{"id":14958,"date":"2017-09-30T17:36:50","date_gmt":"2017-09-30T15:36:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14958"},"modified":"2017-09-30T17:36:50","modified_gmt":"2017-09-30T15:36:50","slug":"wie-christen-leben-sollen-predigt-ueber-luk-636-42","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14958","title":{"rendered":"Wie Christen leben sollen (Predigt \u00fcber Luk 6,36-42)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedr\u00fcckt, ger\u00fcttelt und \u00fcberfl\u00fcssig Ma\u00df wird man in euren Scho\u00df geben; denn eben mit dem Ma\u00df, da ihr messet, wird man euch wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag auch ein Blinder einen Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der J\u00fcnger ist nicht \u00fcber seinen Meister; wenn der J\u00fcnger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balken in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: halte still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen; und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und besiehe dann, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest (Luk 6,36-42).<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im heutigen Evangelium lehrt uns unser lieber Herr Christus seine J\u00fcnger und uns alle, wie wir uns gegeneinander verhalten und christlich leben sollen. Denn wenn wir gl\u00e4ubig geworden sind, und nun den Namen haben, dass wir Christen hei\u00dfen, die durch den Herrn Christum von S\u00fcnde, Tod und allem Ungl\u00fcck er rettet sind: da soll danach ein neues Leben folgen, dass wir tun, was er von uns begehrt. Dieses neue Leben fasst er in das einige Wort, da er spricht: \u00abSeid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wei\u00df aber jeder Mann wohl, was barmherzig hei\u00dft, n\u00e4mlich, ein solcher Mensch, der gegen seinen N\u00e4chsten ein freundlich, g\u00fctig Herz tr\u00e4gt, Mitleid mit ihm hat, und sich seiner Not und Ungl\u00fcckes, es betreffe seine Seele, Leib und Gut, mit Ernst annimmt, und sich so zu Herzen gehen l\u00e4sst, dass er denkt, er ihm helfen kann. Beweist dies auch mit der Tat und tut es mit Lust und Freude gern. Ein solches Herz, sagt der Herr, sollt ihr gegen jedermann haben, dass es nicht eine Barmherzigkeit ist, wie der S\u00fcnder und Z\u00f6llner ist: die \u00fcben auch (wie Christus kurz vor diesen Evangelium sagt) Barmherzigkeit unter einander, liebt einer den anderen, erzeigt einer dem anderen Wohltat und Freundschaft, leiht einer dem anderen; aber solches tun sie darum, dass sie Gleiches wieder nehmen. Das ist eine falsche Barmherzigkeit, die darum Gutes tun, dass sie wieder Gutes oder Besseres empfangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir aber, so wir Christen sind, sollen barmherzig sein, wie unser Vater im Himmel: nicht allein gegen die, die unsere Freunde sind, sondern gegen jedermann, auch gegen die, so uns feind sind und verfolgen, auch wenn wir denken, sie sind es nicht wert, dass er ihnen ein freundliches Wort zu sprechen. Wie wir auch erfahren, wie schwer uns das wird. Ei, sprechen wir, was geht mich der Bube an, er hat mir die dies oder das getan, ich erkenne sein unn\u00fctzes Maul wohl, warum sollte ich ihm helfen? Ich wollte eher, dass ihn die L\u00e4use fr\u00e4\u00dfen. Also will unsere Natur immer uns auf eine falsche Barmherzigkeit ziehen, welcher nur auf unsere Mitgenossen geht, die mit uns B\u00fcberei treiben; mit den anderen wollen wir nichts zu schaffen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses ist meine Meinung nicht, spricht Christus; sondern wenn euch gleich eure N\u00e4chsten beleidigt haben, wollt ihr Christen sein, so denkt, dass ihr barmherzig seid, und so barmherzig, wie euer Vater ist, sonst k\u00f6nnt ihr nicht seine Kinder, noch meine Br\u00fcder sein, der ich euch mit meinem Blut von S\u00fcnden und Tod erl\u00f6st habe. Denn das m\u00fcsst ihr alle bekennen, dass ihr eurem Gott und Vater im Himmel alles Leid und viel Verdruss getan habt, und seine Gebote nicht gehalten, ja, alle \u00fcber treten habt, so h\u00e4tte er Ursache genug zu sagen: Sollte ich meinen Sohn f\u00fcr solche b\u00f6sen Buben geben? Zum Teufel mit ihnen, in den Abgrund der H\u00f6lle; denn sie f\u00fcrchten, lieben und Vertrauen mir nicht, ja, verachten, l\u00e4stern und hassen mich, schw\u00f6ren und fluchen bei meinem Namen, verfolgen und verdammen mein Wort, sind den Eltern und Obrigkeit ungehorsam, sind M\u00f6rder, Ehebrecher, Diebe, Geizh\u00e4lse, Wucherer, Meineidige, in der Summe, sie tun alle \u00dcbel, darum lass sie da hin fahren, wo sie hingeh\u00f6ren. Also k\u00f6nnte Gott, spricht Christus, zu euch auch sagen: aber er tut es nicht, sondern \u00fcber alle eure Bosheit f\u00e4hrt er zu und ist g\u00fctig und gn\u00e4dig, gibt nicht allein Leib und Leben, Essen und Trinken, Weib und Kind, Nahrung und alle Notdurft zu diesem Leben, sondern auch seinen Sohn und das ewige Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Barmherzigkeit sollt ihr auch lernen \u00fcben. Denn wo schon jemand dich beleidigt, und getan hat, das dir nicht gef\u00e4llt: was ist das gegen dem, dass du so oft und schwer gegen Gott getan hast? So nun Gott eine so gro\u00dfe Barmherzigkeit hat, dass er seinen Feinden seinen eingeborenen Sohn schenkt, dass sie durch ihn erl\u00f6st werden von der S\u00fcnde und Tod; begibt uns dazu Seele, Leib, Gut und alles, was wir bed\u00fcrfen, da er ja eigentlich Strafen ja, Hagel, Donner, Blitz und h\u00f6llisches Feuer, und noch viel mehr Ungl\u00fcck schicken sollte: so lerne du auch an diesem Beispiel, dass du sagen kannst: Ob mich wohl dieser oder jener stark beleidigt hat, dass ich ihm w\u00fcnschen w\u00fcrde es sollten ihn die Maden fressen, so will ich es doch nicht tun. Denn dieses w\u00e4re nur eine heidnische, und nicht eine christliche Barmherzigkeit. Hat er mir \u00dcbel und Unrecht getan: nun, wer wei\u00df, wie ich es verdient h\u00e4tte. Ich will ihn darum jetzt nicht, da er meiner Hilfe bedarf, laufen lassen; denn ich sehe, dass er Hilfe bedarf und ich ihm helfen kann. Also tut mein Vater im Himmel doch auch mit mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sieht, was f\u00fcr ein gro\u00dfer Frevel in unserem Volk \u00fcberall ist, jeder will f\u00fcr seine Arbeit und seine Ware so viel Geld haben, wie er nur bekommen kann. Jedermann sammelt Geld, schlemmt und prasst, bel\u00fcgt und betr\u00fcgt daneben einer den anderen, wo er nur kann. Dieses sollte wohl eine Unlust machen, wenn sie in eine Not kommen, dass man denken w\u00fcrde: Das ist richtig, damit die Buben m\u00fcde werden. Aber ein Christ soll nicht so tun, sondern sagen: Was liegt mir daran, ob sie gleich b\u00f6se sind? Dieses soll mich nicht bewegen, dass ich auch wollte b\u00f6se sein, ich will tun wie ein guter Baum. Wenn man die Fr\u00fcchte abbricht, die er getragen hat, \u00fcber ein Jahr bringt der andere, und z\u00fcrnt darum nicht, also will ich es auch tun. Habe ich dir zuvor Gutes getan, und du bist und dankbar gewesen und hast mir dagegen B\u00f6ses getan; damit sollst du mich nicht bewegen, dass ich auch sollte b\u00f6se werden. Du bist ein Dornstrauch, der nichts weiter kann als stechen, so bleibe es, darum will aber ich keiner werden, sondern ein feiner, fruchtbarer Weinstock bleiben und gute Trauben bringen. Denn also tut mein Vater in Himmel auch: Der gibt b\u00f6sen Buben genau so, als Frommen und Gerechten, Vieh, Ochsen, Eier, Butter, K\u00e4se, Haus, Hof, Geld, Gut, Leib und Seele, Frieden, sch\u00f6nes Wetter, und was man bedarf. Er l\u00e4sst die liebe Sonne leuchten, obwohl wir wohl verdient h\u00e4tten, dass er h\u00f6llisches Feuer herunter regnen lie\u00dfe. Aber er tut es nicht: er will kein Dornstrauch werden wegen unseres Undankes willen; sondern spricht: Wollt ihr nichts anderes denn b\u00f6se sein, so will ich doch gut bleiben, meine Sonne, meinen Regen \u00fcber B\u00f6se und Gute gehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist das Beispiel, welches unser lieber Herr Christus uns zeigt, dass wir in solcher Fr\u00f6mmigkeit auch bleiben, und anderer Leute Bosheit uns nicht dazu verleiten sollen, dass wir auch b\u00f6se werden, wie es in der Welt geschieht, die r\u00e4cht sich, bezahlt gleiches mit gleichem. Das soll unter den Christen nicht sein, sondern sollen sagen: Du bist ein Dornstrauch, hast mich \u00fcbel gestochen; aber um deiner S\u00fcnde willen will ich nicht auch zu einem Dornstrauch werden, sondern dir in deiner Not alles Gute tun; dazu Gott f\u00fcr dich bitten, dass er dir solches vergeben, und dich aus dem Dornstrauch zum sch\u00f6nen fruchtbaren Weinstock machen wolle. Das hei\u00dft: \u00abSeid barmherzig, wie euer Himmlische Vater barmherzig ist,\u00bb der seinen \u00e4rgsten Feinden das allerbeste tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun muss man aber solches also verstehen, dass man nicht denke, Gott will alle Strafe verboten und hinweg haben. Denn Christus predigt hier seinen J\u00fcngern, die kein Regiment hatten. Die Kinder im Hause, die Bauern im Dorf, die B\u00fcrger in der Stadt, die Politiker in der Regierung, da verh\u00e4lt es sich anders, denn im Haus regiert Vater und Mutter, im Dorf der Richter, in der Stadt der B\u00fcrgermeister usw. die Kinder im Haus, die Bauern im Dorf die B\u00fcrger in der Stadt, die Politiker in der Regierung sind alle gleich untereinander, deswegen sollen sie diese Regel untereinander halten, welche der Herr hier gibt, dass keiner dem anderen soll \u00fcbles tun, sondern untereinander barmherzig sein. Wo aber die Personen ungleich sind, als, Politiker in der Regierung gegen das Volk, der Richter \u00fcber die Leute, da soll man keine Barmherzigkeit gegen die b\u00f6sen brauchen, sondern das B\u00f6se strafen. Also sollen die Eltern nicht barmherzig sein gegen die Kinder, wenn sie b\u00f6se sind, sondern strafen, was zu strafen ist, und nichts \u00fcbersehen. Das fordert Gott von ihnen; und wo Sie es nicht tun, m\u00fcssen sie Gott harte Rechenschaft daf\u00fcr geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also geht dieser Befehl Christi von der Barmherzigkeit allein auf die, die gleich sind. Wo aber ungleiche Personen sind, der soll ein jeder seines sonderlichen Befehls warten, und sich die Barmherzigkeit an solchem Befehl nicht hindern lassen. Aber wo gleiche Personen sind, B\u00fcrger gegen B\u00fcrger, Bauer gegen Bauer, Kind gegen Kind, da soll ein Christ sprechen: Du hast mir Leid und \u00dcbel getan, dass dir es Gott vergebe; aber ich habe dich darum nicht zu strafen. Das hei\u00dft Barmherzigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo nun dir weiter Leid geschieht, so sage es deinem Vater, Richter, B\u00fcrgermeister, und sprich: Dass und das tut mir der; auf das du nur nicht richtest noch urteilst. Also soll kein Kind das andere, kein Bauer, kein B\u00fcrger den anderen schlagen, kein Mensch soll den anderen \u00fcbervorteilen; sondern es soll der Obrigkeit angesagt werden: Dies und das ist mir widerfahren, ich aber soll es nicht strafen, denn ich habe das Amt dazu nicht. Das hei\u00dft denn auch eine Barmherzigkeit, wo man dies ordentliche Mittel sucht bei denen, die dazu die Macht haben, dass den b\u00f6sen Buben der Mutwillen genommen wird. Also tat Josef. Der sah viel Unrecht von seinen Br\u00fcdern, aber er selbst straft es nicht, denn es war ihm nicht befohlen; sondern sagte es dem Vater an: Vater, so tut Simeon, so tut Levi; ihr m\u00f6gt zusehen und wehren. Das war recht und wohl getan, und ein sonderliches Werk der Barmherzigkeit. Aber er verdiente Ungunst, Ha\u00df und Neid damit. Denn seine Br\u00fcder konnten es nicht glauben, dass er es so gut mit ihnen meinte und so ein gro\u00dfes Werk der Barmherzigkeit an ihnen t\u00e4te. Denn mit solchem Ansagen half Josef der Seele vom Teufel und dem Leibe vom Henker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also solle es unter den Kindern und Menschen auch noch gehen, dass niemand sich selbst r\u00e4che, sondern aus sanftem und nicht bitterem Herzen der Herrschaft, den Eltern oder Herrn es sage, was f\u00fcr ein Unrecht geschehen ist. Damit hilft eins dem anderen an Leib, Geld und Gut, ja auch an der Seele, dass du nicht mehr so faul, unachtsam, untreu bist, sondern dich besserst. Darum soll das junge Volk solche Barmherzigkeit lernen, wenn dir ein Leid geschieht, oder du etwas schlechtes siehst, dass du nicht dazwischen schlagen, sondern sagst: Es ist mir leid, ich wollte, du h\u00e4ttest es nicht getan. Solches hei\u00dft ein Gebet f\u00fcr deinen N\u00e4chsten getan. Danach kannst du hingehen, und dem sagen, der die Macht hat es strafen, dass er es bessern und \u00e4ndern soll, und den Befehl hat, dass er als tun soll. Denn Gott hat Leute genug dazu verordnet, n\u00e4mlich, Richter, Herren, Vater, Mutter, Pastoren, und zuletzt auch die Henker, die sollen die Untugend strafen. Die anderen, so in diesen \u00c4mtern nicht sind, sollen es ungestraft lassen und Barmherzigkeit beweisen, das ist, beraten und helfen, womit sie k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sollen wir nun wohl merken, dass dieser Befehl hier geht gegen gleiche Personen, wo keiner \u00fcber den anderen Macht oder Befehl hat. Wo aber ungleiche Personen sind, ist einer Vater, der andere Richter, der dritte Amtmann, die sollen gegen ihres Gleichen auch Barmherzigkeit beweisen; aber nicht gegen die Untertanen. Denn da steht der sonderliche Befehl, dass sie das \u00dcbel an den Kindern, Volk und Untertanen strafen sollen. Aber wo gleiche Personen sind, die sollen gegen einander ein freundlich, g\u00fctig, mitleidendes Herz tragen, helfen, vermahnen, ansagen; das hei\u00dft christlich gelebt. Ob man dich aber dar\u00fcber schimpfen w\u00fcrden, wie die Kinder und das Volk pflegen, und dich einen Verr\u00e4ter hei\u00dfen, das schadet nicht. Denke du, dass du ein Feigenbaum oder guter Weinstock bleibst, und las dich nur nicht zu einem Dornstrauch machen. Also tut die liebe Sonne auch: die sieht jetzt manchen Menschen an, der die vergangenen Nacht gestohlen hat, wo er die Ehe gebrochen hat, und dennoch bleibt sie eine sch\u00f6ne Sonne, ob du gleich ein schwarzer Teufel, und einer S\u00fcnde wegen nicht wert bist, dass sie ansehen solltest. Denn Sie denkt so: Wenn ich doch auch deine Bosheit sehen musste, so will ich doch einmal auch zu sehen, dass man dich an den Galgen h\u00e4nge. Jetzt lachst du meiner und ich muss dir zu deiner Bosheit leuchten; aber was gilt es, wenn du dich nicht besserst, ich werde dir auch einmal zu deiner Strafe leuchten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrung lehrt uns, dass keine Untugend und Bosheit von Gott ungestraft bleibt. Denn wer Vater und Mutter entl\u00e4uft, der entl\u00e4uft doch den Henker nicht. Du musst entweder b\u00fc\u00dfen und dich bessern, oder gewiss auf die Strafe warten; denn Gott will nichts ungestraft lassen, wo nicht Besserung folgt. Mancher M\u00f6rder und Dieb wird nicht gefasst, zieht aus dem Lande, und entgeht so eine Zeitlang der Strafe; wo aber keine Besserung folgt, so findet es sich letztlich wunderbarer Weise, dass er doch der Obrigkeit in die H\u00e4nde l\u00e4uft und seinen Lohn empf\u00e4ngt. Denn das Sprichwort fehlt nicht: Den Eltern k\u00f6nnen b\u00f6se Buben entlaufen, aber dem Henker k\u00f6nnen sie nicht entlaufen. Darum was der Vater nicht zwingen kann mit der Rute, dass soll des Henkers Strick und Schwert zwingen. Willst du dich an die Lebensstrafe nicht kehren, so leide die Todesstrafe, die ist dein verdienter Lohn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also wollte der Herr Christus gern, in das wir ein gutes Leben f\u00fchrten, und gute Werke unter einander t\u00e4ten, die rechtschaffen, und nicht ein schlechter Schein w\u00e4ren. Er befiehlt deswegen, wir sollen barmherzig sein, nicht wie die Heiden, die barmherzig sind gegen die, von welchem sie wieder eine Hilfe erwarten, dass also eine Hand die andere wasche. Nicht so, sondern wie der Vater im Himmel, der sch\u00fcttet mit Haufen herunter, was wir bed\u00fcrfen, dass die ganze Welt genug hat zu nehmen: nicht allein die Frommen, die h\u00e4tte er an einem Tage alle bezahlt; sondern auch den B\u00f6sen. Darum l\u00e4sst er seine G\u00fcte nicht versiegen, obwohl der meiste Teil b\u00f6se und undankbar ist, ja, die B\u00f6sen bekommen dabei sogar noch den besseren Teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen, spricht Christus, setze ich euch, die ihr meine Christen seid, zum Exempel, dass ihr nicht allein euren Freunden helfet; solche Fr\u00f6mmigkeit will ich wohl unter den Heiden bekommen: sondern auch Feinden, wie ihr seht, dass euer Vater die Sonne jedermann leuchten l\u00e4sst, auch den M\u00f6rdern, Dieben, Ehebrechern, b\u00f6sen Buben, B\u00fcrgern und Bauern, die es wohl wert w\u00e4ren, dass sie mit den Augen die liebe Sonne nicht sehen sollten. Er tut es aber nicht, er will seine Gnade nicht um der Leute Bosheit willen nicht versiegen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also, spricht er, tut ihr auch, lasst euch nicht erz\u00fcrnen, zieht die Hand nicht zur\u00fcck, wie die Welt pflegt, und sagt: Ja, es ist alles verloren, was man den Menschen tut. Das ist falsch geredet. Freunden dienen, ist nichts Besonderes, denn die Heiden selbst sind so lange freundlich und hilfreich, solange sie wieder auf eine Hilfe hoffen und sp\u00fcren. Wenn aber die Hilfe nicht kommt, so versiegt auch die Wohltat. Da sieht man es dann \u00f6ffentlich, dass es nicht ein Quell oder ein lebendiger Brunnen der Liebe, sondern nur Wasser in den Sand getragen und eine heidnische Hilfe. Ihr Christen m\u00fcsst schon mehr tun, und unverdrossen sein zu helfen, auch euren Feinden, obwohl ihr Undank verdient, und denken: Wollen sie undankbar sein, nun gut, da ist Gott, der hat noch so viel Teufel, so viel b\u00f6ser Buben auf Erden, so viel Wasser, Feuer, Pest und andere Plagen, damit er strafen kann; der wird das rechte Ma\u00df dazu finden. Weil ich nun wei\u00df, dass es nicht ungestraft bleiben kann, so will ich ein s\u00fc\u00dfes, mitleidiges Herz, dass zu raten und zu helfen bereit ist, behalten. Dieses hei\u00dft dann ein christliches Herz und christliche Liebe, welche die Heiden nicht haben, denn sie helfen nur dann, wenn sie dadurch Dank und wieder eine Hilfe erwarten. Die Christen aber sollen ein solches Herz und Liebe haben, die, wie eine lebendige Quelle, nicht auszusch\u00f6pfen ist, noch versiege, obwohl sich die Wohltat, wie das Wasser in den Sand verliert und umsonst ist. Nun geht unser Heiland weiter, und teilt solche Barmherzigkeit in einige St\u00fccke, und spricht: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr wollte gern, dass wir rechtschaffene Christen w\u00fcrden, die nicht mit Worten den Glauben und das Evangelium r\u00fchmen; wie die Leute jetzt tun, die evangelisch sein wollen und viel von Christus sagen und wissen, aber wenn man es recht besieht, ist nichts dahinter. T\u00e4uscht also der meiste Teil, auch die, welche das Evangelium haben und h\u00f6ren, sich selbst und fahren zum Teufel mit ihrem falschen Glauben. Solchen Unrat wollte Christus gern wehren; stellt uns deswegen nicht ein fremd, unbekannt, sondern seines Vaters und unser eigenes Exempel vor, dass wir selbst erfahren haben, dass er so mit uns gehandelt hat, und sagt: wir sollen mit anderen Leuten auch so tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn wir sind ja alle im Gericht Gottes und in der Verdammnis gewesen, unserer S\u00fcnde wegen. Was hat nun unser Vater im Himmel getan? Ist es nicht wahr, er hat dich weder richten noch verdammen wollen, sondern dir deine S\u00fcnden vergeben, und die H\u00f6lle und Verdammnis hinweg getan, und dich zu Gnaden angenommen? Solch ein Beispiel hast du an dir unter deiner eigenen Person; dem folge und tue gegen andere auch so: so bist du denn ein rechter Christ, der du ein Christ und glaubst, deinen N\u00e4chsten nicht richtest noch verdammst, sondern ihm gern vergibst, was er gegen dich getan hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So du es aber nicht tun willst, sondern mit dem Schalksknecht, Matth\u00e4us 18, dort Gnade empfangen und hier einen anderen dieselbe nicht auch beweisen; so sollst du wissen, dass du kein Christ bist, und das dich Gott wiederum aus der Barmherzigkeit in das Gericht und in die Verdammnis werfe, und dir alle G\u00fcter, die er dir gegeben, berauben, und alle Schuld, die er dir erlassen, dir wieder auf den Hals legen will: das sollst du gewiss haben; denn dann steht es: \u00abRichtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet,\u00bb das ist, wollt ihr nicht aufh\u00f6ren zu richten, so wird euch Gott auch richten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sieht man aber, wie man es so \u00fcber die Ma\u00dfen schwer lassen kann; sobald jemand uns im geringsten beleidigt, da geht schnell das Gericht her: Was soll ich diesem Schalk noch mehr tun? Ich habe ihm dies und das getan, das ist der Dank, also bezahlt er mich. Das hei\u00dft eine unbarmherzige Barmherzigkeit und eine schlechte Hilfe, dass man sobald richten will, wenn der Dank nicht folgt. Die richtige Fr\u00f6mmigkeit ist mitleidig, aber die heuchlerische Fr\u00f6mmigkeit ist eine zweifache Unbarmherzigkeit. Das erf\u00e4hrt man dabei, wenn mir einer einen Gulden schenkt, wollte er mich gern damit kaufen und mich zu seinem eigen machen. Darum, sobald ich nun etwas rede oder tue, dass ihm nicht gef\u00e4llt, oder in einem Fall nicht dienlich ist, bald dr\u00e4ngt er mich die Hand zu dr\u00fccken: Siehe, dass und das habe ich dir gegeben, warum willst du mir den nicht auch diese Freundschaft tun? Das hei\u00dft dienen, dass man dir wieder diene, wie die Heiden tun, und richten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es soll so sein: Tust du jemand etwas Gutes, und er erkennt es nicht, oder tut dir etwas B\u00f6ses daf\u00fcr, dann kannst du ihn wohl warnen, er soll es nicht tun, er w\u00fcrde sich sonst gegen Gott vers\u00fcndigen. Aber das du ihm darum feind werden, und ihn urteilen oder richten und in seiner Not nicht wieder helfen in wolltest, da h\u00fcte dich vor. Befiehl ihn seinem Richter; denn du wei\u00dft nicht, was Gott mit ihm machen will, ob er sich werde bekehren oder nicht. Bekehrt er sich nicht, so hat Gott, wie zuvor gesagt, so viel Teufel, Henker und sonst b\u00f6se Buben, dass er ihn zu seiner Zeit wohl strafen kann. Wie man sieht, dass jetzt da, jetzt dort unversehens ein Ungl\u00fcck sich zutr\u00e4gt. Darum h\u00fcte dich, dass du nicht richtest, sondern denken: H\u00e4tte Gott mit mir auch nach der Strenge, die ich ja auch verdient h\u00e4tte, es mit mir gemacht, so h\u00e4tte ich vor 10,20,30 Jahren in meinen S\u00fcnden sterben m\u00fcssen, da ich in aller sch\u00e4ndlicher Abg\u00f6tterei und Heuchelei gelebt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also h\u00fcte dich vor dem verdammen, denn es geh\u00f6rt nicht zu dir. Strafen, unterweisen, vermahnen, kannst du es denen, die richten sollen und verdammen. Dir aber geb\u00fchrt anderes nicht zu tun, denn das du barmherzig bist, nicht richtest, nicht verdammst, sondern vergibst. Und wenngleich dein N\u00e4chster nichts aufh\u00f6ren will, gegen dich zu s\u00fcndigen, dennoch soll dein Herz geneigt sein ihm zu vergeben, ihn weder hindern, noch sollst du begehren dich zu r\u00e4chen, sondern wo du kannst, sein Bestes f\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses alles aber tut weh, und ist schwer zu tun. Aber da bedenke, dass du ein Christ bist, und musst dich, so du ein Christ bleiben willst, die Sache ernster angehen als die Unchristen. Wie das Beispiel unseres Vaters in Himmel uns vorleuchtet. Denn wenn du deinem N\u00e4chsten Gutes tust, und er dir es nicht danken, ja, dagegen Schaden zuf\u00fcgen will, da darfst du nicht zweifeln, Gott wird ihn wohl finden; dem la\u00df die Rache, und tue du, was dir befohlen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man liest eine Geschichte, wie ein ungezogener ungeratener Sohn seinen Vater bei den Haaren genommen und ihn bis an die T\u00fcrschwelle geschleift hat, da hat der Vater angefangen zu schreien: H\u00f6r auf, h\u00f6r auf, mein Sohn, denn bis hierher habe ich meinen Vater auch an den Haaren gezogen; wie ich es bei ihm getan habe, so tust du es jetzt wieder bei mir. Dieses ist das Urteil unseres Gottes, dieser wei\u00df wohl Rat dazu, wie er Untugend, besonders aber den Undank strafe. Darum sollen wir ihm es befehlen, und tun, was uns hier befohlen ist, dass wir nicht strafen, sondern barmherzig sind. Gott wird mit der Strafe nicht ausbleiben, wie der Herr hier weiter meldete: Gebet, so wird euch wieder gegeben. Ein voll, gedr\u00fcckt, ger\u00fcttelt, und \u00fcberfl\u00fcssig Ma\u00df wird man in euren Scho\u00df geben. Denn eben mit dem Ma\u00df, da ihr messet, wird man euch wieder messen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hat doch der Herr alles fein zusammengefasst, will gern, dass wir feine, fromme Christen w\u00fcrden, und uns immer rechtschaffen hielten. Darum, eben wie er befohlen, man soll mit den armen S\u00fcndern gn\u00e4dig umgehen, wie Gott mit uns umgeht, sie nicht richten, noch verdammen, sondern Gericht und Urteil Gott befehlen und f\u00fcr Sie bitten: also befiehlt er hier weiter, dass man in anderen N\u00f6ten ihnen auch behilflich sein soll mit Geben und Raten; und soll dann gewiss hoffen, so viel und reichlich kann man nicht geben, denn Gott will immer mehr und reichlicher geben. Das also unser Herz immer eine Quelle in Liebe, und von Dornen sich nicht stechen lasse, damit es nicht versiege. Wie die Heiden tun: die k\u00f6nnen des Richtens und Verdammens nicht lassen; sobald man etwas tut, dass ihnen nicht gef\u00e4llt, wollen sie es nicht eher vergeben, denn dass man ihnen zu Fu\u00dfe f\u00e4llt und sie anbete. Also, wo sie es nicht wissen wieder zu genie\u00dfen, da geben sie nichts hin. Darum bleibt das schwere Urteil \u00fcber sie, dass sie Gott wieder richten, verdammen, und ihnen auch nicht vergeben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor solcher Unart sollen wir uns h\u00fcten, und unserem N\u00e4chsten tun, wie uns unser lieber Gott im Himmel getan hat. Dieser hebt das Urteil auf und will vergeben; er will weder r\u00e4chen noch verdammen, ganz gleich, dass wir so undankbar sind und seine Wohltat und seine H\u00e4nde nicht annehmen wollen. Dieses sollen wir auch lernen. Wo nicht, so werden wir das Urteil bekommen, dass er sagt: \u00abMit was Ma\u00df ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun m\u00fcssten wir aber ja erkennen, dass uns unser Gott sehe reichlich gegeben hat. Denn so wir nach unserem Verdienst bekommen w\u00fcrden, so h\u00e4tten wir Zorn, Unfriede und alles Ungl\u00fcck verdient, dass es richtig w\u00e4re wenn uns die Erde verschlingen w\u00fcrde, sobald wir darauf geboren sind; geschweige denn, dass wir uns danach durch unser ganzes Leben so b\u00f6se gehalten haben. Das also das rechte Ma\u00df auf uns w\u00e4re gewesen der Tod und die H\u00f6lle. Aber was tut Gott? Er nimmt hinweg alles, was wir verdient haben, Zorn, Ungnade, Gericht, Tod, H\u00f6lle, und schenkt uns den Himmel, Gnade und Freiheit von der Anklage des Gesetzes und unseren b\u00f6sen Gewissens. Er sch\u00fcttet aus allen Mangel und Schuld, und gibt alles Gute. Das hei\u00dft doch gn\u00e4dig gemessen. Aber danach, wenn du anderen Leute nicht willst also wieder messen, so erwarte nur anderes nicht, denn wie du mi\u00dft, also wird dir Gott auch wieder messen. Zuvor hatte Gott dir nur Gnade eingemessen: aber jetzt, gleich wie du tust und misst mit deinem Undank, also soll dir auch gemessen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses ist eine wunderbare Predigt, in welcher man sieht, dass Gott sich vielmehr des Dienstes gegen den N\u00e4chsten annimmt, denn seines eigenen Dienstes. Denn in seiner Sache und so viel ihn betrifft, vergibt er alle S\u00fcnde, und will sich nicht r\u00e4chen, was wir wieder ihn getan haben. Wiederum aber, wenn wir uns gegen unseren n\u00e4chsten \u00dcbel halten, so will er auch uns gar nichts vergeben. Deswegen muss man das Messen hier verstehen nach dem Glauben, und nicht vor dem Glauben. Denn ehe du zum Glauben gekommen bist, da hat Gott mit dir nicht gehandelt nach deinem Verdienst, sondern nach Gnaden. Er hat dich zu seinem Wort kommen lassen, und dir Vergebung deiner S\u00fcnde zugesagt. Das ist das erste Ma\u00df, womit er uns gemessen hat, da wir angefangen haben zu glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil wir nun solch ein Ma\u00df von Gott empfangen haben, sagt er: Gedenke, und bist du zu anderen Leute nicht anders. Tust du es aber nicht, so soll es dir gehen, wie du anderen tust. Du bist ihnen ungn\u00e4dig: ich will dir auch ungn\u00e4dig sein. Du richtest und verdammst sie: ich will dich auch richten und verdammen. Du nimmst und gibst nichts: ich will dir auch nehmen und nichts geben. Da geht das Ma\u00df an nach dem Glauben, dass sich unser lieber Herr Gott der Werke gegen den N\u00e4chsten so sehr annimmt, dass er will zur\u00fcck rufen, was er f\u00fcr Gutes getan hat, wenn wir unserem N\u00e4chsten nicht auch Gutes tun wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen, wer da denkt Gott treulich zu dienen, der tue seinen N\u00e4chsten, wie Gott ihm getan hat, das ist, er richte nicht, er verdamme nicht, er vergebe und gebe gern, sei freundlich und hilfreich, wo er kann. Denn sonst wird es ihm gehen, wie mit dem Knecht, Matth\u00e4us 18. Diesem war eitel Gnade zugemessen, dass der Herr ihn ohne Schuld entlie\u00df, da er aber nicht wollte seinem N\u00e4chsten die hundert Groschen schenken, noch Geduld haben, bis er sie bezahlte; der kamen die 10000 Pfund wieder auf ihn, und wurde den Peinigern \u00fcberantworte, bis er alles bezahlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist wohl war, m\u00f6glich ist es nicht, dass wir uns an diese Regel immer halten k\u00f6nnten. Wir vergessen der Barmherzigkeit sehr oft: wo wir freundlich sein sollten, da z\u00fcrnen wir; wo wir gute Worte geben sollten, da fluchen wir. Wenn sich nun alles bei uns zutr\u00e4gt, dass wir in diesem Fall gegen den Befehl Christus tun, da sollen wir beachten, dass wir uns vor der S\u00fcnde der Pharis\u00e4er h\u00fcten, und unser Gewissen nicht tot machen und in der S\u00fcnde fortfahren, sondern dass wir bald umkehren, an dieses Bild denken, und tun, wie uns unser Vater getan hat, dass wir auch vergessen und vergeben, und uns durch keinen Undank bitter machen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wenn man vergeben soll, so geh\u00f6rt auch dazu, dass der Teil, dem man vergeben soll, seine S\u00fcnde erkenne und lasse diese sich leid sein. Denn dass ich dem Papst und anderen Feinden des Wortes ihre S\u00fcnde vergeben soll, das ist mir nicht m\u00f6glich. Ursache, sie halten es f\u00fcr Recht, dass sie unsere Lehre verfolgen. Denn so man S\u00fcnde vergeben soll, so muss ja S\u00fcnde da sein. Wer nun Recht haben will und S\u00fcnde nicht bekennen, wie Saul mit Samuel tat, dem kann man die S\u00fcnde nicht vergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die Lehre vom christlichen Leben, welche der Herr aus dem Beispiel unseres Vaters im Himmel uns vorh\u00e4lt. Diese Lehre h\u00e4lt er uns vor in dem Gleichnis vom Splitter im Auge, und dem Balken. Als wollte er sagen: Ich sehe wohl, es ist euch sauer, denn wenn ihr Schaden habt tut es euch so weh, ihr k\u00f6nnte es nicht sobald vergessen: sobald ihr euren Widersacher seht, wo der an ihn denkt, so l\u00e4uft euch die Galle \u00fcber, und denkt: Er hat mir das und das getan, ich wollte, dass er alles Ungl\u00fcck h\u00e4tte. Liebe Kinder, spricht Christus, nicht so: wenn er dir schon da und dort Schaden getan, oder dich mit einem Wort ge\u00e4rgert hat, so ist es doch in der Wahrheit nur ein Splitter, ein kleines Staubkorn im Auge, dagegen hast du einen gro\u00dfen Balken im Auge, wenn du dahin sehen willst, was du gegen Gott getan hast. Darum geh\u00f6rt sehr viel dazu, wer einen anderen richten und verdammen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In anderen Sachen ist es also, dass der Schulmeister muss gelehrter sein als sein Sch\u00fcler, sonst wird der Sch\u00fcler nicht viel von ihm lernen. Was bist du denn f\u00fcr ein Schulmeister, der du andere lehren und richten willst, und hast genauso viel Schuld, und kannst ebenso wenig als der, den du dich unterstehst zu lehren? Vor den Leuten, will der Herr sagen, taugt solches keinen Tropfen; wie will es sich denn schicken in meinem Reich und vor Gott, da ihr alle gleich viel Schuld habt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum so lerne solches Gleichnis fein in das Werk ziehen: wenn du etwas h\u00f6rst, siehst, leidest, dass du nicht gern h\u00f6rst, siehst oder leidest, dass du sagst: es ist eine geringe S\u00fcnde gegen meine S\u00fcnden; Gott sieht viel mehr Mangel an mir, denn ich an anderen Leuten sehen kann: darum will ich gern still schweigen und vergeben ist; das Gott mir auch vergebe und still schweige. Aber da wird nichts draus; in der Welt straft immer ein Bruder den anderen um des Splitters willen, und er selbst hat doch einen gro\u00dfen Balken im Auge. Denn wo du eine Sache zu deinem N\u00e4chsten hast, dagegen hat Gott tausend und aber tausend zu dir, dass du seine Gebote dein Leben lang nie gehalten, ja, h\u00e4ufig dagegen ges\u00fcndigt hast. Solches siehst du nicht, willst deinen N\u00e4chsten um eines b\u00f6sen Wortes willen fressen. Pfui dich, bist du denn so scharf\u00e4ugig und kannst doch einen solchen gro\u00dfen Balken nicht sehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum soll ein Christ sich anders gew\u00f6hnen: wenn er den Splitter in seines n\u00e4chsten Auge sieht, soll er zuvor, ehe er urteilt, vor den Spiegel treten und sich darin besehen; da w\u00fcrde er so gro\u00dfe Balken finden, aus denen man Schweinetr\u00f6ge machen m\u00f6chte, und er sagen m\u00fcsste: Was soll doch das sein? Mein N\u00e4chster beleidigt mich in einem Viertel, halben, ganzen Jahr einmal; ich aber bin so alt geworden, und habe meines Gottes Gebote noch nie gehalten, ja, \u00fcbertretet sie st\u00fcndlich, wie kann dich denn so ein gro\u00dfer verzweifelter Schalk sein? Meine S\u00fcnden sind so gro\u00df wie Eichb\u00e4ume; und den kleinen Splitter, dass Staubkorn in meines Bruders Auge, nehme ich mich mehr an denn als meinem gro\u00dfen Balken? Aber es soll so nicht sein; ich muss zuvor sehen, wie ich meine S\u00fcnde los werde. Denn ich bin Gott, meiner Obrigkeit, meinen Vater und Mutter, meiner Herrschaft ungehorsam, mache dabei immer weiter, und h\u00f6re nicht auf zu s\u00fcndigen: und will noch gegen meinen N\u00e4chsten so ungn\u00e4dig sein und ihm nicht ein einziges gutes Wort g\u00f6nnen? Oh nein, so sollen Christen nicht sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als so will der Herr uns immer auf das Beispiel unseres Vaters im Himmel weisen, der unsere gro\u00dfen Balken nicht sehen will, auf das wir mit dem kleinen Splitter auch Geduld haben, und nicht richten und verdammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der nun solche herrliche, sch\u00f6ne Verhei\u00dfung sich zur Barmherzigkeit nicht will bewegen lassen, dass Gott alles Gericht und Verdammnis aufheben und uns gern vergeben will, wenn wir uns untereinander vergeben und nicht richten, dass keine H\u00f6lle noch Tod, sondern lauter Gnade und Freundlichkeit da sein soll; wiederum, wer sich nun nicht schrecken lassen will vom Gericht und von der Verdammnis, dass wo er einen Splitter den seines N\u00e4chsten Auge findet, Gott dagegen in seinen Augen viel Balken findet, da kann ich nicht wissen, was ihn noch sollte bewegen, Tr\u00f6sten oder erschrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind wir nicht heillose Leute und gro\u00dfe Narren, dass wir nicht einem ein gutes Wort g\u00f6nnen, so doch Gott uns allen unsere S\u00fcnde dagegen zugutehalten? Und wo wir einen Augenblick unser Richten nachlassen? Was hilft es uns aber, wenn wir solches nicht tun, und mehr dem Beispiel der Welt, denn dem Beispiel unseres Vaters im Himmel folgen wollen? Anderes nicht, denn dass wir uns aus der Gnade in die h\u00f6chste Ungnade werfen, und wo wir sonst einen gn\u00e4digen, barmherzigen, milden Gott haben k\u00f6nnten, da machen wir selbst Gott uns zum Feind, und bewegen ihn zu Zorn und Strafe gegen uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Jammer sollten wir wohl bedenken, und unser Leben also christlich lernen anstellen, auf das jedermann, Freunde und Feinde, an uns sehen k\u00f6nnen, dass wir rechte Sch\u00fcler Christi w\u00e4ren, und ein solches Herz h\u00e4tten, wo eine unersch\u00f6pfte Quelle der Liebe innen ist, die nimmermehr versiegt. Das wolle uns unser lieber Vater im Himmel durch seinen Heiligen Geist um Christ die Willen allen gn\u00e4diglich verleihen, Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. 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