{"id":15699,"date":"2018-07-25T11:07:51","date_gmt":"2018-07-25T09:07:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15699"},"modified":"2018-07-25T11:07:51","modified_gmt":"2018-07-25T09:07:51","slug":"als-christ-in-aegypten-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15699","title":{"rendered":"Als Christ in \u00c4gypten leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Derzeit leben etwa 96 Millionen Menschen in \u00c4gypten. Das Land am Nil ist ein arabisch-islamischer Staat und geh\u00f6rt als solcher der Arabischen Liga mit Sitz in Kairo an. Unbest\u00e4tigte Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass ca. 10% alle \u00c4gypter zu einer der christlichen Kirchen des Landes geh\u00f6ren. Die gro\u00dfe Mehrheit der \u00e4gyptischen Christen wei\u00df sich der Koptisch-Orthodoxen Kirche zugeh\u00f6rig, die etwa 90% der christlichen Bev\u00f6lkerung des Landes ausmacht. Insgesamt stellt damit das \u00e4gyptische Christentum zahlenm\u00e4\u00dfig die st\u00e4rkste christliche Pr\u00e4senz in der Arabischen Welt dar. Inmitten eines seit Jahrhunderten vom Islam bestimmten Kulturraums lebt und \u00fcberlebt die christliche Kirche. In der folgenden Darstellung geht es darum, wie sich Leben als Christ heute in \u00c4gypten gestaltet.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Islamisierung \u00c4gyptens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit der islamischen Eroberung \u00c4gyptens 641\/42 n. Chr. setzte die systematische Islamisierung des Lands ein. Zahlenm\u00e4\u00dfig Als \u201eLeute des Buches\u201c durften die Christen ihrer Religion treu bleiben, wurden aber mit einer sogenannten \u201eKopfsteuer\u201c f\u00fcr Nicht-Muslime belegt und damit einem erheblichen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. Dieser Minderheitenstatus wurde begleitet von sich abwechselnden diskriminierenden Ma\u00dfnahmen. Es kam zu zahlreichen Konversionen zum Islam. Im 8. Jahrhundert wurde die koptische Sprache durch die arabische Sprache als offizielle Sprache abgel\u00f6st. Die Verschiebung der religi\u00f6sen Verh\u00e4ltnisse entwickelte sich bereits im 9. Jahrhundert zugunsten des Islam. \u00c4gypten war faktisch ein islamischer Staat geworden. Durch die Pr\u00e4senz der westlichen Kolonialmacht England seit 1882 genossen die christlichen Kirchen und Organisationen im Land gewisse Freir\u00e4ume und Entfaltungsm\u00f6glichkeiten. Durch das von den Osmanen eingef\u00fchrte Mille-System war es den Christen m\u00f6glich, durch ihre Vertreter ihre Anliegen vor dem Staat zu artikulieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Christsein im 21. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert in \u00c4gypten Christ zu sein bzw. Christ zu werden? Das Spektrum der Antwort bewegt sich je nach Definition zwischen relativer Toleranz, Diskriminierung und Verfolgung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Begrenzte Freiheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist es erstaunlich, dass Christen sich in den daf\u00fcr vorgesehenen und registrierten Grundst\u00fccken und Geb\u00e4uden relativ frei aktiv entfalten k\u00f6nnen. Die Voraussetzung daf\u00fcr ist die staatliche Registration oder ein Gewohnheitsrecht, das sich \u00fcber viele Jahrzehnte entwickelt hat. Wir k\u00f6nnen hier mit Berechtigung von einer \u201ebegrenzten Freiheit\u201c sprechen. So k\u00f6nnen sich Hunderte und Tausende zu Bibelstunden, Gottesdiensten, Evangelisationen, Lehrveranstaltungen, Konzerten und Gebetskonferenzen treffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Latente Diskriminierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl gesellschaftlich phasenweise und geographisch bedingt vielerorts von einer friedlichen Koexistenz zwischen Muslimen und Christen gesprochen werden darf, besteht kein Zweifel an einer staatlich gelenkten Diskriminierung, die unterschiedliche Ausformungen annehmen kann. So ist es weiterhin \u00e4u\u00dferst schwierig und langwierig, die Registrierung zum Bau einer neuen Kirche zu erhalten. Es ist weiterhin eine Ausnahme, dass Christen mit ausgezeichneten Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen in den universit\u00e4ren Lehrk\u00f6rper aufgenommen werden. In der \u00e4gyptischen Armee, Polizei und anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden k\u00f6nnen keine Christen in strategisch sensitive Positionen aufsteigen. Im Parlament oder Ministerien sind die Christen des Landes deutlich unterrepr\u00e4sentiert. So f\u00fchrt auch die erforderte Nennung der Religionszugeh\u00f6rigkeit auf der ID-Karte oder im Reisepass gelegentlich zu Diskriminierungen. Auch bei Abschlussexamina oder Einstellungsgespr\u00e4chen spielt nicht selten die Religionszugeh\u00f6rigkeit eine ma\u00dfgebliche Rolle bei dem Ergebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Offene Verfolgung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche \u00c4gyptens ist eine leiderprobte Kirche, das gilt auch f\u00fcr die Gegenwart. Abh\u00e4ngig von der jeweiligen politischen Machtkonstellation und der geographisch unterschiedlichen Sicherheitspolitik der Beh\u00f6rden kommt es immer wieder zu massiven Leidenssituationen f\u00fcr Christen. Dazu geh\u00f6ren Zwangskonversionen zum Islam, die h\u00e4ufig durch eine bewusst initiierte Liebesbeziehung oder die Ausnutzung einer wirtschaftlichen Notlage ihren Anfang nehmen. Junge christliche Frauen werden entf\u00fchrt und zwangskonvertiert. Christliche Gesch\u00e4ftsbesitzer werden von radikalen Muslimen entf\u00fchrt und nur unter horrenden L\u00f6segeldzahlungen wieder freigesetzt. In manchen muslimischen D\u00f6rfern werden Christen gezwungen, ihre Geb\u00e4ude und L\u00e4ndereien aufzugeben, das Dorf zu verlassen und eine neue Existenz aufzubauen. Nicht selten werden christliche Gesch\u00e4ftsinhaber Ziel zerst\u00f6rerischer Gewaltaktionen durch radikale Muslime.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Jahr hat sich die Revolution vom 25. Januar 2011 zum siebten Mal gej\u00e4hrt. Die anf\u00e4nglichen Tr\u00e4ume des arabischen Fr\u00fchlings sind der Wirklichkeit eines politischen Herbstes gewichen. Der jetzige \u00e4gyptische Pr\u00e4sident al-Siisi erfuhr nach der Absetzung der Muslimbr\u00fcder im Sommer 2013 die unmittelbare Unterst\u00fctzung der Mehrheit der \u00e4gyptischen Christen. Papst Tawadrus II zeigte sich fr\u00fch loyal auf der Seite der Milit\u00e4rs. Der Pr\u00e4sident belohnte dies mit seiner pers\u00f6nlichen Teilnahme an der koptischen Weihnachtsmesse. Doch f\u00fchrte die kirchliche Parteinahme auch dazu, dass radikal islamische Kr\u00e4fte und besonders ISIS die koptischen Christen des Landes st\u00e4rker ins Visier genommen haben. Den zahlenreichen Zerst\u00f6rungen und Verbrennungen koptischer Kirchen in Mittel\u00e4gypten folgten brutale Angriffe und T\u00f6tungen von koptischen Gottesdienstbesuchern. Im Februar 2015 wurden 21 koptische Christen von ISIS Truppen in Libyen brutal get\u00f6tet. Im Dezember 2016 kam es zu einem schrecklichen Bombenattentat mit vielen Todesopfern und Verletzten in der St. Peter &amp; St Paul Kirche in Kairo. Damit wurden im zeitlichen Zusammenhang mit hohen christlichen Feiertagen wiederholt koptische Kirchen zu Anschlagszielen. Ab 22.02. 2017 wurden wegen islamistischer Bedrohung etwa 200 koptische Familien von el-Arish nach Ismaelia umgesiedelt. ISIS erkl\u00e4rte den Nord-Sinai zur \u201echristenfreien\u201c Zone. Am Palmsonntag, am 9. April 2017, wurden zwei Anschl\u00e4ge auf die koptischen Kirchen in den St\u00e4dten Tanta, ca. 80 km n\u00f6rdlich von Kairo, und Alexandrien ver\u00fcbt. Es waren mindestens 44 Tote und 100 Verletzte zu beklagen. Das f\u00fchrte zur Verh\u00e4ngung eines landesweiten Ausnahmezustands. Am 26. Mai 2017 erfolgte ein ISIS Angriff auf einen mit koptischen Christen besetzten Bus auf dem Weg zum St. Samuel Kloster im Gouvernerat al-Minia, rund 220 km s\u00fcdlich von Kairo. Mindestens 26 Personen wurden brutal get\u00f6tet und \u00fcber 20 Personen verletzt, weil sie Christus treu blieben und nicht konvertieren wollten. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage ordnete das Innenministerium im Juli 2017 in Absprache mit den Kirchenf\u00fchrern des Landes erstmalig an, alle christlichen Sommerfreizeiten und Konferenzen zu stornieren. Im Oktober 2017 wurde in Salam City ein koptischer Priester auf offener Stra\u00dfe durch Messerstiche get\u00f6tet. Kurz vor Jahresende 2017 kam es in der Stadt Helwan s\u00fcdlich von Kairo erneut zu einem gewaltsamen Angriff auf eine koptische Kirche, bei der mindestens neun Menschen starben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4gypten kommt nicht zur Ruhe. Christsein hat seinen Preis. Auch Christwerden hat seinen Preis. Offiziell ist es in \u00c4gypten nicht m\u00f6glich, als Muslim Christ zu werden. H\u00e4ufig kommt es zu steigendem Druck durch die Familie, die unmittelbare Religionsgemeinschaft, Arbeitskollegen oder Beh\u00f6rden. Verlust der Arbeitsstelle, Scheidung, Kontaktverbot mit den Kindern, Enterbung oder auch k\u00f6rperliche Gewalt z\u00e4hlen oft zu den Folgen einer bewussten Entscheidung f\u00fcr Jesus Christus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Reaktionen auf diese Entwicklungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Isolation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Marginalisierung der Christen und das Empfinden, B\u00fcrger mit eingeschr\u00e4nkten Rechten zu sein, f\u00fchrte zu einem R\u00fcckzug aus dem gesellschaftlichen Leben. Die Sozialkontakte der Christen, die zum gro\u00dfen Teil auch zur Bildungselite geh\u00f6ren, begrenzen sich im Wesentlichen auf die beruflichen und kirchlichen Kontakte und f\u00fchren teilweise zu einer Ghettoisierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Emigration<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wachsende Empfinden, im Land zunehmend unerw\u00fcnscht zu sein und damit keine Zukunftsaussichten f\u00fcr die n\u00e4chste Generation zu sehen, f\u00fchrte bei vielen Christen besonders in der Mursi-\u00c4ra zur Auswanderung in L\u00e4nder der westlichen Hemisph\u00e4re. Dieser professionelle, intellektuelle und religi\u00f6se Aderlass f\u00fchrt sowohl zur Schw\u00e4chung der \u00e4gyptischen Infrastruktur als auch der christlichen Gemeinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Konversion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider geben manche traditionelle Christen ihren christlichen Glauben aus wirtschaftlichen oder sozialen Gr\u00fcnden auf und konvertieren zum Islam. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, wurden in manchen Di\u00f6zesen Beratungsstellen f\u00fcr konversionsgef\u00e4hrdete Christen eingerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Atheismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Ausdruck tiefer Entt\u00e4uschung \u00fcber die Realit\u00e4t des kirchlichen Lebens und dessen fehlender Relevanz f\u00fcr den Lebensalltag, wenden sich immer mehr junge Menschen der Religionslosigkeit zu und stellen die traditionellen Werte und Autorit\u00e4ten in Frage. Diese Bewegung beeinflusst auch viele Muslime, die sich durch die Gewaltexzesse in ihrer eigenen Religion entt\u00e4uscht von dieser zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Evangelisation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfreulich ist die wachsende Entwicklung \u00fcber Konfessionsgrenzen hinweg, dass Christen ihre Liebe f\u00fcr \u00c4gypten und ihre Verantwortung f\u00fcr ihr Land entdecken und wahrnehmen. In vielen Eins\u00e4tzen werden medizinische und soziale Hilfe, sportliche Aktivit\u00e4en und Ausbildungskurse mit klarer Evangeliumserkl\u00e4rung verbunden.<\/p>\n<p><em>Quelle: EMO aktuell Fr\u00fchjahr 2018<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit leben etwa 96 Millionen Menschen in \u00c4gypten. Das Land am Nil ist ein arabisch-islamischer Staat und geh\u00f6rt als solcher der Arabischen Liga mit Sitz in Kairo an. 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