{"id":15018,"date":"2017-10-25T11:46:22","date_gmt":"2017-10-25T09:46:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15018"},"modified":"2017-10-25T11:47:12","modified_gmt":"2017-10-25T09:47:12","slug":"bindung-bildung-und-zukunftssicherung-was-wirtschaft-und-gesellschaft-zusammenhaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=15018","title":{"rendered":"Bindung, Bildung und Zukunftssicherung &#8211; Was Wirtschaft und Gesellschaft zusammenh\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Zusammenhalt der Gesellschaft spielt bei den Jamaika-Gespr\u00e4chen offenbar thematisch eine Rolle, jedenfalls reden einige Teilnehmer davon als Ziel k\u00fcnftiger Zusammenarbeit im \u201eProjekt Jamaika\u201c. Es ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede von Familie. Aber die Voraussetzungen, von denen der Staat lebt und die er selber nicht schaffen kann, entstehen in der Familie. Deshalb wird, folgt man der wissenschaftlichen Literatur, \u201edie Erzeugung solidarischen Verhaltens\u201c auch als ein Grund f\u00fcr den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt. Es sei eine Leistung, schrieb der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie \u201ein einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivit\u00e4t und Qualit\u00e4t\u201c erbracht werde (Priorit\u00e4t f\u00fcr die Familie, 16).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Verantwortungswille, Empathie \u2013 all diese sozial relevanten F\u00e4higkeiten sind Teil des \u201esolidarischen Verhaltens\u201c und zum Beispiel f\u00fcr die Integration von Migranten von erheblicher Bedeutung. Empathie, das Mitf\u00fchlen und Sich-hinein-Versetzen in eine andere Person, das Offensein f\u00fcr andere ist eine pers\u00f6nliche F\u00e4higkeit. Der Staat kann infrastrukturell oder beim Aufbau von\u00a0 Lehrstrukturen einiges tun, die pers\u00f6nlichen Voraussetzungen kann er nicht schaffen. Sie sind es aber, die einer gemeinsamen Zukunft Gestalt geben. Die Bedeutung famili\u00e4rer und partnerschaftlicher Bindung sowie die hierauf aufbauende Bildung des Einzelnen wirken sich so ma\u00dfgeblich auf die Zukunftssicherung der Gesellschaft im Ganzen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt auch f\u00fcr die Wirtschaft. Die Ver\u00e4nderung der wirtschaftlichen Pr\u00e4gung unseres Landes ist im vollen Gang. Zeichnete sich die Wirtschaft nach dem Krieg durch die Entfaltung eines breiten Spektrums an produzierenden, \u00fcberwiegend mittelst\u00e4ndischen Unternehmen aus, so steht heute in Zweifel, ob sich dieser Zustand erreichter Stabilit\u00e4t aufrecht erhalten l\u00e4sst. Zun\u00e4chst: Stabilit\u00e4t und Produktionskraft h\u00e4ngen von der Innovationsf\u00e4higkeit ab. Diese wiederum ist eine Frage der Bildung. F\u00fcr die Hirnforschung aber ist seit Jahren klar: Bindung geht der Bildung voraus, gute Bindung f\u00f6rdert nicht nur die Synapsenbildung, sondern auch die Bildung allgemein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sodann: An Bedeutung gewinnen zunehmend die Globalisierung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie die zunehmend kritischer gesehene Steigerung des Export\u00fcberschusses der Bundesrepublik. W\u00e4hrend der Export\u00fcberschuss einerseits durch die Industrialisierung bisher vorwiegend agrarisch gepr\u00e4gter Staaten unter Druck ger\u00e4t, w\u00e4chst gleichzeitig der politische Widerstand gegen\u00fcber dem \u201eExportweltmeister\u201c in und au\u00dferhalb der EU. F\u00fcr ein Land ohne nennenswerte Bodensch\u00e4tze bieten sich in dieser Situation Ausbau und Weiterentwicklung der Infrastruktur- und Dienstleistungssektoren an. Auch hierf\u00fcr braucht es Innovationsf\u00e4higkeit und die F\u00e4higkeit zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten. Deutschland wird die Servicew\u00fcste in bl\u00fchende Landschaften verwandeln m\u00fcssen. Geht das ohne F\u00f6rderung der Familie als Quelle zur Erzeugung solidarischen Verhaltens?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich: Soll im Zuge der Globalisierung die Dominanz anderer Staaten unter der F\u00fchrung der USA zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, bedarf es eines Zuwachses neuer Gedanken und Ideen sowie deren Umsetzung in der Breite. Von wachsender Bedeutung k\u00f6nnte sich in diesem Zusammenhang die F\u00f6rderung von Startups erweisen, die ohne R\u00fccksicht auf bestehende firmeninterne Vorgaben und Restriktionen an neuen L\u00f6sungen arbeiten. Als durchaus zukunftsf\u00e4hig erscheint hierbei die Bildung von Teams aus unterschiedlichen Altersgruppen. Die Lebens- und Berufserfahrung wirkt als Korrektiv in einem Verbund von auf ein gemeinsames Ziel ausgerichteten Gedankengebern und entwickelt damit eine nicht zu untersch\u00e4tzende Bedeutung. Naturgem\u00e4\u00df kann dies nur auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Wertsch\u00e4tzung funktionieren. Als aktuelle Beispiele zur Anwendung dieser F\u00e4higkeiten kommen etwa die Entwicklung der Drohnentechnik oder der E-Mobilit\u00e4t in Frage. Auch k\u00f6nnten sie im sozialen Bereich der F\u00f6rderung der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen dienen. Gerade hier sollte sich die st\u00e4rkere Einbeziehung betriebserfahrener Kr\u00e4fte als vorteilhaft erweisen. \u00a0Die genannten Beispiele belegen zudem, dass die Entwicklung von Bindung und Bildung keinen auf Kindheit oder Jugend des Menschen begrenzten Aspekt darstellt. Man k\u00f6nnte zusammenfassend sagen: Die Teamf\u00e4higkeit oder die soziale Kompetenz erweisen sich zunehmend als entscheidende Faktoren f\u00fcr Innovation, Produktion und Globalisierungsresilienz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wirtschaftswissenschaft sind diese Faktoren und Voraussetzungen f\u00fcr Zusammenhalt, Verhalten des einzelnen und Produktivit\u00e4t der Gesellschaft erst seit wenigen Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Der in Chicago lehrende Richard Thaler bekam dieses Jahr den Wirtschaftsnobelpreis f\u00fcr die Erforschung solcher Zusammenh\u00e4nge, er gilt als Pionier der \u201ebehavioral Economics\u201c, der Verhaltens\u00f6konomie. Auch der neoliberale \u00d6konom Gary Becker, ebenfalls Chicago, bekam seinen Nobelpreis 1994, weil er den Faktor Familie in Form des Human Capital untersucht und erforscht hat. Auf einem Kongress in Berlin sagte Becker 2002: \u201eDas grundlegende Humanverm\u00f6gen wird in der Familie geschaffen, die Schule kann die Familie dabei nicht ersetzen\u201c (vgl. Christian Leipert, Hrsg,\u00a0 Demographie und Wohlstand, 2003). Unter Humanverm\u00f6gen verstand er die grundlegenden F\u00e4higkeiten des Menschen: Das Lernen-K\u00f6nnen, das Miteinander-Umgehen-K\u00f6nnen, Gef\u00fchle erkennen und einordnen k\u00f6nnen, Ausdauer haben, nach L\u00f6sungen suchen statt zu jammern, Vertrauen schenken ohne naiv zu sein, Sprachbewu\u00dftsein,\u00a0 Bindungsf\u00e4higkeit, solidarisch sein, Alltagsprobleme meistern &#8211; es ist die soziale Kompetenz und die F\u00e4higkeit emotionale Intelligenz zu steuern. Das ist weit mehr als faktisches Wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist doch nur eine Frage der Wertevermittlung, k\u00f6nnte man sagen. Und k\u00f6nnen Werte nicht auch in der Arbeitswelt, in der Gesellschaft durch professionelle Erzieher den Kindern vermittelt werden? Nein. Denn die Gesellschaft ist im Vergleich zur Familie ein Kollektiv ohne Gesichter. Sie ist namenlose Sachgemeinschaft, sie erzeugt weder Liebe noch Solidarit\u00e4t, sie lebt aber von ihr. Als Sachgemeinschaft ist die Gesellschaft auch dem Wandel der Arbeitswelt unterworfen. Vor 40 Jahren noch, so der amerikanische Soziologe Fitzhugh Dodson, \u201ebereiteten die V\u00e4ter ihre S\u00f6hne auf ein Leben als Erwachsene vor, das dem ihren sehr \u00e4hnlich war. Unsere Kultur aber \u00e4ndert sich mit solch einer Geschwindigkeit, da\u00df dies nicht mehr m\u00f6glich ist. Man wei\u00df, da\u00df von hundert Kindern, die heute auf einem Schulhof spielen, f\u00fcnfzig Berufe aus\u00fcben werden, die heute noch gar nicht existieren. Die V\u00e4ter k\u00f6nnen diese ihre Kinder also gar nicht auf ein Leben wie sie es f\u00fchren vorbereiten. Der Wandel der Gesellschaft geht zu schnell voran.\u201c Konstant aber bleibt die pers\u00f6nliche Beziehung. F\u00fcr sie z\u00e4hlt nicht, was der andere hat &#8211; Geld, G\u00fcter, Ideen -, sondern was er ist: Vater, Sohn, Mutter, Tochter, Freund &#8211; alles Menschen, Gesichter mit Namen. F\u00fcr sie lebt man Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Solidarit\u00e4t, Verantwortung \u2013 alles Tugenden, wovon Gesellschaft, Staat und Wirtschaft leben. F\u00fcrsorge, Emotionen, Liebe \u2013 es geht nicht um Gef\u00fchlsduselei. Hirn-und Bindungsforschung lehren uns, dass die Emotionen nach einem Wort des Entwicklungspsychologen und Kinderarztes Stanley Greenspandie \u201eArchitekten des Gehirns\u201c sind, dass sie das Wachstum des Gehirns beim Baby befl\u00fcgeln, dass emotionale Stabilit\u00e4t die Bildung neuronaler Verschaltungen f\u00f6rdert. Wenn das Kind sich angenommen und sicher f\u00fchlt, wird es sp\u00e4ter eher in der Lage sein, diese selbsterlebte Annahme in Offenheit f\u00fcr das Fremde zu wandeln, es wird Empathie empfinden. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Beziehung zu Personen, sondern auch zu Gegenst\u00e4nden, zu Verh\u00e4ltnissen, zur Welt. Aus Emotionen entstehen Gedanken, aus Gedanken Ideen, aus Ideen Innovationen. Die Quelle ist die Familie. Benedikt XVI. formulierte den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Familie b\u00fcndig so: \u201eDie Familie ist der Kern aller Sozialordnung\u201c (Jesus von Nazareth I, 153). Das gilt auch und gerade in der globalisierten, pluralistischen Welt. Denn Familien schaffen nicht nur einen wirtschaftlichen Mehrwert, sie erneuern st\u00e4ndig die Grundlagen des Gemeinwesens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Manfred Kynast ist Systemanalytiker und Fondsverwalter. J\u00fcrgen Liminski ist Publizist und GF des iDAF.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle:<\/em>\u00a0<em>Aufsatz des Monats 10 \/ 2017\u00a0<\/em>\u00a0(<em>www.i-daf.org)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zusammenhalt der Gesellschaft spielt bei den Jamaika-Gespr\u00e4chen offenbar thematisch eine Rolle, jedenfalls reden einige Teilnehmer davon als Ziel k\u00fcnftiger Zusammenarbeit im \u201eProjekt Jamaika\u201c. Es ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede von Familie. Aber die Voraussetzungen, von denen der Staat lebt und die er selber nicht schaffen kann, entstehen in der Familie. Deshalb wird, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,10,27],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15018"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15019,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15018\/revisions\/15019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}