{"id":16451,"date":"2019-05-27T14:37:24","date_gmt":"2019-05-27T12:37:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16451"},"modified":"2019-05-27T14:46:31","modified_gmt":"2019-05-27T12:46:31","slug":"roter-terror-und-morde-im-keller-der-tartuer-kreditkasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16451","title":{"rendered":"Roter Terror und Morde im Keller der Tartuer Kreditkasse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-16454\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Tartu_flag.svg_-1024x516.png\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"95\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Tartu_flag.svg_-1024x516.png 1024w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Tartu_flag.svg_-300x151.png 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Tartu_flag.svg_-768x387.png 768w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Tartu_flag.svg_.png 1920w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/> Am 28 November 1918 begann der estnische Freiheitskrieg und bereits am 22. Dezember besetzten rote Truppen Tartu. Die Druckereien der Zeitung Postimees und der Dorpater Zeitung wurden beschlagnahmt und umfunktioniert. Von jetzt an gab es die kommunistischen Zeitungen Edasi und Vasar. Noch zu Weihnachten 1918 wurden Gottesdienste abgehalten, und die Kirchen waren voll, obwohl man wusste, dass die kommunistischen Besatzungstruppen dies nicht dulden w\u00fcrden. Die Pfarrer und Geistlichen machten sich Gedanken, ob sie ihrer Gemeinde treu bleiben oder lieber fliehen sollten, um ihr eigenes Leben zu retten. Die meisten blieben.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fing an mit Hausdurchsuchungen und mit den ersten Festnahmen. Man machte keinen Unterschied zwischen Sch\u00fclern, jungen M\u00e4nnern, Frauen oder alten Leuten. Die Zahl der Gefangenen aus Tartu und Umgebung belief sich auf \u00fcber 500. Man brachte sie in das Geb\u00e4ude der Kreditkasse in der Kompaniestra\u00dfe 5 und in das Polizeirevier derselben Stra\u00dfe Nr. 10. Menschen aller Gesellschaftsschichten waren vertreten: Lehrer, Pfarrer, Arbeiter, Bauern, Handwerker, Gutsbesitzer, Kaufleute und Beamte. Auch die Nationalit\u00e4t spielte keine Rolle. Die Zust\u00e4nde in den R\u00e4umen, wo man die Leute gefangen hielt, waren verheerend und unmenschlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 28. Dezember wurde in der Zeitung Edasi das \u201eManifest des estnischen Arbeitervolkes\u201c ver\u00f6ffentlicht. Da hie\u00df es, die abgesetzte estnische Verwaltung, deren Agenten und Unterst\u00fctzer, alle Gutsbesitzer und Pastoren, deren H\u00e4nde vom Blut des estnischen Arbeitervolkes trieften, sind vogelfrei und ohne Rechtsschutz. Vertreter der Gemeinden versicherten dagegen, dass die H\u00e4nde ihrer Pastoren nicht bluttriefend seien, sondern dass sie gerade der Arbeiterklasse dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag wurden Gottesdienste und jegliche kirchliche Amtshandlungen verboten. Zu Silvester sprach der kommunistische Kultusminister A. Vallner in der Petri-Kirche: Das Evangelium ist eine L\u00fcge. An Gott glauben wir nicht. Ihn gibt es nicht. Wir glauben nur an einen Gott, das Volk, und der Gott ist st\u00e4rker als der alte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeitung Vasar gab am 31. Dezember eine Mitteilung heraus: Die estnische Arbeiter-Bauern-Regierung schl\u00e4gt allen Priestern, katholischen Geistlichen, Pastoren und Rabbinern vor, innerhalb von 24 Stunden das Land zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bischof Platon wurde zusammen mit Oberdiakon Dorin am 2. Januar 1919 festgenommen, einen Tag sp\u00e4ter Prof. Traugott Hahn; am 5. Januar die Priester Mikhail Bleive und Alksandr Brjantsev sowie Diakone, Kirchenvorsteher und Kirchendiener.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht des 9. Januars f\u00fchrte man eine Gruppe von Gefangenen an den Embach (Emaj\u00f6gi) und nach dem Befehl \u201eAusziehen\u201c erschoss man sie auf dem zugefrorenen Fluss. Zwei Tage sp\u00e4ter stand folgende Meldung in der Zeitung Edasi: \u201eDie estnische Kommission zur Niederschlagung der Konterrevolution der Tartuer Abteilung (Vorsitzender Kull, stellvertretende Vorsitzende Ots und Ed. Otter, Sekret\u00e4r R\u00e4tsep) hat folgende Personen hingerichtet: August Meos, Abram Schreiber, Voldemar R\u00e4sta, Beer Stark, Paul Tiesenhausen, Voldemar Ottas, Johann Ottas, Mikhel Kure, Friedrich P\u00e4sse, Bruno von Samson-Himmelstjerna, Harald von Samson-Himmelstjerna, Gustav von Himmelstjerna, Rudolf Kippasto, Johann Orro. Johann Orro war der einzige, der zwar verwundet, aber lebend der Hinrichtung entkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Kunde von der Erschie\u00dfung der Mitgefangenen in die Kreditkasse gelangte, wurde die Stimmung unter den Festgenommenen noch bedr\u00fcckender. Trotzdem wurden Andachten unter der Leitung von Prof. Hahn und Bischof Platon abgehalten. Es wurde gesungen und gebetet. Man kann sagen, dass in dieser ausweglosen Situation \u00f6kumenische Gemeinschaft entstand und gelebt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht zum 14. Januar h\u00f6rte man von weitem Kanonendonner. Die estnische Armee k\u00e4mpfte mit Erfolg gegen die rote Armee und n\u00e4herte sich der Stadt Tartu. Am Morgen gegen 10:30 Uhr begann im Keller der Kreditkasse die Ermordung der ersten Gefangenen. Bischof Platon wurde herausgerufen. Zehn Minuten sp\u00e4ter fielen die ersten Sch\u00fcsse. Das n\u00e4chste Opfer war der T\u00f6pfer Ado Luik. Dann folgten die Priester Mikhail Bleive und Nikolai Bezanitski, Pastor M. Wilhelm Schwartz (der mit der Axt umgebracht wurde), der Fleischer Eugen Massal, Prof. Traugott Hahnund 12 weitere Personen. Als die n\u00e4chste Gruppe von Gefangenen in den Hof der Kreditkasse gebracht wurde, kam ein Rotarmist gelaufen und rief: \u201eDie Wei\u00dfen sind in der Stadt!\u201c Die Kommunisten ergriffen die Flucht, als erste die Hauptkommissare Kull, R\u00e4tsep und Otter. Wenig sp\u00e4ter wurde die T\u00fcr der Kreditkasse aufgebrochen und die \u00fcberlebenden Gefangenen wurden sogleich befreit.<\/p>\n<p>Die Namen der Opfer im Keller der Kreditkasse:<\/p>\n<ol>\n<li>Dr. Traugott Hahn<\/li>\n<li>Oberpriester Nikolai Bezanitski<\/li>\n<li>Bischof Platon<\/li>\n<li>Oberpriester Mikhaail Bleive<\/li>\n<li>Pastor Wilhelm Schwartz<\/li>\n<li>Sch\u00fcler Karl Bentsen<\/li>\n<li>Mitarbeiter bei Postimees Friedrich K\u00e4rner<\/li>\n<li>Kaufmann Susman Kaplan<\/li>\n<li>Gutsbesitzer Konstantin von Knorring<\/li>\n<li>Gutsbesitzer Heinrich von Krause<\/li>\n<li>T\u00f6pfer Ado Luik<\/li>\n<li>Fleischer Eugen Massal<\/li>\n<li>Gutsbesitzer Hermann von Samson-Himmelstjerna<\/li>\n<li>Stadtrat Gustav Seeland<\/li>\n<li>Verwalter Herbert von Schrenk<\/li>\n<li>Ehemaliger Stadtrat Gustav Tensmann<\/li>\n<li>Advokat Arnold von Tiedeb\u00f6hl<\/li>\n<li>Restaurantbesitzer Harry Vogel<\/li>\n<li>Tichonov?<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Keller der Kreditkasse wurde 1929 zu einer Kapelle umgestaltet. Erst im Jahre 1940, als die Kommunisten die Macht ergriffen, wurde die Kapelle zerst\u00f6rt und sp\u00e4ter in den Eingang ein Transformator eingebaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 14. Januar 1999 feierten Probst Joel Luhamets und der orthodoxe Priester Samuel Puusaar einen Ged\u00e4chtnisgottesdienst am Eingang des Kellers. Seit 2007 h\u00e4lt der Pfarrer der deutschen Gemeinde Matthias Burghardt jeweils um den 14. Januar eine Andacht an demselben Ort. Es w\u00e4re an der Zeit und im Sinne der noch lebenden Hinterbliebenen, wenn der Keller wieder zu einer St\u00e4tte der Begegnung und Besinnung w\u00fcrde, wobei man gleichzeitig den Transformator am Eingang um einige Meter versetzen m\u00fcsste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(\u00dcbersetzt und zusammengefasst von P.-G. Schwartz, einem Enkel des ermordeten Pfarrers Wilhelm Schwartz)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Massenmord im Keller der Tartuer Kreditkasse am 14. Januar 1919 (Kristjan Luhamets)<\/em><\/p>\n<p><em>Bild: Stadtflagge von Tartu (wikimedia)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28 November 1918 begann der estnische Freiheitskrieg und bereits am 22. Dezember besetzten rote Truppen Tartu. Die Druckereien der Zeitung Postimees und der Dorpater Zeitung wurden beschlagnahmt und umfunktioniert. Von jetzt an gab es die kommunistischen Zeitungen Edasi und Vasar. 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