{"id":14910,"date":"2017-09-14T09:08:37","date_gmt":"2017-09-14T07:08:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14910"},"modified":"2017-09-14T09:08:56","modified_gmt":"2017-09-14T07:08:56","slug":"ehe-fuer-alle-kritische-anfragen-zu-einem-ideologischen-konstrukt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14910","title":{"rendered":"\u201eEhe f\u00fcr alle\u201c &#8211; Kritische Anfragen zu einem ideologischen Konstrukt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 30. Juni wurde die sogenannte \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c vom Deutschen Bundestag beschlossen. Das B\u00fcrgerliche Gesetzbuch wird um einen Passus erweitert, der es zuk\u00fcnftig auch zwei Personen gleichen Geschlechts erlaubt, eine Ehe zu schlie\u00dfen. Das neue Gesetz wird am 1. Oktober in Kraft treten. Doch ungeachtet der Tatsache, dass die W\u00fcrfel in gesetzgeberischer Hinsicht gefallen sind, m\u00fcssen kritische Anfragen erlaubt sein:<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Adressaten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ist mit \u201ealle\u201c gemeint? Konsequenterweise auch Kinder (P\u00e4dophilie), Verwandte (Inzest), in Mehrfachbeziehungen Befindliche (Polygamie, Polyamorie)? Geht es nur um sexuelle Beziehungen oder auch um Lebensgemeinschaften ohne sexuelle Praxis? Kriterien f\u00fcr eine Begrenzung von &#8222;alle&#8220; zu benennen ist nach der erfolgten Ausweitung nicht m\u00f6glich. Jede Definition und Anwendung von Kriterien erscheint dann als Ausdruck von Diskriminierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Moralische Argumentation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Forderungen nach einer &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220; werden mit notwendiger Gerechtigkeit begr\u00fcndet. Gerechtigkeit wird dabei einseitig mit Gleichheit an M\u00f6glichkeiten bzw. an Ergebnissen identifiziert. Es ist aber fraglich, ob die Gesetzgebung zur Ehe eine Frage der Gerechtigkeit ist. Es geht vielmehr um die Frage der Nachhaltigkeit im umfassenden Sinne, also nicht darum, wem etwas vorenthalten wird, sondern darum, was langfristig f\u00fcr den Erhalt der Menschheit sachdienlich ist. Sozial ist das, was dem Gemeinwohl dient, nicht die staatliche Unterst\u00fctzung bzw. Erf\u00fcllung jeder denkbaren Handlungsoption. &#8222;Frage nicht danach, was der Staat f\u00fcr dich tun kann. Frage danach, was du f\u00fcr den Staat tun kannst&#8220; (J.F. Kennedy). Gerechtigkeit h\u00e4ngt nicht an der Gleichf\u00f6rmigkeit der individuellen Lebensverl\u00e4ufe, sondern an der Angemessenheit staatlicher Mitwirkung unter Ber\u00fccksichtigung individueller Unterschiede. Ungerecht ist nicht nur, wenn Gleiches ungleich behandelt wird, sondern auch wenn Ungleiches gleich behandelt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Notwendige Unterscheidungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Parallelen zur Diskussion \u00fcber Unterschiede der schulischen Laufbahn bzw. des beruflichen Erfolgs. Wer aufgrund abweichender Begabungen f\u00fcr eine Schulart weniger geeignet ist, daf\u00fcr aber in eher praktischen Bereichen \u00fcberdurchschnittlich begabt ist, sollte das nicht als Benachteiligung, sondern als Chance begreifen. Das Nichterreichen des Abiturs ist nicht Ausdruck von Diskriminierung. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Vergleich zwischen Berufsgruppen und deren Akzeptanz. Wenn alle Sch\u00fcler das Abitur machen, indem man das, was das Abitur bedeutet, einfach anders definiert, ist es nicht mehr dasselbe und verliert seinen Wert. Wenn alle Menschen \u00c4rzte werden, ist die Leistung der tats\u00e4chlich begabten \u00c4rzte und die Eigenart dieses Berufsstandes nicht mehr erkennbar. Au\u00dferdem verlieren alle anderen Schulabschl\u00fcsse bzw. Berufe an Wert, weil unterstellt wird, dass sie nur im uneigentlichen Sinn Abschl\u00fcsse oder ehrbare Berufe sind. Angemessen mit Unterschieden umzugehen, hei\u00dft dagegen, die Menschen in ihren Unterschieden zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Frage der Ehe \u00fcbertragen hei\u00dft das: Wenn alles Ehe ist bzw. wird, ist nichts mehr Ehe und verliert die Ehe ihre Bedeutung. Umgekehrt verlieren aber auch die bewusst nicht als Ehe gestalteten Lebensformen an Wert und W\u00fcrdigung, wenn man nicht die offiziell gef\u00f6rderte &#8222;Ehe&#8220; (im neuen, erweiterten Sinn) eingeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Geschlechtliche Bipolarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naturwissenschaftlich ist nicht zu leugnen, dass die Menschheit in geschlechtlicher Bipolarit\u00e4t, also in der Unterscheidung nach Geschlechtern, existiert. F\u00fcr die Zeugung von Nachkommenschaft kommen auch homosexuelle Paare nicht ohne Einbeziehung des jeweils anderen Geschlechts (z.B. \u00fcber Samen- oder Eizellenspende) aus. Erwiesenerma\u00dfen brauchen Kinder zu einer stabilen Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung feste Bezugspersonen beiderlei Geschlechts. In der Gesetzgebung k\u00f6nnen solche Unterschiede zwar ignoriert werden. Diese Wirklichkeitsferne erweist allerdings eine Gesetzgebung als ideologisch motiviert, weil sie nicht von Realit\u00e4ten, sondern von gedanklichen Konstruktionen ausgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Staatliche \u00dcberregulierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand hindert in Deutschland Menschen daran, einvernehmlich homosexuelle oder heterosexuelle Kontakte zu pflegen. Allerdings ist die Frage, ob hier wie auch in anderen Bereichen das Fehlen regulierender Eingriffe des Staates eine Ungerechtigkeit darstellt. Die Nicht-F\u00f6rderung individuellen Verhaltens ist nicht ungerecht. Es ist nicht zu begr\u00fcnden, dass der Staat nur dort, wo es um sexuelle Spielarten menschlichen Verhaltens geht, t\u00e4tig werden soll, nicht dagegen z.B. Bem\u00fchungen im Gesundheitsverhalten oder Zeitmanagement exakt erfasst und honoriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6. Postmoderner Sozialismus als Strukturkonservativismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Staaten der westlichen Welt kommt es z.Zt. durch den Linksliberalismus zu einer Umformung des klassischen Sozialismus unter den Vorzeichen der Postmoderne. Das Gleichheitsdenken f\u00fchrt nicht mehr zu einem Kollektivismus, sondern zu einer Gleichordnung, Austauschbarkeit, Beliebigkeit aller nur denkbaren individuellen Lebensentw\u00fcrfe. Es handelt sich sozusagen um einen individualistischen Sozialismus, um eine radikale Multioptionalit\u00e4t. Die Unterscheidung zwischen Wahrem oder schon nur Lebensdienlichem und daher zu F\u00f6rderndem und Falschem bzw. weniger Dienlichem wird abgelehnt. So ist die Privilegierung der Ehe, wie sie verfassungsrechtlich verankert ist, seit jeher ein Stein des Ansto\u00dfes f\u00fcr die kulturell dominierende Studentenbewegung von 1968. Nicht bleibende Werte mit ihrer M\u00f6glichkeit einer Kritik an faktischen Zust\u00e4nden und Verhaltensweisen sind das Leitbild. Vielmehr werden die Normen an alle denkbaren oder vorkommenden Verhaltensweisen angepasst. Der vermeintlich progressive Ansatz offenbart ein tats\u00e4chlich strukturkonservatives Denken, weil alles irgendwie Vorkommende durch die Tatsache seiner Existenz bereits gut und &#8211; per Gesetzgebung &#8211; normativ ist. Jede kritische R\u00fcckfrage wird dagegen als Ausdruck von Hass, Ausgrenzung oder Diskriminierung verunglimpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Neue Menschenrechte versus alte Menschenrechte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zunehmend werden sog. neue Menschenrechte (als Durchsetzung der Interessen bestimmter Minderheiten) gegen die alten Menschenrechte (wie Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit u.s.w.) ausgespielt. Im Namen der &#8222;political correctness&#8220; werden die traditionellen b\u00fcrgerlichen Freiheitsrechte eingeschr\u00e4nkt. Zunehmend schwindet die friedliche Koexistenz in einer pluralistischen Gesellschaft, weil Andersdenkende Sanktionen und Repressalien ausgesetzt werden. Die &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220; steht entgegen ihrer suggestiven Bezeichnung f\u00fcr Polarisierung statt Vers\u00f6hnung. In anderen L\u00e4ndern l\u00e4sst sich studieren, wie wenig die Gewissensfreiheit solcher Menschen geachtet wird, die sich in ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit nicht zur Unterst\u00fctzung homosexueller Partnerschaften zwingen lassen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8. Selbstwiderspr\u00fcche der LSBQIT-Bewegung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entweder ist Homosexualit\u00e4t angeboren und unver\u00e4nderlich. Dann aber ist die Kernthese der Gender-Mainstreaming-Bewegung falsch, dass sexuelle Orientierungen tempor\u00e4r, ver\u00e4nderlich, gestaltbar, beeinflussbar, frei w\u00e4hlbar und im Lebensverlauf auch auswechselbar sind. Oder der Gender-Gedanke ist richtig. Dann aber kann es weder eine Homo-Ehe noch \u00fcberhaupt irgendeine Art von l\u00e4ngerfristiger Struktur geben. So kritisierte der Homo-Lobbyist David Berger die Gender-Bewegung, weil sie alles f\u00fcr im Fluss befindlich halte, es daher auch keine Homosexualit\u00e4t als Anlage geben k\u00f6nne. Die Vertreter der &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220; aus dem linken Spektrum wollen aber beide Thesen gleichzeitig vertreten. Eigentlich geht es ihnen nicht um Homosexuelle; diese werden vielmehr instrumentalisiert, um gegen das alte Feindbild Ehe anzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer Widerspruch betrifft den Gebrauch des Begriffs Minderheit. Vorgeblich setzt man sich f\u00fcr Minderheiten ein. Tats\u00e4chlich sind es aber nur ganz bestimmte Minderheiten, die zur eigenen Klientel geh\u00f6ren. Vor allem aber wird der Begriff dort negativ verwendet, wo es um die demoskopisch tats\u00e4chlich oder vermeintlich unterlegene Seite geht (&#8222;Ihr seid ja nur eine Minderheit&#8220;). Von einem Schutz der andersdenkenden Minderheiten will man nichts wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>9. Lebensf\u00fchrung als permanenter Prozess des Selbstentwurfs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leo Trotzki wollte Anarchie durch permanente Revolution. Auf die individuelle Biographie \u00fcbertragen fordern dies auch linke Str\u00f6mungen als Leitbild. Die Ehe ist dann nicht mehr Geschenk und dient dem wechselseitigen Schutz bzw. der Unterst\u00fctzung, sondern wird zu einem austauschbaren und beliebig f\u00fcllbaren Programm zur Gestaltung mehr oder weniger langer Lebensabschnitte. Wenn die Ehe als etwas f\u00fcr den Menschen Eingesetztes, Geschenktes, aber auch an bestimmte Regeln Gebundenes nicht anerkannt, sondern umdefiniert wird, verliert die Liebe ihren Schutz- und Gestaltungsraum. Die Liebe verselbst\u00e4ndigt sich und wird wie die Ehe zu einem Leerbegriff, mit dem alles oder auch nichts begr\u00fcndet werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Christian Herrmann, Leonberg<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30. Juni wurde die sogenannte \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c vom Deutschen Bundestag beschlossen. Das B\u00fcrgerliche Gesetzbuch wird um einen Passus erweitert, der es zuk\u00fcnftig auch zwei Personen gleichen Geschlechts erlaubt, eine Ehe zu schlie\u00dfen. Das neue Gesetz wird am 1. Oktober in Kraft treten. 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