{"id":14860,"date":"2017-08-28T17:23:31","date_gmt":"2017-08-28T15:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14860"},"modified":"2017-08-28T17:24:23","modified_gmt":"2017-08-28T15:24:23","slug":"ethik-als-weg-der-erloesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14860","title":{"rendered":"Ethik als Weg der Erl\u00f6sung?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Liebe sei das &#8222;oberste Grundmotiv&#8220; der Bibel. Das Doppelgebot der Liebe aus Matth\u00e4us 22 wird als &#8222;rettende Lehre&#8220; bezeichnet. So zu &#8222;leben wie Jesus&#8220; &#8211; das sei das Evangelium. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau fasst in ihrer Bierdeckelaktion &#8222;die 30.442 Verse der Bibel&#8220; zusammen: &#8222;Es geht um die Liebe &#8211; zu Gott, zu sich selbst und dem N\u00e4chsten &#8211; so bringt es jedenfalls Jesus auf den Punkt.&#8220; Ernsthafte Theologie hat die Liebe schon immer beachtet, denn sie besch\u00e4ftigt sich mit Gott, der die Liebe ist (1 Joh 4,16). Echter Glaube f\u00fchrt zu liebevollem Tun. Dogmatik und Ethik geh\u00f6ren zusammen. Doch inzwischen ist Orthodoxie, die rechte Lehre, out, und Orthopraxis, das rechte Tun, ist in.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So fordert der aus Nordirland stammende Peter Rollins in \u201eHow (Not) to Speak of God\u201c den \u00dcbergang &#8222;vom Wissen [o. Erkenntnis, engl. knowledge] zu Liebe&#8220;. Der christliche Philosoph will Orthodoxie bewusst ganz neu definieren: &#8222;&#8218;Richtiger Glaube&#8216; wird zu &#8218;auf die richtige Art glauben&#8216;.&#8220; Was glaubst du?, die Frage nach den Inhalten, wird zur Seite geschoben. Wie glaubst du? r\u00fcckt bei Rollins an die erste Stelle. Orthodox, also rechtgl\u00e4ubig, ist nach Rollins Vorstellung dann jemand, &#8222;der mit der Welt in der rechten Beziehung steht, n\u00e4mlich in der Weise der Liebe&#8220;. Liebe bleibt bei ihm als einziges Prinzip der Ethik, aber vor allem auch der Erkenntnis Gottes \u00fcbrig: &#8222;Die einzige religi\u00f6se Erkenntnis, die irgendetwas wert ist, ist die Liebe&#8220;. Bei Rollins hat sich die Dogmatik in der Ethik aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Christentum ist historisch gesehen im Kern eine Erl\u00f6sungsreligion, die zu einer erneuerten Ethik gef\u00fchrt hat. Das gute Tun des Menschen steht nicht im Zentrum der Religion, weil der gefallene Mensch mit seinen Werken eben nichts zu seinem Heil beitragen kann. Erst muss der Baum neu gemacht werden, bevor er gute Fr\u00fcchte hervorbringen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu was ist der s\u00fcndige Mensch noch f\u00e4hig? Dies ist, so Luther im Streit mit Erasmus, die entscheidende Frage der Theologie. Bekanntlich traute der Reformator dem freien Willen des Menschen in Fragen des Heils nichts zu. Geradezu prophetisch sah er voraus, dass die vor allem auf eine moralische Erneuerung der Gesellschaft abzielende Auffassung des Erasmus zu einem ganz neuen Religionsverst\u00e4ndnis f\u00fchren w\u00fcrde. Zwei Generationen nach Luther lag dieses neuartige ethische Religionsmodell des Christentums mit dem Sozinianismus vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Wiege des Sozinianismus stehen die namensgebenden Italiener wie Lelio und dessen Neffe Fausto Sozzini. Letzterer lebte lange in Polen, wo es in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts zur Kirchenbildung der die Dreieinigkeit leugnenden Unitarier kam. Die Anf\u00e4nge des Sozinianismus untersuchte der aus Litauen stammende Pfr. Kestutis Daugirdas in seiner Habilitationsschrift, die im vergangenen Jahr bei V&amp;R erschien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sozinianismus fand auch bald Anh\u00e4nger in Deutschland. Daugirdas geht ausf\u00fchrlich auf Christoph Ostorodt ein, der um 1560 in der Familie eines Goslarer Pfarrers geboren wurde und an der Universit\u00e4t K\u00f6nigsberg studierte. 1585 ging er durch Wiedertaufe in die unitarische ecclesia reformata minor in Polen \u00fcber, wurde bald Pfarrer und stand seit\u00a0 1594 in direktem Gedankenaustausch mit Fausto Sozzini. Ostorodts Unterrichtung aus dem Jahr 1604 wurde der &#8222;erste zusammenh\u00e4ngende Entwurf der sozinianischen Kernanliegen&#8220; und auch das &#8222;erste deutschsprachige Kompendium&#8220; der Bewegung, so Daugirdas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sozinianer bem\u00fchten sich um einen vernunftgem\u00e4\u00dfen Glauben, wurden damit zu Vorl\u00e4ufern der Aufkl\u00e4rung. Daugirdas: &#8222;Logisch nicht nachvollziehbare Dogmen, wie etwa Trinit\u00e4tslehre und Zwei-Naturen-Lehre, bildeten kein biblisches Gedankengut, weil sie den Gesetzen der Vernunft widersprachen. Die Vernunftkompatibilit\u00e4t war somit in der Unterrichtung zum expliziten Kriterium der Glaubenss\u00e4tze avanciert, dem die Rolle einer exegetischen Direktive zufiel.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ostorodt bestritt in der Unterrichtung, &#8222;dass der S\u00fcndenfall bleibende Auswirkungen auf die menschliche Natur gehabt haben k\u00f6nnte&#8220;. Er folgte damit Sozzini, dessen &#8222;die Erbs\u00fcnde zersetzende Anthropologie&#8220; nun bei Ostorodt &#8222;einschneidende Auswirkungen&#8220; zeigen sollte. Der Mensch nach dem Fall ist im Grunde immer noch in der Lage, den ethischen Weisungen Gottes zu folgen und kann daher durch sein Tun zum Heil gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sp\u00e4ter dann in der liberalen Theologie ging das ganze Gewicht vom Tod Jesu auf seine Lehre \u00fcber. Der &#8222;Satisfaktionsgedanke&#8220;, also die Lehre von der stellvertretenden S\u00fchne und Genugtuung Christi durch den Kreuzestod, wurde durch Ostorodt &#8222;denkbar knapp zersetzt&#8220;. Er konzentrierte sich vielmehr auf die ethischen Unterweisungen Jesu, deren Erl\u00e4uterung ein Viertel der Unterrichtung einnehmen. Jesus kam, um eine neue Morallehre zu geben &#8211; nicht, um sich selbst zu geben: &#8222;Pointiert begr\u00fcndete Ostorodt die messianische Bedeutung Christi mit seinen im historischen Vergleich einzigartigen Verhei\u00dfungen und Geboten: Christus habe nicht nur als erster die Botschaft vom ewigen Leben verk\u00fcndet, die ihn klar \u00fcber Moses stellte, sondern auch die weitaus vortrefflicheren moralischen Gebote gebracht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Augen der Sozinianer wie Ostorodt ist die christliche Religion wie die mosaische auf die Erf\u00fcllung von Geboten ausgerichtet, wobei die christliche h\u00f6her steht, da sie auf Unsterblichkeit und ewiges Leben ausgerichtet ist. Daugirdas fasst zusammen: &#8222;Der christliche Glaube war f\u00fcr sie [die Sozinianer] prim\u00e4r und haupts\u00e4chlich zum movens der sittlichen Haltung des Individuums geworden; er st\u00fctzte sich zwar auf die jenseitige Hoffnung &#8211; die Zusage des ewigen Lebens -, war aber im Vollzug nichts anderes als eine ausschlie\u00dflich im Diesseits gelebte Ethik.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In denselben Spuren dachte auch Johannes V\u00f6lkel (um 1560-1616). Gegen Ende des 16. Jahrhunderts meinte Sozzini in einem Brief an diesen, &#8222;heilsnotwendig sei ausschlie\u00dflich die Erkenntnis, welche die durch die Gebote Christi regulierte Ausrichtung des Menschen auf Gott hin er\u00f6ffne&#8220;. Diese &#8222;Heraussch\u00e4lung der ethischen Botschaft als des eigentlichen Kerns des Christentums muss V\u00f6lkel unmittelbar eingeleuchtet haben&#8220;, so Daugirdas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein posthum erschienenes Werk De vera religione libri quinque gestaltete V\u00f6lkel &#8222;als eine Geschichte der Vervollkommnung der Gebote und Verhei\u00dfungen Gottes, die den Menschen zum immer devoteren und edleren Verhalten anspornen sollten.&#8220; Die &#8222;vollkommenste&#8220; Stufe der religi\u00f6s-sittlichen Entwicklung der Menschheit wurde mit der &#8222;von dem Menschen Jesus verk\u00fcndigten und exemplarisch vorgelebten Botschaft vom ewigen Leben&#8220; und au\u00dferdem &#8222;mit den moralischen Weisungen&#8220; des Messias, die den Dekalog perfektionierten, erreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das ganze Gedankengeb\u00e4ude der Libri quinque beruhte auf der anthropologischen Grundannahme, dass das menschliche Individuum ein rationales Wesen sei, das dank seines diskursiven Verm\u00f6gens das sittliche Erstrebenswerte von dem Verwerflichen eigenst\u00e4ndig zu unterscheiden und zu ergreifen vermochte.&#8220; Das &#8222;ethisch Korrekte&#8220; ist &#8222;als ma\u00dfgebliche Richtschnur des Handelns zu erkennen&#8220;. Der S\u00fcndenfall ber\u00fchrte nicht die Willensfreiheit.\u00a0 &#8222;Begleitet wurde das Postulat des freien Willens von der Vorstellung der Erziehbarkeit der religi\u00f6s-sittlichen Anlage des Menschen durch Bildung und positive soziale Einfl\u00fcsse.&#8220; Zur Theologie im Schatten der Aufkl\u00e4rung ist es damit nur noch ein Schritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan Rohls bezeichnet den Sozinianismus in Offenbarung, Vernunft und Religion als &#8222;rationalen Supranaturalismus&#8220;. Der moralische Inhalt des christlichen Glaubens muss durch \u00fcbernat\u00fcrliche Offenbarung bekannt gemacht, hat aber den Kriterien der Vernunft zu gen\u00fcgen. Jesus, der nur Mensch war, wurde in der Vorstellung vieler Sozinianer vor seinem Auftreten in den Himmel entr\u00fcckt, um dort eine Art g\u00f6ttlichen Unterricht zu in dieser \u00fcbernat\u00fcrlichen Morallehre zu erhalten. &#8222;Der Gehalt der christlichen Religion wird identifiziert mit der Moral, die wir zur Heilserlangung zu befolgen haben&#8220;, so Rohls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im fr\u00fchen 17. Jahrhundert hatten reformierte und lutherische Theologen in den Niederlanden und Deutschland erkannt, dass das ethische Religionsmodell mit dem orthodoxen Christentum unvereinbar ist (Daugirdas schildert die Reaktionen in Heidelberg, Jena und Wittenberg). Aufnahme fand sozianisches Gedankengut aber bei den Remonstranten oder Arminianern, den Anh\u00e4ngern des Jacobus Arminius.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einflussreich wurde unter ihnen vor allem Simon Episcopius (1583-1643), dessen Denken zumindest semi-sozianisch zu nennen ist und in dem die Sozinianer Polens immer einen Glaubensgenossen sahen. Episcopius erw\u00e4hnte in fr\u00fchen Schriften die Erbs\u00fcnde noch, die bei ihm &#8222;sachlich aber so weit ausgeh\u00f6hlt wurde, dass sie jegliche Bedeutung verlor&#8220;, so Daugirdas. In den Institutiones theologicae ist sie dann schon eine &#8222;Erfindung des Augustinus&#8220;. Episcopius lehrte ebenfalls die Vervollkommnung der ethischen Gebote in der Offenbarung Gottes. Er bestimmte das Wesen der Theologie &#8222;als rein praktisches, auf die religi\u00f6s-sittliche Haltung des Individuums abzielendes Wissen&#8220; (Daugirdas). Die Neologen, die evangelischen Aufkl\u00e4rungstheologen des 18. Jahrhunderts, griffen diesen Gedanken gerne auf. Die sozinianische Saat geht seitdem immer wieder auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 4. August 2017, <a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\">www.lahayne.lt<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liebe sei das &#8222;oberste Grundmotiv&#8220; der Bibel. Das Doppelgebot der Liebe aus Matth\u00e4us 22 wird als &#8222;rettende Lehre&#8220; bezeichnet. So zu &#8222;leben wie Jesus&#8220; &#8211; das sei das Evangelium. 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