{"id":16262,"date":"2019-02-22T13:48:31","date_gmt":"2019-02-22T12:48:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16262"},"modified":"2019-02-22T13:48:31","modified_gmt":"2019-02-22T12:48:31","slug":"predigt-ueber-philipper-25-6-von-der-herzensdemut-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16262","title":{"rendered":"Predigt \u00fcber Philipper 2,5.6: Von der Herzensdemut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich will noch geringer sein denn also, und will niedrig sein in meinen Augen, und mit den M\u00e4gden, davon du geredet hast, zu Ehren werden. Dies war ein Teil der Antwort, welche David nach 2. Sam. 6,22 seinem Weibe Michal gab. Er hatte mit gro\u00dfer Freude die Bundeslade in die Stadt kommen lassen, und vor dem Herrn gesprungen und getanzt, getanzt wie au\u00dfer ihm noch kein K\u00f6nig getanzt hatte, und wer so wie David tanzen kann, der unterlasse es ja nicht, wie er auch nicht tun wird, m\u00f6chte die Michal auch noch so sauer dazu sehen, wie hier. Wer aber hier eine Rechtfertigung des welt\u00fcblichen, f\u00fcr Leib und Seele gef\u00e4hrlichen Tanzens findet, der vergleiche doch eben Luk. 6,25 wo es hei\u00dft: Wehe euch, die ihr voll seid: denn euch wird hungern! wehe euch, die ihr hier lachet: denn ihr werdet heulen und weinen; und rechtfertigt es lieber mit dem Exempel der gottlosen Herodias, der irre sich nicht, denn Gott l\u00e4sst sich nicht spotten, und verwechsele heilige und s\u00fcndliche Dinge mit einander.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michal sah aus dem Fenster den frommen K\u00f6nig, in der vom heiligen Geist entz\u00fcndeten Freude seines Herzens, springen und tanzen und verachtete ihn dar\u00fcber. Als er nach Hause kam, empfing sie ihn mit h\u00f6hnendem Spott und sagte bei\u00dfend: Wie herrlich ist heute der K\u00f6nig von Israel gewesen, der sich vor den M\u00e4gden seiner Knechte entbl\u00f6\u00dfet hat, wie sich die losen Leute entbl\u00f6\u00dfen. David tat nun erst sehr vornehm gegen sie, indem er sagte: Ich will vor dem Herrn spielen, der mich erw\u00e4hlet hat vor deinem Vater und vor allem seinem Hause, dass er mir befohlen hat, ein F\u00fcrst zu sein \u00fcber das Volk des Herrn, \u00fcber Israel, und setzte dann hinzu: Ich will noch geringer werden, denn also, und will niedrig sein in meinen Augen, und mit den M\u00e4gden, davon du geredet hast, zu Ehren werden. David suchte und kannte eine Ehre, wovon die stolze und blinde Michal eben so wenig begriff, als von der Freude, die sein Herz belebte, und die er selbst durch H\u00fcpfen und Springen an den Tag legte. Es ist aber wirklich eine schwere, oder doch eine unsrer Natur sehr widrige Sache, welche der F\u00fcrst in den Worten ausspricht: Ich will noch geringer werden; die Bereitwilligkeit dazu hatte er aus der n\u00e4mlichen Quelle, aus welcher ihm auch die Freude zugeflossen war, und der N\u00e4mliche, der ihn sein Tanzen lehrte, hatte ihn auch den Segen des Geringwerdens einsehen gelehrt. Wir suchen anders nur gro\u00df zu werden an Macht, Herrschaft, Reichtum, Einfluss auf andere, Ehre, Achtung, Gelehrsamkeit, Kunst u. dgl. Gern tun wir&#8217;s andern gleich oder auch zuvor, und es ist uns leid, wenn&#8217;s nicht fort will. Diese Art klebt uns auch im Geistlichen an. Gottes Weg aber geht ganz anders. Er will uns geringer, noch geringer, ganz geringe haben, die Natur schaudert davor, bis man glauben kann, dann will man aber geringe, noch geringer werden. David stand jetzt in der Freude seines Herzens, aber als es an&#8217;s wirkliche Geringerwerden ging, sollte ihm schwerlich so fr\u00f6hlich zu Mute sein. Es ist aber nicht anders. Wollen wir hinauf, so m\u00fcssen wir herunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin jeglicher sei gesinnet, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in g\u00f6ttlicher Gestalt war, hielt er es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein.\u201c (Philipper 2,5.6<em>)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf eine sehr bewegliche Weise ermahnt der Apostel im Vorhergehenden zur Einm\u00fctigkeit, wenn er im 1. und 2. Verse sagt: Ist nun bei euch Ermahnung in Christo, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so erf\u00fcllet meine Freude, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habet, einm\u00fctig und einhellig seid. Darauf warnt er vor der Eigenliebe, und nichts zu tun aus Zank, um andere zu dem\u00fctigen, oder aus Ehrgeiz, um sich selbst zu erheben, ebenso verwirft er den Eigennutz, der nur auf seine pers\u00f6nlichen, nicht aber auf den Vorteil anderer sieht und empfiehlt eine Demut, nach welcher einer den andern nicht geringer, sondern h\u00f6her achtet als sich selbst, und o! eine gl\u00fcckliche Gesellschaft, eine gl\u00fcckliche Gemeine, wo man nach solchen Grunds\u00e4tzen handelte. Die Demut, als eine Wurzeltugend, empfiehlt er nun durch das erhabenste Vorbild, dasjenige n\u00e4mlich, welches wir in Christo selbst antreffen, und sagt: Ein jeglicher sei gesinnet, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in g\u00f6ttlicher Gestalt war, hielt er es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein. Wir finden hier<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>einen Christo gleichf\u00f6rmigen Sinn \u00fcberhaupt empfohlen,<\/li>\n<li>insbesondere ein St\u00fcck dieser Gleichf\u00f6rmigkeit hervorgehoben.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>1.<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der heilige Apostel empfiehlt zuvor \u00fcberhaupt einen Christo gleichf\u00f6rmigen Sinn, wenn er sagt: Sei gesinnet wie Jesus Christus auch war. Vielleicht ist es dem einen oder andern nicht gleichg\u00fcltig zu h\u00f6ren, dass die Worte, wenn man sie buchst\u00e4blich \u00fcbersetzen k\u00f6nnte, also lauten w\u00fcrden: Das N\u00e4mliche, was in Christo, war auch in euch gesinnet, oder uns deutscher auszudr\u00fccken: Christi Sinn sei auch in euch. Auf diese Weise wird Christus zwar allerdings als ein Exempel, Muster und Vorbild, zugleich aber auch als die Quelle und der Urheber der guten Gesinnung vorgestellt, und ohne dies letztere k\u00f6nnte uns das erstere ohnehin nichts mehr n\u00fctzen, als \u00fcberhaupt das Gesetz, welches niemand lebendig macht und woraus h\u00f6chstens Erkenntnis der S\u00fcnde kommt. Gleichwie sich aber die S\u00fcnde zuerst in Adam gleichsam entwickelt hat, und sich von ihm herab in alle seine Nachkommen ergie\u00dft, dass sie alle S\u00fcnder sind: eben so ist die gute Gesinnung zuerst in Christo als unserm Haupte, und ergie\u00dft sich von da in alle seine Glieder, dass sie heilig werden, gleichwie der Saft zuerst im Weinstock ist und sich von da aus den Reben mitteilt. Dies ist der gro\u00dfe Unterschied zwischen dem Exempel Christi und jedem sonstigen, da jenes auch die Quelle der Nachfolge und nicht blo\u00df eine Aufforderung dazu ist; deswegen sagt der Apostel: Christi Sinn sei auch in euch, oder \u2013 wie der heilige Mann 1. Korinther 9,21 sagt: Ich bin im Gesetz Christi und 2,16: Wir aber haben Christi Sinn, das N\u00e4mliche, was er sonst den neuen Menschen nennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.1<\/strong> Dieser Sinn Christi nun ist etwas Ganzes und Unteilbares. Es ist eine gute Wurzel, aus welcher nur Gutes erw\u00e4chst, ein guter Baum, welcher gute Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, der Geist, welcher wider das Fleisch streitet. Wer Christi Sinn hat, ist nicht nur in einigen, sondern in allen St\u00fccken gesinnet wie er, und es ist unm\u00f6glich nur in einigen St\u00fccken wie er gesinnet sein und in andern nicht, denn Christus l\u00e4sst sich nicht teilen. Es ist etwas Ganzes, das Verstand, Willen und alle Kr\u00e4fte der Seele durchdringt, ein Sauerteig, welcher drei Scheffel Mehl durchs\u00e4uert, ein Licht, wodurch der ganze Leib licht wird, dass er kein St\u00fcck der Finsternis hat (Luk. 11,36), eine Kraft, die nach und nach alle H\u00fclsen und Schalen sprengt. Es hei\u00dft darum auch ein Mensch, weil es ihm an keinem Gliede mangelt. Jedoch \u00e4u\u00dfert sich dieser Sinn Christi da, wo er ist, zu einer Zeit mehr und klarer wie zur andern, so wie auch in diesem St\u00fccke mehr wie in jenem, auch ringt er bei einigen Personen und unter besondern Umst\u00e4nden mit mehr Schwierigkeiten und Hindernissen, wie bei andern, ja es kann andern und der Seele selbst vorkommen, er sei untergegangen und erloschen wie David einmal Ps. 65,4 sagt, wo er einem rauchenden Docht gleicht. Es gibt in dieser Hinsicht teils einen in diesem Leben nie aufh\u00f6renden Streit des Fleisches und des Geistes, welche wider einander sind, teils besonders b\u00f6se St\u00fcndlein, Tage eines hei\u00dfen Kampfes, wo, wie Paulus 2. Kor. 7,5 schreibt, auswendig Streit, inwendig Furcht ist, und wo man absonderlich der ganzen Waffen bedarf, um das Feld zu behalten. Der Sinn Christi hat auch in der Seele eine staffelweise Entwicklung, Gestaltung und Ausbildung, weshalb Paulus die Galater abermals (Gal. 4,19) mit \u00c4ngsten gebiert und die Korinther fleischlich und junge Kinder in Christo nennt. Hierauf gr\u00fcnden sich die Ermahnungen zum Wachstum, zum Ablegen des B\u00f6sen, zum Anlegen der Waffen des Lichts, die Ermahnung noch v\u00f6lliger, noch vollkommener zu werden, sich von Gott offenbaren zu lassen, wenn man sonst noch was halten sollte, und zu dem Ende begierig zu sein nach der vern\u00fcnftigen, lautern Milch des Evangeliums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man m\u00f6chte den Sinn Christi und die S\u00fcnde mit einander vergleichen. Diese letztere liegt wie der ganze Baum im Keim, schon in dem neugebornen Kinde und \u00e4u\u00dfert sich doch wenig oder gar nicht an demselben, wiewohl es nicht lange dauern wird, oder man merkt schon Eigensinn u. dgl. So wie aber das Kind sich entwickelt, kommen auch mehr Unarten zum Vorschein, wenigstens kann mit Jahren die Bosheit gro\u00df werden und ausbrechen wie Wasserfluten. Auf eine \u00e4hnliche Weise verh\u00e4lt es sich auch mit dem Sinne Christi. Als der neue, g\u00f6ttliche Lebenskeim wird derselbe in der Wiedergeburt in die Seele gelegt. Vielleicht \u00e4u\u00dfert sich derselbe anf\u00e4nglich kaum merkbar nur in einem Sehnen, Hungern und Verlangen, dessen sich die Seele selbst so wenig klar bewusst ist, als ein Kind, das zu Saugen begehrt, noch eigentlich wei\u00df, was es verlangt. Er f\u00fchlt sich unbehaglich und verlangt nach einem Gute, das er selbst nicht versteht und angeben kann. So kann jemand wiedergeboren sein, ohne es selbst zu wissen. Dennoch wird der neue Mensch, wenn einer da ist, erstarken, sich mehr und mehr entwickeln und sich in der Seele so offenbaren und kundtun, dass sie sich des wirklichen Daseins desselben auf eine unbezweifelte Weise bewusst werden und sagen kann: Sonst war ich blind, nun aber sehe ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sinn Christi nun ist ein heiliger Sinn, welcher sich mit der S\u00fcnde durchaus nicht vertragen kann, so dass entweder sie oder er weichen, einer von beiden das Feld behalten muss. Christus und Belial stimmen nicht zueinander, so wenig wie Licht und Finsternis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sinn Christi ist auch ein t\u00e4tiges, lebendiges Wesen, und obschon er sich nicht immer auf einerlei Weise und in gleichem Ma\u00dfe \u00e4u\u00dfert, so ist er doch ein Leben, dass nie unt\u00e4tig sein kann, und sollte sein herrschender Durchbruch auch so gehemmt und niedergehalten werden, dass er nur zu seufzen verm\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein endlich triumphierender und emporstrebender Sinn, der \u00fcber dem Ringen erstarket. M\u00f6chten dem Simson auch die Haare abgeschnitten sein, sie wachsen doch wieder und wehe dann den Philistern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein durchaus notwendiger Sinn, und wer Christi Geist und Sinn nicht hat, der ist nicht sein. Darin besteht die Herrlichkeit der menschlichen Natur, wenn in ihr das N\u00e4mliche, was in Christo gesinnet wird, wenn er in ihr lebt, wohnt, wandelt, wirkt, schafft und ihr h\u00f6chster Gipfel besteht darin, nicht sich zu leben, sondern Christum in sich wohnend haben, sein Knecht und Sklave zu sein, und so von ihm regiert zu werden, wie die Glieder eines gesunden Leibes von dem Willen der Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.2<\/strong> Wer sollte denn nicht begehren, gesinnet zu sein wie Jesus Christus? Jedoch sieht der Apostel hier nicht so sehr auf das Allgemeine, wie Christus z. B. gesinnt war gegen Gott und gegen Menschen und die verschiedenen Gattungen derselben, Stolze und Dem\u00fctige, gegen die Welt, ihre G\u00fcter, Lob und Tadel, in Leiden und Freuden u. d. m., sondern er hebt hier ein einzelnes, aber ein vornehmstes St\u00fcck aus dem Ganzen hervor. Und dies ist die Demut. Diese empfiehlt er durch das erhabenste Vorbild, das es gibt und geben kann. Er nennt hier keinen Abraham, den er anf\u00fchrt, wenn er den Glauben in seiner Herrlichkeit darstellen will, keinen Moses, den er nennt wenn erzeigen will, wie dieser Glaube alle weltlichen G\u00fcter gegen Christum nichts achtet, keinen Hiob, dieses Muster der Geduld, keinen David, der noch geringer werden will, keinen Johannes, der sich unw\u00fcrdig achtet, sich auch nur zu b\u00fccken, um Jesu die Schuhriemen zu l\u00f6sen, er nennt auch sich selbst nicht, wie er 1. Kor. 4,16 tut und sagt: Folget mir, und in seinem 2. Briefe an den Timotheus, wo er von seinem Glauben, seiner Langmut, seiner Liebe, seiner Geduld r\u00fchmet, \u2013 sondern er nennt Jesum Christum selber. Seine Demut ist um soviel leuchtender und herrlicher, da er den h\u00f6chsten Anlass zur Undemut hatte, wenn man sich so ausdr\u00fccken k\u00f6nnte, und dessen ungeachtet die allertiefste Demut bewies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>2.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich w\u00e4re Demut die Sache des Sohnes Gottes so sehr nicht gewesen, wie man ja auch an einem menschlichen K\u00f6nige zwar den Stolz mit Recht tadelt, aber doch grade nicht die Demut zu den k\u00f6niglichen Tugenden rechnet. Jesus hatte allen Anlass, alle Ursache und alle Befugnis zu einem Benehmen, das zwar von allem Hochmut, dessen er ohnehin nicht f\u00e4hig war, weit entfernt war, woraus aber doch lauter Majest\u00e4t und eine, die tiefste Ehrfurcht gebietende Hoheit hervorgeblitzt, die jeden in einer geziemenden Entfernung gehalten h\u00e4tte. Zuweilen, jedoch sparsam, benahm er sich auch so mit Worten und Taten. So sagte er zu seinen J\u00fcngern: Ihr nennet mich Herr, tut, was ich euch gebiete. Er gebot Krankheiten, Teufeln, dem Sturm, dem Meer und es gehorchte. Er sprach: Alle sollen den Sohn ehren wie den Vater, und meinte sich selbst, wenn er sagte: Hier ist mehr als Salomo, als der Tempel, ein Herr des Sabbaths. Wenn er nicht wollte, so durfte ihn niemand nicht nur nicht anr\u00fchren, sondern ihm auch nichts sagen noch ihn fragen. Obschon gebunden w\u00fcrdigte er doch den K\u00f6nig Herodes keiner einzigen Antwort auf alle seine Fragen, und auch seinen Richter nicht, als er mehr fragte, als zur Sache geh\u00f6rte, und als er ihm antwortete, kam&#8217;s ganz k\u00f6niglich heraus, eben so als der Hohepriester ihn beschwur. Er tat dies sparsam. Aber er hatte allen erdenklichen, ja ausdenklichen Grund, sich best\u00e4ndig in h\u00f6chster Majest\u00e4t zu zeigen, und wenn er&#8217;s gewollt, h\u00e4tte er&#8217;s ohne Tadel gekonnt, wenn sich auch nie eine Spur von Demut an ihm gezeigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass er allen Grund dazu hatte, gibt der Apostel in dem Ausdruck zu erkennen: Er war in g\u00f6ttlicher Gestalt oder in der Gestalt Gottes und Gott gleich. Der Gestalt Gottes steht die Gestalt eines Knechts oder Sklaven gegen\u00fcber und eins erl\u00e4utert das andere. Nach unserer Art zu reden, verstehn wir oft unter Gestalt das Gegenteil von der Wirklichkeit, wie wenn wir sagten, die Wolke hat die Gestalt eines fliegenden Adlers, doch verstehen wir auch unter Gestalt das \u00c4u\u00dfere, die Erscheinung, wie es sich f\u00fcr Personen von diesem oder jenem Range schickt. Wir w\u00fcrden von einem K\u00f6nige sagen, er erschien in k\u00f6niglicher Gestalt, und w\u00fcrden damit eine der k\u00f6niglichen W\u00fcrde angemessene Pracht meinen, oder er erschien in der Gestalt eines Privatmannes und w\u00fcrden dadurch anzeigen, dass er nichts an sich gehabt, was ihn von seinen Untertanen unterschieden h\u00e4tte. In der Gestalt Gottes sein hei\u00dft also sich so zeigen, wie es der Gottheit entspricht. So sagte der Herr 2. Mose 24 zu Mose: Steige herauf auf den Berg, und alles Volk betet an von ferne. Und sie sahen den Gott Israels, unter seinen F\u00fc\u00dfen war es wie ein sch\u00f6ner Saphir. So sah ihn auch Jesajas sitzen auf einen hohen und erhabenen Stuhl und sein Saum f\u00fcllete den Tempel, und als der Herr vor dem Elias \u00fcberging, ging Sturm, Feuer, Erdbeben vor ihm her. Auf Pathmos zeigte sich Jehovah dem Johannes in g\u00f6ttlicher Gestalt, da sein Angesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Macht und seine Stimme war wie gro\u00df Wasserrauschen. Er war in der Gestalt Gottes im Besitz aller g\u00f6ttlichen Rechte und Eigenschaften, die ganze F\u00fclle der Gottheit wohnte leibhaftig in ihm. Es war also aller erdenkliche, ja unausdenkliche Grund zur Undemut vorhanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er gewollt, so h\u00e4tte er auch seine Herrlichkeit \u00fcberall hervorstrahlen lassen k\u00f6nnen, und nicht n\u00f6tig gehabt, es f\u00fcr einen Raub, eine ungeb\u00fchrliche Anma\u00dfung zu halten, Gott gleich zu sein, weil er wirklich Gott war \u00fcber alles, hochgelobet in Ewigkeit. Beim Adam war es ein gro\u00dfes Verbrechen, dass er den Versuch machte Gott gleich zu werden, und die ihm, als einem Gesch\u00f6pf, geziemenden Schranken zu \u00fcberschreiten, so wie es immer eine schwere Beleidigung Gottes ist, wenn sich jemand etwas von seiner Ehre anma\u00dft. Darum wurde Sanherib geschlagen und Nebukadnezar vom Throne gesto\u00dfen, weil sich ihr Herz erhob und Tyrus zerst\u00f6rt, weil es sich f\u00fcr weise hielt, und Herodes musste sterben, weil er dem Volk nicht wehrte, als es seine Stimme f\u00fcr die eines Gottes erkl\u00e4rte. Bei Jesus aber w\u00e4re es keine ungeb\u00fchrliche Anma\u00dfung gewesen und konnte es nicht sein, denn alles, was des Vaters war, war auch sein. Oder sollte ein K\u00f6nig nicht das Recht haben, in jedem D\u00f6rflein seines Reichs, in k\u00f6niglicher Gestalt zu erscheinen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber, wenn ein solcher voll Demut einhergeht, was wird sich dann f\u00fcr uns geziemen, die wir nicht den geringsten Grund haben, uns selbst etwas zu d\u00fcnken, und alle erdenklichen Gr\u00fcnde uns f\u00fcr Nichts zu halten, da wir wirklich ein Nichts, oder vielmehr ein unseliges Etwas sind, das noch weniger ist als Nichts. Alles ladet uns zur \u00e4u\u00dfersten Demut ein, und wir m\u00fcssen es augenblicklich f\u00fcr einen Raub halten, wenn wir uns das Allermindeste, was gut genannt werden mag, als unseres eignen anma\u00dfen, freuen, r\u00fchmen und daf\u00fcr angesehen, geehrt, gelobt sein wollen, dies Gut mag bestehen worin es will, oder so bedeutend und unbedeutend sein, wie es kann. Von welcher Seite wir uns auch betrachten, so fordert uns alles zur Demut und Niedrigkeit auf. Betrachten wir nur unser Dasein, so haben wir zu demselben nicht das Allergeringste beigetragen noch beitragen k\u00f6nnen, und h\u00e4tten es nicht andere durch ihre m\u00fchsame, lange fortgesetzte Pflege verh\u00fctet, so h\u00e4tten wir unser Dasein bald, nachdem wir&#8217;s empfangen, wieder verloren, indem nichts hilfsloser auf die Welt kommt, als der Mensch voll Eigend\u00fcnkels. Bedenken wir unsern anf\u00e4nglichen Ursprung, so war etwas Erde der Stoff, woraus der bewundernsw\u00fcrdige Bau unsers K\u00f6rpers bereitet ist. Wir begreifen uns selbst nicht einmal. Unbegreiflich ist es ja, wie aus Erde solche Augen u. dgl. haben bereitet werden m\u00f6gen, und sehen uns gen\u00f6tigt, den K\u00fcnstler zu bewundern, der so etwas zu bereiten wei\u00df. Wir sehen, h\u00f6ren, und es ist uns ganz unbegreiflich, wie es zugeht und wissen nicht, wie die k\u00f6rperliche Bewegung geschieht, noch auch, wie wir an Gedanken und Wollen kommen. Dass wir bis auf diesen Augenblick noch sind, haben wir eben so wenig unserer Vorsicht zu danken, da wir kein Bewahrungsmittel gegen Krankheiten haben, \u2013 als dass wir noch gesund sind und den Gebrauch unserer Sinnen noch haben, der uns so gut genommen werden kann als andern. Sehen wir auf unsere Ende, wie dem\u00fctigend ist das. M\u00f6gen wir sein wer und was wir wollen, mag jemand noch so stark, munter, wohlgebildet und sch\u00f6n sein, er muss sich doch am Ende in die Erde verscharren lassen und wieder Erde werden, ja kann schon vorher sich und andern zum Ekel sein. So wenig als unser Dasein, haben wir unsern Verstand, Ged\u00e4chtnis und andere Seelenkr\u00e4fte uns selbst angeschafft, zu welcher Anschaffung es ja auch gar keine Mittel gibt, wenn sie gleich durch Unterricht u. dgl. ausgebildet werden k\u00f6nnen. Die Erhaltung dieser Kr\u00e4fte h\u00e4ngt eben so wenig von unserm freien Willen ab, als deren Erwerbung. Ja das Verm\u00f6gen zu sprechen ist ja nicht unser Eigentum, und wir k\u00f6nnen es verlieren, wie alles andere, k\u00f6nnten ja sogar taub und sprachlos geboren sein. Auch die \u00e4u\u00dfern Umst\u00e4nde, worin wir uns befinden, sind ja nicht der Erfolg unserer Berechnung, der Schrift nicht einmal zu gedenken, welche uns versichert, des Menschen Tun stehe nicht in seiner Macht. O, welche arme Gesch\u00f6pfe sind wir Menschen, wie viel wir uns auch zu sein d\u00fcnken! Der arme Mensch trotzt und pocht auf sich selbst, und wei\u00df sich ungemein viel mit seinem freien Willen Gutes zu w\u00e4hlen und B\u00f6ses zu verwerfen, mit seinem Wissen und K\u00f6nnen. Er d\u00fcnket sich eine Art von Gott zu sein, von dessen Bestimmung und Anordnung das Meiste abh\u00e4ngt, wiewohl eins und das andere dem Zufall angeh\u00f6rt. H\u00f6ren wir aber die Schrift, so m\u00fcssen wir unsere Saiten etwas niedriger spannen. Sie ermahnt den Weisen, sich nichts auf seine Weisheit, den Starken, sich nichts auf seine St\u00e4rke einzubilden. Sie stellt sich ungeb\u00e4rdig gegen solche, die sich weise, stark und klug d\u00fcnken. Sie unterwirft selbst die Sperlinge, selbst das Los, selbst das Haupthaar samt der K\u00f6nige Herz der festen g\u00f6ttlichen Regierung, und nennt sogar Raupen und Geschmei\u00df ein Heer des Herrn. Sie fragt, wer es sei, der verst\u00e4ndige Gedanken gebe. Sie sagt, wir seien nicht t\u00fcchtig etwas zu denken, und Christus lehrt ganz allgemein, dass wir das Geringste nicht verm\u00f6gen, und fragt: Warum sorgt ihr f\u00fcr das andere? (Luk. 12,36) Sollen wir uns gleich nach seiner Anweisung f\u00fcr besser halten, als viele Sperlinge, und daraus schlie\u00dfen, dass, so er die versorgt, er dies vielmehr uns tun werde, so wird doch alle unsere Herrlichkeit des Grases Blume verglichen, und von allen Menschen gesagt: Wie sind sie doch so gar nichts! Sie gehn dahin wie ein Schemen, und machen sich viel vergebliche Unruhe. Selbst die F\u00fcrsten wiegen alle auf einem Haufen weniger als nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei uns ist also nicht der geringste Grund vorhanden, uns auf irgend eine Weise zu erheben. Ja d\u00fcnken wir uns etwas zu sein, etwas zu wissen, etwas zu haben, etwas zu k\u00f6nnen, so ist es schon zu viel. Und da dieser Sinn so ganz allgemein ist, so sehen wir daraus unsere Verkehrtheit, die es nicht anerkennt, dass wir in Gott leben, weben und sind, dass au\u00dfer ihm nichts ist, dass er der Herr ist, der alles tut. Es ist derhalben nichts, als ein Beweis unserer Blindheit und Verkehrtheit, ja Gottlosigkeit, wenn wir nach jener Grundsatz verfahren, den Jakobus verwirft, die da sagen: Heute oder morgen wollen wir gehen in die und die Stadt, und da ein Jahr liegen und gewinnen und hantieren, da sie doch nicht wissen, was morgen sein wird. Denn was ist euer Leben? Ein Dampf ist es, der bald verschwindet. (Jak. 4,14) Dagegen geziemt uns eine unendliche Demut, die unsere g\u00e4nzlichste Abh\u00e4ngigkeit von dem einigen Gott aufs Allertiefste anerkennt und in diesem Sinne denkt, redet und handelt. Sagte der, der in g\u00f6ttlicher Gestalt war, und es also nicht h\u00e4tte f\u00fcr einen Raub anzusehen brauchen Gott gleich zu sein, sagte er Joh. 5,19: Der Sohn kann nichts von ihm selbst tun, was wird sich dann f\u00fcr uns geziemen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch haben wir hier nur noch von dem Geringsten geredet. Das Gesagte w\u00fcrde auch in dem Falle wahr sein, wenn wir keine S\u00fcnder, sondern lauter Gerechte w\u00e4ren, nie keine S\u00fcnde getan h\u00e4tten, auch kein Betrug in unserm Munde erfunden w\u00e4re. Aber nun kommt noch die Betrachtung unserer S\u00fcnderschaft hinzu, welche uns nun vollends zur unergr\u00fcndlichsten Demut, ja zur Verachtung und zum Hass unserer selbst verweiset. Betrachten wir die Namen, die uns gegeben werden, da wir allzumal S\u00fcnder, Abtr\u00fcnnige, Ungehorsame, Unreine, Rebellen, ja gar Feinde Gottes und Kinder des Zorns genannt werden; betrachten wir das, womit wir verglichen werden, als mit Dornen und Disteln, mit Schlangen und andern unreinen und giftigen Tieren; bedenken wir die Beschreibung, welche die Schrift von unserer Natur macht, da sie dieselbe Fleisch nennt, und von demselben nicht nur sagt, es wohne nichts Gutes darin, sondern es auch als die Quelle aller erdenklichen S\u00fcnden und Gr\u00e4uel darstellt, worin der Teufel sein Werk hat; bedenken wir, dass uns alles Verm\u00f6gen, geistliche Dinge zu erkennen oder etwas wahrhaft Gutes zu \u00fcben, g\u00e4nzlich abgesprochen und das, wovon wir am h\u00f6chsten halten, n\u00e4mlich unsere Weisheit und Tugend, g\u00e4nzlich verworfen wird; erw\u00e4gen wir, dass Gott das Urteil einer ewigen Verdammnis \u00fcber diese b\u00f6se Natur ausgesprochen hat, so muss uns das ja zur \u00e4u\u00dfersten Demut, Nichtachtung, ja Verachtung unserer selbst und alles dessen, was aus uns hervorgeht anweisen, sonderlich wenn wir dabei erw\u00e4gen, was zur Herstellung dieser Natur erforderlich war und ist. Dazu war n\u00e4mlich nichts Geringeres erforderlich, als das allerheiligste Opfer des Sohnes Gottes selber, der sich selbst f\u00fcr uns alle dahin gab, auf dass er uns erl\u00f6sete von aller Ungerechtigkeit, da alle bisherigen Opfer ganz ung\u00fcltig geblieben waren. Was muss das aber f\u00fcr eine Natur sein, die nicht anders, als durch eine solche saure Arbeit, als durch den Tod des Sohnes Gottes verfolget werden konnte! Dies ist ein Ma\u00dfstab, wor\u00fcber alle unsere Gedanken uns zerrinnen, dass wir sagen m\u00fcssen: Wer kann&#8217;s ergr\u00fcnden? Musste unsere Natur durch Blut und zwar durch das Blut des Sohnes Gottes gereinigt werden, wenn sie wieder rein werden sollte, \u2013 was musste das denn f\u00fcr eine Unreinigkeit sein! Demn\u00e4chst schlagen wir unser Verderben viel zu niedrig an, und machen dadurch dessen Heilung unm\u00f6glich, wenn wir meinen, demselben werde abgeholfen teils durch \u00e4u\u00dfere Vorstellung, Ermahnung und Belehrung, sonderlich wenn sie fr\u00fch genug, d. h. schon in der ersten Erziehung geh\u00f6rig beginnen, teils durch unsere eigenen Vors\u00e4tze, Bem\u00fchungen, durch angewandtes Nachdenken, Eingezogenheit und Flei\u00df; \u2013 eine Meinung, der wir mehr oder weniger allzumal zugetan sind, oder auch selbst daf\u00fcr streiten und ihr das Wort reden. Ach! dieser Leviathan spottet dergleichen bebenden Lanzen und frisst solch Eisen wie Stroh. Es geh\u00f6ren ganz andere Waffen dazu, n\u00e4mlich die g\u00f6ttliche R\u00fcstung selbst. Die Bu\u00dfe, die Bekehrung, die Wiedergeburt, der Glaube, die Heiligung, die Bewahrung, kurz die ganze Erneuerung wird uns als ein Werk Gottes vorgestellt, und zwar nicht als ein solches, wie wir auch etwa den Fr\u00fchling ein Werk Gottes nennen, sondern im strengsten und allereigentlichsten Sinne. Es wird daher eine Auferweckung, eine Lebendigmachung von den Toten, folglich ein Wunder genannt, abgebildet durch die Wunderwerke, welche Christus verrichtete, wodurch Blinde sehend, Lahme gehend, Taube h\u00f6rend, Auss\u00e4tzige rein, Tote lebendig wurden. Deshalb wird von einer \u00fcberschw\u00e4nglichen Gr\u00f6\u00dfe der Kraft Gottes und von einer m\u00e4chtigen Wirkung seiner St\u00e4rke geredet, und dies Werk der Auferweckung Christi von den Toten verglichen. Ja Gott in Christo durch den heiligen Geist wird nicht nur als der Urheber des Gr\u00f6\u00dferen, sondern auch des Geringeren, nicht nur des Vollbringens, sondern auch des Wollens, nicht nur der Vollendung, sondern auch des Anfangs dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo ist also der Ruhm? Er ist aus. Was geh\u00f6rt in unsere Rechnung? Was anders, als unsere Schulden, unsere Blindheit und vermeintliche Weisheit, unsere Ohnmacht und vermeintliche Kraft, unser Verderben und vermeintliche Gerechtigkeit. Wes d\u00fcrfen wir uns in der Natur, wes in der Gnade, wes wegen des Anfangs und Fortgangs des guten Werks r\u00fchmen? Auch keines guten Gedanken, auch keines guten Willens!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War Jesus denn dem\u00fctig, Er der allen Anlass hatte in Glanz und Hoheit einherzugehen, was wird sich f\u00fcr uns geziemen, die wir nicht den geringsten Grund haben, uns irgend \u00fcber etwas zu erheben, allen Grund aber, uns selbst in Staub und Asche zu erniedrigen? Der Herr hat sich hochgesetzt, Er erniedrige uns in Gnaden, um uns zu seiner Zeit zu erh\u00f6hen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gottfried Daniel Krummacher<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Herausgegeben von Thomas Karker, Bremen (<a href=\"http:\/\/www.karker.de\">www.karker.de<\/a>)<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will noch geringer sein denn also, und will niedrig sein in meinen Augen, und mit den M\u00e4gden, davon du geredet hast, zu Ehren werden. Dies war ein Teil der Antwort, welche David nach 2. 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