{"id":15429,"date":"2018-03-15T09:44:11","date_gmt":"2018-03-15T08:44:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15429"},"modified":"2018-03-15T09:44:11","modified_gmt":"2018-03-15T08:44:11","slug":"kleine-renaissance-der-ehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15429","title":{"rendered":"Kleine Renaissance der Ehe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es wird wieder mehr geheiratet in Deutschland. 2016 gaben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 410.000 Paare das Ja-Wort, zehntausend (2,6 Prozent) mehr als im Vorjahr und 2014 waren es nur 386.000. Der Trend ist erkennbar. In den f\u00fcnfziger Jahren freilich waren es rund 600.000 Eheschlie\u00dfungen, in den sechzigern begann die Kurve zu sinken um bis zur Jahrtausendwende deutlich mehr als ein Drittel zu verlieren. Das ist nicht so dramatisch wie die Geburtenzahlen, die sich im vergleichbaren Zeitraum glatt halbierten, aber der Zusammenhang ist eindeutig. Die meisten Kinder &#8211; mehr als achtzig Prozent &#8211; werden auch heute in Ehen geboren. Etwa 90 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 40 und 44 Jahren haben Kinder. Bei Ehepaaren wachsen in Deutschland rund 10 Millionen Kinder auf, drei von vier Kindern leben bei ihren leiblichen und verheirateten Eltern. Der Staat h\u00e4tte ein Interesse daran, die Ehe zwischen Mann und Frau zu f\u00f6rdern.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum wird wieder mehr geheiratet, obwohl es heute \u00f6konomisch wegen der Emanzipation der Frau nur noch bedingt und gesellschaftlich nicht mehr mainstreamig ist, wie die FAS j\u00fcngst in einem ganzseitigen Beitrag zu begr\u00fcnden versuchte? Zun\u00e4chst: Die lang- und mittelfristig \u00f6konomischen Vorteile liegen nach wie vor auf der Hand. Stabile Beziehungen senken die Risiken von Armut und Krankheit und erh\u00f6hen die Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit. Das kommt nicht nur den Partnern, sondern auch der Allgemeinheit zugute. Ehe ist gut f\u00fcr die Gesundheit. Das hat die Ver\u00adhaltensforscherin Linda Waite von der Universit\u00e4t Chicago erforscht. Verheiratete M\u00e4nner lebten ges\u00fcnder und l\u00e4nger als unverheiratete (das ist vermutlich vor allem auf die Pflege und Sorge durch die Frauen zur\u00fcckzuf\u00fchren), verheiratete Frauen aber auch. Auch Wissenschaftler von der britischen Warwick-Universit\u00e4t kamen bei einer Langzeitstudie zu diesem Schlu\u00df. Demnach weisen verheiratete M\u00e4nner ein um 9 Prozent geringeres Sterberisiko auf als Singles. Bei Frauen sind es immerhin noch drei Prozent. Geradezu sprunghaft steigt das Gesundheitsrisiko bei Geschiedenen. Die Ehe nutzt dem Staat. Diese soge\u00adnannten positiven externen Effekte sind empirisch in zahlreichen Studien nachgewie\u00adsen, weshalb Fachleute bei der Ehe auch von einem &#8222;kulturellen Kapital&#8220; sprechen. Dieses Kapital ist auch gesellschaftspolitisch bedeutsam. Es st\u00e4rkt die Sozialsysteme und die Wirtschaft. In Zeiten instabiler Renten und ande\u00adrer wachsender Risiken aufgrund der demographischen Entwicklung ist die Ehe eine Lebensversicherung besonderer Art, die Vertrautheit macht Pflege im Alter (durch Partner oder Kinder) eher zu einem Liebesdienst als in irgendeinem Heim. Sie schafft einen Rahmen, in dem nicht nur Emotionen gedeihen k\u00f6nnen, sondern aus dem auch Stabilit\u00e4t f\u00fcr das Gemeinwesen erw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All das w\u00e4ren Gr\u00fcnde f\u00fcr den Staat, die Ehe zu f\u00f6rdern. Es sind statistische Daten und freilich im Einzelfall nur teilweise Gr\u00fcnde, \u00fcberhaupt zu heiraten. Auch Singles k\u00f6nnen gesund leben, wohlhabend werden und sich sozial engagieren. Der Hauptgrund ist heute &#8211; mehr noch als fr\u00fcher &#8211; der vermutlich \u00e4lteste Grund, weswegen Menschen heiraten: Die Liebe. In den USA ist das f\u00fcr neun von zehn Heiratenden der Grund, acht von zehn wollen sich dort f\u00fcr das ganze Leben einander versprechen. In Europa ist angesichts der Aufl\u00f6sung sozialer Milieus und der Atomisierung von Beziehungen, gef\u00f6rdert durch das politisch-mediale Establishment, die Ehe ein Hafen der Geborgenheit und der pers\u00f6nlichen Sicherheit, der f\u00fcr das Streben nach Gl\u00fcck sehr viel mehr verhei\u00dft als Geld und Wohlstand. Psychologen sprechen von einer gesteigerten &#8222;Bindungssehnsucht&#8220;, vom &#8222;Wunsch nach einer dauerhaften Liebe&#8220;. Schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat der Brite William Farr die &#8222;conjugal condition&#8220; anhand von Heirats-, Sterbe- und Geburtsregistern untersucht und herausgefunden, da\u00df Verheiratete ges\u00fcnder und gl\u00fccklicher leben. Die Hirn-und Bindungsforschung hat in unseren Tagen neue Erkenntnisse beigesteuert, was vor allem in Amerika diskutiert wird. Sicher ist: Liebe ist ein Faktor, der in einer Welt der wachsenden politischen, sozialen und psychologischen Unsicherheit an Bedeutung gewinnt. Vertrauen ist die W\u00e4hrung des Lebens, das gilt f\u00fcr Staat, Wirtschaft, Gesellschaft. In der Ehe findet es sein Zuhause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vertrauensbruch wiegt in der Ehe schwerer als au\u00dferhalb. Deshalb liegen Gl\u00fcck und Konflikt hier eng zusammen. Norbert Bolz formuliert es in seinem B\u00fcchlein &#8222;Die Helden der Familie&#8220; so: &#8222;Die Rechnung, die Eheleute den Singles gegen\u00fcber aufmachen, lautet: In der Liebe hat man nicht nur den Nutzen des eigenen Konsums, sondern auch den des Partners, gewisserma\u00dfen Freude an der Freude des anderen. Liebe hei\u00dft \u00f6konomisch betrachtet, da\u00df mir der Konsum des Partners genauso viel Nutzen bringt wie der eigene Konsum. Intimit\u00e4t, die Wertbindung der Ehe und gegenseitige Unterst\u00fctzung bringen beiden Partnern Gef\u00fchlsdividenden. Soziale Bindungen aber schr\u00e4nken Freiheit und Autonomie ein. Die Gegenrechnung orientiert sich dann an den Scheidungsstatistiken. Monotonie, hohe Kosten und Streit in der Ehe haben eine hohe Sichtbarkeit. Das schreckt viele davon ab, sich auf dieses moderne Abenteuer einzulassen. Und in der Tat hat die Ehe von allen Lebensformen das gr\u00f6\u00dfte Konfliktpotential &#8211; aber eben auch das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcckspotential&#8220;. Ein weit verbreiteter Stein des Ansto\u00dfes in der Ehe ist das Geld. Nach j\u00fcngsten Umfragen hatte jedes vierte Paar in Deutschland schon mal &#8222;Beziehungsstress&#8220; wegen des Geldes und der finanziellen Haushaltsf\u00fchrung. M\u00e4nner verdienen im Schnitt mehr Geld als die Frauen (das Deutsche Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung hat errechnet: Bei jedem f\u00fcnften Paar ist der Mann Alleinverdiener, bei 44 Prozent verdient die Frau mit, nur bei 25 Prozent verdienen beide Partner etwa gleichviel, nur in jeder zehnten Beziehung verdient sie mehr als er) und st\u00f6ren sich \u00f6fter als Frauen an vermeintlich unn\u00f6tigen Ausgaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geld und Wohnraum sind externe Faktoren, bei denen der Staat durchaus f\u00fcr mehr Gerechtigkeit sorgen k\u00f6nnte, vor allem, wenn es in Ehen auch Kinder gibt. Die internen Faktoren, Vertrauen und Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, Gef\u00fchle und Freundschaft sind kaum messbar. Die leichte Renaissance der Ehe wird deshalb in ihrem Umfang erst dann wirklich erfassbar, wenn man noch zwei Daten ins Bild nimmt: Die Ehen in Deutschland halten l\u00e4nger und es wird weniger geschieden. Die durchschnittliche Ehedauer betrug in den neunziger Jahren um die 12 Jahre, 2005 waren es schon 13,6 und 2015 bereits 14,9 Jahre. Im selben Zeitraum (zwischen 1990 und 2015) stieg die Zahl der Scheidungen zun\u00e4chst von 154.000 auf 201.000 (2005), um zehn Jahre sp\u00e4ter auf 163.000 zu sinken. L\u00e4ngere Haltbarkeit, weniger Scheidungen, mehr Hochzeiten, mehr als sieben Paare in Deutschland leben in Ehe, nicht immer die erste, aber der hohe Stellenwert der Ehe ist unbestritten. Wer heute in Ehe lebt, lebt es bewu\u00dfter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das umso mehr, je religi\u00f6ser fundiert die Ehe ist. Zwei Drittel aller Ehen in Deutschland halten ein Leben lang und die meisten dieser Ehen haben ein religi\u00f6ses Fundament. In der Tat: Ehen, die kirchlich getraut wurden, haben ein um rund 50 Prozent vermindertes Scheidungsrisiko als nur standesamtlich getraute Ehen. Das geht aus fr\u00fchen Umfragen und aus wissenschaftlichen Arbeiten vor allem in Amerika hervor. Besonders intensiv hat sich der Familienforscher Patrick Francis Fagan vom Family Research Council damit befasst, aber auch in Deutschland liegen Ergebnisse sozusagen als Nebenprodukt anderer Zielrichtungen von Forschungsarbeiten vor (zum Beispiel Andreas Diekmann\/ Henriette Engelhardt, Alter der Kinder bei Ehescheidung der Eltern und soziale Vererbung des Scheidungsrisikos, Working Paper des Max-Planck-Instituts f\u00fcr demografische Forschung, Rostock, 2002). Man darf auch als selbstverst\u00e4ndlich annehmen, da\u00df kirchlich verheiratete Paare aus ideellen und religi\u00f6sen Gr\u00fcnden intensiver um ihre Beziehung ringen als nicht ideell und religi\u00f6s gebundene Paare. Umso wahrscheinlicher ist auch, da\u00df religi\u00f6s praktizierende Ehepaare sich signifikant seltener scheiden lassen. Eine Umfrage aus den achtziger Jahren besagt sogar, da\u00df nur jede f\u00fcnfzigste Ehe von Paaren zerbrach, die kirchlich verheiratet waren und gemeinsam zur Kirche gingen. Bei kirchlich verheirateten Paaren, die zudem noch gemeinsam beten, zerbricht nur eine von 1429 Ehen. Sp\u00e4tere Forschungen der Auburn-Universit\u00e4t in Alabama belegen zudem, dass es auch auf die Art der Religion und Kirchenbindung ankommt. Zuviel Vielfalt k\u00f6nne der Ehe auch schaden. Entscheidend f\u00fcr das Gelingen einer Ehe sei auch das &#8222;religious makeup of a community&#8220; &#8211; das religi\u00f6se Gef\u00fcge einer Gemein\u00adde, und nicht nur die Religiosit\u00e4t des Paares. Da, wo die Menschen in relativ homo\u00adgenen religi\u00f6sen Rahmenbedingungen (relatively homogeneous religious settings) lebten, gebe es signifikant weniger Scheidungen. Patrick Fagan unterscheidet au\u00dferdem noch zwischen bikonfessionellen Ehen und unterschiedlichen Familienmodellen. Festzuhalten ist: Religi\u00f6s praktizierende Eheleute lassen sich deutlich seltener scheiden als nicht religi\u00f6se Paare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kleine Renaissance der Ehe in politisch wie emotional unsicheren Zeiten ist sicher eine Chance f\u00fcr sinnstiftenden Institutionen wie die Kirchen. Es l\u00e4ge nahe, diesem Trend mit Angeboten f\u00fcr eine bessere und fundierte Vorbereitung der Ehe entgegenzukommen. Die Ehe ist die Freundschaft des Lebens oder, wie Paul VI. sagte, die &#8222;innigste und umfassendste Form personaler Freundschaft&#8220; und vor ihm schon sprach Leo XIII von der Ehe als der &#8222;h\u00f6chsten Gemeinschaft und Freundschaft&#8220;. Unvergessen ist Luthers Wort: Diese Freundschaft h\u00e4tte es verdient, vertieft und in all ihren Facetten dargestellt zu werden, damit die k\u00fcnftigen Ehepartner noch besser wissen und sich noch mehr darauf freuen, in welches gemeinsame Abenteuer des Lebens sie gehen. Und die Kirchen selbst k\u00f6nnten auf diese Weise auch ein Momentum der Renaissance erleben, vor allem wenn sie sich st\u00e4rker auf den Faktor selbstlose, zeitlose Liebe konzentrierten als auf das Mitreden im politisch-sozialen Diskurs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>J\u00fcrgen Liminski, Institut f\u00fcr Allgemeinwohl, Demographie und Familie,<\/em><em> Aufsatz des Monats 3\/2018 (14.3.2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird wieder mehr geheiratet in Deutschland. 2016 gaben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 410.000 Paare das Ja-Wort, zehntausend (2,6 Prozent) mehr als im Vorjahr und 2014 waren es nur 386.000. Der Trend ist erkennbar. 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