{"id":15802,"date":"2018-09-07T17:13:25","date_gmt":"2018-09-07T15:13:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15802"},"modified":"2018-09-07T17:15:41","modified_gmt":"2018-09-07T15:15:41","slug":"sexuelle-orientierung-und-wenn-sie-doch-veraenderbar-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15802","title":{"rendered":"Sexuelle Orientierung: Und wenn sie doch ver\u00e4nderbar ist?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Eine neue Studie best\u00e4tigt es erneut: Homosexualit\u00e4t ist, in vielen F\u00e4llen wenigstens, kein unver\u00e4nderbares Schicksal. Warum eigentlich sollten homosexuelle M\u00e4nner und Frauen, die sich eine Ver\u00e4nderung ihrer Empfindungen w\u00fcnschen, nicht versuchen d\u00fcrfen, diese zu \u00e4ndern? Gleich zwei Hollywood-Filme in diesem Jahr, so berichtet das australische Online-Magazin MercatorNet, beschreiben die Schrecken homosexuell empfindender Teenager, deren Eltern sie in eine sogenannte Konversionstherapie zwingen: \u201eThe Miseducation of Cameron Post\u201c l\u00e4uft dieser Tage in den amerikanischen und britischen Kinos an. Der Film richtet sich an junge Erwachsene und zeigt ein Konversions-Erziehungscamp, bei dem allerlei ausgefallene \u201eDe-Gaying\u201c-Techniken zur Anwendung kommen. Der boshaft finstere \u201eHetero\u201c im Film ist, was kaum erstaunen mag, der christliche Pastor. Genauso \u00fcbrigens wie im Film \u201eBoy Erased\u201c mit Nicole Kidman und Russell Crowe, der im November 2018 auf die deutschen Leinw\u00e4nde kommen soll und bereits f\u00fcr Oscar-Begeisterung sorgt. Lucas Hedges spielt darin einen Teenager, der seine Eltern liebt, aber sich selbst treu sein will.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unver\u00e4nderbarkeits-Mythos<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An solchen Filmen, die bald schon Millionen Menschen gesehen haben werden, kann man sehen, wie eine blosse Meinung langsam zu einem gesellschaftlichen Dogma versteinert. Die mittlerweile nur mehr schwerlich hinterfragbare Pr\u00e4misse der beiden Drehb\u00fccher lautet, dass sexuelle Orientierung festgelegt und unver\u00e4nderbar sei. Und dass s\u00e4mtliche Methoden, diese zu ver\u00e4ndern \u2013 ob sie nun Reparativtherapie, Konversionstherapie, Reorientierungstherapie oder \u201ePraying the gay away\u201c heissen m\u00f6gen \u2013, grunds\u00e4tzlich falsch und psychologisch destruktiv seien. Soweit der von Hollywood portierte Mythos unserer Gegenwartskultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch stimmt es tats\u00e4chlich, dass alle Versuche, die sexuelle Orientierung zu ver\u00e4ndern, einer medizinischen oder wissenschaftlichen Basis entbehren? MercatorNet weist darauf hin, dass sich selbst die American Psychological Association (APA) vorsichtig ausdr\u00fcckt. Zwar lehnt diese Repartivtherapien kategorisch ab. Die h\u00e4rteste Kritik, zu der sich der Fachverband vorwagt, lautet aber bescheiden, \u201edass die Evidenz nicht ausreicht, um die Anwendung psychologischer Interventionen zur Ver\u00e4nderung der sexuellen Orientierung zu unterst\u00fctzen\u201c. Laut MercatorNet w\u00e4re aber selbst ungen\u00fcgende Evidenz noch kein Beweis daf\u00fcr, dass alle Therapieformen dieser Art als Pseudowissenschaft abgetan werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverst\u00e4ndlich mag es Angebote f\u00fcr homosexuell empfindende Menschen geben, die als problematisch einzustufen sind. So ist auch der Begriff der \u201eKonversionstherapie\u201c problematisch, weil missverst\u00e4ndlich. Dieser Begriff geh\u00f6rt vornehmlich zum Wortschatz der Kritiker von Reorientierungstherapien. Mit ihm wird vielfach unterstellt, es gehe bei solchen Angeboten um Gehirnw\u00e4sche, Manipulation, Zwang oder Umpolung. Die Vorstellung, man k\u00f6nnte bei Homosexuellen \u2013 mittels Gebet oder Therapie \u2013 einfach den Schalter auf \u201eheterosexuell\u201c kippen, h\u00e4lt darum auch Rolf Rietmann von wuestenstromCH f\u00fcr grundlegend falsch. Im Mai 2016 sagte er in einem <a href=\"http:\/\/www.zukunft-ch.ch\/therapieverbot-fuer-homosexualitaet-soll-der-staat-ueber-unser-affektives-leben-entscheiden\/\">Interview<\/a> mit Zukunft CH: \u201eWer von einer starren, gen- und triebgesteuerten Sexualit\u00e4t ausgeht, die man ausleben muss, wird alle Ver\u00e4nderung wohl nur als \u201aUmpolung\u2018 interpretieren k\u00f6nnen.\u201c Doch lasse sich Sexualit\u00e4t \u2013 so seine Erfahrung als therapeutischer Berater \u2013 nicht so direkt ver\u00e4ndern, sondern eher im Sinne eines Nebeneffekts der Arbeit an tieferliegenden, nichtsexuellen Konflikten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weder unwirksam, noch sch\u00e4dlich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch eine k\u00fcrzlich in der Medizinischen Fachzeitschrift <a href=\"http:\/\/lc.org\/PDFs\/Attachments2PRsLAs\/2018\/081618SOCEStudySanteroWhitehead&amp;Ballesteros(2018).pdf\">\u201eThe Linacre Quarterly\u201c<\/a> ver\u00f6ffentlichte neue\u00a0Studie bescheinigt \u201eSexual orientation change efforts\u201c (SOCE), wie seri\u00f6se Methoden der Ver\u00e4nderung in der Fachsprache genannt werden, durchaus einen messbaren Erfolg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem Titel \u201eTherapieerfolge bei religi\u00f6sen M\u00e4nnern mit ungewollter homosexueller Anziehung\u201c berichten neuseel\u00e4ndische und US-amerikanischen Forscher von einer Umfrage unter 125 aktiv religi\u00f6sen M\u00e4nnern (meist Christen verschiedener Denominationen), die Therapieformen zur Ver\u00e4nderung ihrer sexuellen Orientierung in Anspruch genommen hatten. Von 125 M\u00e4nnern berichteten 68 \u00fcber einen je unterschiedlichen R\u00fcckgang ihrer gleichgeschlechtlichen Anziehung und Verhaltensweise sowie \u00fcber eine Zunahme ihrer Anziehung zu Frauen. Jeder siebte Proband (14 Prozent) gab an, seine Orientierung h\u00e4tte sich von exklusiv homosexuell zu exklusiv heterosexuell ver\u00e4ndert. Eine erhebliche Chance angesichts der Behauptung der APA, Erfolge bei solchen Therapien seien \u201eunwahrscheinlich\u201c. Parallel dazu berichteten die Forscher \u00fcber m\u00e4ssige bis deutliche R\u00fcckg\u00e4nge bei Depressionen, Drogenmissbrauch, Suizidalit\u00e4t sowie \u00fcber Verbesserungen beim Selbstwertgef\u00fchl und im Sozialverhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur APA halten die Forscher fest, dass gem\u00e4ss ihrer Studie Reorientierungstherapien weder als unwirksam noch als sch\u00e4dlich zu bezeichnen sind. Zumal f\u00fcr religi\u00f6se Menschen k\u00f6nne ein gewisser Grad an Ver\u00e4nderung durch \u201eBem\u00fchungen zur Ver\u00e4nderung der sexuellen Orientierung\u201c als wahrscheinlich betrachtet werden. Auch r\u00e4umen die Autoren mit dem g\u00e4ngigen Klischee auf, sozialer Druck sei der vorrangige Grund, eine Reorientierungstherapie zu beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aufs Individuum zugeschnitten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MercatorNet l\u00e4dt dazu ein, genau hinzusehen, was diese Studie aussagt, und was nicht: \u201eDie Autoren behaupten nicht, alle Homosexuellen k\u00f6nnten \u201akonvertiert\u2018 werden. Sie sagen nur, dass manche M\u00e4nner mit religi\u00f6ser Motivation zur Ver\u00e4nderung sich tats\u00e4chlich ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, und dass diejenigen, die es versucht haben, unabh\u00e4ngig vom Erfolg keine Sch\u00e4den erlitten haben, geschweige denn \u201apsychologische Folter\u2018.\u201c Die Forscher schliessen aus ihrer Studie, dass \u201edas Konzept der Unver\u00e4nderbarkeit der sexuellen Anziehung zur\u00fcckgewiesen werden muss\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren machen nicht zuletzt auf ein methodisches Defizit aufmerksam, welches der Position der APA zur Frage der Reorientierungstherapie anhaftet. Die APA anerkenne nur Evidenz \u201eanhand gruppensoziologischer Kriterien\u201c. Dies mag f\u00fcr die grosse Mehrheit der Homosexuellen, die keine Ver\u00e4nderung w\u00fcnscht, stimmen. Doch betonen die Autoren, dass Psychotherapie, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen, letztlich auf Individuen zugeschnitten sein m\u00fcsse. Mit anderen Worten: Nur eine Forschung, die auch sch\u00e4dliche oder positive Wirkungen ber\u00fccksichtigt, die f\u00fcr statistisch m\u00f6glicherweise unbedeutende Gruppen von Individuen zutrifft, kann gew\u00e4hrleisten, dass alle die Hilfe bekommen, die sie sich w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuen Befunde werfen (<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/12150399\">genauso wie bereits bekannte Studienergebnisse zu Therapieerfolgen<\/a>) ernste Fragen hinsichtlich der Bestrebungen in Europa auf (z.B. in Grossbritannien), therapeutische Hilfe f\u00fcr ver\u00e4nderungswillige Homosexuelle gesetzlich zu verbieten. In den USA haben bereits 14 Bundestaaten Reorientierungstherapien f\u00fcr Minderj\u00e4hrige unter Strafe gestellt und auch in der Schweiz hat es bereits einen Vorstoss in diese Richtung gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverst\u00e4ndlich soll niemand zu einem Ausstieg aus der Homosexualit\u00e4t gezwungen werden d\u00fcrfen. Aber Gesetze, welche Therapien f\u00fcr ausstiegswillige Homosexuelle grunds\u00e4tzlich unterbinden, beschneiden genauso die freie Wahl des Individuums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sind Fragen noch erlaubt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verbote solcher Hilfsangebote f\u00fcr homosexuell Empfindende w\u00e4ren aber nicht nur ein Angriff auf die Freiheit, sondern auch auf die Wissenschaft. Die amerikanischen Forscher Lawrence S. Mayer und Paul R. McHugh halten in ihrer Metastudie \u201eSexuality and Gender\u201c (<a href=\"https:\/\/www.thenewatlantis.com\/publications\/executive-summary-sexuality-and-gender\">The New Atlantis, 2016<\/a>) fest: Weder sexuelles Begehren, noch Anziehung oder Sehns\u00fcchte, noch sexuelle Orientierung sind unver\u00e4nderliche, f\u00fcr immer festgelegte, biologische oder auch nur f\u00fcr immer festgelegte psychische Eigenschaften des Menschen. Dies zeigt schon die sehr ausgepr\u00e4gte spontane Fluidit\u00e4t der Homosexualit\u00e4t in Richtung Heterosexualit\u00e4t, den die wissenschaftliche Forschung insbesondere f\u00fcr die Zeit der Adoleszenz best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren, die das verf\u00fcgbare biologische, psychologische und sozialwissenschaftliche Wissen zum Thema der sexuellen Orientierung ausgewertet haben, halten die sexuelle Anziehung als durch eine Anzahl von Umweltfaktoren beeinflusst, zu denen auch soziale Stressoren wie emotionaler oder sexueller Missbrauch oder k\u00f6rperliche Misshandlung z\u00e4hlen. F\u00fcr ein ganzheitlicheres Bild davon, wie sich sexuelle Interessen, sexuelle Anziehung und sexuelles Begehren entwickeln, sei es notwendig, die \u201eFaktoren Entwicklung, Umwelt, Erfahrung und soziales Umfeld\u201c, aber auch den \u201epers\u00f6nlichen Willen\u201c zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Gesellschaft sollten wir uns darum fragen, ob wir es angesichts des wissenschaftlich unhaltbaren, aber kulturell wirkm\u00e4chtigen Mythos vom Angeborensein und der Unver\u00e4nderbarkeit der sexuellen Orientierung \u00fcberhaupt noch zulassen, dass Schwule und Lesben tiefergehende Fragen stellen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MercatorNet macht darauf aufmerksam, dass das \u201eQ\u201c in der Abk\u00fcrzung f\u00fcr unkonventionelle Sexualit\u00e4ten (\u201eLGBTQ\u201c) f\u00fcr \u201eQuestioning\u201c \u2013 \u201eFragestellung\u201c steht, womit die sexuelle Orientierung und Identit\u00e4t als \u201eProzess der Exploration\u201c beschrieben wird. Weshalb also sollte es ausgerechnet Lesben und Schwulen nicht mehr erlaubt sein, ihre Orientierung, unter der nicht wenige von ihnen leiden, in Frage zu stellen? \u201eFragen zu den tiefsten Aspekten des Lebens zu tabuisieren, bedeutet nicht, homosexuell empfindende Menschen zu sch\u00fctzen, sondern sie in Ketten zu legen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.zukunft-ch.ch\">www.zukunft-ch.ch<\/a> (25.8.2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine neue Studie best\u00e4tigt es erneut: Homosexualit\u00e4t ist, in vielen F\u00e4llen wenigstens, kein unver\u00e4nderbares Schicksal. Warum eigentlich sollten homosexuelle M\u00e4nner und Frauen, die sich eine Ver\u00e4nderung ihrer Empfindungen w\u00fcnschen, nicht versuchen d\u00fcrfen, diese zu \u00e4ndern? 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