{"id":16194,"date":"2019-01-22T09:43:43","date_gmt":"2019-01-22T08:43:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16194"},"modified":"2019-01-22T09:44:22","modified_gmt":"2019-01-22T08:44:22","slug":"mehr-als-fromme-wuensche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16194","title":{"rendered":"Mehr als \u201eFromme W\u00fcnsche\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Pietismus war im 17. und 18. Jahrhundert \u201eneben dem angels\u00e4chsischen Puritanismus die bedeutendste religi\u00f6se Bewegung des Protestantismus seit der Reformation\u201c, so Johannes Wallmann (Der Pietismus). Der Begriff leitet sich vom lat. pietas f\u00fcr Fr\u00f6mmigkeit oder Religiosit\u00e4t ab. Als einer der ersten Vordenker des Pietismus gilt der lutherische Pfarrer Johann Arndt, der 1621 in Celle starb. Sein vierb\u00e4ndiges Werk Vom wahren Christenthum, zwischen 1605 und 1610 in Frankfurt am Main herausgegeben, wurde bald zu einem Bestseller und Klassiker der Erbauungsliteratur.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelische Erneuerungsbewegung breitete sich auch unter den Reformierten wie in den Niederlanden (Wilhelm a Brakel, Jodocus van Lodenstein) und in Deutschland aus (Theodor Undereyck, F. A. Lampe und der bis heute bekannte Liederdichter Joachim Neander). Den unbestritten gr\u00f6\u00dften Einflu\u00df hatte aber mit Philipp Jakob Spener (1635\u20131705) ein weiterer lutherischer Pfarrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener stammte aus dem Elsa\u00df. Schon mit achtzehn Jahren erwarb er an der Universit\u00e4t Stra\u00dfburg den Magister in Philosophie. Neben Geschichte studierte er auch noch Theologie, erlangte 1664 den Doktortitel in diesem Fach. \u00dcber zwei Jahrzehnte, von 1666 bis 1686, wirkte Spener als lutherischer Pastor in Frankfurt. Dort scharte er ab 1670 in den \u201efrommen Versammlungen\u201c (lat. collegia pietatis) Kollegen und andere Gleichgesinnte um sich \u2013 eine Art Haus- oder Bibelgespr\u00e4chskreis. Obwohl das collegium Speners nicht sehr lange Bestand hatte und der Pietismus in Frankfurt selbst nicht tiefere Wurzeln schlagen konnte, wurden die neuen Bibel- und Erbauungsstunden in anderen Teilen Deutschland (und selbst im fernen Finnland oder im Baltikum) fester Teil der evangelischen Kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener wirkte vor allem durch seine Schriften. Ende des 17. Jahrhunderts war er der am meisten gelesene Autor deutschsprachiger protestantischer Literatur! 1675 erschien sein wichtigstes und bis heute bekanntestes Werk: Pia Desideria oder herzliches Verlangen nach gottgef\u00e4lliger Besserung der wahren evangelischen Kirche \u2013 die \u201eFrommen W\u00fcnsche\u201c, die Programmschrift des Pietismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDas Verderben unserer evangelischen Kirche\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem ersten Teil beklagt Spener den Zustand der evangelischen Kirche seiner Zeit. Er spricht vom \u201egeistlichen Elend unserer Kirche\u201c. Neben den Verfolgungen \u201eder wahren Lehre, vor allem von der r\u00f6mischen Kirche\u201c, ist \u201edie andere und vornehmste Ursache des Jammers unserer Kirche, dass sie innerlich fast durch und durch zerr\u00fcttet ist\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kritisiert die Verdorbenheit der weltlichen Herrschaft. \u201eDass wir Prediger in unserm Stande so viel Reformation bed\u00fcrfen wie sonst kein anderer Stand\u201c, ist aber noch viel ernster zu nehmen. Es g\u00e4be so manch einen Prediger, \u201edem alle Glaubensfr\u00fcchte fehlen\u201c. Es mangelt vielen seiner Kollegen am Glauben selbst, und was ihnen als Glauben erscheint, ist oftmals nur \u201eeine menschliche Einbildung\u201c. Wie wollen sie andere heilen, wenn sie diese eigenen Wunden nicht sehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener geht aber auch mit den einfachen Menschen hart ins Gericht. \u201eMan sehe doch das gew\u00f6hnliche Leben unserer sogenannten Lutherischen an\u201c, die den Namen Luthers mit Unrecht tragen, weil sie \u201edie Lehren des teuren Luthers von dem lebendigen Glauben nicht erkennen.\u201c Die \u201eleidige Gewohnheit [also Traditionen] hat die Regeln unseres Christentum verdunkelt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben Trunksucht und st\u00e4ndigen Prozessiererei nennt Spener den Mangel an konkreter N\u00e4chstenliebe. Viele meinten auch schon damals, dass sie \u00fcber den Besitz v\u00f6llig frei verf\u00fcgen k\u00f6nnen. Spener widerspricht und erinnert an das Beispiel der G\u00fctergemeinschaft in der Gemeinde in Jerusalem: \u201eSo steht mir [dem Einzelnen] keineswegs frei, das Meinige f\u00fcr mich zu behalten wie und so lange ich will\u201c. Leidet n\u00e4mlich mein N\u00e4chster Not, \u201edarf mich kein Bedenken zur\u00fcckhalten [das Meinige] als ein gemeinschaftliches Gut hinzugeben\u201c. Das weltliche Recht zwingt nicht zu solchen Taten der Barmherzigkeit, wohl aber \u201edas g\u00f6ttliche Recht der Liebe\u201c. Redet man nun aber so, wird dies als \u201efremde Lehre\u201c empfunden, obwohl es doch \u201eeine notwendige Folge der christlichen Liebe\u201c ist. Leider geht auch die Mildt\u00e4tigkeit der gro\u00dfz\u00fcgigsten Menschen \u201efast niemals weiter als von dem \u00dcberflu\u00df mitzuteilen\u201c. Der Zehnte ist zwar kein Gesetz mehr, aber wir sollten bereitweillig noch mehr als den Zehnten im Alten Testament geben. Spener stellt allerdings ern\u00fcchtert fest, \u201ewie fern wir von der \u00dcbung rechter ernster Bruderliebe\u201c sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht wenige meinen au\u00dferdem, sie h\u00e4tten schon genug getan, \u201ewenn sie eben getauft w\u00e4ren, das Wort Gottes in der Kirche h\u00f6ren\u2026, zum heiligen Abendmahl gingen, mag nun das Herz dabei sein oder nicht, m\u00f6gen Fr\u00fcchte folgen oder nicht.\u201c Spener bem\u00e4ngelt gerade die Abendmahlspraxis. Das Herrenmahl ist doch eigentlich ein \u201ekr\u00e4ftiges Mittel des evangelischen Trostes\u201c. Allerdings \u201etr\u00f6sten sich damit so viele, bei denen sich nicht das Geringste von dem wahren Glauben findet.\u201c Sie verharren in ihrer \u201eUnbu\u00dffertigkeit\u201c, sind mit dem Herzen nicht dabei und k\u00fcmmern sich nicht darum, \u201eob sie den alten Adam noch auf seinen Thron lassen\u201c, d.h. gegen die S\u00fcnde ank\u00e4mpfen. Spener diagnostiziert einen R\u00fcckfall in katholische Praxis und kommt zu dem Schlu\u00df: Es ist \u201eder Menschen Bosheit und Teufels List, der die von Gott verordneten Mittel zur Seligkeit den Menschen zur Veranlassung gr\u00f6\u00dferer Sicherheit und desto schwerer Verdammnis zu machen sucht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den \u201eh\u00f6chst verderbten, gef\u00e4hrlichen und fast verzweifelten Zustand unserer Kirche\u201c kann Spener nur \u201ebitterlich beweinen\u201c. Dies \u201eVerderben unserer evangelischen Kirche\u201c sei auch die Hauptursache, warum sich viele \u201eaus den irrgl\u00e4ubigen Gemeinden\u201c, vor allem der Kirche Roms, sich weigern den Evangelischen anzuschlie\u00dfen, und das, \u201eobwohl sie den in ihrer Kirche herrschenden Greuel so deutlich erkennen\u201c. Es gen\u00fcgt eben nicht eine intakte Lehre, wenn das Leben der Menschen zerr\u00fcttet und krank ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eBr\u00fcderliche Unterredungen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zweiten H\u00e4lfte des Buches schl\u00e4gt Spener sechs konkrete Reformma\u00dfnahmen vor. Die erste und wichtigste lautet: Man muss \u201edas Wort Gottes reichlicher unter uns bringen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir wissen, dass wir von Natur aus nichts Gutes an uns haben\u201c, so Spener. Das Gute muss \u201evon Gott ins uns gewirkt werden, und dazu ist das Wort Gottes das kr\u00e4ftigste Mittel.\u201c Deshalb gilt: \u201eJe reichlicher also das Wort Gottes unter uns wohnen wird, je mehr werden wir Glauben und dessen Fr\u00fcchte entspringen sehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Predigten \u201ewie sie gew\u00f6hnlich gehalten werden\u201c, verwirft er nicht. \u201eAber ich finde, dass dieses nicht genug sei\u201c. Die ganze Heilige Schrift soll der Gemeinde bekannt sein, was aber durch das Predigen allein kaum zu leisten ist. \u00dcber die Jahre hinweg kann \u00fcber viele Bibeltexte gepredigt werden, doch \u201edas \u00dcbrige h\u00f6rt die Gemeinde gar nicht oder [in den Predigten] nur einzelne Spr\u00fcche daraus\u201c. Vor allem der doch so wichtige Zusammenhang der biblischen B\u00fccher und der Heilsgeschichte bleibt unbekannt. Auch das an sich so lobenswerte Lesen zu Hause gen\u00fcgt allein nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener fordert \u00f6ffentliche Vorlesungen von l\u00e4ngeren Bibelabschnitten in der Gemeinde, da viele damals noch nicht oder nur schlecht lesen konnten und keine Bibel besa\u00dfen. Seine Hauptforderung war, dass \u201eneben unseren gew\u00f6hnlichen Predigten auch andere Versammlungen gehalten w\u00fcrden\u201c, wo \u201enicht einer allein auftr\u00e4te, um zu lehren\u2026, sondern auch andere, die mit Gaben und Erkenntnis begnadigt sind\u201c. Ohne \u201eUnordnung und Zanken\u201c sollen auch sie \u201eihre gottseligen Gedanken \u00fcber die vorgelegte Materie [ein bestimmter Bibeltext oder ein biblisches Thema] vortragen, die \u00fcbrigen m\u00f6gen aber dar\u00fcber urteilen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesen Versammlungen k\u00f6nnen \u201emehrere Prediger\u201c oder \u201eunter der Leitung des Predigers mehrere andere Gemeindeglieder\u201c teilnehmen, die von Gott mit Erkenntnis begabt oder darin zunehmen wollen. Sie sollen zusammenkommen, \u201esich die Heilige Schrift vornehmen, daraus laut lesen und sich \u00fcber jede Stelle dieser br\u00fcderlich unterreden\u201c. Wer das eine oder andere nicht versteht, k\u00f6nne \u201eseine Zweifel vorbringen\u201c. Spener verbindet also den Grundsatz der freien \u00c4u\u00dferung mit gemeinsamer kritischer Untersuchung der vorgetragenen Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Bibelstunden haben auch den Vorteil, dass die Prediger sich mit ihren Gemeindemitgliedern besser vertraut machen, ihren Fortschritt und auch ihre Schw\u00e4chen besser kennenlernen. Vor allem wird zwischen allen Teilnehmern Vertrauen gestiftet. Au\u00dferdem stellen Gespr\u00e4chsgruppen dieser Art einen Raum zur Verf\u00fcgung, in dem Fragen an die Bibel, die meist nicht so ernst sind, dass man daf\u00fcr gleich den Pfarrer aufsuchen mag, vorbringen kann. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen die Gemeindemitglieder auf diese Weise \u201ef\u00fcr sich selbst wachsen\u201c und \u201et\u00fcchtiger werden\u201c, um in der \u201eHauskirche\u201c, also bei Andachten und Katechese in der Familie und mit den Mitarbeitern im famili\u00e4ren Betrieb oder Hof, \u201ebesser zu unterrichten\u201c. Die Bibelstunden sind in Speners Vision also ein Zwischenglied zwischen \u201e\u00f6ffentlicher Predigt\u201c und \u201eHausandacht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener fasst am Ende der ersten Forderung noch einmal zusammen: Die \u201eflei\u00dfige Besch\u00e4ftigung mit Gottes Wort\u201c, konkret die gemeinsamen \u201eUnterredungen\u201c, nicht nur das Anh\u00f6ren von Predigten, seien das \u201evorz\u00fcglichste Mittel\u201c, etwas in der Kirche zu bessern. Denn \u201edas Wort Gottes bleibt der Same, aus dem alles Gute bei uns herkommen muss; und gelingt es uns, die Leute eifrig zu machen, dass sie darin flei\u00dfig forschen und in diesem Buche des Lebens ihre Freude suchen, so wird das geistliche Leben bei ihnen herrlich gest\u00e4rkt und aus ihnen ganz andere Leute werden. Was hat doch unser seliger Luther eifriger gesucht, als die Leute zum flei\u00dfigen Lesen der Schrift anzureizen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lutheraner Spener stand fest in der Tradition seiner Konfession, grenzte sich z.B. \u2013 wie damals, im 17. Jahrhundert \u00fcblich \u2013 klar von der Sakramentstheologie der Reformierten ab. Dennoch zeigen sich in der Betonung des gemeinsamen Schriftstudium erstaunliche Parallelen zu Johannes Calvin. M\u00f6glicherweise liegt dies daran, dass Spener theologisch in Stra\u00dfburg gepr\u00e4gt wurde \u2013 der Stadt, in der Reformator Martin Bucer viele Spuren hinterlie\u00df. In der els\u00e4ssischen Stadt wirkte auch Calvin (1538\u201341) und lernte dort viel von seinem Mentor Bucer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So fordert die Genfer Kirchenordnung von 1561 folgendes: \u201eUm Reinheit und Eintracht der Lehre untereinander zu bewahren\u201c, sollen alle Pfarrer \u201ean einem bestimmten Wochentag zu einem gemeinsamen Schriftstudium zusammenkommen\u201c. Rei um soll jeder einmal einen Bibelabschnitt auslegen, und die Pfarrer \u201em\u00f6gen alles gemeinsam besprechen\u201c. Auch diese sog. congregation war offen f\u00fcr interessierte Nichttheologen. Spener wie Calvin betonten also die Schriftauslegung in der Gruppe und die gemeinsame Diskussion \u00fcber Bibeltexte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eEine besondere List des leidigen Teufels\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Reformpunkt ist die \u201eflei\u00dfige \u00dcbung des geistlichen Priestertums\u201c. Wie auch Luther kn\u00fcpft Spener an 1 Pt 2,5.9 (alle Gl\u00e4ubigen bilden die \u201eheilige\u201c oder \u201ek\u00f6nigliche Priesterschaft\u201c). Wie der Reformator betont er, \u201edass allen Christen insgesamt ohne Unterschied alle geistlichen \u00c4mter zustehen\u201c, denn \u201enicht nur die Prediger, sondern alle Christen sind von ihrem Erl\u00f6ser zu Priestern gemacht, mit dem heiligen Geist gesalbt und zu geistlichen, priesterlichen Verrichtungen berufen\u201c. Nur die \u201eordentliche und \u00f6ffentliche Verrichtung\u201c des Dienstes an Wort und Sakrament ist Aufgabe der \u201edazu bestellten Diener\u201c, der Pfarrer oder Pastoren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener nennt Luthers \u201eSchriften an die B\u00f6hmen\u201c und meint damit vor allem die lat. Schrift De instituendis ministris ecclesiae aus dem Jahr 1523. Tats\u00e4chlich r\u00e4umte Luther mit dem r\u00f6misch-katholischen Amtsverst\u00e4ndnis in seinen fr\u00fchen Schriften aus den Jahren 1520 bis 1523 radikal auf und betonte das Priestertum aller Gl\u00e4ubigen. Ein spezielles Priestertum leugnete er. Luther unterstrich, dass durch Glaube und Taufe alle Christen gesalbte Priester sind. \u201eAlle Christen sein wahrhaftig geistlichen Standes, und es ist unter ihn kein Unterscheid, denn allein des Amts wegen\u201c, so der Reformator in An den christlichen Adel deutscher Nation (1520).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In De instituendis nimmt Luther kein Blatt vor den Mund. Es ist f\u00fcr ihn ein \u201eweit verbreitetes und allerst\u00e4rkstes \u00c4rgernis\u201c, \u201edass man damit angefangen hat, diejenigen, welche die Bisch\u00f6fe geschoren [die Tonsur der Priester und M\u00f6nche, endg\u00fcltig abgeschafft erst im 20 Jhdt.] und gesalbt haben, in menschlichem Irrtum \u2018Priester\u2019 zu nennen\u201c. Dies sei ein \u201eaufgeputzter Name\u201c, mit dem \u201eSatan betr\u00fcgerisch dahergekommen\u201c ist. \u201eDiesen Skandal wirst du nicht in den Griff bekommen, wenn du hier nicht mit geschlossenen Augen an allem vorbeigehst, was Brauch, Alter und Menge verlangen, und stattdessen mit offenen Ohren dich ganz an das Wort Gottes h\u00e4ltst\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eChristus ist Priester, also sind die Christen Priester\u201c, so Luther. Diejenigen, die die Sakramente und das Wort verwalten, \u201ek\u00f6nnen oder d\u00fcrfen nicht Priester genannt werden.\u201c Wird an dieser Praxis festgehalten, geschieht dies \u201ezum gro\u00dfen Schaden der Kirche\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur auf diesem Hintergrund sind auch Speners scharfe Worte zu verstehen. Er bezeichnet es als eine \u201ebesondere List des leidigen Teufels\u201c, dass dieser \u201ees im Papsttum dahin gebracht hat, dass alle solche geistlichen \u00c4mter allein der Klerisei \u00fcberwiesen wurden\u201c. Nur diese haben sich auch noch in \u201ehochm\u00fctiger Weise\u201c allein \u201eGeistliche\u201c genannt \u2013 eine Bezeichnung, \u201edie tats\u00e4chlich allen Christen geh\u00f6rt\u201c. Schlie\u00dflich sollen alle Christen \u201eim Wort des Herrn flei\u00dfig forschen\u201c, andere \u201eunterrichten, vermahnen, strafen, tr\u00f6sten\u201c. Nun wird jedoch so getan, \u201eals w\u00e4ren dies lauter Dinge, die an dem Predigtamte allein hingen\u201c. Spener bedauert, dass die sog. Laien auf diese Weise \u201etr\u00e4ge gemacht wurden und so eine schreckliche Unwissenheit entstanden ist.\u201c Die \u201esogenannten Geistlichen\u201c tun nun, \u201ewas sie wollten, da ihnen niemand in die Karten sehen und die geringste Einrede tun darf\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener kritisiert scharf das \u201eangema\u00dfte Monopol des geistlichen Standes\u201c in der Bibelauslegung und Verk\u00fcndigung. Jeder Christ ist n\u00e4mlich \u201everpflichtet\u201c, \u201ein dem Wort des Herrn emsig zu forschen\u201c und vor allem \u201eseine Hausgenossen nach der Gnade, die ihm gegeben ist, zu lehren, zu strafen, zu ermahnen, an ihrer Bekehrung zu arbeiten, zu erbauen, ihr Leben zu beobachten, f\u00fcr alle zu beten und f\u00fcr ihre Seligkeit nach M\u00f6glichkeit zu sorgen.\u201c \u201eWo hingegen solche Lehre nicht bekannt und getrieben wird, entsteht alle Sicherheit und Tr\u00e4gheit, indem niemand denkt, dass ihn dergleichen angehe\u201c \u2013 wird doch Theologie und alle Lehre als Vorrecht der Pfarrer wahrgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener betont, dass aber gar kein Eingriff in die Pflichten des Predigers vorliegt, denn der ist allein sowieso viel zu schwach: \u201eein Mann ist nicht genug\u201c f\u00fcr alle Aufgabe der Lehre und Seelsorge (auch hier wiederholt hier mglw. Gedanken Bucers). Dies ist ja auch die positive Zielsetzung des zweiten Reformpunktes. Er ist die Antwort auf die Frage, wie das das Wort Gottes reichlicher unter die Menschen gebracht werden kann: Eben auch durch den Einsatz der sog. Laien, nicht nur der ordinierten Pfarrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener bedauert Lehre \u201enach Luthers Zeiten kaum mehr getrieben wurde\u201c. Viele lutherische und reformierte Kirchen mutierten trotz allem zu Pastorenkirchen. So deuten auch heute selbst Lutheraner den sehr wichtigen 5. Artikel im Augsburger Bekenntnis in einem klerikalen Sinne. Dieser ist deshalb so wichtig, weil dort geschildert wird, auf welche Weise die in Art. 4 geschilderte Rechtfertigung durch den Glauben erworben werden kann, also wie der Glaube durch den Geist gewirkt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Heilige Geist hat sich an das Wort gebunden und schafft Glauben durch dieses \u201eMittel\u201d. Prof. Oswald Bayer aus T\u00fcbingen gibt nun zu bedenken: \u201eGegen den ersten Anschein \u2013 der Gebrauch des Wortes \u2018Predigtamt\u2019 [im deutschen Text des Bekenntnisses von 1530] scheint dies nahezulegen \u2013 ist hier nicht etwa nur das ordinationsgebunde Amt, das Pfarramt, gemeint; davon ist in gro\u00dfem Abstand erst im Artikel 14 die Rede\u2026 Artikel 5 spricht nicht speziell vom Pfarramt, sondern vom \u2018ministerium\u2026 evangelii\u2019 ganz grunds\u00e4tzlich, d.h. vom Amt des Wortes, wie es jedem Getauften anvertraut ist.\u201d (Martin Luthers Theologie)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Heilige Geist wirkt den Glauben \u201ewo und wann er will, in denen, die das Evangelium h\u00f6ren\u201c, so im Art. 5. Dieses Wecken kann \u00fcberall dort geschehen, wo das Evangelium verk\u00fcndigt oder weitergesagt wird \u2013 egal, von wem, seien es nun professionelle Prediger oder Laien. Der Art. 5 betont also die allgemeine Aufgabe der Kirche als ganzer. Alle Mitglieder der Kirche nehmen an diesem Predigtamt, an der Weitergabe des Wortes, teil; alles sollen \u201edie Botschaft von der freien Gnade Gottes\u201c an \u201ealles Volk\u201c ausrichten, so mit den Worten der Barmer theologischen Erkl\u00e4rung von 1934 (6. These).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eUnd wenn er auch ein doppelter Doktor w\u00e4re\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dritte Punkt in Speners Reformkatalog unterstreicht, dass es nicht nur um Wissen, sondern die praktische \u201eAus\u00fcbung\u201c des Glaubens geht. Es geht nicht nur um die rechte Lehre und den rechten Glauben, sondern auch um das entsprechende Handeln. Dies zeigt sich praktisch in der Bruder- und N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vierten Punkt behandelt Spener Religionsstreitigkeiten. Sie sind kein Selbstzweck, sondern zielen darauf, den Irrenden zur Wahrheit zu f\u00fchren. \u201eDer einzige Zweck des Disputierens an sich ist die Rettung der wahren Lehre vor den falschen Meinungen\u201c. Dies soll in Liebe geschehen und von F\u00fcrbitte getragen sein. Auch wenn die Wahrheit unbedingt zu sch\u00fctzen gilt, ist eine Bekehrung h\u00f6herwertig als ein intellektueller Sieg. Spener: \u201eDenn eine intellektuelle Einsicht und das \u00dcberzeugtsein von einer Wahrheit ist bei weitem noch nicht der Glaube\u2026 Daraus wird klar, dass Disputieren nicht genug ist, weder um bei uns selbst die Wahrheit zu erhalten, noch um sie den noch Irrenden beizubringen. Sondern dazu ist heilige Liebe Gottes vonn\u00f6ten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend geht Spener im f\u00fcnften Punkt zu Predigern und ihrer Ausbildung \u00fcber. Vom Predigtamt hinge Entscheidendes ab, denn \u201edie M\u00e4ngel, die sich an Predigern finden, schaden am meisten\u201c. Daher sollen \u201enur solche M\u00e4nner zum Predigtamt berufen werden, die dazu t\u00fcchtig w\u00e4ren\u201c. Schon bei den Theologiestudenten m\u00fcsse das \u00fcbliche unchristliche Leben \u201eabgeschafft und gebessert werden\u201c. Es m\u00fcsse ihnen \u201eflei\u00dfig eingesch\u00e4rft werden, dass nicht weniger an ihrem gottseligen Leben als an allem Flei\u00df und Studieren gelegen sein soll\u201c, ja das zweite ist ohne das erste \u201enichts wert\u201c. In geistlichen Dingen m\u00fcsse \u201ealles auf die Aus\u00fcbung des Glaubens und Lebens gerichtet werden\u201c. Professoren sollen daher auf Leben wie Studium der Studenten achten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener ist sich sicher, \u201edass ein zwar mit wenig Gaben gezierter Mensch, der aber Gott herzlich liebt, mit seinem geringen Talent und Wissen der Gemeinde Gottes mehr n\u00fctzen wird, als ein eitler Welt-Narr, wenn er auch ein doppelter Doktor w\u00e4re und voller Kunst steckte, aber von Gott nicht gelehrt w\u00e4re.\u201c Universit\u00e4ten sollen deshalb auch Zeugnisse \u201e\u00fcber ihr gottseliges Leben\u201c ausstellen. Schlie\u00dflich \u201em\u00fcssen die Studenten anfangen, das selbst zu tun, was sie dermaleinst anderen lehren sollen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend wendet sich Spener den Predigten selbst zu. Sie sollen darauf ausgerichtet sein \u201eGlauben und dessen Fr\u00fcchte hervorzubringen\u201c. Ihr Zweck darf nicht sein, \u201eRuhm der Gelehrsamkeit\u201c zu mehren oder rhetorische F\u00e4higkeiten darzustellen. \u201eDie Kanzel ist nicht der Ort, wo man seine Kunst mit Pracht sehen l\u00e4sst\u201c. Das Wort soll \u201eeinf\u00e4ltig, aber gewaltig\u201c gepredigt werden, um \u201edie Leute selig zu machen\u201c. Glaube soll geweckt und der \u201einnere Mensch\u201c gest\u00e4rkt werden. \u201eDer Prediger solle sich \u00fcberhaupt viel mehr nach seinen Zuh\u00f6rern richten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eWas wir w\u00fcnschen, ist nicht unm\u00f6glich\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener sah, anders als Luther, durchaus hoffnungsvoll in die Zukunft. Wir \u201ed\u00fcrfen nicht daran zweifeln, dass Gott seiner Kirche auf Erden einen besseren Zustand versprochen habe\u201c. Luther habe Rom zwar \u201eeinen merklichen Sto\u00df\u201c gegeben, aber der \u201egr\u00f6\u00dfere Fall\u201c dieser Kirche stehe noch aus. Luther schenkte \u201edas helle Licht des Evangeliums neu\u201c, weshalb wir nun wir nichts unterlassen d\u00fcrfen, dass die Kirche weiter erneuert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Ende des Werkes blickt Spener zur\u00fcck auf die fr\u00fche Kirche und ihre Vision einer lebendigen Gegenkultur: \u201eEs bezeugt die Kirchengeschichte, dass die erste christliche Kirche in solch seligem Stand gewesen ist, dass man die Christen insgesamt an ihrem gottseligen Leben erkannt und von anderen Leute unterschieden habe.\u201c \u201eDer Zustand der christlichen Kirche damaliger Zeit\u201c h\u00e4lt uns gleichsam aber auch den Spiegel vor, entlarvt \u201eunser kaltes und laues Wesen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem sch\u00f6pft Spener aus dem Vorbild der ersten Christen Mut und die Gewissheit, \u201edass das, was wir w\u00fcnschen, nicht unm\u00f6glich ist\u201c. \u201eDenn derselbe heilige Geist, der damals in den ersten Christen all solches gewirkt hat, ist auch uns von Gott geschenkt und noch eben kr\u00e4ftig und willig, das Werk der Heiligung in uns zu verrichten. Die einzige Ursache kann also nur sein, dass wir ihn nicht in uns wirken lassen, sondern seine Gnadenwirkungen selbst hindern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spener war ein Intellektueller, der scharf kritisieren konnte, aber auch ein Prediger, der seine Kirche von Herzen liebte. Er entwarf ein Reformprogramm der Reinigung und Neubesinnung, das in vielem dem der Puritaner in England \u00e4hnelte. Hier wie dort war man \u00fcberzeugt, dass \u201ein die Theologie viel Fremdes, Unn\u00fctzes und mehr nach Weltweisheit Schmeckendes eingef\u00fchrt\u201c worden war. Wie kann es mit der evangelischen Kirche weitergehen? Auf Spener wird immer noch zu h\u00f6ren sein, denn die Herausforderungen sind im Grunde immer noch die gleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 3. Januar 2019, www.lahayne.lt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Pietismus war im 17. und 18. 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