{"id":14945,"date":"2017-09-28T13:18:33","date_gmt":"2017-09-28T11:18:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14945"},"modified":"2017-09-28T13:19:03","modified_gmt":"2017-09-28T11:19:03","slug":"religion-und-leitkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14945","title":{"rendered":"Religion und Leitkultur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Primat des Rechts als Voraussetzung einer neu anhebenden Debatte. Die Herausforderung des Islam und das christliche Erbe Europas.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christian Lindner sah es sofort. Etwas gelangweilt sagte er im ARD-Interview: \u201eDa geht es wieder um Religion\u201c. Gemeint war die im Fr\u00fchsommer von Innenminister Thomas de Maiziere angestossene Leitkultur-Debatte. Und geradezu wie eine Offenbarung war Lindners\u00a0 Nachsatz: \u201eIch finde, unsere Leitkultur sollte das Grundgesetz sein. Das ist offen f\u00fcr alle\u201c. Aber ist nicht gerade diese von den Richtern in den letzten Jahren vorangetriebene Offenheit das Problem? Denn es ist keine Offenheit mehr, die einl\u00e4dt Werte zu teilen, sondern eine, die nahezu alles und alle nebeneinanderher zul\u00e4sst. Die kulturellen Konturen des Grundgesetzes verblassen. Der Rahmen wird zur Glasfl\u00e4che ohne Rand. Auf ihr spiegeln sich unterschiedlichste Muster, Farben, Formen. Das Alles wird zum Nichts.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Werterelativismus und der damit einhergehende Rechtspositivismus haben es nicht nur m\u00f6glich gemacht, sie sind treibende Motoren der Entwicklung. Es geht in Richtung Nihilismus und einer libert\u00e4ren Geisteshaltung, die alles erlaubt und erm\u00f6glichen will. In solch einem geistigen Ambiente ist es schwierig, eine Orientierung gebende, geschweige denn zur Orientierung verpflichtende Leitkultur zu definieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Ambiente des anything goes hat nat\u00fcrlich auch Religion kaum noch Platz. Denn Religion ordnet, Glauben schafft Hierarchie. An Gott glauben hei\u00dft zuallererst: einen Sch\u00f6pfer anerkennen. Aus dieser ersten, existentiellen Beziehung leiten sich die Beziehungen zu anderen Menschen ab. Wie die erste Beziehung gestaltet und gelebt wird, ob \u00fcberhaupt, ob in einer pers\u00f6nlichen und liebevollen Beziehung oder in einer Geste permanenter Unterwerfung, das macht das Gottes-und Menschenbild aus, das regelt entsprechend dann auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Aus diesen Beziehungen entstehen Haltungen und aus der Gesamtheit der Haltungen, Beziehungen und Umweltbedingungen in der jeweiligen Zeit und Geschichte entsteht Kultur. Insofern hat Lindner recht, wenn er \u201eklagt\u201c, da\u00df eine Leitkulturdebatte zu einer Religionsdebatte werden kann. Es darf aber auch gefragt werden: Muss es nicht auch eine Religionsdebatte werden, weil sonst ein Austausch, Integration oder auch nur gegenseitiges Verst\u00e4ndnis nicht m\u00f6glich wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinn sind auch die Thesen des gl\u00e4ubigen Christen und Ministers Thomas de Maiziere zu verstehen, wenn er in der Bild am Sonntag fragt: &#8222;Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?&#8220;. Seine Antworten b\u00fcndeln sich eben im Begriff der Leitkultur. Die habe etwas mit Haltung zu tun, sagt er. &#8222;Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begr\u00fc\u00dfung die Hand.&#8220; Und weiter: &#8222;Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.&#8220; In der Tat, in kaum einem anderen Begriff wie dem der Leitkultur zeigt sich die Erkenntnis eines franz\u00f6sischen Vordenkers des Sozialismus, Pierre Joseph Proudhon (1809-1865), der in seinen &#8222;Bekenntnissen eines Revolution\u00e4rs&#8220; bemerkte, es sei &#8222;\u00fcberraschend, da\u00df wir auf dem Grund unserer Politik immer die Theologie wiederfinden&#8220;. Proudhon war kein Kirchg\u00e4nger, aber er war offen f\u00fcr Argumente. Er hatte erkannt, dass die Glaubens-und Gewissensfreiheit die Mutter aller Freiheiten ist. Diese Erkenntnis teilte er mit anderen Denkern Europas, nicht zuletzt mit dem Zeitgenossen Alexis de Tocqueville oder den Briten John Milton, John Locke und vielen anderen mehr. Tocqueville sieht gar einen unl\u00f6slichen Zusammenhang zwischen Religion und Freiheit, wenn er in seiner Analyse der amerikanischen Demokratie schreibt, da\u00df \u201eman das Reich der Freiheit nicht ohne das der guten Sitten zu errichten und die guten Sitten nicht ohne den Glauben zu festigen vermag\u201c und \u00e4hnlich wie Edmund Burke ist er davon \u00fcberzeugt, da\u00df die moderne Demokratie der Religion im besonderen Ma\u00dfe bedarf, weil nur das religi\u00f6s fundierte Sozialkapital imstande sei, den egoistischen Partikularwillen der Individuen zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freiheit als Funke g\u00f6ttlichen Wohlwollens, das ist Erbe Europas. Dazu haben sich die Christen m\u00fchsam und paradoxerweise auch gewaltsam durchgerungen. \u00dcber diese Geschichte und Vergangenheit sind Bibliotheken geschrieben worden. Wichtig ist, da\u00df diese Freiheit der Gewissen und Religionen in der Gegenwart Teil des demokratischen Gemeinwesens ist. Diese Freiheit sucht man heute auf dem Grund der islamischen Politik vergebens. Diese Religion nutzt die Freiheit der anderen, sie selbst kennt letztlich nur die Unterwerfung. Islam hei\u00dft bezeichnenderweise auch nicht Friede, sondern Unterwerfung. Das arabische Substantiv \u201eIslam\u201c leitet sich von dem Verb \u201easlama\u201c (\u201esich ergeben, sich hingeben\u201c) ab und bedeutet sowohl Unterwerfung (unter Gott) als auch v\u00f6llige Hingabe (an Gott)\u201c. Ein Muslim \u2013 das Wort wurde ebenfalls vom Verb \u201easlama\u201c abgeleitet \u2013 ist jemand, \u201eder sich (Gott) hingibt\u201c. Der Unterschied zum Christentum ist ein Gegensatz. Deshalb\u00a0 ist die Debatte um eine Leitkultur, aus der Haltungen und Formen des Zusammenlebens erwachsen, nie notwendiger gewesen als heute, da der Islam sich anschickt, das \u00f6ffentliche Leben in einem immer noch christlich gepr\u00e4gten, freiheitlichen Kontinent mitzubestimmen. Diese Debatte ist nicht zu verhindern oder auszusitzen. Die Zuwanderung und der Islam dr\u00e4ngen sie Europa auf. Entweder der Islam \u00e4ndert sich im Sinn einer freiheitlichen Leitkultur oder er spaltet die Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinn ist es zwar erfreulich, wenn Politiker wie der Ministerpr\u00e4sident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, daf\u00fcr pl\u00e4dieren, da\u00df mehr Christen in die Politik gehen sollen. Bei einer Diskussionsveranstaltung vor der Wahl sagte er: \u201eIn der Politik gibt es zu wenig Christen. Es tut dem gesamten politischen Spektrum gut, dass sich Christen engagieren.\u201c Er verwies darauf, dass vor allem Christen wesentlich zur friedlichen Revolution in Deutschland wie auch in Polen beigetragen h\u00e4tten. Christen sollten daher auch heute selbstbewusster auftreten: \u201eChristen sollten viel \u00f6fter sagen: Wir haben eine \u00dcberzeugung, die sogar Mauern zum Einst\u00fcrzen bringen kann, wenn wir den Mut dazu haben.\u201c Allerdings ist die politische Bet\u00e4tigung von Christen nur sinnvoll, wenn sich diese Christen auch zu ihren Werten bekennen. F\u00fcr Laschet ist freilich auch klar, dass die Bibel nicht zur allgemeinen Lebensregel aller B\u00fcrger, noch nicht einmal aller Deutschen gemacht werden k\u00f6nne. Selbst die zehn Gebote sind in diesem Sinn nicht mehr f\u00fcr alle verbindlich, Stichwort Abtreibung bzw. f\u00fcnftes Gebot. Laschet: \u201eDas Zusammenleben ist geregelt durch das Grundgesetz, nicht durch religi\u00f6se Regeln.\u201c Die Bibel sei kein Handbuch, das Ratschl\u00e4ge f\u00fcr die Tagespolitik gebe. \u201eDie Bibel sagt nichts zum Stau auf der Leverkusener Br\u00fccke oder wie genau ein Gesetz gemacht werden soll. Aber das Menschenbild hat man im Kopf, im Herzen, im Glauben \u2013 das kann man \u00fcbertragen.\u201c Wie das dann bei konkreten Entscheidungen aussehe, dar\u00fcber m\u00fcsse gestritten werden und in der Demokratie entscheiden Mehrheiten, nicht Wahrheiten. Auch aus christlichen \u00dcberzeugungen lie\u00dfen sich gegens\u00e4tzliche Meinungen ableiten. Etwa wenn es um den Einsatz des Milit\u00e4rs gehe oder auch um die (grenzenlose) Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All das gilt f\u00fcr Christen. Strenggl\u00e4ubige Muslime werden sich davon nicht beeindrucken lassen. Laschet und de Maizi\u00e8re sprechen vom christlichen Menschenbild. Dieses gehe eben davon aus, da\u00df jeder Mensch unabh\u00e4ngig von ethnischer Herkunft, Religion, Geschlecht, Nationalit\u00e4t ein Gesch\u00f6pf Gottes sei, mit gleicher W\u00fcrde. Christliches Menschenbild bedeute zudem, dass jeder als Individuum Verantwortung f\u00fcr sein Leben trage und Freiheitsrechte habe. Dennoch sei ein Mensch immer auch auf die Gemeinschaft bezogen und ben\u00f6tige ihre solidarische Unterst\u00fctzung. Gerade am Anfang und Ende seines Lebens sei ein Mensch auf Hilfe angewiesen, auch wenn er in Notlagen gerate. Konkret zeige sich dieses Prinzip etwa in der Pflegeversicherung. Auf diesem Grundgedanken beruhe auch die soziale Marktwirtschaft. Vor dem Hintergrund dieses Menschenbildes habe zudem die Familie eine besondere Bedeutung. Die Werte, die sich aus dieser Vorstellung heraus ableiten, in die t\u00e4gliche Politik zu \u00fcbersetzen, das sei Aufgabe der Christen. Eine erste, grunds\u00e4tzliche Ableitung war und ist noch das Grundgesetz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelten diese Vorstellungen auch f\u00fcr Muslime oder Anh\u00e4nger anderer Religionen? Die Vorstellungen gew\u00e4hren und garantieren Freiheit, weshalb diese Gesellschaft das freiheitliche Grundgesetz auch als Leitkultur postulieren kann. Wer diese Sicht nicht teilt, steht abseits. Sind es viele, kommt es zu Parallelgesellschaften. Wer der Mehrheitsgesellschaft eine andere Sicht aufzwingen will, verh\u00e4lt sich feindlich zu ihr und folgt einem anderen Menschenbild, hat mithin eine andere Leitkultur. Das ist im orthodoxen Islam der Fall. De Maiziere sagt zwar, die Religion sei \u201eKitt und nicht Keil der Gesellschaft\u201c und dieser Kitt entstehe auch in Moscheen. Aber wenn er betont, da\u00df Deutschland im religi\u00f6sen Frieden lebe und \u201edie Grundlage daf\u00fcr ist der unbedingte Vorrang des Rechts \u00fcber alle religi\u00f6sen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben\u201c, dann weist er den Islam auch in die Schranken der deutschen Leitkultur. Denn in islamischen L\u00e4ndern steht das religi\u00f6se Recht \u00fcber dem zivilen Recht, ja es gibt keine Trennung zwischen Kirche und Staat \u2013 der Fachbegriff f\u00fcr diese Einheit lautet din wa daula. Der Vorrang der Scharia steht sogar\u00a0 als Vorbehalt in den meisten Verfassungen islamischer Staaten. Die Scharia kennt die fundamentale Gleichheit aller Menschen nicht. Deshalb ist keines der 57 L\u00e4nder der Islamischen Liga eine Demokratie, denn Demokratie setzt diese Gleichheit voraus. Allein der Wert-Unterschied zwischen Mann und Frau machen den Islam inkompatibel mit einer Demokratie \u2013 was nicht hei\u00dft, da\u00df Muslime nicht friedlich in Demokratien leben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neu anhebende Debatte um Immigration und Integration der Zuwanderer greift zu kurz, wenn sie sich nur bei Quoten und fachlichen Qualit\u00e4ten der Zuwanderer aufh\u00e4lt. Ohne einen Beitrag zur geistigen Standortbestimmng wird das Problem der Integration nicht in den Griff zu bekommen sein. An der neuen Debatte scheiden sich die Geister. An ihr wird offenbar, wer eine wertkonservative oder eine nationalkonservative, wer eine libert\u00e4re Laissez-aller Linie, eine multikulturelle oder auch eine nur rein marktwirtschaftliche Linie verfolgt. Das Lager der wertkonservativen C-Politiker ist relativ klein im Vergleich zu den wertneutralen Politikern. Die nationalkonservativen Kr\u00e4fte scheinen von der AfD aufgesogen zu werden. Ein weiteres Lager bilden die linksliberalen, man k\u00f6nnte auch sagen die Kr\u00e4fte des medialen Mainstreams. Ihr Menschenbild ist kaum definierbar. Bundeskanzlerin Merkel k\u00f6nnte man dieser oder jener Richtung zuordnen. In jedem Fall ist die Zuwanderungsfrage und die Frage nach einer Leitkultur in Europa eine Frage nach der Zukunft und dem Zusammenhalt der Gesellschaft in Deutschland. Friedrich Merz formulierte es schon im Jahr 2000 als Vorsitzender der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion: &#8222;Zuwanderer, die auf Dauer hier leben wollen, m\u00fcssen sich einer gewachsenen, freiheitlichen deutschen Leitkultur anpassen.&#8220; Norbert Lammert, der scheidende Bundestagspr\u00e4sident, sagte es so: &#8222;Wir brauchen &#8211; mit oder ohne diesen Begriff &#8211; eine Leitkultur, weil eine Gesellschaft Vielfalt nur ertr\u00e4gt, wenn es ein Ma\u00df an Gemeinsamkeit gibt, das nicht zur Disposition steht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kann das Grundgesetz dieses Ma\u00df an Gemeinsamkeit garantieren? Kann der orthodoxe Islam sich einer Verfassung unterwerfen, die den Geist der Gewissensfreiheit atmet? Es gibt bekanntlich die Ambivalenz der islamischen Grundtexte, aus dem Koran k\u00f6nnen demokratiewillige und friedfertige ebenso eine Legitimation herauslesen wie die radikalen Unterwerfer. Der franz\u00f6sische Orientalist und Soziologe Gilles Kepel warnt in seinem j\u00fcngsten Buch (\u201eDer Bruch \u2013Frankreichs gespaltene Gesellschaft\u201c) in diesem Sinn vor dem radikalen Islam. Dieser k\u00f6nne die Gesetze der freien Welt nicht anerkennen. Dennoch mache sich ein Teil des traditionellen franz\u00f6sischen Establishments mit dem Islam gemein, wolle ihn sogar benutzen, um eine neue Klammer f\u00fcr den Staat zu formen. Dieser Teil des politisch-medialen Establishments stehe in der Tradition des reformistischen Sozialismus. Zu ihnen kann man auch den neuen franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron z\u00e4hlen, seinen Vorg\u00e4nger und F\u00f6rderer Francois Hollande sowieso. In Frankreich ist der Laizismus in seiner Form als agnostisch-fremde Einstellung gegen\u00fcber jeder Religion in der Tat eher in sozialistisch-kollektivistischen Denkgeb\u00e4uden zuhause als bei Konservativen.\u00a0 Linke Politiker neigten, so Kepel, dazu, religi\u00f6se Elemente zu relativieren und sich des Islams anzunehmen als Teil der westlichen Gesellschaft, ohne den totalit\u00e4ren Kern dieser religi\u00f6sen Ideologie wahrzunehmen. Der politischen Klasse in Deutschland wirft er diesbez\u00fcglich im besten Fall Naivit\u00e4t vor, hier und da auch ein gewisses Ma\u00df an Komplizenschaft mit den Vertretern des Islam in Deutschland. Kepel schreibt: \u201eDas erinnert an die Sch\u00f6ngeister der Weimarer Republik, die <em>Mein Kampf<\/em> bei seinem Erscheinen im Jahr 1925 f\u00fcr die exaltierten Fantastereien eines talentlosen Malers hielten, oder an die reformistische Intelligenzija des ausgehenden Zarismus, die in Lenins Schrift <em>Was tun?<\/em> von 1902 die Dummheiten eines vom Kaiser manipulierten Doktrin\u00e4rs sahen\u201c. Und er warnt: \u201eEs stimmt zwar, dass diese sozialen Ph\u00e4nomene der Gewalt eigenen Logiken gehorchen und oft mit den Lebensbedingungen marginalisierter Bev\u00f6lkerungsgruppen in Zusammenhang stehen und mit der instabilen psychischen Verfassung der T\u00e4ter. Aber dennoch ist es die Ideologie, die erst ein Aktionsbewu\u00dftsein weckt und die Art der Tat bestimmt, die die Grenzen der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft und deren Feinde definiert und sogar den Modus der Vernichtung dieser Feinde regelt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kepel zeigt auf, da\u00df bei der Linken Schuldkomplexe wegen der kolonialen Vergangenheit zu Verdr\u00e4ngungsmechanismen gef\u00fchrt h\u00e4tten, die blind machten gegen\u00fcber den totalit\u00e4ren Gefahren des Islam. Mehr noch, die Linke sehe in den Muslimen der Banlieus und im Islam allgemein ein neues Proletariat. Kepel folgert: \u201eSie werden als abstrakte und einheitliche Kategorie verstanden, deren soziale, kulturelle oder gar religi\u00f6se Ausdifferenzierungen, wie es sie in jeder menschlichen Gemeinschaft gibt, au\u00dfer Acht gelassen und f\u00fcr den islamistischen Ausdruck einer Minderheit gehalten werden, die die Slogans der Salafisten, Muslimbr\u00fcder und Dschihadisten vermischt und deren Authentizit\u00e4t umso gr\u00f6\u00dfer ist, als sie den Westen anprangert\u201c. Das Ideal einer heilen multikulturellen Gesellschaft mache es den Radikalen leicht. Die totalit\u00e4re dschihadistische Weltanschauung ziele auf \u201eEuropa, den weichen Unterleib des Westens\u201c, getreu \u201edem Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand, den der syrische Ingenieur Abu Musab al Suri 2005 ins Netz stellte\u201c. Al Suri ist ein Beispiel daf\u00fcr, was passieren kann, wenn es keine starke Leitkultur gibt. Er ist, so Kepel, \u201e in Frankreich ausgebildet worden, in Spanien eingeb\u00fcrgert und lange in Londonistan wohnhaft\u00a0 gewesen, um die Jahrtausendwende ein Hafen f\u00fcr Islamisten aus der ganzen Welt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte hier und da gewisse Parallelen ziehen zur Islam-Diskussion in Deutschland. Nun hat jede Gesellschaft der freien Welt\u00a0 ihre eigenen Br\u00fcche, historische, soziale, politische. Das ist Folge des freiheitlich-pluralistischen Systems. Es ist Folge der unterschiedlichen religi\u00f6sen und kulturellen Beziehungen. Es ist Folge rechtlicher Entwicklungen. Die Frage ist aber, ob diese Br\u00fcche so tief sind, da\u00df die Klammer der Gesetze und juristischen Verfassung des Staates nicht mehr ausreicht, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Hier muss die Leitkultur ansetzen. Wenn die Verfassung das Skelett des Volksk\u00f6rpers ist, dann ist die Leitkultur seine Haut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht dabei nicht um kulturelle Besitzt\u00fcmer. Beethovens F\u00fcnfte geh\u00f6rt allen. Mozarts kleine Nachtmusik hat kein Vaterland. Mona Lisa und andere Kunstwerke, Bauten oder Denkm\u00e4ler sind Kulturerbe der Menschheit. Aber die Menschheit und ihre Welt sind ein Mosaik, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Kulturen. Es ist nicht alles \u00fcberall gleich-wertig, die absolute Selbstverst\u00e4ndlichkeit, da\u00df Frauen Auto fahren, wird gerade in Saudi-Arabien als gro\u00dfe Errungenschaft gefeiert. Sicher, es gibt Grundlinien, Prinzipien des Zusammenlebens, etwa das konjugale Prinzip und die daraus folgende anthropologische Konstante von Ehe und Familie. Aber ihre historischen Entwicklungen und Ausformungen, ihre rechtlichen und religi\u00f6sen Pr\u00e4gungen machen den Unterschied. Entscheidend bleibt die Bereitschaft, wenn nicht in Frieden so doch wenigstens gewaltlos zusammenleben zu wollen und den anderen zu achten. Das ist umso eher m\u00f6glich, wenn man einen eigenen Standpunkt hat. \u201eWer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark&#8220;, schreibt de Maizi\u00e8re. Mit anderen Worten: Wer sich seines Glaubens sicher ist, wer ihn kennt, lebt und bekennt, der ist stark genug f\u00fcr den Austausch mit anderen Kulturformen. Insofern ist die neu aufkommende Leitkulturdebatte in Europa auch ein Appell an die V\u00f6lker, ihr jeweils kulturelles Erbe wieder zu entdecken und es als Teil des aktuellen Lebensmodells zu bewahren. Um es mit einer der Thesen von de Maizi\u00e8re zu sagen: \u201eF\u00fcr die Tren\u00adnung der christ\u00adli\u00adchen Kir\u00adchen hat Eu\u00adro\u00adpa, hat Deutsch\u00adland einen hohen Preis ge\u00adzahlt. Mit Krie\u00adgen und jahr\u00adhun\u00adder\u00adte\u00adlan\u00adgen Aus\u00adein\u00adan\u00adder\u00adset\u00adzun\u00adgen. Deutsch\u00adland ist von einem be\u00adson\u00adde\u00adren Staat-Kir\u00adchen-Ver\u00adh\u00e4lt\u00adnis ge\u00adpr\u00e4gt. Unser Staat ist welt\u00adan\u00adschau\u00adlich neu\u00adtral, aber den Kir\u00adchen und Re\u00adli\u00adgi\u00adons\u00adge\u00admein\u00adschaf\u00adten freund\u00adlich zu\u00adge\u00adwandt. Kirch\u00adli\u00adche Fei\u00ader\u00adta\u00adge pr\u00e4\u00adgen den Rhyth\u00admus un\u00adse\u00adrer Jahre. Kirch\u00adt\u00fcr\u00adme pr\u00e4\u00adgen un\u00adse\u00adre Land\u00adschaft. Unser Land ist christ\u00adlich ge\u00adpr\u00e4gt. Wir leben im re\u00adli\u00adgi\u00f6\u00adsen Frie\u00adden. Und die Grund\u00adla\u00adge daf\u00fcr ist der un\u00adbe\u00adding\u00adte Vor\u00adrang des Rechts \u00fcber alle re\u00adli\u00adgi\u00f6\u00adsen Re\u00adgeln im staat\u00adli\u00adchen und ge\u00adsell\u00adschaft\u00adli\u00adchen Zu\u00adsam\u00admen\u00adle\u00adben\u201c. Dieser Primat muss von allen, die hier leben (wollen), anerkannt werden, wenigstens expressis verbis. Das ist Voraussetzung sine qua non. Ohne diese Anerkennung ist eine Debatte \u00fcber eine Leitkultur in Deutschland, zu der nat\u00fcrlich noch viele andere Aspekte als der religi\u00f6se geh\u00f6ren, schlicht sinnlos. Es ist eine das Wesen dieser politischen Religion betreffende und damit die zentrale Herausforderung an den Islam. Findet er keine Antwort kommt es zum Bruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von J\u00fcrgen Liminski<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie, Aufsatz des Monats, 9\/2017<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>www.i-daf.org<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Primat des Rechts als Voraussetzung einer neu anhebenden Debatte. Die Herausforderung des Islam und das christliche Erbe Europas. Christian Lindner sah es sofort. Etwas gelangweilt sagte er im ARD-Interview: \u201eDa geht es wieder um Religion\u201c. Gemeint war die im Fr\u00fchsommer von Innenminister Thomas de Maiziere angestossene Leitkultur-Debatte. 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