, ist es Gottes Liebe, welche die S\u00fchnung bewirkte. Was durch die S\u00fchnung ver\u00e4ndert wurde, ist sein Umgang mit uns.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stotts Zusammenfassung: &#8222;Es ist Gott selbst, der in heiligem Zorn vers\u00fchnt werden muss, Gott selbst, der es in heiliger Liebe auf sich nahm, die S\u00fchnung zu bewirken, und Gott selbst, der in der Person seines Sohnes als S\u00fchnung f\u00fcr unsere S\u00fcnden starb.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied zwischen Stott und Eckstein tritt auch in diesen S\u00e4tzen klar zu Tage: &#8222;Es ist ein Fehler zu denken, die Barriere zwischen Gott und uns, die das Werk der Vers\u00f6hnung notwendig machte, h\u00e4tte sich ausschlie\u00dflich auf unserer Seite befunden, sodass wir vers\u00f6hnt werden mussten, Gott aber nicht [Ecksteins Lehre &#8211; &#8222;ein Fehler&#8220;]. Sicher, wir waren &#8218;Feinde Gottes&#8216;, ihm feindselig gesonnen. Doch die &#8218;Feindschaft&#8216; bestand auf beiden Seiten [gegen Eckstein]. Die Mauer oder Schranke zwischen Gott und uns bestand sowohl aus unserer Rebellion gegen ihn als auch aus seinem Zorn auf uns aufgrund unserer Rebellion.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eindeutig ist schlie\u00dflich auch dieser Abschnitt: &#8222;Der &#8218;Friede&#8216;, den Evangelisten predigen (Eph 2,17), kann also nicht die \u00dcberwindung unserer Feindschaft sein (schlie\u00dflich predigen sie ja, damit sie \u00fcberwunden wird), sondern die Tatsache, dass sich Gott aufgrund des Kreuzes Christi von seiner Feindschaft abgewendet hat.&#8220; Und noch einmal bei Stott Emil Brunner in Der Mittler: &#8222;Vers\u00f6hnung setzt Feindschaft zwischen zweien voraus. Wirkliche Vers\u00f6hnung, objektives Vers\u00f6hnungsgeschehen setzt genauer doppelseitige Feindschaft voraus; dass der Mensch Gott und dass Gott dem Menschen feind sei.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Drei Positionen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schon zitierte J.I. Packer ist wie Stott anglikanischer Theologe und der letzte noch lebende der gro\u00dfen und pr\u00e4genden evangelikalen Leiter des 20. Jahrhunderts. 1973 erschien sein bis heute wohl bekanntestes Buch, das in vielen L\u00e4ndern ein Bestseller wurde: Knowing God. Im Kapitel &#8222;Der Kern des Evangeliums&#8220; in der deutschen Ausgabe Gott erkennen bringt es Packer auf den Punkt: &#8222;Im Christentum hingegen [anders als im Heidentum] vers\u00f6hnt Gott Seinen eignen Zorn durch Sein eigenes Handeln. Es war Gott selbst, der Seinen Zorn l\u00f6schte gegen jene, die Er &#8211; trotz allem &#8211; liebte und retten wollte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem verlorenen Menschen steht Gott in Liebe und Zorn gegen\u00fcber. Die moderne zeitgen\u00f6ssische Theologie &#8211; und mit ihr Eckstein &#8211; lehrt dagegen fast unisono: Gott muss nicht vers\u00f6hnt werden. Gott braucht das Kreuz nicht, er braucht kein Menschenopfer, um bes\u00e4nftigt, um vers\u00f6hnt zu werden. Jesus starb nicht, um Gottes Haltung zu mir, sondern um unsere Haltung zu Gott zu \u00e4ndern. Das Kreuzesgeschehen ist nicht mehr der Realgrund, sondern &#8211; s.o. Eckstein &#8211; ausschlie\u00dflich der Erkenntnisgrund der Liebe Gottes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1974 vertiefte Packer die in Knowing God eher nur angerissenen Gedanken in &#8222;What Did the Cross Achieve?&#8220; &#8211; bis heute eine der besten Darstellungen zum Thema (nun auch im Sammelband In My Place Condemned He Stood). Darin fasst der Theologe die unterschiedlichen Interpretationsans\u00e4tze sehr gut zusammen. Was erreichte oder schaffte das Kreuz? In einem weiten Sinne nat\u00fcrlich die Erl\u00f6sung. Aber was genau bewirkte Christi Tod? Packer unterscheidet drei grundlegende Antworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der einen Auffassung hat das Kreuz &#8222;ausschlie\u00dflich eine Auswirkung auf Menschen: sei es nun, dass Gottes Liebe zu uns offenbart wird; oder dass uns deutlich gemacht wird, wie sehr Gott S\u00fcnde hasst; oder mit dem Ziel, uns ein h\u00f6chstes Beispiel des gottgef\u00e4lligen Lebens zu geben; oder um einen Weg zu Gott freizumachen, den wir dann beschreiten sollen. Es wird vorausgesetzt, dass unser grundlegendes Bed\u00fcrfnis eine mangelnde Motivation zu Gott hin ist, uns fehlt es an Offenheit f\u00fcr das Einstr\u00f6men des g\u00f6ttlichen Lebens; um uns in die richtige Beziehung zu Gott zu bringen, ist nur ein Wandel in diesen beiden Punkten n\u00f6tig, und genau diesen bringt Christi Tod hervor. Was Christus f\u00fcr uns getan hat wird mit dem gleichgesetzt, was er in uns tut.&#8220; Eckstein ist nat\u00fcrlich dieser Antwort zuzuordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zweite Position: Christi Tod hatte vor allem und zuerst eine Auswirkung auf feindliche geistliche M\u00e4chte, die uns gefangen hielten. Am Kreuz wurden diese M\u00e4chte, der Satan vor allem, besiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Packer anschlie\u00dfend zur dritten Sicht, die auch die seine ist. Diese &#8222;leugnet nichts von dem, was von den anderen beiden Positionen bekr\u00e4ftigt wird &#8211; au\u00dfer deren Anspruch, vollst\u00e4ndig zu sein [man erinnere sich an Ecksteins mehrfach betont vorgebrachte &#8222;ausschlie\u00dflich&#8220;]. Sie gesteht ein, dass es f\u00fcr sie eine biblische Grundlage gibt, doch sie geht weiter. Dass wir Opfer der S\u00fcnde und des Satans sind und dies unser menschliches Schicksal ist, wird mit der Tatsache begr\u00fcndet., dass der Mensch als S\u00fcnder unter dem g\u00f6ttlichen Gericht steht; seine Gefangenschaft im B\u00f6sen ist der Beginn seiner Strafe, und er ist auf ewig verloren, solange nicht Gottes Verwerfung in Annahme verwandelt ist. Nach dieser Sicht hatte Christi Tod zuerst auf Gott eine Wirkung, der damit bes\u00e4nftigt wurde.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch McGrath (s.o.) zitiert aus Packers Aufsatz. Christi Tod hatte zun\u00e4chst Wirkung auf Gott, &#8222;der dadurch vers\u00f6hnt wurde (oder besser, sich dadurch selbst vers\u00f6hnte), und nur weil er diese Wirkung hatte, ergab sich daraus ein Sturz der M\u00e4chte der Finsternis und eine Offenbarung der nachgehenden und rettenden Liebe Gottes. Dieser Gedanke l\u00e4uft darauf hinaus, dass Christus Gott das bot, was der Westen die Satisfaktion f\u00fcr die S\u00fchne genannt hat, eine Genugtuung, die Gottes eigenes Wesen als das einzige Mittel vorsah, durch das sein Nein zu uns zu einem Ja werden konnte. Jesus s\u00fchnte, indem er das Kreuz auf sich nahm, unsere S\u00fcnden, vers\u00f6hnte unseren Sch\u00f6pfer, verwandelte Gottes Nein zu uns in ein Ja und rettete uns auf diese Weise.&#8220; (Hervorhebungen H.L.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ergebnis ist folglich eindeutig: Eckstein hat sich von jeder Satisfaktionslehre entfernt &#8211; nicht nur von der des Anselms, sondern auch von der deutlich modifizierten der Reformatoren. Stott und Packer halten jedoch am reformatorischen Ansatz (wie er bis heute im Heidelberger Katechismus zu finden ist) fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein statischer Gottesbegriff<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stott geht in seinem Buch auf die &#8222;h\u00f6hnische Ablehnung der Lehre der Reformatoren&#8220; durch Fausto Sozzini (latinisiert Faustus Socinus) nur am Rande ein. Es ist das Verdienst des aus Litauen stammenden Theologen Kestutis Daugirdas, die Bedeutung und breite Wirkung der Lehre des Italieners neu gew\u00fcrdigt zu haben. Seit dem vergangenen Jahr ist Daugirdas wissenschaftlicher Leiter der Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden, Unterricht au\u00dferdem in T\u00fcbingen. 2016 legte er mit Die Anf\u00e4nge des Sozinianismus seine Habilitationsschrift vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wichtige Traditionsstr\u00e4nge der abendl\u00e4ndischen Soteriologie&#8220; wurden durch Sozzini gekappt. Erl\u00f6sung betrachtete dieser &#8222;nur als eine Metapher f\u00fcr die Erkenntnis des gn\u00e4digen Willen Gottes durch den Menschen und seinen daraus resultierenden Lebenswandel&#8220;; sie ist die &#8222;Erkenntnis der in Christus geoffenbarten G\u00fcte Gottes&#8220; (Ecksteins alleiniger &#8222;Erkenntnisgrund&#8220;!).\u00a0 Rechtfertigung ist nicht die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, sondern besteht darin, dass Menschen ihn kennen und ihm \u00e4hnlicher werden. Rechtfertigung ist daher nicht im Verdienst Christi, sondern in der Freigiebigkeit Gottes begr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den Antitrinitariern und ersten Unitariern (wie Ochino, Biandrata oder eben Sozzini) mussten sich auch die orthodoxen Protestanten auseinandersetzen. In Litauen griff der Kopf der Reformierten, der aus Westpolen stammende Andreas Volanus (ca. 1530-1610), aktiv in die Debatten ein. Daugirdas hatten dessen Wirken und Schriften in seiner Doktorarbeit Andreas Volanus und die Reformation im Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen (2009) gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Weder die polnischen noch die litauischen Unitarier [zogen] aus ihrer Ablehnung der Gottheit Christi die Konsequenz&#8220; der Kritik der Rechtfertigungs- und Vers\u00f6hnungslehre, so Daugirdas. Volanus hatte aber die Verbindung schon erkannt: die traditionelle Vers\u00f6hnungslehre ist nur unter Voraussetzung der Trinit\u00e4t m\u00f6glich. Unter den Antitrinitariern ging erst Sozzini weiter und wandte die Leugnung der vollen Gottheit des Sohnes auf die Erl\u00f6sungslehre an. Er &#8222;unternahm die konsequente Destruktion vor allem der Satisfaktionslehre und setzte an ihre Stelle seine Lehre von der Vers\u00f6hnung der Welt mit Gott, die dadurch erm\u00f6glicht wird, dass Gott der Welt ihre S\u00fcnde nicht anrechnet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christus habe laut Sozzini schon vor seinem Tod die Vergebung aller S\u00fcnde angeboten. Daugirdas: &#8222;Christus kann gar nicht erst mit seinem Blut, d.h. Leiden und Sterben, Gott mit dem Menschen vers\u00f6hnt haben. Folglich kann der Tod Christi nicht dazu gedient haben, Gott mit den Menschen zu vers\u00f6hnen, sondern aufzuzeigen, dass er bereits vers\u00f6hnt sei, damit daraufhin die Menschen zu Gott zur\u00fcckkehren, die sich von ihm entfremdet h\u00e4tten. Die grundlegende Differenz zwischen der Vers\u00f6hnungslehre Sozzinis zu derjenigen seiner Gegner besteht demnach in der Bestimmung des Zielobjekts des (Opfer-)Todes Christi. Bildet nach der anselmisch gepr\u00e4gten Satisfaktionslehre prim\u00e4r Gott selbst dieses Zielobjekt und erst danach der S\u00fcnder, so ist es nach Sozzini prim\u00e4r und ausschlie\u00dflich der s\u00fcndige Mensch. Dies ist f\u00fcr Sozzini eine schlichte Sache der Logik: Weil Gott in Christus als Erl\u00f6ser handelt und seinen eigenen Sohn als L\u00f6segeld gibt, kann er als Geber nicht auch Empf\u00e4nger desselben sein. Das Zielobjekt, um dessen willen Christus als L\u00f6segeld hingegeben wird, ist der der Sklaverei der S\u00fcnde verfallene Mensch, der dadurch die Freiheit wieder erlangt.&#8220; Sozzini ist also ein wichtiges Beispiel der ersten Sicht bei Packer. Und es w\u00e4re zu fragen, wo Eckstein dem Italiener hier nicht folgt, schlie\u00dflich setzt er doch die gleichen Akzente wie der Unitarier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit einher geht eine &#8222;Umkehrung der Richtung des Vers\u00f6hnungsaktes&#8220;. &#8222;W\u00e4hrend z.B. bei Volanus die Vers\u00f6hnung Gottes mit der Welt ein objektiver Vorgang in Gott selber ist, ist es nach Sozzini eigentlich der Mensch, der diesen Akt vollbringen muss: Weil Gott bereits dem Menschen gn\u00e4dig gestimmt ist, m\u00fcsse der Gott gegen\u00fcber feindselig gesinnte Mensch von seiner negativen Haltung und seinen S\u00fcnden ablassen und nach der Vers\u00f6hnung mit Gott streben. Diese Umkehrung der Richtung des Vers\u00f6hnungsaktes hat eine dreifache Ursache: einen unterschiedlich strukturierten Gottesbegriff, die daraus resultierenden Umdeutung des Attributes der Gerechtigkeit Gottes und eine grundlegend anders ausgerichtete Anthropologie.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur eine trinitarische Theologie, die Volanus gegen die Unitarier verteidigte, macht es m\u00f6glich, &#8222;das Vers\u00f6hnunswerk Christi in das innertrinitarische Geschehen des dreieinigen Gottes hineinzuholen und so Gott als Objekt seiner eigenen Handlung zu erfassen, in denen er sich als gerecht und barmherzig erweist. Dem trinitarisch strukturierten Gottesbegriff ist es also zu verdanken, dass von Gott zwei scheinbare einander entgegengesetzte, f\u00fcr die Heilige Schrift allerdings zentrale Attribute der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit sinnvoll ausgesagt werden k\u00f6nnen.&#8220; Hier haben wir wieder die Dualit\u00e4t bei Stott oder die &#8222;zwei Seiten in Gottes Majest\u00e4t&#8220;, die Eckstein aber so ablehnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unitarier dagegen hatten einen eher statischen Gottesbegriff. Gott k\u00f6nne daher &#8222;unm\u00f6glich gerecht im Sinn des strafenden Richters und barmherzig zugleich sein. Gott ist vielmehr und vor allem barmherzig.&#8220; Auch die Unitarier h\u00e4tten ihren Gegner dies entgegen geworfen: &#8222;Alles viel zu kompliziert. Es ist viel einfacher. Christus ist nicht gestorben, um Gott zu vers\u00f6hnen, denn Gott war nicht Feind.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sich zeigte, ist die Frage, was genau am Kreuz geschah und f\u00fcr wen genau Christus starb, durchaus komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint &#8211; zumindest so kompliziert, dass ernste Diskrepanzen zwischen Eckstein und Stott auch theologisch Geschulten offensichtlich nicht aufgefallen sind. Man kann daher nur mit Gernot Spie\u00df im Vorwort von Das Kreuz den Glauben an das Geschehen an eben diesem Kreuz &#8222;tiefer zu durchdenken&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne (www.lahayne.lt)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bekannte Theologe und Autor Hans-Joachim Eckstein ist ein gern gesehener Gast auf evangelikalen Veranstaltungen, sei es nun in Liebenzell, Marburg oder Siegen. 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