{"id":16148,"date":"2019-01-10T16:03:42","date_gmt":"2019-01-10T15:03:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16148"},"modified":"2019-01-10T16:39:58","modified_gmt":"2019-01-10T15:39:58","slug":"ist-gott-in-christentum-und-islam-derselbe-kritische-bemerkungen-zu-einem-gespraechspapier-der-evangelischen-landeskirche-von-baden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16148","title":{"rendered":"Ist Gott in Christentum und Islam derselbe? &#8211; Kritische Bemerkungen zu einem Gespr\u00e4chspapier der Evangelischen Landeskirche von Baden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Seit der sog. Fl\u00fcchtlingskrise des Jahres 2015 sehen sich einige evangelische Landeskirchen dazu veranlasst, Papiere zum Thema christlich-islamischer Beziehungen herauszugeben wie j\u00fcngst die <em>Evangelische Landeskirche in<\/em> <em>Baden<\/em>. Gegen\u00fcber islamophoben Tendenzen in der Gesellschaft m\u00f6chte man Signale positiver Wertsch\u00e4tzung im Blick auf hier lebende Menschen muslimischen Glaubens senden. Henning Wrogemann stimmt diesem Anliegen grunds\u00e4tzlich zu. Fraglich ist f\u00fcr ihn indes, auf welcher Basis solche Signale gesendet werden k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I. Kurzcharakterisierung von Kernaussagen des Gespr\u00e4chspapiers der Evang. Landeskirche von Baden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>Gespr\u00e4chspapier<\/em> (GP) der Evang. Kirche von Baden mit dem Titel <em>Christen und<\/em> <em>Muslime. Gespr\u00e4chspapier zu einer theologischen Wegbestimmung der Evangelischen Landeskirche in Baden <\/em>(Juli 2018)<sup>1<\/sup> will<em> Wegmarken <\/em>zu einer<em> theologischen Wegbestimmung <\/em>f\u00fcr die <em>Weggemeinschaft<\/em> von Christen und Muslimen benennen. Es geht um einen kircheninternen Verst\u00e4ndigungsprozess, aber wohl auch um ein Signal f\u00fcr die gesellschaftliche \u00d6ffentlichkeit. Christen*innen k\u00f6nnten und sollten, so hei\u00dft es, auch anderen Religionstraditionen \u201eg\u00f6nnen\u201c (13), g\u00f6ttliche Wahrheit zu beinhalten, und zwar nicht nur dort, wo deren Inhalte christliche Glaubensinhalte best\u00e4tigen, sondern auch dort, wo sie den christlichen Glaubenswahrheiten <em>widersprechen<\/em>. So setzt das GP selbst bei seiner theologischen Wegbestimmung mit einem koranischen Text, Sure 1, ein und postuliert, mit dem Thema der <em>Einzigkeit Gottes<\/em> seien \u201eentscheidende Gedanken\u201c gegeben, die von \u201ezentraler Bedeutung\u201c f\u00fcr das Gespr\u00e4ch seien, weil sie \u201edie alles \u00fcberragende Gottesfrage auf den Plan\u201c rufen.(16) Das GP versucht <em>konvergenzhermeneutisch<\/em> m\u00f6glichst weitgehende \u00dcbereinstimmungen zwischen Islam und Christentum auszuweisen, wobei immer wieder auch Punkte benannt werden, bei denen bleibende Unterschiede zu erwarten seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Abschnitt <em>Gott und Allah: Von der Einzigkeit Gottes<\/em> (22-26) ist der zentrale Leitsatz zu finden, der sich auf Judentum, Christentum und Islam bezieht und wie folgt lautet: \u201eAus evangelischer Sicht ist es m\u00f6glich, die Einzigkeit Gottes im Glauben der drei Religionen anzuerkennen und zugleich die Differenz festzuhalten, die sich im christlichen Bekenntnis zum dreieinigen Gott ausdr\u00fcckt. Dabei hebt die Anerkennung der Einzigkeit Gottes im Glauben der drei Religionen die jeweils unterschiedliche Weise von ihm zu reden, nicht auf. Wir verehren als Christen und Muslime den einen Gott, den wir als Christen als dreieinig bekennen und im Geheimnis der Dreieinigkeit verehren.\u201c (22) Kurz darauf wird mit Verweis auf \u201eGottes Freiheit und Unverf\u00fcgbarkeit\u201c im Anschluss an 1. Kor. 13,12 herausgestellt, es sei \u201eaus protestantischer Sicht m\u00f6glich zu dem Urteil zu kommen, dass Muslime in ihrer Weise den einen Gott verehren, den wir Christen und Christinnen anbeten, ohne eine Identit\u00e4t des Glaubens zu behaupten. Vielmehr bleibt hier die Spannung, dass das, was uns verbindet, n\u00e4mlich der Glaube an den einzigen Gott, zugleich auch eine Differenz enth\u00e4lt, n\u00e4mlich die Weise, von Gott zu reden. Dabei ist die Anerkennung der Einzigkeit Gottes im Glauben der drei Religionen der jeweils unterschiedlichen Weise, von ihm zu reden, vor- und \u00fcbergeordnet. Denn Gott bleibt sich selbst treu in seinem Handeln und Reden und kann im umfassenden Sinn nur einzig sein.\u201c (24)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hier formuliert wird, ist keine Kleinigkeit. Es scheint, als wolle man den <em>Gordischen<\/em> <em>Knoten <\/em>verschiedener Gottesverst\u00e4ndnisse durchschlagen, um endlich die ersehnte Einheitsbasis (\u201eWir glauben doch alle an denselben Gott!\u201c) postulieren zu k\u00f6nnen. In der Februarversion des Gespr\u00e4chspapiers war an den oben genannten Stellen noch von \u201eSelbigkeit\u201c Gottes die Rede gewesen. Im Folgenden wird die Tragf\u00e4higkeit dieser These zu pr\u00fcfen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong> II. Grundlinien des neutestamentlichen Gottesverst\u00e4ndnisses<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Schriften des NT finden sich bekanntlich unterschiedliche theologische Entw\u00fcrfe, die indes darin \u00fcbereinstimmen, dass sie in Jesus von Nazareth, dem Christus, dem Sohn Gottes, das entscheidende Offenbarungs- und Heilshandeln des Gottes Israels f\u00fcr alle Menschen erkennen. In Jesus Christus wurde Gott Mensch. <em>Reinhard Feldmeier<\/em> und <em>Hermann<\/em> <em>Spieckermann <\/em>sehen die \u201eMenschwerdung Gottes als Grund und Ziel der Menschwerdung des Menschen [\u2026 und als] Zentrum jeder biblischen Theologie christlicher Provenienz\u201c an.<sup>2<\/sup> Da die Heilsoffenbarung <em>im Geschehen zwischen<\/em> Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes, und Gott, dem Vater, in der Kraft des Heiligen Geistes geschieht, offenbart sich der <em>eine<\/em> Gott nach christlichem Verst\u00e4ndnis als ein <em>relationales<\/em> Wesen, das er von Ewigkeit her war. Diese g\u00f6ttliche Beziehungshaftigkeit besteht in der <em>hingebungsvollen Liebe<\/em> des Sohnes Gottes zum Vater und des Vaters zum Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes. In den ntl. Schriften wird dies besonders darin greifbar, dass in den verschiedenen Entw\u00fcrfen <em>Jesus Christus und Gott<\/em> <em>aufs engste zusammengesehen <\/em>werden. Dies sei anhand der Paulusbriefe, des Markus- und des Johannesevangeliums beispielhaft vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Christus als \u201eGottes Throngenosse\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Briefen des <em>Paulus<\/em> werden Gottespr\u00e4dikate auf Jesus Christus, den Sohn Gottes, \u00fcbertragen. So formuliert Paulus in 1. Kor. 8,6 das j\u00fcdische Bekenntnis zum einen Gott <em>christologisch <\/em>so um, \u201edass die Bedeutung Christi nicht auf den kleinen Kreis der Christgl\u00e4ubigen beschr\u00e4nkt ist, sondern auf die gesamte Sch\u00f6pfung bezogen wird.\u201c<sup>3<\/sup> Auf Gott wie auf Jesus Christus werden gleicherma\u00dfen Rettung und Gnade, Liebe, Macht, Gericht oder Glaube zur\u00fcckgef\u00fchrt, und zwar in gleichen Formulierungen und ohne vermittelnde Instanz. F\u00fcr Paulus \u201eist Christus [\u2026] \u2013 mythologisch gesprochen \u2013 Gottes Throngenosse, das hei\u00dft im Vollsinn Teilhaber an dessen Macht und Herrlichkeit.\u201c<sup>4<\/sup> In diesem Offenbarungsgeschehen dr\u00fcckt sich Gottes Liebe aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als das <em>Wesensmerkmal der Liebe<\/em> gilt sowohl im Philipperhymnus wie auch bei Paulus, der den Hymnus aufnimmt, \u201eden anderen h\u00f6her zu achten als sich selbst (vgl. Phil 2,1-4; vgl. ferner R\u00f6m 12,9 f.; 1. Kor 13,5)\u201c, weshalb gilt, dass f\u00fcr \u201edas Verh\u00e4ltnis von Vater und Sohn [\u2026] daher Dominanz und Subordination inad\u00e4quate Bestimmungen\u201c sind, denn indem (nach 1. Kor. 15,21-28) der Sohn \u201esich freiwillig dem Vater unterwirft und Gott allein Gott sein l\u00e4sst, wird er als der Sohn ganz eins mit dem Vater\u201c.<sup>5<\/sup> Man kann von einem <em>christologischen<\/em> <em>Monotheismus <\/em>des Paulus sprechen.<sup>6<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Paulus wird <em>im Kreuzesgeschehen<\/em> das Wesen Gottes als hingebungsvolle Liebe erkennbar. Von <em>Liebe als Selbsthingabe<\/em> ist etwa R\u00f6m. 5,8-11, R\u00f6m. 8,34-39 und Gal. 3,20 die Rede. Durch <em>den Glauben an<\/em> Jesus Christus werden Menschen in diese Beziehung der g\u00f6ttlichen Liebe hineingenommen und gewinnen damit Anteil an der Neuen Sch\u00f6pfung, indem sie von Gesch\u00f6pfen und Knechten im Glauben und durch den Glauben eine Gemeinde von <em>Gottes Kindern<\/em> werden (Gal. 4,4-7; R\u00f6m. 8,14-17).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Gottes Offenbarungshandeln geschieht in der Menschwerdung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im <em>Markusevangelium<\/em> wird gleich zu Beginn unmissverst\u00e4ndlich zusammengefasst, worum es geht, wenn es hei\u00dft: \u201eDies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.\u201c (Mk. 1,1) Dies verdeutlicht, dass unter dem Begriff Evangelium (gr. <em>euangelion<\/em>) der <em>Inhalt <\/em>dessen gefasst wird, was von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu erz\u00e4hlen ist.<sup>7<\/sup> Das Evangelium umfasst zwei etwa gleich lange Teile (Mk. 1,1-8-26 und 8,27-16,8), die jeweils durch eine pointierte Szene eingeleitet werden: Bei der <em>Taufe Jesu<\/em> rei\u00dft der Himmel auf, der Geist kommt wie eine Taube auf Jesus herab und die Stimme spricht: <em>Du bist mein geliebter<\/em> <em>Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen <\/em>(Mk. 1,11). Bei der zweiten Szene handelt es sich um die Erz\u00e4hlung von der <em>Verkl\u00e4rung Jesu<\/em> auf dem Berg, als die Stimme aus der Wolke zu den Anwesenden spricht <em>Das ist mein geliebter Sohn, den sollt ihr h\u00f6ren<\/em> (Mk. 9,7)<em>.<\/em> Sp\u00e4ter, nach dem Tod Jesu, wird der Vorhang im Tempel zerrei\u00dfen, Symbol daf\u00fcr, dass nun, durch dieses Heilsgeschehen, der Weg zu Gott frei ist. Beide Teile des Mk. werden demnach miteinander verschr\u00e4nkt.<sup>8<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von grundlegender Bedeutung ist die Feststellung, dass <em>Gottes-Rede<\/em> (also Worte, die direkt Gott zugeordnet werden) im ganzen Mk. nur an diesen zwei Stellen vorkommt, und zwar jeweils nur in <em>einem einzigen<\/em> Satz. Das aber hei\u00dft: Gott spricht nicht in Gottesrede, sondern Gottes Offenbarungshandeln geschieht in der Menschwerdung, und zwar in Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Dabei gilt, dass der Weg des Sohnes Gottes durch die <em>Hingabe<\/em> an Gott (Mk. 14,36) und die <em>Hingabe<\/em> f\u00fcr die Menschen (Mk. 10,45) bestimmt ist, in der sich die g\u00f6ttliche Liebe Ausdruck verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. \u201eDie zum Eigennamen gewordene Metapher f\u00fcr Gottes Liebe\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die <em>johanneische Tradition<\/em> ist bedeutsam, dass Gott nicht antik-philosophisch als Vater im Sinne des Urhebers der Welt oder des vorherrschenden Gottes gesehen wird, sondern im Blick auf Gottes <em>erw\u00e4hlendes<\/em> Handeln als <em>Vater<\/em> bezeichnet wird. Im <em>Johannesprolog<\/em> (Joh. 1,1-14) wird vor diesem Hintergrund die Menschwerdung als Ereignis von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung <em>nicht nur <\/em>f\u00fcr die<em> menschliche Erkenntnis <\/em>Gottes, sondern<em> f\u00fcr Gott selbst <\/em>verstehbar: \u201eWenn am Beginn des Prologs \u00fcber Gott gesagt wurde, dass dieser nicht f\u00fcr sich existiert, sondern bei ihm schon immer der Logos war, so wird in dessen Menschwerdung [Joh. 1,14] der mit Gott verbundene Beziehungswille durch die Rede von Gott als Vater nun geradezu zum Bestandteil des g\u00f6ttlichen Namens. Wie Jesus nur Sohn ist im Verh\u00e4ltnis zu seinem Vater, so ist Gott nur Vater durch seine Beziehung zum Sohn. Die Rede vom Vater ist also bei Johannes gleichsam die zum Eigennamen gewordene Metapher f\u00fcr Gottes Liebe.\u201c<sup>9<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Liebe geht es nicht um Unterordnung, sondern um die Selbsthingabe, wie sie in Jesu Passion zum Ausdruck kommt. \u201eWie sich in der Hingabe des Sohnes die Liebe des Vaters zur Welt zeigt (3, 16), so gibt der Sohn sein Leben f\u00fcr die Seinen (10, 11.14f.18; 15, 13) und wird deshalb vom Vater geliebt (10, 17).\u201c <sup>10<\/sup> Durch den Spitzensatz <em>Gott ist Liebe<\/em> (1. Joh. 4,14) wird nicht die Liebe verg\u00f6ttlicht, sondern es wird der Gott der Liebe beschrieben: \u201e\u2026Gott wird als Liebe bestimmt, weil er in der Sendung des Sohnes als \u201aS\u00fchnung f\u00fcr unsere S\u00fcnden\u2018 von sich aus die Trennung zwischen sich und seinen Gesch\u00f6pfen \u00fcberwunden (1 Joh 4, 8-10) und so durch \u201aden Sohn als Retter des Kosmos\u2018 (1 Joh 4, 14) die von Finsternis beherrschte Welt der Liebe wert gemacht hat.\u201c<sup>11<\/sup> Im Glauben an Jesus Christus <em>werden<\/em> Menschen, die es durch Gesch\u00f6pf-Sein <em>nicht<\/em> sind, in der Bindung an den Sohn Gottes <em>zu Kindern Gottes<\/em>. Feldmeier\/Spiekermann: \u201eDiese durch die Menschwerdung erm\u00f6glichte und durch den Geist realisierte Einheit von Gott und Mensch hat die Trinit\u00e4tslehre mit den Mitteln ihrer Zeit zu verstehen gesucht. Wer meint, diese mit dem Hinweis auf eine unangemessene Ontologie abtun zu k\u00f6nnen, um stattdessen auf dem \u201aGef\u00e4lle von Gott zu Jesus\u2018 zu bestehen, der muss sich fragen lassen, ob er in Wahrheit nicht selbst einer unbiblischen Ontologisierung aufsitzt, weil er das An-sich-Sein der Relation vor- und dadurch \u00fcberordnet.\u201c<sup>12<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Als Zwischenbilanz ist festzuhalten, dass das Postulat des GP, die Einzigkeits-\/Selbigkeits-These sei dem spezifischen Profil des jeweiligen ntl. und koranischen Gotteszeugnisses vorzuordnen und \u00fcberzuordnen, nur dann m\u00f6glich w\u00e4re, wenn das koranische Zeugnis und das ntl. Zeugnis und Gottesbild tats\u00e4chlich kongruent w\u00e4ren. Ist dies aber der Fall?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>III. Das Profil der koranischen Botschaft und ihre Rezeption<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Aspekte zur Geschichte des Korans<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie steht es mit der Sicht der koranischen Botschaft auf die Vorg\u00e4ngertraditionen? Wie werden Gestalten wie Adam, Noah, Mose oder Jesus (arab. <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>) gesehen? <em>Muhammad\u1e25<\/em> rief in Mekka (etwa in den Jahren 610-622) zum Glauben an den einen Gott auf, wobei seine Verk\u00fcndigung vor allem gegen den polytheistischen Kult in der Stadt Mekka gerichtet war. Bei seiner Verk\u00fcndigung wurde <em>Muhammad\u1e25<\/em> immer wieder auch angefeindet. In den mekkanischen Suren kommt <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus selten vor. Als Erz\u00e4hlzusammenh\u00e4nge finden sich nur Sure 19:16-33 (wo es eigentlich um Maria geht) und Sure 43:57-65. Es finden sich in mekkanischen Suren wenige Hinweise zu Christen, da es dort wohl keine Gemeinde gegeben haben mag, wohl aber die deutliche Zur\u00fcckweisung der paganen Vorstellung, Gott habe sich ein Kind (arab. <em>walad<\/em> ) genommen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich solche Aussagen auch gegen christliche Vorstellungen richten.<sup>13<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zeit von <em>Medina<\/em> (622-632) finden sich deutlich andere Akzente. In den ersten Jahren ist von <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus kaum die Rede.<sup>14<\/sup> Es stellt sich heraus, dass die in Medina ans\u00e4ssigen j\u00fcdischen St\u00e4mme Muh\u1e25ammads prophetischen Anspruch nicht anerkennen<sup>15<\/sup>. In Muh\u1e25ammads sp\u00e4ten Jahren in Medina (etwa 628-632) finden sich neben der schon vorher gegebenen Polemik gegen\u00fcber Juden nun vermehrt auch polemische Aussagen gegen\u00fcber Christen, da auch die Mehrheit der Christen (etwa der Oasenstadt <em>Na\u01e7r\u0101n<\/em>) den prophetischen Anspruch Muh\u1e25ammads nicht anerkannte. Dies kommt in Passagen wie Sure 4:171-172 oder Sure 5:77 zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutlicher als zuvor wird in dieser sp\u00e4ten Phase davon ausgegangen, dass, wie jetzt auf <em>Muhammad\u1e25<\/em>, in fr\u00fcheren Zeit auch auf Gesandte wie Jesus ein<em> Buch herabgesandt <\/em>(Sure 3:3) und es die Gesandten von Gott <em>gelehrt<\/em> (3:48) wurde. Dies impliziert, dass im Falle von <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus das<em> in\u01e7\u012bl <\/em>sowohl seinem<em> Inhalt <\/em>nach als auch seinen<em> Mitteilungsmodus <\/em>betreffend als mit den Herabsendungen vergleichbar gesehen wird, die zu erhalten <em>Muhammad\u1e25<\/em> f\u00fcr sich in Anspruch nahm. Es ist also die Vorstellung, dass Jesus durch <em>Herabsendungen w\u00f6rtlicher<\/em> <em>Gottesrede gelehrt <\/em>wurde und<em> ein Buch erhielt<\/em>. Indem gleichzeitig davon ausgegangen wird, dass die <em>koranische Botschaft<\/em> die \u00e4lteren B\u00fccher <em>best\u00e4tigt<\/em>, wird die koranische Botschaft <em>zum<\/em> <em>letztg\u00fcltigen Ma\u00dfstab dessen<\/em>, was als g\u00f6ttliche Herabsendungen bei Anh\u00e4ngern anderer Religionen (Juden, Christen und andere) anerkannt werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Sure 5:44-50 wird ausf\u00fchrlich davon gehandelt, dass einerseits fr\u00fchere Herabsendungen ergangen sind, die einander best\u00e4tigt h\u00e4tten, wobei mehrfach auf <em>solche Menschen<\/em> unter Juden und Christen hingewiesen wird, die nicht nach dem urteilen, was herabgesandt wurde, die also <em>abgewichen<\/em> sind. In der Abfolge von <em>Thora<\/em> und <em>in\u01e7\u012bl<\/em> und der Herabsendung <em>des<\/em> <em>Buches <\/em>(arab.<em> kit\u0101b<\/em>) auf den Rufredner (Muh\u1e25ammad also) wird auf<em>letzteres als Urteilsnorm <\/em>f\u00fcr alle vorausgegangenen Herabsendungen verwiesen. Weiter wird dazu aufgefordert, auf <em>dieser Grundlage <\/em>zwischen den verschiedenen B\u00fcchern zu urteilen. Gleichzeitig werden Muh\u1e25ammad und seine Gemeinde davor gewarnt, sich nicht von Juden oder Christen zu einem Abweichen <em>verf\u00fchren<\/em> zu lassen (5:49), womit Juden und Christen eben diese Intention unterstellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 5:48 hei\u00dft es in der \u00dcbersetzung von Bobzin: <em>Und auf dich sandten wir herab das Buch mit<\/em> <em>der Wahrheit; es best\u00e4tigt, was von dem Buch schon vorher da war, und gibt dar\u00fcber Gewissheit<\/em>. Damit wird die koranische Botschaft gegen\u00fcber den anderen Schriften zum Ma\u00dfstab erhoben. \u00dcber die <em>Inhalte<\/em> der fr\u00fcher herabgesandten B\u00fccher wird allerdings wenig gesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Die Hypothese der Schriftverf\u00e4lschung durch Juden und Christen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von grundlegender Bedeutung wurden die Konsequenzen, die sich aus dem Postulat der \u00dcbereinstimmung der herabgesandten B\u00fccher ergaben: <em>Das Postulat des gleichen Inhaltes<\/em> <em>musste f\u00fcr Muhammad in Medina und seither f\u00fcr Muslime generell die Frage aufwerfen, warum Juden und Christen, wenn sie doch die gleichen Inhalte in ihren Schriften lesen (mussten), Muhammad\u1e25 und seine Botschaft nicht anerkennen<\/em>. Das Postulat des<em> gleichen Inhaltes <\/em>von koranischer Botschaft und den fr\u00fcher herabgesandten Schriften<em> bei gleichzeitiger Betonung<\/em>, dass die koranische Botschaft direkt und ohne vermittelnde Zwischenschritte aus der <em>himmlischen Urschrift<sup>16<\/sup><\/em> auf Muhammad herabgesandt worden war, was die <em>Reinheit<\/em> ihrer Inhalte verb\u00fcrgt, musste die weitere Frage nach der <em>tats\u00e4chlichen Gestalt<\/em> der von Juden und Christen <em>verwendeten Schriften<\/em> nach sich ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da sich weder Juden noch Christen in Medina mehrheitlich Muhammad\u1e25 anschlossen und sie auch seine Verk\u00fcndigungsinhalte nicht anerkannten, dr\u00e4ngte dies zu der weiteren Annahme<\/em>, die bei Juden und Christen in Gebrauch befindlichen Schriften m\u00fcssten <em>verf\u00e4lscht<\/em> worden sein (Sure 2:75.79; Sure 3:78), man habe die Wahrheit fr\u00fcherer Schriften <em>verschwiegen<\/em> (2:174.159) oder das Buch schlicht <em>weggeworfen<\/em> oder <em>verkauft<\/em> (3:187), man <em>verdrehe<\/em> die Worte beim Lesen (3:78; 4:46), man haben einen Teil der Worte <em>vergessen<\/em> (5:13) oder aber <em>lediglich einen begrenzten Teil <\/em>erhalten (4:51). Die Vielfalt dieser kritischen Aussagen stimmt in der Skepsis im Blick auf die Verl\u00e4sslichkeit der von Juden und Christen verwendeten Schriften \u00fcberein, wenn sie auch eine Bandbreite verschiedener Deutungen zul\u00e4sst. Festzuhalten ist, dass die <em>These von der Schriftverf\u00e4lschung<\/em> (arab. <em>tahr\u012bf\u1e25<\/em>) grundlegend f\u00fcr das <em>muslimische Narrativ <\/em>ist und damit bis heute \u00fcberragende Bedeutung f\u00fcr die Thematik muslimischer Beziehungen zu Angeh\u00f6rigen der sog. <em>Leute des Buches<\/em> (arab. <em>ahl al-kit\u0101b<\/em>), also vornehmlich Juden und Christen, hat.<sup>17<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Der koranische Befund zu <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von hier aus ergibt sich, dass aus muslimischer Sicht <em>nur im koranischen Befund<\/em> zu <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> die letztg\u00fcltige Wahrheit \u00fcber <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> \/Jesus zu erheben ist. Dieser koranische Befund sei nun in aller K\u00fcrze thesenhaft im Blick auf einige zentrale Inhalte zusammengefasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) In den 114 Suren des Koran kommt <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101\/<\/em>Jesus in nur 15 Suren und damit relativ selten vor. Von besonderer Bedeutung sind die Passagen in den Sure 3, 5 und 19.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Der Name <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> kommt im Koran insgesamt 25 Mal vor. Zumeist ist von <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101, der Sohn<\/em> <em>Marias <\/em>(arab.<em> <sup>c<\/sup>\u012as\u0101 ibn Maryam<\/em>) oder<em> <sup>c<\/sup>\u012a<\/em>s\u0101<em>, der Messias, der Sohn Marias<\/em>\u201c (arab.<em> <sup>c<\/sup>\u012as\u0101 al mas\u012bh \u1e25 ibn Maryam<\/em>) die Rede. In dieser konsequenten Verwendung wird ohne Zweifel der christliche Titel Sohn Gottes grunds\u00e4tzlich bestritten.<sup>18<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> wird als Gesandter verstanden. Als solcher wird er als ansonsten normaler <em>Mensch<\/em> betrachtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> wurde die <em>gleiche Botschaft<\/em> aufgetragen wie allen anderen Gesandten vor ihm und Muh \u1e25ammad nach ihm. Aus islamischer Perspektive ist<em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> folgerichtig als <em>Muslim<\/em> anzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> wird im Koran mit <em>w\u00f6rtlicher Rede<\/em> zitiert, in der er sich in <em>Ich-bin-Worten<\/em> als Diener Gottes (arab. <em><sup>c<\/sup>abd All\u0101h)<\/em> vorstellt, etwa Sure 19:30 <em>Ich bin der Diener Gottes. Er lie\u00df mir das<\/em> <em>Buch zukommen und machte mich zu einem Propheten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) In den Sch\u00f6pfungsaussagen des Koran wird die Unterwerfung unter den Willen Gottes als Sinn der Kreaturen beschrieben: <em>Und ich habe die Djinn und die Menschen nur dazu<\/em> <em>erschaffen, dass sie Mir dienen. <\/em>(51:56). Dieses Diener-Sein impliziert, dass Gott der<em> Herr <\/em>ist (arab. <em>rabb<\/em>). Diese anthropologische Grundkonstellation wird implizit wie explizit gegen andere Vorstellungen wie die christliche Vorstellung Gottes als des <em>Vaters<\/em> gewendet. Das Postulat der Jenseitigkeit und Einzigkeit Gottes l\u00e4sst eine solche Vorstellung nicht zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Der christliche Anspruch auf die <em>G\u00f6ttlichkeit Jesu<\/em> wird auch dadurch bestritten, dass seine Geburt mit der des Adam verglichen wird: <em>Mit<\/em> <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101 ist es vor Gott wie mit Adam. Er erschuf<\/em> <em>ihn aus Erde, dann sagte Er zu ihm: Sei!, und er war. <\/em>Jesus ist demnach<em> aus Erde <\/em>(arab.<em> min tur\u0101bin<\/em>)<em> erschaffen <\/em>worden (arab.<em> \u1e2balaqa<\/em>), und zwar durch Gottes Befehlswort<em> Sei! <\/em>(arab.<em> kun<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Von Jesus werden verschiedene <em>Wunder<\/em> Im Blick auf die Grenzziehungen zu christlichen Traditionen bedeuten diese Motive wiederum die Ablehnung der Vorstellung von Jesus als dem Sohn Gottes, wobei Wundertraditionen aufgenommen und gegen christliche Deutungen gewendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Im Koran wird mit Sure 4:157 die Kreuzigung von <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus ausdr\u00fccklich bestritten: <em>Sie<\/em> <em>haben ihn aber nicht get\u00f6tet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm \u00e4hnliche Gestalt. Diejenigen, die \u00fcber ihn uneins sind, sind im Zweifel \u00fcber ihn. Sie haben kein Wissen \u00fcber ihn, au\u00dfer dass sie Vermutungen folgen. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit get\u00f6tet, sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. <\/em>In muslimischen Kommentaren finden sich verschiedene Theorien zu diesem Vers, die indes alle darin \u00fcbereinstimmen, Jesus sei nicht gekreuzigt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) In Sure 112 wird grunds\u00e4tzlich erkl\u00e4rt: <em>(1) Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, (2) Gott, der<\/em> <em>Undurchdringliche. (3) Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, (4) und niemand ist ihm ebenb\u00fcrtig<\/em>. Mag diese Formulierung auch eventuell im Blick auf den polytheistischen Kult in Mekka bezogen sein, so wurde diese Sure und wird bis heute auch als Zur\u00fcckweisung eines ntl. Gottesbildes verstanden.<sup>19<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Muslimische R\u00fcckfragen an die Traditionen des NT<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der koranische Befund f\u00fchrt aus muslimischer Perspektive zu einer Reihe von R\u00fcckfragen im Blick auf die real existierenden Schriften des NT, die bei Christen in Verwendung sind. Solche R\u00fcckfragen kommen nicht nur in muslimisch- christlichen Gespr\u00e4chen vor, sondern nat\u00fcrlich auch in muslimischem Schrifttum, sofern es sich mit Christen besch\u00e4ftigt. Dazu z\u00e4hlen Fragen wie etwa folgende:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Wenn im Koran davon die Rede ist, dass auf Jesus ein <em>Buch<\/em> herabgesandt wurde, wo ist dieses Buch abgeblieben? Warum haben Christen <em>vier<\/em> Evangelien und nicht nur eines?<\/li>\n<li>Wenn aus koranischer Sicht Jesus w\u00f6rtliche Gottes<em>rede<\/em> mitgeteilt wurde, warum ist diese dann in ntl. Schriften nicht zu finden? Warum ist in den Schriften des NT keine ausf\u00fchrliche Gottesrede gegeben, wie sie f\u00fcr die koranische Botschaft so charakteristisch ist?<\/li>\n<li>Wenn <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em> nach dem Koran <em>in seinen eigenen Worten<\/em> f\u00fcr sich selbst jede G\u00f6ttlichkeit bestreitet, warum ist in den ntl. Schriften vom Sohn Gottes die Rede?<\/li>\n<li>Wenn der Koran ausdr\u00fccklich feststellt, Jesus sei nicht gekreuzigt worden, wie k\u00f6nnen dann die ntl. Schriften die Kreuzigung Jesu behaupten?<\/li>\n<li>Wenn es darauf ankommt, den Weisungen Gottes und seiner Gesandten zu folgen, wie kann dann in den ntl. Schriften behauptet werden, es sei der <em>Glaube an<\/em> Jesus Christus, der zum Heil f\u00fchrt?<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es nach koranischen Zeugnis undenkbar ist, dass Gott als Eigenschaft so etwas wie <em>Hingebungsbereitschaft<\/em> oder <em>Leidensf\u00e4higkeit<\/em> zugeschrieben wird, wie kann dann in den ntl. Schriften von Hingebung Gottes im Sohn und des Sohnes an Gott in der Kraft des Geistes die Rede sein?<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Wenn im Koran die <em>Beigesellung<\/em> (arab. <em>\u0161irk<\/em>) gesch\u00f6pflicher Wesen zu Gott aufs sch\u00e4rfste verurteilt wird, wie kann dann in den ntl. Schriften Jesus und auch der Heilige Geist mit Gott geradezu identifiziert werden?<\/li>\n<li>Wenn im Koran die Rede von einer Dreiheit im Blick auf Gott verurteilt wird, weshalb kommen dann Ankl\u00e4nge an eine solche Sicht in den ntl. Schriften vor und warum halten Christen dann an der Trinit\u00e4tslehre fest?<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Alltagsgespr\u00e4chen zwischen Muslimen und Christen spielen solche Themen immer wieder eine Rolle, sofern sich diese mit beiden Traditionen etwas eingehender besch\u00e4ftigt haben. In muslimischem Schrifttum sind diese Fragen seit jeher pr\u00e4sent, in neuen Medien wie Satelliten-TV und Talkshows, Internetplattformen und sozialen Medien werden diese Fragen diskutiert. Indes ist nur ein begrenzter Teil dieser Materialien in europ\u00e4ischen Sprachen zug\u00e4nglich. Ein Gespr\u00e4chspapier, das diesen <em>Mainstream<\/em> faktisch ausblendet, wird seinem selbst gesteckten Ziel nicht gerecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>IV. Thesen zu den Inhalten des Badischen Gespr\u00e4chspapiers<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit komme ich zu einigen Thesen im Blick auf das Gespr\u00e4chspapier (GP) sowie zu einer Reihe von R\u00fcckfragen. Unter <em>2 Themenfelder des christlich-islamischen Dialogs<\/em> nimmt das GP die Sure 1 des Koran als Aufh\u00e4nger, denn in \u201ediesen nicht zuletzt auch liturgisch fest verankerten Worten melden sich schon entscheidende Gedanken zu Wort, die auch f\u00fcr das christlich-muslimische Gespr\u00e4ch auf dem Weg von zentraler Bedeutung sein werden\u201c. (16) Das Dialogbem\u00fchen des GP zeigt sich hier im offensichtlichen Bem\u00fchen, (auch) von den theologischen Koordinaten der koranischen Botschaft her denken zu wollen. Es geht insgesamt um eine Konvergenzhermeneutik. Dazu nun folgende Thesen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (1)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das GP scheint es als einen Ausweis seiner eigenen Dialogf\u00e4higkeit zu betrachten, mit dem Wahrheitsanspruch der anderen Religion (des Islam) einzusetzen, nicht aber mit der Wahrheit der eigenen Tradition. In der Konsequenz gibt das GP damit den christlichen Gottesbegriff, demzufolge der <em>eine<\/em> Gott <em>von Ewigkeit her<\/em> als ein <em>relationales Wesen<\/em> zu verstehen ist, preis, insbesondere durch die Aufnahme der koranischen These von der Einzigkeit Gottes (arab. <em>tauh\u012bd\u1e25<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (2)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die These von der Einzigkeit (faktisch: Selbigkeit) Gottes ist mit der grunds\u00e4tzlichen Schwierigkeit behaftet, dass ntl. und damit christlich von Gott nicht ohne Jesus Christus und den Heiligen Geist gedacht und gesprochen werden kann, dass aber die koranischen Aussagen zu <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101 ibn Maryam<\/em> den ntl. Aussagen zu <em>Jesus Christus, dem Sohn Gottes<\/em>, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, in allen aus christlicher Sicht grundlegenden Punkten widersprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (3)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Postulat der Einzigkeit\/Selbigkeit eines personal gedachten Wesens geh\u00f6rt die innere Koh\u00e4renz ihres Handelns. Eine solche Koh\u00e4renz ist bei so grundlegend gegens\u00e4tzlichen Positionierungen wie dem koranische Verst\u00e4ndnis vom menschlichen Gesandten <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101 ibn<\/em> <em>Maryam <\/em>gegen\u00fcber dem ntl. Verst\u00e4ndnis<em> Jesus Christus, dem Sohn Gottes<\/em>, nicht gegeben. Deshalb kann auch f\u00fcr die kontr\u00e4ren Gottesbilder keine Einzigkeit\/Selbigkeit behauptet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (4)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Forderung, die \u2013 philosophische \u2013 These der Einzigkeit\/Selbigkeit Gottes der christlichen Trinit\u00e4tslehre <em>vorzuordnen<\/em> und <em>\u00fcberzuordnen<\/em> bedeutet, die christliche Trinit\u00e4tslehre faktisch aufzugeben, da der Sinn der Trinit\u00e4tslehre gerade darin besteht, das Wesen des einen und einzigen Gottes <em>von Ewigkeit her<\/em> als relationales Wesen auszusagen, ein g\u00f6ttliches Wesen, das sich in Jesus von Nazareth, dem Christus, dem Sohn Gottes, in der Kraft des Heiligen Geistes <em>letztg\u00fcltig<\/em> als <em>Liebe offenbart<\/em> hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (5)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrde man, wie das GP es vorschl\u00e4gt, dem trinitarischen Gottesverst\u00e4ndnis die Einzigkeit\/Selbigkeit mit dem koranischen Gottesverst\u00e4ndnis vorordnen und \u00fcberordnen, so entst\u00fcnde eine unaufl\u00f6sliche Selbstwiderspr\u00fcchlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (6)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unterschiede des koranischen wie des ntl. Gottesbildes und <em><sup>c<\/sup>\u012as\u0101<\/em>\/Jesus-Bildes der These von der Einzigkeit\/Selbigkeit unterzuordnen, bedeutet, koranisches wie ntl. Gottes- und Isa\/Jesus -Bild <em>als grunds\u00e4tzlich relativ und damit austauschbar<\/em> einzustufen, eine Relativit\u00e4t, der aller Voraussicht nach weder Muslime noch auch biblisch-ntl. orientierte Christen*innen zustimmen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (7)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Zeugnis der ntl. Schriften geht es zentral nicht um die Rede Gottes, sondern um die <em>Menschwerdung <\/em>Gottes. In der koranischen Botschaft geht es dagegen um die<em> Rede <\/em>Gottes, die sich selbst als Rede Gottes begreift. Mit der behaupteten Parallelit\u00e4t im Blick auf die <em>Rede<\/em> Gottes verschiebt das GP den Akzent zu Lasten des ntl. Verst\u00e4ndnisses von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus in der Kraft des Geistes in Richtung auf das koranisch-islamische Verst\u00e4ndnis g\u00f6ttlicher Selbstkundgabe als sprachlicher Rede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>T<\/strong><strong>hese (8)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im GP wird das Postulat des <em>Geheimnischarakters<\/em> Gottes stark \u00fcberdehnt, wenn es hei\u00dft: \u201eBei aller Kundgabe und Vergegenw\u00e4rtigung Gottes in Christus Jesus l\u00f6st sich der Geheimnischarakter nicht auf und erst am Ende der Tage werden auch die Gl\u00e4ubigen Gott sehen, \u201awie er ist\u2018 (1.Johannes 3,2).\u201c (19) Mit dieser Aussage wird so getan, als bliebe Gottes Wesen im umfassenden Sinne Geheimnis, was der christliche Lehrtradition widerspricht, die Gottes Heilshandeln in Leben, Leiden, Kreuzestod und Auferweckung von Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes <em>als letztg\u00fcltige und un\u00fcberbietbare Offenbarung von Gottes<\/em> <em>Liebe versteht<\/em>, den<em> Geheimnischarakter Gottes <\/em>aber auf<em> Gottes Welthandeln bezieht<\/em>, das Walten Gottes in der Welt, bei dem f\u00fcr Christen*innen sowohl im eigenen Leben als auch die \u00fcbrige Welt betreffend manches unverstehbar bleibt und damit als Anfechtung erfahren wird<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (9)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Akzentverschiebungen, dem Einzigkeits-\/Selbigkeitspostulat, der Behauptung, es gehe zentral um Rede (nicht Menschwerdung) Gottes sowie der \u00dcberbetonung und Verschiebung des Geheimnischarakters Gottes l\u00e4sst das GP eine deutliche Tendenz in Richtung eines koranisch-islamischen Verst\u00e4ndnisses erkennen. Andere Akzentverschiebungen, etwa f\u00fcr Jesus Christus nur von Barmherzigkeit zu sprechen, zielen in dieselbe Richtung, denn Rechtfertigung und Gnade, um bei diesem Beispiel zu bleiben, bedeuten ntl. etwas anderes als (ambivalent bleibende) Barmherzigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (10)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das GP l\u00e4sst in alledem deutlich eine <em>religionspluralistische Denkungsart<\/em> erkennen, die im Wesentlichen durch folgende vier Aspekte charakterisiert ist: (1) Es gibt ein den Menschen letztlich unzug\u00e4ngliches transzendentes Wesen (das G\u00f6ttliche\/Gott), (2) Impulse der Selbstmitteilung dieses Wesens werden in menschlich-relativen Ausdrucksformen (verschiedenen Religionen) beantwortet, (3) daher kann keine dieser relativen Formen f\u00fcr sich den Anspruch erheben, letztg\u00fcltige religi\u00f6se Wahrheit zu bieten. (4) Durch die Anerkennung dieser Sicht kommt es zu einer grunds\u00e4tzlichen Selbstrelativierung des je eigenen Wahrheitsanspruchs, durch den sich alle Religionen \u201eauf Augenh\u00f6he\u201c begegnen k\u00f6nnen, was zu einer friedlichen Gesellschaft f\u00fchren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (11)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das GP l\u00e4sst in seiner religionspluralistischen Tendenz eine Positionierung jenseits der Grundlagen einer ntl.-christlichen Sicht wie einer koranischen Sicht erkennen, weist dabei aber gleichzeitig die Tendenz in Richtung auf eine Umdeutung christlicher Inhalte in Richtung auf ein koranisch-islamisches Verst\u00e4ndnis auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>These (12)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass ein solches Papier im Namen einer <em>Kirchenleitung<\/em> herausgebracht wurde, sollte Anlass zu ernsthafter Besorgnis geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Wort zum Schluss: Im GP finden sich Aussagen wie \u201eAls Christinnen und Christen nehmen wir mit gro\u00dfer Anerkennung die Hochsch\u00e4tzung der Person Jesu im Koran wahr\u201c (26) oder \u201eDer christliche Glaube darf und soll die Hochsch\u00e4tzung Jesu im Koran entdecken und dar\u00fcber freudig staunen\u201c (27). Angesichts des koranischen Befundes, der das christliche Jesus- und Gottesbild rundheraus ablehnt, k\u00f6nnte nur jemand \u201efreudig staunen\u201c, der in Jesus ohnehin nicht mehr sieht, als einen ethisch orientierten Gottsucher. Ist dies wirklich die Meinung des Oberkirchenrates der Evang. Landeskirche von Baden? Oder handelt es sich um reine Anbiederung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christlich-muslimische Dialog in Deutschland wird nach dem <em>Honey Moon<\/em> der ersten Jahrzehnte (seit den 1970er Jahren) wie in jeder Beziehung in eine Alltagsroutine \u00fcbergehen, in der harte Beziehungsarbeit angesagt ist. Das Postulat eines religionspluralistischen Wolkenkuckucksheims wird da nicht weiterhelfen. Verhei\u00dfungsvoll dagegen ist es, auf der Grundlage des biblisch-ntl. Zeugnisses nach Begr\u00fcndungen und Potentialen von <em>wertsch\u00e4tzendem Handeln <\/em>im Blick auf Menschen anderen Glaubens und anderer Weltanschauung zu fragen. Was das bedeuten kann, w\u00e4re an anderer Stelle zu entfalten.<sup>20<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Prof. Dr. Henning Wrogemann<\/strong>, Jahrgang 1964, Studium der Evang. Theologie, Geschichte und Philosophie u.a. in Heidelberg, wiss. Mitarbeiter und Hochschulassistent am Institut f\u00fcr Religionsgeschichte und Missionswissenschaft der Universit\u00e4t Heidelberg am Lehrstuhl von Prof. Theo Sundermeier, 1995 Promotion, 2005 Habilitation, Prof. f\u00fcr Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal\/Bethel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1 Christen und Muslime. Gespr\u00e4chspapier zu einer theologischen Wegbestimmung der Evangelischen Landeskirche in Baden, Evangelischer Oberkirchenrat, Karlsruhe, den 6. Februar 2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2 R. Feldmeier\/H. Spieckermann (2018): Menschwerdung, T\u00fcbingen, 332.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 219.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 222-223.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 223.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 224. Mit Verweis auf Gal. 3,20 und 1. Kor. 8,6. 7 Und nicht: Ein Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 246f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 291.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 299.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 299.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">12 Feldmeier\/Spieckermann, Menschwerdung, 300.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">13 Vgl. D. Marshall (2001): Christianity in the Qur\u00b4an, in: L. Ridgeon (Hg.), Islamic Interpretations of Christianity, Richmond, 3-29.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">14 So in Sure 2:87.116-117.136.153.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">15 Sure 3:19-25;65-85; 98-99; 110-112; 187.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">16 Sure 12:1f; 56:77f; 85:21f u.\u00f6. \u2013 vgl. A. Neuwirth (2010): Der Koran als Text der Sp\u00e4tantike. Ein europ\u00e4ischer Zugang, Berlin, 133-181.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17 T. G\u00fcnzelmansur (Hg.) (2014): Das koranische Motiv der Schriftverf\u00e4lschung (tah \u1e25r\u012bf) durch Juden und Christen, Regensburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">18 Im Koran kommt <em>Sohn Gottes<\/em> (arab. <em>ibn All\u0101h<\/em>) einzig in Sure 9:30 als Zur\u00fcckweisung vor: <em>Und die Christen sagen: <\/em><em>\u201a[&#8230;Der Messias] ist Gottes Sohn\u2018. Das ist ihre Rede aus ihrem eigenen Munde<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">19 Im arabischen Text hei\u00dft es: <em>qul huwa ll\u0101hu ahad\u1e25<\/em>, worin Angelika Neuwirth eine Anspielung auf das <em>shema<\/em>\u02bd <em>Jisra<\/em>\u02be<em>el <\/em>(Dtn. 6,4) sieht und diesbez\u00fcglich vom [r]hetorische[n] Triumph \u00fcber das j\u00fcdische und das christliche Credo spricht. A. Neuwirth (2010): Der Koran als Text der Sp\u00e4tantike. Ein europ\u00e4ischer Zugang, Berlin, 761-768.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">20 Vgl. H. Wrogemann (2015): Theologie Interreligi\u00f6ser Beziehungen, G\u00fctersloh.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der sog. Fl\u00fcchtlingskrise des Jahres 2015 sehen sich einige evangelische Landeskirchen dazu veranlasst, Papiere zum Thema christlich-islamischer Beziehungen herauszugeben wie j\u00fcngst die Evangelische Landeskirche in Baden. 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