{"id":1533,"date":"2008-01-14T09:50:00","date_gmt":"2008-01-14T07:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1533"},"modified":"2009-08-10T09:58:26","modified_gmt":"2009-08-10T07:58:26","slug":"muslime-die-christen-werden-leben-gefahrlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1533","title":{"rendered":"Muslime, die Christen werden, leben gef\u00e4hrlich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Till-Reimer Stoldt<br \/>\nMuslime, die Christen werden, leben gef\u00e4hrlich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie werden bedroht, beschimpft und bedr\u00e4ngt: Muslime, die zum Christentum \u00fcbergetreten sind, leben hierzulande gef\u00e4hrlich \u2013 vor allem, wenn sie f\u00fcr ihren Glauben unter Muslimen werben. WELT ONLINE hat eine t\u00fcrkisch-evangelikale Gemeinde in K\u00f6ln besucht und dort mutige Menschen getroffen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als habe er dem Leibhaftigen ins Auge geschaut, verf\u00e4rbt sich das Gesicht des \u00e4lteren Herrn mit dem grauen Bart und dem wei\u00dfen K\u00e4ppi dunkelrot. Mit bebender Stimme faucht er auf T\u00fcrkisch: \u201eWas f\u00e4llt dir ein? Du sagst mir, einem Muslim, ich solle Christ werden?\u201c \u201eGenau\u201c, erwidert der angesprochene Esat Avcioglu, seines Zeichens Pastor einer t\u00fcrkischen Christengemeinde. Dann setzt er nach: \u201eSie haben die freie Wahl! Lesen Sie das Traktat, dann k\u00f6nnen Sie \u00fcberlegen, ob Sie Christ werden wollen.\u201c Gleichzeitig h\u00e4lt er dem Muslim ein Heftchen vor die Brust (Titel: \u201eWie komme ich in den Himmel?\u201c). \u201eFreie Wahl?\u201c, raunzt der Muslim ungl\u00e4ubig. Doch dann stutzt er, schnappt sich das Heftchen, verschwindet \u2013 und hat Bekanntschaft mit einem unbequemen Grundrecht gemacht: mit Religionsfreiheit, die das Recht auf Mission und Glaubensabfall einschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Missionieren unter Muslimen ist extrem gef\u00e4hrlich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Muslimmission, wie die t\u00fcrkisch-evangelikale Gemeinde Pfarrer Avcioglus aus K\u00f6ln sie betreibt, wird derzeit heftig gerungen: Eine Position lautet, Kirche m\u00fcsse hiesigen Muslimen das Evangelium bringen und selbstbewu\u00dft die geltende Religionsfreiheit nutzen. Dies verk\u00fcnden Teile der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) um den Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber und der Evangelikalen-Dachverband Evangelische Allianz in Deutschland (EAD).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer Teil der EKD spricht sich gegen Missionsarbeit aus. So verfa\u00dften zahlreiche Theologen k\u00fcrzlich einen offenen Brief, in dem sie vor Muslimmission warnten, weil sie dem Religionsfrieden schade. Sogleich attestierten auch islamische Verb\u00e4nde, Mission sch\u00fcre Konflikte. Und es stimmt ja: Religionsfreiheit ist konflikttr\u00e4chtig. Nur sind die Opfer dieser Konflikte zun\u00e4chst einmal nicht die Muslime. Kaum jemand veranschaulicht dies besser als die bis zu 6000 t\u00fcrkischen oder arabischen Evangelikalen in Deutschland, die meist erst hier vom Islam zum Christentum \u00fcbertraten und nun Muslime zu bekehren versuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn zum Beispiel die Gemeindeglieder Pfarrer Avcioglus in die K\u00f6lner Zuwandererviertel ziehen, in Chorweiler B\u00fcchertische aufstellen und mit Gitarren musizieren oder in Nippes Passanten ansprechen, dann werden sie oft als Volksverr\u00e4ter, H\u00f6llenpack und Gottesl\u00e4sterer beschimpft oder h\u00f6ren gar Morddrohungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ex-Muslime, die Christen werden, bringen immense Opfer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Opfer sie erbringen m\u00fcssen, weil sie ein Grundrecht in Anspruch nehmen, zeigen vor allem aber die Lebensgeschichten konvertierter Ex-Muslime, von denen die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann einige gesammelt hat: Mal wurden die Neu-Christen von ihren Familien versto\u00dfen, gejagt oder verpr\u00fcgelt, mal fast totgeschlagen oder angez\u00fcndet. Auch in der K\u00f6lner Gemeinde kursieren Geschichten von niedergestochenen oder verst\u00fcmmelten Konvertiten. Aber das sind Ausnahmen. H\u00e4ufiger sind weniger blutige und dennoch brutale Schicksale. Da ist etwa die 60-j\u00e4hrige Sacide, eine kleinw\u00fcchsige Dame mit leicht verkl\u00e4rtem L\u00e4cheln. Einige Zeit nach ihrem \u00dcbertritt zum Christentum verstarb ihre Mutter. Als sie zum Begr\u00e4bnis in die t\u00fcrkische Heimat reiste, lie\u00dfen Schwester und Schwager sie nicht mehr an die Leiche der Mutter herantreten. Als Abtr\u00fcnnige sei Sacide unrein, sie beschmutze das Begr\u00e4bnis. \u201eIch habe meiner Schwester trotzdem vergeben\u201c, sagt Sacide. Das habe Gott von ihr verlangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder die Geschichte von Mehmet, ebenfalls ein K\u00f6lner Gemeindeglied (mit diesem verkl\u00e4rten L\u00e4cheln). Gemeinsam mit seinen Eltern konvertierte er zum Glauben an Christus. Nachdem die Familie dies bekannt gemacht hatte, bekam sie Besuch von Mehmets Neffen. Kaum war der Neffe in der Wohnung, pr\u00fcgelte er auf Mehmets alten Vater ein \u2013 weil der die \u201eFamilienehre verraten\u201c habe. Als der muskul\u00f6se Mehmet dazwischensprang, sagte der gepr\u00fcgelte Vater nur: \u201eLa\u00df ihn, Mehmet! W\u00e4re ich noch Muslim, h\u00e4tte ich vielleicht auch so gehandelt.\u201c So viel G\u00fcte erweichte sogar das Herz des zornigen Neffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Opferbereitschaft liegt wom\u00f6glich ein Schl\u00fcssel zum \u2013 wenngleich bescheidenen \u2013 Erfolg der winzigen Minderheit. Immerhin wuchs die K\u00f6lner Gemeinde binnen 15 Jahren von drei auf 40 Familien an. Und auch andere t\u00fcrkisch-christliche Gemeinden berichten von Zulauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Erfolgsgeschichte kann auch als Zerst\u00f6rungswerk<br \/>\ngelesen werden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nach Erfolgsgeschichte klingt, lie\u00dfe sich allerdings auch ganz anders erz\u00e4hlen: als Zerst\u00f6rungswerk. So jedenfalls wird das selbstbewu\u00dfte Auftreten t\u00fcrkischer Christen im muslimischen Milieu oft erlebt. Schlie\u00dflich brechen die missionarischen Neu-Christen in eine meist homogene Lebenswelt ein, in der Familie, Volk und Tradition noch als rein muslimisch wahrgenommen werden. Wer in diese vom Pluralismus kaum ber\u00fchrte Welt mit einem fremden Glauben eindringe, zerst\u00f6rt laut dem Kulturanthropologen Werner Schiffauer in den Augen vieler Muslime eine stabile Ordnung, aus der sie Geborgenheit und Glaubenskraft sch\u00f6pfen. Zudem ist den zugewanderten Muslimen auch aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern eine Gleichberechtigung nicht muslimischer Glaubensgemeinschaften unbekannt. Und von \u00c4gypten bis in die T\u00fcrkei werden christliche Missionare und Konvertiten noch heute \u00f6ffentlich als Ruhest\u00f6rer und Anarchisten bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb wohl bek\u00e4mpfen manche Muslime hierzulande die Religionsfreiheit so ungeniert: weil sie sich als Verteidiger einer heilen Welt verstehen. Wenn man so will: weil sie sich im konservativen Abwehrkampf gegen die zerst\u00f6rerisch-pluralistische Moderne sehen. In dieser Auseinandersetzung sehen viele in den t\u00fcrkischen Christen Streiter f\u00fcr das westliche Freiheitsverst\u00e4ndnis. Denn sie fordern unter muslimischen Angeh\u00f6rigen und Bekannten Respekt f\u00fcr das Recht auf religi\u00f6se Entscheidungsfreiheit ein, sie verk\u00fcnden, wenngleich als Nebeneffekt ihres Bekehrungseifers, das westliche Ideal des m\u00fcndigen Einzelnen, der aufgrund freien Entschlusses seinen Lebensweg w\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Siegeszug religi\u00f6ser Selbstbestimmung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was schon beim Gottesdienst der K\u00f6lner Gemeinde ins Auge springt, wo M\u00e4nner und Frauen bunt gemischt sitzen und mit gen Himmel gestreckten H\u00e4nden Lobpreislieder singen. Kaum ist der Gesang \u2013 der an orientalische Liebeslieder erinnert \u2013 verklungen, beginnt geradezu eine Siegesfeier religi\u00f6ser Selbstbestimmung: Zwei junge, frisch bekehrte Ex-Muslime mit Kevin-Kuranyi-B\u00e4rtchen treten ans Pult und erz\u00e4hlen, welche Argumente f\u00fcr Christus oder Mohammed sie monatelang abwogen, bevor sie sich aus freien St\u00fccken f\u00fcr das Christentum entschieden (zum Beispiel: \u201eErst die Feindesliebe Jesu brachte mir Frieden mit den Kollegen\u201c, oder: \u201eDer Geist Jesu lebt in den Menschenrechten\u201c). Beide berichten auch, wie sie sich dem Druck ihrer Familien widersetzten, der von angedrohtem Kontaktabbruch und in Aussicht gestellter Enterbung bis zum Vorwurf reichte, sie verrieten Ehre, Ahnen und Heimat. Doch inzwischen haben zumindest die Eltern dieser beiden jungen M\u00e4nner akzeptiert, da\u00df ihre Kinder selbst entscheiden, welchen Glaubensweg sie einschlagen. Seitdem wehe in seiner Familie ein neuer Wind, erz\u00e4hlt einer der Konvertiten: \u201eHarmonisch ist es nicht immer, aber daf\u00fcr darf ich glauben, was ich will.\u201c Das klingt nach Freiheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Till-Reimer Stoldt Muslime, die Christen werden, leben gef\u00e4hrlich Sie werden bedroht, beschimpft und bedr\u00e4ngt: Muslime, die zum Christentum \u00fcbergetreten sind, leben hierzulande gef\u00e4hrlich \u2013 vor allem, wenn sie f\u00fcr ihren Glauben unter Muslimen werben. 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