{"id":15117,"date":"2017-11-30T11:57:24","date_gmt":"2017-11-30T10:57:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15117"},"modified":"2017-11-30T16:14:43","modified_gmt":"2017-11-30T15:14:43","slug":"heiliger-dienst-an-kranken-und-sterbebetten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15117","title":{"rendered":"Heiliger Dienst an Kranken- und Sterbebetten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Brief an die Pfarrer seiner Pr\u00e4latur (1949)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wissen, dass mein Leben in der Woche, in der Michaelis liegt, tagelang auf der Waage lag und dass nur das Wunder der heilenden H\u00e4nde des Herrn mich gerettet, dem Leben und dem Dienst der Kirche zur\u00fcckgegeben hat. Ich schreibe Ihnen darum aus der Dankbarkeit eines Menschen, der weiss, dass Gott ihm noch einmal eine Zeit zugelegt hat, der darum weiss, dass er v\u00f6llig und t\u00e4glich aus der Gnade Gottes lebt, weil sein Leben bedroht bleibt, und der weiss, dass dieses Leben nun ohne jeden Vorbehalt und noch viel treuer im Dienste Jesu und seiner Gemeinde gelebt sein will. \u2014 Nun m\u00f6chte ich wagen, einiges zum Ausdruck zu bringen, was ich als Leidender, Sterbender und wieder ins Leben Zur\u00fcckgef\u00fchrter erlebt habe. Ich m\u00f6chte es Ihnen so sagen, dass Ihnen daraus f\u00fcr Ihre seelsorgerliche Arbeit an Krankenbetten vielleicht eine gewisse Hilfe zuteil wird. Ich bitte Sie herzlich, die folgenden Zeilen so und nicht anders zu lesen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJede Krankheit ist eine pers\u00f6nliche Angelegenheit zwischen Gott und dem einzelnen.\u201c Dieses tiefe Wort des Paracelsus gilt f\u00fcr jeden Leidenden. Das Leiden ist tief hineingeordnet in unseren gesamten Lebensweg, in unser ganzes Lebensschicksal. Seine Zeit, seine Tiefen und seine Gnaden sind ein Teil und vielleicht der wichtigste Teil der geheimen Geschichte, die Gott mit jedem einzelnen hat. Jede lebensgef\u00e4hrliche Krankheit enth\u00e4lt ein hohes Mass von g\u00f6ttlichem Gericht. Es wird in den Stunden der v\u00f6lligen Ohnmacht, wo man in jedem Augenblick damit rechnen muss, die Augen endg\u00fcltig zu schliessen, das ganze Leben, das eigene und das mit den anderen zusammen gelebte, unerbittlich erleuchtet und durchrichtet. Wenn dazu Schmerzensqualen kommen, die man schwer aussprechen kann, und alle \u00e4rztlichen Mittel versagen, so ist beides zusammen, Gewissensgericht und leibliches Leiden eine erdr\u00fcckende Last. Bedenken Sie aber, dass Sie an Ihren Krankenbetten immer mit Menschen zu tun haben, denen Gott die grosse Gnade schenkt, schon auf Erden von ihm gerichtet und darum auch gereinigt und zubereitet zu werden. Offenbar ist das Leiden auf dieser Welt eine Vorwegnahme jenes Purgatoriums (= L\u00e4uterung), das uns allen bevorsteht und von dem uns nichts geschenkt wird. Helfen Sie darum Ihren Leidenden und Sterbenden zur Beichte und scheuen Sie sich nicht, im Angesicht des Gottes, dem wir alle begegnen werden, Hilfe zu geben, dass Lasten schon hier abgelegt, S\u00fcnden hier gebeichtet und vergeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonderes Erlebnis dessen, der, gewisse Minuten schwerer Ohnmacht abgerechnet, den Weg zum Tode bei v\u00f6llig wachem und hellem Bewusstsein gef\u00fchrt wird, ist dasjenige, das Paulus 2. Kor. 5 mit Ausgezogenwerden, mit Nacktsein bezeichnet. Diese Worte treffen den Tatbestand mit unnachahmlicher Klarheit. Das Sterben ist wirklich ein Ausgezogenwerden. Und das Gef\u00fchl des leiblich-seelischen Nacktseins ist furchtbar. Darum steht in 2. Kor. 5, 1\u201410 auch der einzige Trost, den wir Menschen in diesem Augenblick zu geben schuldig sind, das Zeugnis von dem Haus, das nicht mit H\u00e4nden gemacht ist, das unser im Himmel wartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das gr\u00f6ssere und tiefere Erlebnis ist dies, dass in diesen Stunden des schwersten Gewissensgerichtes und der schwersten k\u00f6rperlichen Leiden Christus die Seele eines Menschen mit der Seligkeit und S\u00fcssigkeit seiner vergebenden Gnade in einem Masse zu erf\u00fcllen vermag, dass man vor Freuden dar\u00fcber buchst\u00e4blich zu \u201evergehen\u201c droht. Es ist dies eine Einheit von Gericht und Gnade, die in solchen Stunden zum tats\u00e4chlichen Erlebnis wird, trotzdem das unbegreiflich ist. Weisen Sie darum Ihre Sterbenden mit Macht auf das Kreuz und Blut Jesu Christ, auf die Kraft seiner Auferstehung, auf die Gewissheit seiner Gegenwart und auf die Realit\u00e4t seines Wortes hin als dem einzigen Trost in solcher Stunde. Sagen Sie den Kranken, dass sie nichts zu f\u00fcrchten haben, dass Jesus Christus alle unsere S\u00fcnde weggetragen, ja buchst\u00e4blich verschlungen hat, und dass man unter dem Zittern des Gerichtes und mit den furchtbarsten Schmerzen Leibes und der Seele fr\u00f6hlich hin\u00fcberziehen kann \u201ewie man nach der Heimat reist.\u201c Dieses Wort von Albert Knapp bezeichnet die Lage richtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist es. Und ich kann Sie versichern, dass es eine Freude gibt, die einem noch mehr Tr\u00e4nen auszupressen vermag als das schwerste k\u00f6rperliche Leiden, eine Freude, die ganz unirdisch ist und die in jedem Augenblick denen, die in Jesus Christus sterben, von ihm tropfenweise aus dem Meer des Lebens und der Freude der Ewigkeit eingegeben wird, die kostbarste Arznei der kommenden Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ganz grosse geistliche Hilfe f\u00fcr die durchwachten N\u00e4chte, f\u00fcr die sich endlos dehnenden Schmerzenstunden ist das Gebet. Machen Sie den Kranken Mut, viel und lange zu beten. Wir haben in dem gr\u00e4sslichen Tempo des Lebens ja auch als Christen kaum mehr Zeit, eine Viertelstunde am Tag zu beten, geschweige denn stundenlang. Und dazu gibt ja die Krankheit wunderbare und nie wiederkehrende Gelegenheit. Nat\u00fcrlich will dieses Beten gelernt sein. Und doch glaube ich, kann man die Kranken darin auch unterweisen, wie man das ganze Leben durchgehen kann, das eigene, das Leben der N\u00e4chsten, der uns anvertrauten Menschen, das Leben des Amtes und Dienstes, das Leben der Gemeinde und der Kirche, das Leben der Mission und der \u00d6kumene. So kann es sein, dass man auf kleinstem Punkt gefangen, die gr\u00f6ssten R\u00e4ume durchwandern kann, Zwiesprache haltend und F\u00fcrbitte einlegend. Ich darf Ihnen sagen, dass ich f\u00fcr einen jeden von Ihnen pers\u00f6nlich, f\u00fcr Ihre H\u00e4user und Familien, f\u00fcr Ihre Gemeinden und Ihr Amt so gebetet habe. Ich bin buchst\u00e4blich von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde gewandert und habe Sie alle gegr\u00fcsst und bin in einer Weise auch mit Ihnen allen verbunden worden wie nie zuvor. Das kann ja auch an jedem Sterbelager ge\u00fcbt werden. Dazu sind die Psalmen, die ich vom ersten bis zum letzten Wort durchgelesen und durchgebetet habe, ebenso wie eine F\u00fclle von Gesangbuchliedern eine grosse Hilfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verachten Sie aber auch \u00e4ussere Hilfen nicht wie z. B. das Aufh\u00e4ngen eines Kruzifixus dem Bette gegen\u00fcber. Es ist nicht unwichtig, worauf das Auge eines Sterbenden zuletzt ruht. Und das Bild des Gekreuzigten ist so transparent, ist so wenig eine Verletzung des Bilderverbotes der Heiligen Schrift, f\u00fchrt so unmittelbar in die pers\u00f6nliche Gemeinschaft mit dem Herrn, dass man es als eine ganz besondere und grosse Sterbenshilfe verstehen muss. Es w\u00e4chst dann langsam das Kreuz im eigenen Herzen, und damit ist der Anschluss an eine Kraft gewonnen, die einen un\u00fcberwindlich macht, eine wahrhaftige Br\u00fccke zu jenem Ort, von dem es heisst: \u201eSuchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird ja im allgemeinen von unseren Christenleuten als die \u201eletzte \u00d6lung\u201c verstanden und man verschiebt es gerne auf die letzten Stunden. Bei allen, die bewusste Christen sind, bitte ich Sie doch sehr, mit dem Angebot des Abendmahles nicht zu lange zu warten. Diese Speise und dieser Trank zum ewigen Leben sind eine Hilfe ohnegleichen auf dem Leidenswege, die Speise, in deren Kraft man wie Elia den Weg zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, finden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde es dem Amtsbruder und Freund nie vergessen, der mir in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden alle paar Tage das Heilige Mahl gereicht hat. Da versteht man, dass es nicht nur das Mahl der Vergebung ist, sondern das eschatologische Mahl. Es wird jedesmal zur Vorwegnahme der grossen Feier in dem Reich, dem man entgegengeht. Ich glaube, wir sollten wirklich den St\u00e4rkungs-, Freuden- und Hoffnungscharakter dieses Mahles noch ganz anders in Verk\u00fcndigung und Seelsorge \u00fcben und das Mahl oft anbieten. Eine besondere Bedeutung gewinnt es, wenn die Kinder und die N\u00e4chsten dabei sein k\u00f6nnen und wenn in solcher Gemeinschaft dem Sterbenden die Gewissheit, dass zwischen den Menschen alles in Ordnung gebracht ist, sichtbar und deutlich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch etwas zu den Liedern des Gesangbuches. Davon haben wir eine F\u00fclle, die wir selten singen in den Gemeinden, die aber von einer Kraft des Trostes und von einer Realit\u00e4t der N\u00e4he Christi Zeugnis ablegen, wie das anderen Liedern nicht im selben Masse gegeben ist. Ich m\u00f6chte Sie in erster Linie auf die Lieder Christian Friedrich Richters, Gottfried Arnolds, auf die beiden Bengellieder, auf die 16 Lieder von Tersteegen, auf die beiden Lieder der Mosers und nat\u00fcrlich auf Hiller hingewiesen haben. Auch entdeckte ich neu die Lieder von Kongehl und von Nerreter. Ferner alle Paul-Gerhardt-Lieder, die unter dem Abschnitt \u201eTrost\u201c vermerkt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit sei es genug. Vielleicht habe ich schon zuviel gesagt. Aber ich wagte doch in der tiefen Dankbarkeit der Erfahrungen einer solchen Leidenszeit, auch Ihnen, die Sie so viel mit Leidenden und Sterbenden zusammen sind, etwas geistliche Gabe mitzuteilen aus meinem Getr\u00f6stetsein f\u00fcr Ihr Tr\u00f6stenm\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><em>Pr\u00e4lat Dr. Karl Hartenstein, Brief an die Pfarrer seiner Pr\u00e4latur <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>*) Zu diesem Beitrag aus der Feder des bekannten w\u00fcrttembergischen Pr\u00e4laten D. Dr. Hartenstein schreibt das Evangelische Gemeindeblatt f\u00fcr W\u00fcrttemberg vom 12.10.1952: Der Heimgegangene hat dieses Verm\u00e4chtnis an die Gemeinde vor nicht ganz 3 Jahren, da er von einem schweren Krankenlager wieder genesen war, geschrieben. Es war damals in einem gr\u00f6sseren Zusammenhang als seelsorgerliches Wort an die Pfarrer seines Sprengels gerichtet. Es zeugt von den starken und stillen Kr\u00e4ften, aus denen er seinen Dienst als Seelsorger an Seelsorgern und damit an der Gemeinde getan hat. Wir danken es Gott, dass er uns diesen geisterf\u00fcllten Zeugen gab.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief an die Pfarrer seiner Pr\u00e4latur (1949) Sie wissen, dass mein Leben in der Woche, in der Michaelis liegt, tagelang auf der Waage lag und dass nur das Wunder der heilenden H\u00e4nde des Herrn mich gerettet, dem Leben und dem Dienst der Kirche zur\u00fcckgegeben hat. 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