{"id":15225,"date":"2017-12-27T17:10:39","date_gmt":"2017-12-27T16:10:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15225"},"modified":"2017-12-27T17:13:23","modified_gmt":"2017-12-27T16:13:23","slug":"statt-berechnung-der-froehliche-tausch-selbstgerechtigkeit-oder-umkehr-zu-jesus-christus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15225","title":{"rendered":"Statt Berechnung \u2013 Der fr\u00f6hliche Tausch. Selbstgerechtigkeit oder Umkehr zu Jesus Christus?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die erste der 95 Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517 lautet: <em>\u201eDa unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Bu\u00dfe!, will er, dass das ganze Leben seiner Gl\u00e4ubigen eine stete und unaufh\u00f6rliche Bu\u00dfe sein soll.\u201c<\/em> Diese These ist wie eine \u00dcberschrift mit Doppelpunkt. Die weiteren Thesen entfalten diese Grundaussage. Was ist gemeint? Wenn das ganze Leben eines Christen eine stete und unaufh\u00f6rliche Bu\u00dfe sein soll, dann geht es um eine grunds\u00e4tzliche innere Haltung und neue Einstellung Gott gegen\u00fcber. Man kann mit Gott n\u00e4mlich nicht im Kaufmannsschema rechnen und gegenrechnen nach dem Motto: Du gibst mir Vergebung, ich gebe dir \u201egute Werke\u201c. Vielmehr ist alles, wirklich alles, reines Gnadengeschenk, sowohl die Vergebung selbst als auch die daraus flie\u00dfenden guten Taten. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn beim Zuspruch der Vergebung im Namen von Jesus Christus wird nicht nur die Schuld vor Gott im juristischen Sinne getilgt, sondern es geschieht durch die Kraft des Heiligen Geistes eine Ver\u00e4nderung des inneren Menschen. Zwar wird ein Christ, solange er lebt, immer wieder von Verfehlungen \u00fcbereilt werden, doch Schritt f\u00fcr Schritt geschieht durch erneute Hingabe an Jesus Christus und die dabei empfangene Vergebung nach und nach eine Wesensver\u00e4nderung. Der Einzelne merkt das oft selbst weniger als seine Umgebung. Das Leben bekommt eine andere Gesamtrichtung; Liebe, Freude und Friede ziehen ins Herz ein. Der Mensch wird durch die Kraft des Heiligen Geistes verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther hat das beim Generalkonvent seines Ordens, der im April 1518 in Heidelberg zusammenkam, in der letzten seiner dortigen 28 Thesen so gesagt: <em>\u201eDie Liebe des Menschen entsteht an ihrem Gegenstand\u201c<\/em>, also z.B. an einem anderen Menschen, einem Kunstwerk oder der Natur. <em>\u201eAber die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich.\u201c<\/em> Es handelt sich um Neusch\u00f6pfung! \u2013 Schlicht und einfach geht es darum, dass ein Mensch im moralischen Sinne gewiss viel Gutes zu tun vermag, dass er dies aber nicht Gott gegen\u00fcber aufrechnen kann. Denn auch die Kraft zum Guten ist ja ein Geschenk Gottes! In seinem Lied von 1524 hat Luther es so gesagt: \u201e&#8230;es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich r\u00fchmen kann, des muss dich f\u00fcrchten jedermann und deiner Gnade leben\u201c (EG 299,2). \u2013 Hinzu kommt, dass das nach unserer menschlichen Sicht vermeintlich Gute auf Irrtum beruhen kann und letztlich also gar nicht gut ist. Auch k\u00f6nnen die Folgen einer Tat in all ihren Konsequenzen h\u00e4ufig gar nicht abgesch\u00e4tzt werden, so dass unser guter Wille manchmal gar nicht zum Guten beitr\u00e4gt. Und umgekehrt kann Gott auch auf krummen Linien gerade schreiben. Menschliche Aktion kann ihn jedenfalls nicht aus seiner Weltregierung ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther hat dem Vorwurf, durch diese Sichtweise w\u00fcrde es \u00fcberfl\u00fcssig, Gutes zu tun, entschieden widersprochen. 1520 ver\u00f6ffentlichte er einen \u201eSermon von den guten Werken\u201c. Im Kleinen und Gro\u00dfen Katechismus stellte er die Zehn Gebote an den Anfang der Erkl\u00e4rung des Glaubens. Nein, Gutes zu tun ist weder \u00fcberfl\u00fcssig noch belanglos. Frei wird der Mensch jedoch erst, wenn er sich ganz und vorbehaltlos \u201emit Haut und Haaren\u201c der Gnade und Barmherzigkeit des himmlischen Vaters ausliefert. Es geht schlicht darum, von einer rechnenden und berechnenden, ja letztlich auch fordernden inneren Haltung gegen\u00fcber Gott loszukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zw\u00f6lften Artikel seiner Schrift \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c (1520) hat Luther daf\u00fcr das sch\u00f6ne Bild vom \u201efr\u00f6hlichen Tausch\u201c gebraucht: Das Wollen und Vollbringen des gl\u00e4ubigen Menschen nennt er \u201eSeele\u201c. Jesus Christus nennt er den \u201eBr\u00e4utigam\u201c. Beim glaubenden Christen geschieht nun folgender Tausch: Wie Braut und Br\u00e4utigam in der Ehe eins werden, so geschieht es auch zwischen Christus und der Seele, <em>\u201e&#8230;so dass, was Christus hat, das ist eigen der gl\u00e4ubigen Seele; was die Seele hat, wird eigen Christi. So hat Christus alle G\u00fcter und Seligkeit: die sind [nun] der Seele eigen; so hat die Seele alle Untugend und S\u00fcnde auf sich: die werden [nun] Christi eigen. Hier erhebt sich nun der fr\u00f6hliche Wechsel&#8230; Ist nun das nicht eine fr\u00f6hliche Wirtschaft, da der reiche, edle, fromme Br\u00e4utigam Christus das arme, verachtete, b\u00f6se H\u00fcrlein [Seele] zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem \u00dcbel, zieret mit allen G\u00fctern? So ist\u2019s nicht m\u00f6glich, dass die S\u00fcnden sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christo und sind in ihm verschlungen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst also durch solche innige Glaubensgemeinschaft mit Jesus Christus, die von allen Berechnungen absieht, aber ganz aus freudiger Dankbarkeit lebt, entsteht die Heilsgewissheit; wohl gemerkt: Gewissheit, nicht aber falsche Sicherheit und Gleichg\u00fcltigkeit. Wer von Dankbarkeit und Freude erf\u00fcllt ist, wird nicht gleichg\u00fcltig \u2013 im Gegenteil, er brennt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist allen Missverst\u00e4ndnissen abgesagt, die evangelische Freiheit mit Gleichg\u00fcltigkeit, ja Beliebigkeit verwechseln. \u2013 Solchen Missbrauch gibt es freilich. Da wird dann die S\u00fcnde statt des S\u00fcnders gerechtfertigt. Falsche Sicherheit wird propagiert statt zu echter Reue und Umkehr aufzurufen. Bonhoeffer nannte Verk\u00fcndigung dieser Art \u201ebillige Gnade\u201c und verurteilte eine derartige Entstellung der Rechtfertigungsbotschaft aufs Sch\u00e4rfste. Gnade ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein g\u00f6ttliches Geschenk, das im Lebensvollzug erfahren wird. Die Reformation stellt keine Verbilligung christlicher Lebenspraxis dar, sondern ist im Gegenteil eine gro\u00dfe Konzentrationsbewegung weg vom Nebens\u00e4chlichen hin auf das Zentrum: Bibel, Gnade, Glaube sowie vor allem und in allem \u2013 hin zu Jesus Christus!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lebendige Seelsorge<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wurzeln der Reformation liegen also in der Seelsorge. Luther ist sein Leben lang Beichth\u00f6rer und Seelsorger gewesen und hat selbst Seelsorge in Anspruch genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann nun zwischen Seelsorge im zentralen und im weiten Sinn unterscheiden. Zum weiten Verst\u00e4ndnis der Seelsorge geh\u00f6rt jedes Miteinander, das aus Glauben im Ringen um Glaube und Tat geschieht. So schrieb Luther z.B. von der Veste Coburg aus Trostbriefe an Philipp Melanchthon, der beim Reichstag zu Augsburg (1530) als Wortf\u00fchrer die evangelische Sache vertrat und doch gar keine K\u00e4mpfernatur war. Auch am Lebensende ging es bei Luther um Seelsorge. Er vermittelte in einem schlimmen Bruderstreit der beiden Landesherren Albrecht und Gebhard von Mansfeld, wo die Juristen nicht mehr weiterkamen. Nach erfolgreichem Abschluss sorgte er daf\u00fcr, dass \u201edie Br\u00fcder wieder Br\u00fcder werden\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das br\u00fcderliche\/geschwisterliche Tr\u00f6sten geh\u00f6rt zur Seelsorge. Im Zentrum allerdings steht die pers\u00f6nliche Beichte, von der aus die Reformation ja ihren Anfang nahm. Luther hat die pers\u00f6nliche Beichte nicht abgeschafft, wie oft irrt\u00fcmlich behauptet wird. Er hat selbst sein Leben lang immer wieder gebeichtet. Im Anhang des Kleinen Katechismus findet sich eine Anleitung zur pers\u00f6nlichen Beichte, die auf Luther zur\u00fcckgeht. Im Unterschied zu der Praxis, die die 95 Thesen ausgel\u00f6st hat, enth\u00e4lt die Beichte (nur) zwei Hauptst\u00fccke, n\u00e4mlich das ehrliche Bekenntnis des Herzens und vor allem die Absolution als vollm\u00e4chtiger Zuspruch der Vergebung, welcher f\u00fcr Zeit und Ewigkeit gilt. Es war f\u00fcr Luther unfassbar, dass ein Christ das Angebot der Beichte abschlagen k\u00f6nnte. Im Gro\u00dfen Katechismus schreibt er gar: <em>\u201eWillst du es aber verachten und so stolz und ungebeichtet hingehen, so schlie\u00dfen wir das Urteil, dass du kein Christ bist&#8230; Denn du verachtest, was kein Christ verachten soll&#8230;und ist auch ein gewisses Zeichen, dass du das Evangelium verachtest.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gegenteil von Stolz ist die Demut vor Gott. Luther lebte in dieser Demut. Er hat sich gegen Personenkult gewehrt: <em>\u201eZum ersten bitte ich, man solle meines Namens schweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen hei\u00dfen. Was ist Luther?&#8230; Wie k\u00e4me denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi nach meinem heillosen Namen nennen sollte?\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dietrich Bonhoeffer erl\u00e4uterte den Zusammenhang mit der Demut in seiner Schrift \u201eGemeinsames Leben\u201c: \u201eIn der Beichte geschieht der <em>Durchbruch zum Kreuz<\/em>. Die Wurzel aller S\u00fcnde ist der Hochmut, die superbia&#8230; Geist und Fleisch des Menschen sind vom Hochmut entz\u00fcndet; denn der Mensch will gerade in seinem B\u00f6sen sein wie Gott. Die Beichte&#8230;schl\u00e4gt den Hochmut furchtbar nieder.\u201c Aber: \u201eEs ist ja kein anderer als Jesus Christus selbst, der den Schandtod des S\u00fcnders an unserer Stelle in aller \u00d6ffentlichkeit erlitten hat&#8230;es ist ja nichts anderes als unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus, die uns in das schmachvolle Sterben der Beichte hineinf\u00fchrt, damit wir in Wahrheit teilhaben an seinem Kreuz.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss kann Seelsorge auch missbraucht werden. Aber Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Machtmissbrauch wird am ehesten vermieden, wenn Beichte nicht an Hierarchien gebunden wird und nur derjenige Beichte h\u00f6rt, der selbst in der Beichte lebt. Das ist u.a. der Sinn des \u201ePriestertums aller Gl\u00e4ubigen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend eine wichtige Feststellung: Die Seelsorge im kleinen pers\u00f6nlichen Bereich hat bedeutende Auswirkungen im gro\u00dfen politischen Feld. Wo viele Einzelne Bu\u00dfe tun, wird ein ganzes Volk ver\u00e4ndert. In unserer \u00d6ffentlichkeit wird von \u201eprotestantischer Schuldkultur\u201c geredet. Das weist auf fehlende Seelsorge hin. Wo Seelsorge lebt, entsteht das Gegenteil von Schuldkultur, n\u00e4mlich die dankbare Gewissheit der Vergebung mit neuen \u201eguten Fr\u00fcchten\u201c! Schuldkultur entsteht jedoch da, wo man die Schuld autonom \u201eabarbeiten\u201c will, statt\u00a0 im Namen von Jesus Christus Vergebung zu suchen. Das ist ein h\u00f6chst gef\u00e4hrlicher Weg, der besonders in Deutschland verbreitet ist. Wer alles durch Moralismus wieder gut machen will, ger\u00e4t auf die absch\u00fcssige Bahn der Selbstrechtfertigung durch Leistung. Das Denken verkrampft. Die Menschen werden selbstgerecht. \u2013 Das ist dann die moderne Form von geistigem Ablassverkauf!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Wurzeln der Reformation in der Seelsorge liegen, dann auch der Bestand ihrer vielfachen Fr\u00fcchte. Ein Baum jedoch, den man von seiner Wurzel trennt, stirbt ab mitsamt seinen guten Fr\u00fcchten. Eine Kirche, die Seelsorge vernachl\u00e4ssigt, wird zur blo\u00dfen Moralanstalt. Der Moralismus strahlt aus bis auf die Politik. Schlie\u00dflich spaltet sich die Gesellschaft in Gruppen, die sich gegenseitig beschuldigen. Jede Seite beruft sich auf Moral. Heute sagt man \u201eWerte\u201c. Der Staat kann schlie\u00dflich seine ordnende Aufgabe nicht mehr wahrnehmen. \u2013 Befinden wir uns auf einem solchen Weg?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum: Zur\u00fcck zu Jesus Christus, zur\u00fcck zum Zentrum der Reformation. Die Kirche im Sinne der lebendigen Gemeinde Jesu Christi wird nicht untergehen. F\u00fcr die verfasste Kirche mit all ihren Institutionen und Strukturen gilt jedoch: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche der Seelsorge sein \u2013 oder sie wird nicht sein!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste der 95 Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517 lautet: \u201eDa unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Bu\u00dfe!, will er, dass das ganze Leben seiner Gl\u00e4ubigen eine stete und unaufh\u00f6rliche Bu\u00dfe sein soll.\u201c Diese These ist wie eine \u00dcberschrift mit Doppelpunkt. Die weiteren Thesen entfalten diese Grundaussage. Was ist gemeint? 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