{"id":15237,"date":"2018-01-07T23:03:36","date_gmt":"2018-01-07T22:03:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15237"},"modified":"2018-01-07T23:03:36","modified_gmt":"2018-01-07T22:03:36","slug":"zur-segnungsdiskussion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15237","title":{"rendered":"Zur Segnungsdiskussion"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><u>1.) Ausgangsfrage<\/u><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weshalb hat die Diskussion um die kirchliche Trauung von hs-Lebenspartnerschaften ein so gro\u00dfes Gewicht und warum besch\u00e4ftigen sich Synoden und Kirchenleitungen so intensiv damit? Gibt es nicht wichtigere Fragen auf dogmatisch-ethischem Gebiet und in pastoraltheologischer Sicht? Wo, wann und warum ist ein \u201estatus confessionis\u201c gegeben?<strong>\u00a0<\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><u>2.) Situation der Landeskirchen<\/u><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelischen Landeskirchen stellen sich heutzutage als Organisationen dar, in denen alle theologischen Richtungen vertreten sein d\u00fcrfen, wobei jedoch keine der anderen vorschreiben darf, was sie zu glauben und wie sie zu leben hat. Der Pluralismus ist gewollt und gilt als f\u00f6rderlich, damit eine Vielfalt \u201ereligi\u00f6ser\u201c Einstellungen Raum hat und niemand \u201eausgegrenzt\u201c wird. Formal gilt allerdings immer noch, dass die Landeskirchen Bekenntniskirchen sind (lutherisch, reformiert, uniert) auf der Grundlage der Heiligen Schrift, der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit klaffen Kirchenverfassung und kirchliche Praxis weit auseinander. Die Berufung auf Schrift und Bekenntnis gilt als konservativ, veraltet, ausgrenzend. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr diese Stimmung ist der Geist der Postmoderne, nach der es keine allgemeing\u00fcltige Wahrheit gibt, sondern vielmehr unterschiedliche subjektive Befindlichkeiten, die entsprechend plurale Optionen rechtfertigen. Eine Haltung in diesem Sinne gilt auch geistlich-kirchlich als tolerant, die Berufung auf Schrift und Bekenntnis hingegen als begrenzt und ausgrenzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><u>3.) Versuche zur \u00dcberwindung der Spaltung<\/u><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Spaltung zwischen kirchlicher Verfassungsnorm (Bekenntniskirche) und vieldeutiger Praxis (Pluralismus) wird von einzelnen Bewegungen und Gruppen um Bibel und Bekenntnis innerhalb der Landeskirchen hingewiesen. Das freilich ist nicht erw\u00fcnscht. Es sind zudem Gruppen, die wenig institutionelles Gewicht haben. Allerdings geh\u00f6ren oft besonders aktive Gemeindeglieder dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese Spannung zu beseitigen, wird von ma\u00dfgeblichen Kr\u00e4ften in Synoden und Kirchenleitungen versucht, den Widerspruch zu \u00fcberdecken, indem die Verfassungsnorm (= Schrift und Bekenntnis) uminterpretiert und somit an die postmoderne pluralistische Praxis angepasst wird. Da die Bibel nach reformatorischer Lehre \u201enorma normans\u201c (Grundnorm) das Bekenntnis \u201enorma normata\u201c (abgeleitete Norm) ist, geht es in erster Linie um die Bibelauslegung. Durch die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung einer Anerkennung, ja F\u00f6rderung \u201esexueller Vielfalt\u201c, r\u00fcckt nun auch in der gesellschaftsoffenen Kirche die Diskussion um die kirchliche Trauung von hs-Lebenspartnerschaften ins Zentrum des Interesses. Um eine Anpassung von Verfassungsnorm und volkskirchlich pluraler Praxis zu erreichen, wird daher auf breiter Front versucht, die biblischen Weisungen im Sinne postmoderner Vielfalt umzuinterpretieren.<br \/>\n<u><\/u><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 14pt;\"><u>4.) Theologische Kurzschl\u00fcsse<\/u><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>4.1 Bibelexegese<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verfahren, um biblische Weisungen der gegenw\u00e4rtigen Interessenlage anzupassen sind \u2013 bei kleinen Varianten \u2013 stets \u00e4hnlich: Zun\u00e4chst wird festgestellt, dass die biblischen Texte historisch zu lesen sind. Diese richtige Erkenntnis wird aber nur dazu benutzt, die normative Geltung biblischer Weisungen teils zu relativieren, teils ganz zu bestreiten. Die entsprechenden Formeln lauten etwa: \u201eWir gehen heute von einem anderen Verst\u00e4ndnis aus, daher trifft dieser Text nicht mehr die heutige Lebenswirklichkeit.\u201c Oder: \u201eDie heutigen Menschen verstehen sich gerade nicht mehr so, wie es (in der betreffenden Bibelstelle) gemeint ist.\u201c Oder: \u201eDie biblische Kritik an dieser Praxis setzt ganz andere Akteure voraus\u201c; (gemeint ist: es wird nur verurteilt, dass <em>hetero<\/em>sexuelle Menschen <em>homo<\/em>sexuelle Handlungen vollziehen, nicht die homosexuelle Handlung als solche). Mit derartigen \u201eKunstgriffen\u201c k\u00f6nnen die biblischen Weisungen geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden. \u2013 Au\u00dferdem wird vielfach historisch nicht exakt gearbeitet. Zum Beispiel stimmt die Behauptung nicht, dass es in der Antike keine partnerschaftlichen homoerotischen Beziehungen gegeben hat. Darum ist auch die Folgerung falsch, dass z.B. der paulinische Lasterkatalog 1Korinther 6,9 f. die heutige partnerschaftliche hs-Beziehung nicht trifft, \u201eda die Bibel derartiges nicht kennt\u201c. \u2013 Ferner wird die ethische Verbindlichkeit naturrechtlicher Argumentation, die sich auf die Sch\u00f6pfung bezieht, bestritten, gleichzeitig wird jedoch auf die \u201eNat\u00fcrlichkeit\u201c (\u201eSch\u00f6pfungsvariante\u201c) homosexueller Veranlagung und Praxis verwiesen. \u2013 Hinweise auf solche logischen Widerspr\u00fcche haben allerdings im Rahmen des Wahrheitsrelativismus der Postmoderne leider wenig Chancen, geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Beispiel: Die klare ethische Weisung Jesu in Markus 10, 2-11 und Matth\u00e4us 19, 3-12 wird umgedeutet. Es geht um die Frage, ob Ehescheidung erlaubt sei. Jesus verweist in diesem Zusammenhang auf die Sch\u00f6pfung und zitiert 1Mose 2,24. Dort hei\u00dft es: \u201eDarum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch.\u201c Indem Jesus aber an den genannten neutestamentlichen Stellen gegen\u00fcber dem AT das W\u00f6rtchen \u201edie zwei\u201c hinzuf\u00fcgt, ist unbestreitbar, dass Jesus nichts anderes meint als die lebensl\u00e4nglich verbindliche Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. \u2013 Gibt es eine h\u00f6here christliche Autorit\u00e4t als eine eindeutige Weisung Jesu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit:<\/strong> Das Instrumentarium exakter exegetischer Arbeit wird vernachl\u00e4ssigt. Statt dessen werden Vermutungen in den Rang von \u201eForschungsergebnissen\u201c gehoben und zur Begr\u00fcndung verbindlicher kirchlicher Praxis herangezogen. Umgekehrt werden klare biblische Weisungen relativiert oder gar bestritten, jedenfalls nicht befolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><u>4.2 Ethik<\/u><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Gebot und Gesetz wird nicht hinreichend unterschieden. Die Gebote wie z.B. \u201enicht t\u00f6ten, ehebrechen, stehlen\u201c (=apodiktisches Recht) sind in der Tat situationsoffen. Man kann zur\u00fcckfragen: \u201ewas hei\u00dft das genau, was geh\u00f6rt dazu und was nicht?\u201c Deshalb werden die Gebote in der Lebenswirklichkeit immer wieder durch Gesetze (=kasuistische Beschreibungen) zu konkretisieren sein. Folglich finden sich in der Bibel zweifellos Gesetze, die zeitbezogen sind. Das hei\u00dft aber nicht, dass sie belanglos sind, sondern es ist zu fragen, was damals damit gemeint war und was dies f\u00fcr unsere heutige Situation bedeutet. Gebot und Gesetz sind also zu unterscheiden. Aus der richtigen Feststellung, dass \u201edie Liebe des Gesetzes Erf\u00fcllung\u201c ist (R\u00f6mer 13,10) kann nicht die gesamte biblische Ethik in einen allgemeinen, verwaschenen Liebesbegriff hinein aufgel\u00f6st werden. Die Liebe im biblischen Sinne der Agape steht nicht gegen das Gebot! Au\u00dferdem: Die einseitige Sexualisierung des Liebesbegriffs in unserer Zeit entspricht nicht der F\u00fclle des biblischen Liebesverst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>4.3\u00a0 Seelsorge<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Ethik geht es um die Spannung zwischen Sein, Sollen und Wollen. Deshalb darf Seelsorge nicht nur best\u00e4tigend und \u201eabsegnend\u201c verfahren (affirmative Seelsorge), sondern ganz wesentlich geh\u00f6rt der Hinweis auf die Kraft zur \u00c4nderung durch die Gabe des Geistes zur biblischen Seelsorge (nuthetische = ermahnende Seelsorge). Nach dem Motto: \u201eIch bin nun mal so\u201c, wird in unserer Zeit Sexualit\u00e4t entethisiert. Das sollte Kirche nicht mitmachen! Sie wei\u00df von der Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, vor dem Mitmenschen und vor Gott. Insbesondere vertraut sie auf die Neusch\u00f6pfung durch die Kraftwirkung des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><u>Fazit<\/u>:<\/strong> Da es bei der Bibelfrage um die Grundlagen des kirchlichen Bekenntnisses, somit um die Identit\u00e4t der Kirche geht, samt allen Folgen f\u00fcr Ethik und Seelsorge, ist bei der Segnungsdiskussion zweifellos der status confessionis ber\u00fchrt! Es ist die Frage, ob wir eine religi\u00f6se Organisation zur Pflege von Traditionen, zur Verzierung der Wechself\u00e4lle des Lebens, schlie\u00dflich zur Durchsetzung gesellschaftspolitischer Aktionen zwecks \u201eWeltverbesserung\u201c oder ob wir Bekenntniskirche sein wollen. An dieser Stelle ist vom Weg der Bekennenden Kirche zu lernen, die sich gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenstellte und sich nicht staatlich gleichschalten lie\u00df. \u2013 Im Unterschied zu damals haben wir noch die Freiheit zum Bekenntnis, ohne Repressionen f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Wir sollten sie nutzen, so lange noch Zeit ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.) Ausgangsfrage Weshalb hat die Diskussion um die kirchliche Trauung von hs-Lebenspartnerschaften ein so gro\u00dfes Gewicht und warum besch\u00e4ftigen sich Synoden und Kirchenleitungen so intensiv damit? Gibt es nicht wichtigere Fragen auf dogmatisch-ethischem Gebiet und in pastoraltheologischer Sicht? 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