{"id":15796,"date":"2018-09-04T08:54:32","date_gmt":"2018-09-04T06:54:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15796"},"modified":"2018-09-04T08:55:44","modified_gmt":"2018-09-04T06:55:44","slug":"zum-glueck-verschieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15796","title":{"rendered":"Zum Gl\u00fcck verschieden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Derzeit erscheinen einige B\u00fccher, die sich kritisch und wissenschaftlich mit dem Thema Gender auseinandersetzen. Dazu geh\u00f6rt auch das Buch des spanischen Anthropologen und Philosophen <\/em><i>Antonio Malo, \u201eMann oder Frau \u2013 ein entscheidender Unterschied\u201c,<\/i><em> das jetzt im <\/em><i>Verlag Dunker und Humblot<\/i><em>, Berlin, erschien (als Band 26 der Reihe Soziale Orientierung, herausgegeben von den Professoren Anton Rauscher, Stefan M\u00fcckl, Arnd Uhle, 150 Seiten) und das mit dem Begriff der \u201esexuellen Verfasstheit\u201c einen konstruktiven und integrierenden Kontrapunkt zu den Genderthesen setzt. Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz schrieb ein Geleitwort, das man durchaus als Einf\u00fchrung verstehen kann.<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt einen chinesischen Gl\u00fcckwunsch: Ich w\u00fcnsche Dir uninteressante Zeiten! Wir leben offensichtlich in interessanten Zeiten: in einer \u201ePost-\u201cWelt, einer Welt \u201edanach\u201c. Sie ist posttraditionell, was das rasche und gr\u00fcndliche Vergessen kultureller Herk\u00fcnfte angeht: \u201eGeschichte ist f\u00fcnf Jahre alt\u201c (Durs Gr\u00fcnbein); postnational \u2013 im Blick auf das Globale wird ein Weltb\u00fcrgertum fast schon erzwungen; ja, unsere \u00c4ra ist auf dem Weg ins Posthumane (J\u00fcrgen Habermas), was die m\u00f6glichen Manipulationen am menschlichen Genom und Kreuzungen mit dem Tier angeht. Sie ist weiterhin postsexuell, weil die bin\u00e4re Unterscheidung zwischen m\u00e4nnlich und weiblich im Zuge der \u201eGender\u201c-Forschung als \u00fcberholt ausgegeben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFlie\u00dfende Identit\u00e4t\u201c ist das Motto der androgyn-multiplen K\u00f6rperlichkeit der Techno-, Pop- und Cyber-Kultur \u2013 allt\u00e4glich schon l\u00e4ngst angekommen in einem transsexuell-synthetischen Idol wie Michael Jackson. Utopien im Sinne des totalen Selbstentwurfes setzen sich zunehmend durch. Im Ausspielen des \u201eK\u00f6rperpotentials\u201c vollziehen sich \u201ePerformances\u201c, in welchen vorzugsweise Frauen ihren eigenen K\u00f6rper als Kunstwerk nutzen. Man ist nicht nur seines Gl\u00fcckes Schmied, sondern auch seines K\u00f6rpers Schneider. Unn\u00f6tig zu sagen, da\u00df wir damit in einem Post-Feminismus angelangt sind: Die Frauenbefreiung hat ihr Subjekt verloren, da es Frauen nicht einfach \u201egibt\u201c. In der \u201eGender\u201c-Theorie ist nicht mehr das biologische, sondern einzig das soziale oder zugeschriebene Geschlecht Gegenstand des Nachdenkens. Das Hauptwort dieser Prozesse lautet \u201eDekonstruktion\u201c. Das irritierende \u201eSpiel mit dem eigenen Fleisch\u201c verwischt die Grenzen zwischen Fleisch und Plastik, K\u00f6rper und Computer und noch sch\u00e4rfer: zwischen Mann und Frau. Folgerecht polarisiert die neue K\u00f6rperlichkeit dabei nicht mehr weiblich gegen m\u00e4nnlich, sondern unterl\u00e4uft diesen Gegensatz. gender nauting ist angesagt: das Navigieren zwischen den Geschlechtern. Konkret ist gemeint, da\u00df ein Aussch\u00f6pfen aller sexuellen M\u00f6glichkeiten, insbesondere der Gleichgeschlechtlichkeit, von den bisherigen Konstruktionen freisetzen k\u00f6nne. Die eigentliche St\u00fctze der Geschlechter-Hierarchie sei die \u201eZwangsheterosexualit\u00e4t\u201c, die als blo\u00dfer Machtdiskurs entlarvt werden k\u00f6nne. Festzustellen sind mannigfaltige, auch k\u00fcnstlerische Ans\u00e4tze zur Aufl\u00f6sung und Neuinstallation des K\u00f6rpers im Sinne einer fortlaufend zu inszenierenden Identit\u00e4t, die sowohl die bisherige angebliche Starre des K\u00f6rperbegriffs als auch seine Abgrenzung von der Maschine aufhebt \u2013 zumindest fiktiv in spielerischer Virtualit\u00e4t (transgender), teils bereits real mit Hilfe operativer Ver\u00e4nderung (transsexuell).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Lebenswelt ist damit auf dem Weg zur grunds\u00e4tzlichen \u00dcberholung des eigenen K\u00f6rpers. Nicht mehr nur der science fiction-Leser l\u00e4\u00dft sich die m\u00f6gliche Kombination von Mensch und Maschine vorf\u00fchren; sie r\u00fcckt vielmehr in Praxisn\u00e4he. Die Feministin Donna Haraway entwickelt den gedanklichen Entwurf des \u201eCyborg\u201c = Cyber Organism: einen durch Transplantate und technische Einbauten immer wieder funktionsf\u00e4hig erneuerten Organismus. Dem Mathematiker Roy Kurzweil schwebt der Einbau von Nanocomputern in den menschlichen K\u00f6rper vor. Seine fortschrittliche Frage lautet: \u201eBraucht die Zukunft noch den [bisherigen] Menschen?\u201c Ber\u00fchmte Transsexuelle schwelgen von den M\u00f6glichkeiten der Medizin: Mann kann Frau werden, den eigenen Samen einlagern und eine gute Freundin bitten, Leihmutter zu werden \u2013 so eine High-Tech-Kooperation zwischen Schweiz und England.. Umgekehrt: Vor kurzem hat ein Mann in Berlin, der zuvor eine Frau war, ein Kind geboren, mit dem er\/sie schon schwanger war \u2026 Der Schritt zu dem bereits um 1900 aufgetauchten Schlagwort vom \u201eDritten Geschlecht\u201c liegt nahe \u2013 und ist in Deutschland durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017 vollzogen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nach-Ph\u00e4nomene also kein Ende; \u201eThe Day After\u201c ist mehr als ein Filmtitel, er ist bewusstseinsm\u00e4\u00dfige Wirklichkeit. Bisherige Orientierungen sind totgesagt. Wir sind die Generation \u201edanach\u201c: nach Geschichte, Herkunft, Nation, Geschlecht, K\u00f6rper, sogar: nach der Familie\u2026 Sexualit\u00e4t aber ist das Minenfeld schlechthin und steht heute mitten im Strudel unterschiedlichster Auslegungen. In diese \u00fcberhitzte Entwicklung setzt Antonio Malo seine Analyse der Sexualit\u00e4t. Er tut dies mit sicherem Griff, was die Sachfragen angeht, philosophisch wie naturwissenschaftlich, und mit dem Skalpell eines sorgf\u00e4ltig zupackenden Denkens. Gerade das begrifflich scharfe Lesen der durchwegs komplizierten Autoren ist zugleich Ansatz f\u00fcr seine treffende Kritik. Beispiele liefern die Sexualit\u00e4ts-Theorien von Simone de Beauvoir, Judith Butler, Michel Foucault und anderen Wortf\u00fchrern, deren unterschwellige Widerspr\u00fcche bei genauer Betrachtung aufscheinen. Der Umgang mit solchen erfolgreichen Suggestiv-Thesen bedarf der Kenntnis der Argumentationsstr\u00e4nge von der antiken bis zur neuzeitlichen Philosophie; er bedarf eines hohen \u00a0Problembewusstseins und der F\u00e4higkeit, das komplexe Thema sicher durch seine verschiedenen Spielarten zu leiten, ohne den roten Faden zu verlieren und zu vereinfachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen roten Faden bildet die Frage, ob Geschlecht nur ein zuf\u00e4lliges \u201eBeiwerk der Evolution\u201c darstellt oder ob es f\u00fcr das Personsein einen Sinn hat, ja konstitutiv ist. Malo zeigt eingehend, da\u00df sich von den H\u00f6heren S\u00e4ugern zum Menschen mehrere Transformationen einstellen, die das Geschlecht in die Person einbinden. Aus der instinkthaften Neigung des Tieres wird menschliches Begehren, mehr noch: Begehren, begehrt zu werden; aus der Vermehrung die Zeugung mit bleibender Verantwortung; aus dem Geschlechtsakt die Ehe; aus der Ehe die dauernde, generationen\u00fcbergreifende Familie. Kraft solchen Umformungen wandeln sich tierisch-naturale Anlagen in eine personale = gewollte, bejahte, kultivierte Sinnhaftigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings kann menschliche Sexualit\u00e4t auch zentrifugal werden, wenn sie sich den ordnenden Transformationen verweigert. Etwa wenn sie nur noch vom Individuum und seiner Freiheit her gedacht wird, wie es die \u201eGender\u201c-Theorie versucht. Das Modell einer \u201efreien Wahl\u201c des eigenen Geschlechts \u2013 gegen die Biologie \u2013 kann \u00fcber verschiedene Stadien der Immer-noch-nicht-Identit\u00e4t bis zur \u201eFreiheit der Gleichg\u00fcltigkeit\u201c f\u00fchren, \u00fcberhaupt jemand Bestimmter sein zu wollen. Sofern Wirklichkeit nur \u00fcber Rollenspiel \u2013 gleichg\u00fcltig ob dekonstruiertes oder neu konstruiertes \u2013 \u201ehergestellt\u201c wird, verlieren sich g\u00fcltige Aussagen \u00fcber Selbstsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit \u201egender\u201c wird Sexualit\u00e4t jedenfalls \u2013 wie Malo zeigen kann \u2013 ausgespart, untergeordnet und reduziert, ja degradiert zu einer blo\u00dfen Eigenschaft am (unbeseelten) K\u00f6rper. Die Pointe besteht jedenfalls darin, da\u00df solche dekonstruktiven Thesen durchaus in einer m\u00e4nnlich (!) gepr\u00e4gten Philosophie wurzeln, n\u00e4mlich im neuzeitlichen K\u00f6rper-Maschinen-Paradigma von Descartes. Dieser Reduktionismus der Neuzeit f\u00fchrt zu einer Quantifizierung und \u00a0Materialisierung der Welt und des Menschen \u2013 als sei Sexualit\u00e4t eine Software mit der entsprechenden Verpflichtung zur mehrfachen Neubeschriftung. Eine solche Vision kennzeichnet die Zerst\u00f6rung, zumindest die Vernachl\u00e4ssigung eines umfassenden Begriffs von Sexualit\u00e4t, die Malo als \u201eVerfa\u00dftheit\u201c viel weitgreifender bestimmt: \u201eDie sexuelle Verfa\u00dftheit ist gleicherma\u00dfen nat\u00fcrlich und kulturell, psychologisch (durch die Prozesse der Identifikation und der Abgrenzung), ethisch (mittels der Integration), beziehungshaft (famili\u00e4r, intergenerationell, gemeinschaftlich) und nicht zuletzt menschlich (sie steht am Beginn des Menschen und seiner Entwicklung).\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sachlich kommt man nicht um den Spannungsbogen herum, den Malo kenntnisreich skizziert: die Zuordnung von Geschlechtsleib (\u201eNatur\u201c) zum personalen Selbstentwurf (\u201eSelbstsein\u201c) und darin spiegelbildlich eingeschlossen die gesellschaftlichen Zuschreibungen (\u201eKultur\u201c). Wesentlich wird hinzugenommen die Beziehung zum Woher und Wohin des Daseins, n\u00e4mlich die \u2013 gendertheoretisch v\u00f6llig ausgesparte \u2013 Frage nach dem sch\u00f6pferisch-g\u00f6ttlichen Ursprung des Daseins. Denn die transzendente Eigenart des Menschen wird besonders durch die biblischen Texte gest\u00fctzt, die das naturhafte Dasein dem Personalen, Freien, mit sich Identischen, Beziehungsvollen eingeordnet sehen. Und zugleich kommt durch die Lebendigkeit des individuellen Geschaffenseins in das polare Grundmuster die eigentliche Lebensspannung: Jeder Mann, jede Frau kann und soll sich selbst wie den anderen das g\u00f6ttlich gewollte Unverwechselbare, Eigene zugestehen, ja darauf ausdr\u00fccklich die Anstrengung richten. Es ist Gott, der das je eigene Profil, das Selbstsein seines Gesch\u00f6pfes w\u00fcnscht. Und zugleich hat er es auf den anderen, das Gegen\u00fcber so ausgerichtet, da\u00df niemand narzi\u00dftisch zu sich kommt, sondern nur, indem er aus sich heraustritt in die leibhafte Begegnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autonomie der Aufkl\u00e4rung f\u00fchrte nur bis zur Selbsthabe. Deutlich und unabweisbar ist daher die Notwendigkeit eines weitergehenden Nachdenkens \u00fcber \u201eWirklichkeit\u201c als \u201egegeben\u201c und nicht blo\u00df \u201e(selbst)gemacht\u201c und \u201e(selbst)besessen\u201c. Auch Geschlecht ist nicht ein selbstgemachtes \u201efactum\u201c, um annehmbar zu sein, sondern ein \u201edatum\u201c. Malo denkt \u00fcber die Selbsthabe hinaus an die Selbstgabe: an das anerkannte Sich-Gegebensein durch einen Geber, an die Eigengabe an andere, an die Freiheit erf\u00fcllender Beziehung. Solche Fragen betreffen nicht allein die Philosophie, sondern bereits die Alltagskultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So l\u00e4\u00dft sich Malos These nochmals zuspitzen: Die gleiche W\u00fcrde des Sich-Gegebenseins nimmt dem (dennoch bleibenden) Unterschied seine Sch\u00e4rfe, seine Macht der Zerst\u00f6rung des anderen. Der Unterschied zwischen Frau und Mann ist dann nicht mehr einengend, zum st\u00e4ndigen \u00dcberholen und Niederwerfen des anderen zwingend. Im Gegenteil: Er bleibt gerade seiner fruchtbaren Asymmetrie wegen wichtig. Asymmetrie ist ein Gesetz des Lebendigen, und \u00fcbrigens auch des Sch\u00f6nen. Alles, was lebendig ist, was der Entwicklung und reizvollen Antwort auf Neues f\u00e4hig ist, besteht nicht aus symmetrischen Kr\u00e4ften, die einander genau die Waage halten. Es setzt sich vielmehr zusammen aus ungleichen Energien mit unterschiedlichem Antrieb und getrennten Aufgaben. Allerdings sind die Kr\u00e4fte auf ein einheitliches Ziel hin zu versammeln, sonst brechen die Strebungen aus dem Lebendig-Ganzen aus. So sind die Geschlechter weiterhin einander asymmetrisch zugeordnet \u2013 und das macht den Reiz der Beziehung aus. Zum Gl\u00fcck verschieden. Malo erneuert die alte Genesis-Vision, da\u00df sich in dem Einlassen auf das fremde Geschlecht eine g\u00f6ttliche Spannung, die Lebendigkeit des Andersseins und die Not (wendigkeit) asymmetrischer Gemeinschaft ausdr\u00fcckt. Sch\u00f6pferisches, erlaubtes Anderssein auf dem Boden gemeinsamer g\u00f6ttlicher Grundausstattung \u2013 das ist sein Vorschlag an alle Einebnungen, Dekonstruktionen, Neutralisierungen. Um es mit Gilbert Keith Chesterton zu sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cMake not the grey slime of infinity<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">To swamp these flowers thou madest one by one;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Let not the night that was thine enemy<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mix a mad twilight of the moon and sun.\u201d (1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Gilbert Keith Chesterton, A Wedding in War-Time, in: ders., The Ballad of St. Barbara and Other Verses, C. Palmer, London 1922, S. 15: \u201eLa\u00df nicht im grauen Schleim des Grenzenlosen \/ versumpfen diese Blumen, die Du einzeln schufst; \/ la\u00df nicht die Nacht, die Deine Feindin war, \/ zum dumpfen Zwielicht mischen Mond und Sonne.\u201c<\/p>\n<p><em>Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V., Buch des Monats August 2018 (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit erscheinen einige B\u00fccher, die sich kritisch und wissenschaftlich mit dem Thema Gender auseinandersetzen. 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