{"id":14987,"date":"2017-10-10T09:28:53","date_gmt":"2017-10-10T07:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14987"},"modified":"2017-10-10T09:28:53","modified_gmt":"2017-10-10T07:28:53","slug":"die-anfangsphase-der-reformation-in-reutlingen-ein-diplomatisches-meisterstueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14987","title":{"rendered":"Die Anfangsphase der Reformation in Reutlingen \u2013 ein diplomatisches Meisterst\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es erscheint merkw\u00fcrdig, dass ausgerechnet die in territorialer Hinsicht relativ kleine, abgelegene und nicht sehr wohlhabende Freie Reichsstadt Reutlingen zur Speerspitze der Reformation in S\u00fcddeutschland wurde. Man kann dies mit einem Kampf David gegen Goliath vergleichen. Um diese mutige Pioniertat zu verstehen, muss man den historischen Kontext betrachten. Dabei sind zwei Gesichtspunkte hervorzuheben: zum einen die demokratisch-z\u00fcnftische Tradition der Stadtrepublik und zum anderen die damaligen aktuellen weltpolitischen Ereignisse in Verbindung mit den lokalen Gegebenheiten.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die demokratische Verfassung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem ersten Aspekt ist daran zu erinnern, dass Reutlingen seit 1374 eine eigene Verfassung hatte, nach der in einem komplizierten Wahlverfahren jedes Jahr Anfang Juli die wahlberechtigten M\u00e4nner, allesamt Zunftmitglieder, rund 175 Mandatstr\u00e4ger w\u00e4hlten. Diese Tradition hat auch dazu gef\u00fchrt, dass sich die B\u00fcrgerschaft bei einer Versammlung auf dem Marktplatz im Fr\u00fchjahr 1524 mehrheitlich f\u00fcr die neue Glaubenslehrte ausgesprochen und dies durch einen Markteid bekr\u00e4ftigt hat. Die Entscheidung f\u00fcr die neue Lehre war also ein demokratisch legitimierter und nicht etwa von einem F\u00fcrsten auferlegter Vorgang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die volle Souver\u00e4nit\u00e4t als Freie Reichsstadt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Aspekt h\u00e4ngt mit den weltpolitischen Ereignissen und der spezifischen Situation Reutlingens zusammen: Im Februar 1492 wurde die letzte maurische Bastion in Spanien, das Kalifat Granada, von den spanischen K\u00f6nigen, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, erobert. Bereits am 31. M\u00e4rz 1492 verf\u00fcgten die spanischen K\u00f6nige die Ausweisung der Juden, nachdem die Inquisition schon lange vorher eingesetzt hatte, und im August 1492 ernannten die beiden K\u00f6nige, Christoph Columbus zum Gro\u00dfadmiral und Vizek\u00f6nig der zu entdeckenden L\u00e4nder. Der ber\u00fchmte spanische Historiker Salvador de Madariaga stellte die These auf, dass auch der Entdecker der Neuen Welt, Sepharde d.h. spanischer Jude gewesen sein muss. Nur so seien seine \u00fcbersteigerten Forderungen und deren Bewilligung zu erkl\u00e4ren, um ihn vor der Ausweisung zu sch\u00fctzen. Als er nach der vierten Entdeckungsreise nach Spaniern zur\u00fcckkehrte, habe ihn die Vergangenheit eingeholt, indem er wie ein Str\u00e4fling in Ketten gelegt und in ein Kloster eingesperrt worden sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die gleiche Zeit, n\u00e4mlich vom 26.-28. Mai 1495 hat Kaiser Maximilian mit einem Gefolge von 500 Reitern zum ersten Mal Reutlingen besucht. Dabei wurde er von der Stadt mit 1 100 Golddukaten, 100 St\u00fcck Fisch, 60 Sack Hafer, 9 Eimer Wein und 2 gem\u00e4steten Ochsen f\u00fcrstlich beschenkt. Diese Gabe diente als K\u00f6der, um dem Kaiser drei Zugest\u00e4ndnisse abzuringen: 1. Die \u00dcbertragung der mit der Achalm verbundenen Rechte des Hauses W\u00fcrttemberg an die Stadt, was dann durch die Vermittlung des Kaisers gegen eine Abl\u00f6sesumme von 12 000 Gulden zustande kam. 2. Die Ausweisung der Juden aus Reutlingen, eine Forderung, die sicher eine Folge der Entscheidung der spanischen K\u00f6nige war. Auch dieses Begehren wurde vom Kaiser bewilligt und 3. Die Verleihung des kaiserlichen Privilegs, ein Totschl\u00e4gerasyl zu begr\u00fcnden. Im Heiligen R\u00f6mischen Reich deutscher Nation wurden solche Asyle eingerichtet, weil man bei einer nicht vors\u00e4tzlich begangenen T\u00f6tung die Selbstjustiz von Familienangeh\u00f6rigen bzw. Clanmitgliedern verhindern wollte. Auch dazu war der Kaiser bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst mit der Einr\u00e4umung dieser Rechte hat Reutlingen in vollem Umfang die Souver\u00e4nit\u00e4t einer Freien Reichsstadt erhalten. Dies muss bei der B\u00fcrgerschaft eine enorme St\u00e4rkung ihres Selbstwertgef\u00fchles zur Folge gehabt haben. In Verbindung mit der demokratischen Tradition ist daraus sicher der Mut entstanden, sich als erste s\u00fcddeutsche Stadt zur neuen Glaubenslehre zu bekennen; &#8211; denn nur so wird erkl\u00e4rlich, warum ausgerechnet Reutlingen zur Speerspitze der Reformation in S\u00fcddeutschland wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Anfangsphase der Reformation<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_14989\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-14989\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-14989\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Bronzerelief.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Bronzerelief.jpg 540w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Bronzerelief-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><p id=\"caption-attachment-14989\" class=\"wp-caption-text\">Matth\u00e4us Alber, Bronzerelief an einem Privathaus in Reutlingen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden f\u00fchrenden Reformatoren in Reutlingen waren Matth\u00e4us Alber (1495-1570) und Johannes Schradin (um 1500 bis 1560\/61). Alber, der von Gottfried W. Locher, als der \u201eLuther Schwabens\u201c bezeichnet wird, begann das Studium der Theologie an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, an der damals Philipp Melanchthon lehrte. \u00dcber ihn wurde Alber sehr fr\u00fch mit Luthers Glaubenslehre bekannt. Im Jahre 1521 kam er als Pr\u00e4dikator, d.h. erster Geistlicher an die Marienkirche seiner Vaterstadt und ab 1524 stellte man ihm als zweiten Geistlichen Johannes Schradin zur Seite. Schon recht fr\u00fch muss Alber als kraftvoller Prediger weit \u00fcber die Stadtgrenze hinaus bekannt geworden sein. Denn am 19.31523 wandte sich der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli mit folgendem in lateinischer Sprach abgefassten Schreiben an ihn: \u201eGepriesen sei dein Mut! Sieh zu, dass Du ja nicht von dem eingeschlagenen Weg abl\u00e4sst. Dies allein ist der Kampf, der Dir zur Ehre gereicht; er macht Dich bei Christus doch unendlich angenehm, auch wenn Du bei den Menschen m\u00f6glicherweise in Ungnade f\u00e4llst. Christus, welcher der Allerbeste ist, bewahre Dich unversehrt. Leb wohl! Du wirst gewiss Gott auch f\u00fcr mich bitten, dass ER unsere Schritte leiten wolle. Empfehle mich Deinen Br\u00fcdern im Glauben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Einf\u00fchrung des deutschsprachigen Ritus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1522 hatte man in Basel und Pforzheim mit deutschsprachigen Messen begonnen. Kurz darauf folgten N\u00f6rdlingen und Allstedt und in der Karwoche 1524 kamen N\u00fcrnberg und Reutlingen dazu. Als wesentliche Bestandteile der Liturgie lie\u00df Matth\u00e4us Alber neben dem Gebet nur noch die Schriftlesung, die Predigt und das Gemeindelied gelten. Gleichzeitig wurde die Ohrenbeichte abgeschafft. Damit begann \u00fcbrigens auch die von Luther angesto\u00dfene Komposition von geistlichen Liedern als Charakteristikum des Protestantismus.<\/p>\n<div id=\"attachment_14991\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-14991\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-14991\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Gedenktafel.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Gedenktafel.jpg 491w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us-Alber_Gedenktafel-300x262.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><p id=\"caption-attachment-14991\" class=\"wp-caption-text\">Matth\u00e4us Alber, Gedenktafel in der Reutlinger Marienkirche<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unmittelbar darauf, als Alber die deutsche Predigt eingef\u00fchrt hatte, kam es im Mai 1524 auf dem Marktplatz zu einer B\u00fcrgerversammlung, auf der die B\u00fcrger ihren Unmut \u00fcber den Zustand des Klerus zum Ausdruck brachten und sich f\u00fcr die neue Glaubenslehre ausgesprochen haben. Mit dem gemeinsamen Schwur zwangen sie den Magistrat, sich f\u00fcr die neue Glaubenslehre einzusetzen. Dies war insofern eine \u00e4u\u00dferst mutige Entscheidung, als Reutlingen vollst\u00e4ndig von W\u00fcrttemberg umgeben war. Nachdem Herzog Ulrich des Landes verwiesen wurde, regierte der habsburgische Erzherzog Ferdinand das Herzogtum. Somit musste die B\u00fcrgerschaft schwerwiegende Repressalien bef\u00fcrchten. Die Beschwerde des habsburgischen Herrschers wurde vom Rat der Stadt mit diplomatischem Geschick beantwortet, indem man vorgab, dass Alber nicht lutherisch sei, sondern den Befehl habe, \u201eGottes Wort zu verk\u00fcndigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich geschickt taktierte Alber, als er ebenfalls 1524 als erster w\u00fcrttembergischer Reformator den Z\u00f6libat brach und sich verheiratete. Deswegen wurde er vor das Reichskammergericht in Esslingen zitiert. Hierzu begleiteten ihn seine Reutlinger Gefolgsleute, die drei Tage bei ihm ausharrten. Alber bestand das Verh\u00f6r in Esslingen mit Hilfe seiner Gelehrsamkeit und seines Humors gl\u00e4nzend, sodass das Urteil \u201everschoben\u201c wurde und er als freier Mann nach Reutlingen zur\u00fcckkehren konnte. Am 16.11.1524 wandte sich Ulrich Zwingli erneut an Alber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Zwingli diesen Brief im M\u00e4rz 1525 drucken lie\u00df, erwartet man in Reutlingen eine Reaktion von Martin Luther. Da diese ausgeblieben war, schickte die Stadt Johannes Schradin Ende 1525 auf eine \u201eGalgenreise\u201c nach Wittenberg, um Luther vor allem wegen der Gottesdienstordnung und in der Abendmahlsfrage zu einer Meinungs\u00e4u\u00dferung zu bewegen. Die Antwort lie\u00df nicht lange auf sich warten. Am 4.1.1525 verfasste der Reformator eine ausf\u00fchrliche Antwort an die lieben Christen zu Reutlingen, die von Schradin \u00fcberbracht wurde. Darin zeigte sich Luther \u00fcber die guten Nachrichten aus Reutlingen sehr erfreut, insbesondere, dass die Stadt von der Schw\u00e4rmerei unber\u00fchrt sei. Au\u00dferdem erkl\u00e4rte er sich mit der hier praktizierten Kultusform des Gottesdienstes vollkommen einverstanden. Damit waren die ersten schweren Klippen der Reformation in Reutlingen umschifft. Bei der zweiten Phase stand B\u00fcrgermeister Jos Wei\u00df der Stadt hilfreich zur Seite, indem er geschickt auf den Reichstagen taktierte und die kleine Reutlinger Nussschale unbeschadet auf dem Ozean der Kirchen- und Weltpolitik hindurch steuerte, sodass sie allen St\u00fcrmen trotzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Dr. Eugen Wendler, Reutlingen<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es erscheint merkw\u00fcrdig, dass ausgerechnet die in territorialer Hinsicht relativ kleine, abgelegene und nicht sehr wohlhabende Freie Reichsstadt Reutlingen zur Speerspitze der Reformation in S\u00fcddeutschland wurde. Man kann dies mit einem Kampf David gegen Goliath vergleichen. Um diese mutige Pioniertat zu verstehen, muss man den historischen Kontext betrachten. 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