{"id":14668,"date":"2017-06-06T07:06:21","date_gmt":"2017-06-06T05:06:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14668"},"modified":"2017-06-06T09:56:44","modified_gmt":"2017-06-06T07:56:44","slug":"die-christliche-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14668","title":{"rendered":"Die christliche Freiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens seit Joachim Gaucks Buch \u201eFreiheit. Ein Pl\u00e4doyer\u201c (2012) war der Freiheitsbegriff eine Zeitlang wieder ins \u00f6ffentliche Bewusstsein ger\u00fcckt. Als ehemaliger DDR-B\u00fcrger, der die dortigen Unfreiheiten kennengelernt hat, habe ich mich dar\u00fcber gefreut. Ich kann es J. Gauck abnehmen, wenn er sagt, dass er sich \u201ejene warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit erhalten\u201c will und dass er \u201eihrer ver\u00e4ndernden Kraft\u201c vertraut. Aber ich frage mich auch, was das f\u00fcr eine Freiheit ist, die er hier in solch hohen T\u00f6nen lobt, und in welcher Beziehung sie steht zur christlichen Freiheit, die Luther in seiner Freiheitsschrift als Inbegriff der christlichen Existenz ansieht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der moderne Freiheitsbegriff<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blicken wir deswegen zun\u00e4chst auf die Entwicklung des modernen europ\u00e4ischen Freiheitsbegriffs. \u201eLibert\u00e9, \u00e9galit\u00e9, fraternit\u00e9\u201c \u2013 Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit, das waren die Leitthemen der Franz\u00f6sischen Revolution, die bis heute an allen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden in Frankreich stehen (einschlie\u00dflich vieler Kirchen), und die zweifellos die Quelle und der geistige Motor unserer Freiheitsvorstellungen geworden sind. In Artikel 1 der \u201eErkl\u00e4rung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte\u201c (August 1789) hei\u00dft es \u201eDie Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es\u201c. Freiheit ist hier also das Ideal der allgemeinen Geltung der politisch-\u00f6konomischen Menschen- und B\u00fcrgerrechte. Frei ist, wer weder politisch noch \u00f6konomisch unterdr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser politische Freiheitsbegriff hat einen ungeahnten Siegeszug in Europa und den U.S.A. und dar\u00fcber hinaus genommen. Friedrich Schiller hat ihn 1797 in seinem Gedicht \u201eDie Worte des Glaubens\u201c glorifiziert: \u201eDer Mensch ist frei geschaffen, ist frei\u201c. Beethoven hat ihm ein Denkmal gesetzt im Gefangenenchor seiner einzigen Oper Fidelio \u201eO welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben. Nur hier, nur hier ist Leben! Der Kerker eine Gruft\u201c. (1805) Frankreich exportierte ihn in Gestalt der Freiheitsstatue in die U.S.A. (1886 eingeweiht).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die kommunistische Bewegung schrieb sich zun\u00e4chst die Freiheit im Sinn einer ausbeutungsfreien Staatsform auf die Fahnen. So hei\u00dft es in einem bekannten Arbeiterlied: \u201eBr\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit, Br\u00fcder zum Licht empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor.\u201c (1920) Doch in dem Ma\u00df, in dem die kommunistisch regierten V\u00f6lker sich ihrer eigenen politischen Unfreiheiten bewusst wurden und die Ideale der Menschen- und B\u00fcrgerrechte erstrebten, wurde der Freiheitsbegriff f\u00fcr die kommunistischen Regierungen problematisch. Im Oktober 1989, nachdem die ersten Montagsdemonstrationen schon begonnen hatten, feierte die DDR-F\u00fchrung noch mit Glanz und Gloria den 40. Jahrestag der DDR-Gr\u00fcndung, im Grunde ein gespenstischer Vorgang. Eine Karikatur zeigt die DDR-Herrscher auf der Rednerb\u00fchne, wie sie das alte Arbeiterlied \u201eBr\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit\u201c anstimmen und beim Wort Freiheit ins Stocken und Schwitzen kommen. Die Revolution, die im Namen politischer Freiheit begonnen hatte, begann nun ihre kommunistischen Kinder zu fressen. Im Westen lebten und leben indes die alten Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution ungebrochen weiter. Auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom Mai 1949 zehrt von ihnen. In Art. 2 hei\u00dft es: \u201eJeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit\u2026Die Freiheit der Person ist unverletzlich\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kurze Analyse<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit \u00fcber 200 Jahren versteht man in der westlichen Welt unter Freiheit diese politisch-\u00f6konomische und individuelle Freiheit. Dass das Menschsein aber noch von ganz anderen Zw\u00e4ngen wie z.B. Neid, L\u00fcge, Egoismus, Tod und Teufel bedr\u00e4ngt wird, das ist aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein weithin verschwunden. Nat\u00fcrlich kann man den Siegeszug des politischen Freiheitsbegriffs verstehen und nachvollziehen. Die jahrhundertelange Willk\u00fcrherrschaft des K\u00f6nigtums und der Kath. Kirche gerade in Frankreich hatte den N\u00e4hrboden geliefert. Aber das \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass sich seit der Franz\u00f6sischen Revolution in Europa und dar\u00fcber hinaus ein einseitiges Menschenbild etabliert hat, das den Menschen im Wesentlichen nur von politischen Autokraten, wirtschaftlichen Ausbeutern und polizeilicher Willk\u00fcr unterdr\u00fcckt sieht. Offensichtlich ist es den christlichen Kirchen nicht gelungen, die noch viel schlimmeren Menschheitsunterdr\u00fccker S\u00fcnde, Tod und Teufel und das Befreiungspotential gegen sie im \u00f6ffentlichen Bewusstsein zu verankern. So wurde der reformatorische Freiheitsbegriff in den Stamml\u00e4ndern der Reformation zu einem Fremdk\u00f6rper.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Knechtung durch S\u00fcnde, Tod und Teufel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Inhalte der gesellschaftlichen Diskussionen heute best\u00e4tigen diese Analyse. Die Gro\u00dfm\u00e4chte S\u00fcnde, Tod und Teufel sind aus dem Blick geraten und die politischen und \u00f6konomischen Unfreiheiten und individuellen Benachteiligungen haben ihren Platz eingenommen. Sie sind heute das zentrale gesellschaftliche Kampfgebiet. Man merkt das schon an den Nachrichten. Streiks, Tarifverhandlungen, Streitigkeiten um Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit nehmen den meisten Platz ein. Was jedoch S\u00fcnde, Tod und Teufel mit dem Menschen machen, tritt in den Hintergrund. Und wenn es diskutiert wird, dann hilflos, resignativ und defensiv. Dabei sind doch gerade die Folgen dieser Zwangsherrschaften viel schlimmer als Einschr\u00e4nkungen auf dem Gehaltskonto. Werfen wir einen Blick auf diese Folgen und wie wir in unserer Gesellschaft damit umgehen.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Durch Abrechnungsbetrug, F\u00e4lschungen von Expertisen und Korruption entstehen im Gesundheitssystem j\u00e4hrlich Sch\u00e4den von 8 Milliarden Euro.<\/li>\n<li>Durch Steuerhinterziehung entstehen Milliardensch\u00e4den (2013: 13 Milliarden).<\/li>\n<li>Durch die Liberalisierung der Abtreibungsgesetzgebung 1995 kommen j\u00e4hrlich allein in Deutschland zwischen 100 000 und 200 000 Kinder nicht zur Welt. Das sind etwa 3 Millionen Menschen seit 1995, die, rein wirtschaftlich gerechnet, in der Zukunft f\u00fcr die Beschaffung der Renten fehlen.<\/li>\n<li>Die \u00f6ffentlichen Debatten \u00fcber solche Tatbest\u00e4nde der S\u00fcnde sind lahm oder fehlen ganz.<\/li>\n<li>Der Tod ist gesellschaftlich tabuisiert. Im Mittelalter haben die M\u00f6nche Sterbekurse angeboten, bei denen die Menschen sich mit dem Tod und mit Todesvorbereitung besch\u00e4ftigten (die sog. ars moriendi). Volkshochschulkurse, die diese Tradition aufnehmen w\u00fcrden, sucht man vergeblich. Heute ist es eine Ausnahme, wenn ein Seelsorger von einem Sterbenden h\u00f6rt \u201eIch kann sterben\u201c. Das Sterben geschieht im Allgemeinen hilflos und im Verborgenen.<\/li>\n<li>Vom herrschenden evolutionistischen Denken ist keine Hilfe zu erwarten. Da wird der Tod als rein nat\u00fcrlicher Prozess bagatellisiert. Hubert Markl, gest. 2015, ein f\u00fchrender deutscher Evolutionist, formulierte: \u201eSterblichkeit ist ein Jungbrunnen der Evolution durch Mutation und Selektion\u201c. Der Ernst des Todes als Lebenszerst\u00f6rer wird nicht mehr gesehen. Dass der Tod etwas mit der S\u00fcnde des Menschen zu tun hat, ist kein \u00f6ffentliches Thema mehr.<\/li>\n<li><\/li>\n<li>Der Teufel ist in unserer Gesellschaft eigentlich nur noch eine Lachnummer. Jesus nannte ihn \u201eVater der L\u00fcge\u201c und \u201eM\u00f6rder von Anfang\u201c (Joh 8,44). Paulus wusste, dass er in der Lage ist, einen Menschen gegen das Evangelium zu immunisieren (2 Kor 4,4). Luther wusste, dass er \u201egro\u00df Macht und viel List\u201c hat. Wer wei\u00df das heute noch?<\/li>\n<li>Dabei ist der Einfluss finsterer, zerst\u00f6rerischer M\u00e4chte auf den Menschen offensichtlich. Wer einmal mit der Therapie von Alkoholikern zu tun hatte, kennt die Widerst\u00e4nde, die man sich oft nur noch mit geistigen M\u00e4chten im Hintergrund erkl\u00e4ren kann. Oder denken wir an den aktuellen Christenhass in der Welt, der ebenfalls nur mit einer unsichtbaren b\u00f6sen Fremdsteuerung zu erkl\u00e4ren ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr heute die Realit\u00e4t von S\u00fcnde, Tod und Teufel vergessen ist, so sehr ist auch die reformatorische Botschaft von der Befreiung aus ihrer Zwangsherrschaft vergessen. Desto dankbarer d\u00fcrfen wir f\u00fcr Luthers Freiheitsschrift \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c von 1520 sein. Sie ist im Grunde nicht nur eine Reformationsschrift unter anderen, sondern ein Gottesgeschenk an die Menschheit. Welch eine gro\u00dfartige Botschaft, dass es eine Befreiung von S\u00fcnde, Tod und Teufel gibt! Diese Schrift ist nicht nur \u201edas Gr\u00fcndungsmanifest des modernen Europa\u201c, wie sie Klaus-R\u00fcdiger Mai in seinem Buch \u201eGeh\u00f6rt Luther zu Deutschland?\u201c nennt, sie ist auch epochal f\u00fcr die christliche Glaubensgeschichte, weil sie das urspr\u00fcngliche Evangelium, das die Apostel verk\u00fcndigt haben, wieder auf den Leuchter gehoben hat. Wie kam Luther zu seinen Einsichten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Luthers Kampf gegen S\u00fcnde, Tod und Teufel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um geistlich kompetent \u00fcber die Freiheit von den Gro\u00dfm\u00e4chten S\u00fcnde, Tod und Teufel reden zu k\u00f6nnen, muss man selber gegen sie gek\u00e4mpft und gesiegt haben. Hier kann Luther mitreden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die S\u00fcnde betrifft, verdanken wir Luther eine einmalige Tiefenschau, die aus seinen inneren K\u00e4mpfen aus der M\u00f6nchszeit herkommt. In Erfurt hat er mit Selbstkasteiung und einer v\u00f6llig \u00fcberzogenen Beichtpraxis verzweifelt und vergeblich gegen die S\u00fcnde angek\u00e4mpft. Sein Beichtvater Johann von Staupitz tadelte ihn \u00f6fters wegen der \u201ePuppens\u00fcnden\u201c, die Luther vorbrachte. Eine wirkliche Vergebungsgewissheit hat er dabei nicht gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber diese Zeit pr\u00e4gte seine S\u00fcndenerkenntnis. Niemand vor ihm hat die S\u00fcnde so fundamental definiert wie er. Der Mensch lebt in einer Dauer\u00fcbertretung des 1. Gebots, weil er nicht sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt. \u201eIn allem, was er tut und l\u00e4sst, sucht er mehr seinen Nutzen, Willen und Ehre, als Gottes und seines N\u00e4chsten. Darum sind alle seine Werke, alle seine Worte, alle seine Gedanken, all sein Leben b\u00f6se und nicht g\u00f6ttlich\u201c (Von den guten Werken, 1520). \u201eDer Mensch ist so sehr in sich verkr\u00fcmmt, dass er nicht nur die leiblichen, sondern auch die geistlichen G\u00fcter sich selbst zudreht und sich in allem sucht\u201c (R\u00f6merbriefvorlesung 1515\/16). Von sich aus kommt der Mensch aus dieser Lage nicht heraus. Er ist so sehr verdorben, dass er nicht einmal das Gute wollen kann. Nur wenn Gott nach ihm greift und seinen Willen lenkt, kann sich die Lage \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tod eines Menschen war f\u00fcr Luther niemals nur ein rein biologisches Geschehen, sondern immer \u201eein unendlicher und ewiger Jammer und Zorn\u201c, weil er durch \u201eGottes Zorn angetan und auferlegt\u201c sei. Das wissen allerdings nur Christen, betont der Reformator. Sie wissen aber auch, dass Gott sie durch den Tod von sich selber und von der S\u00fcnde frei macht, und so kann Luther beten \u201eHilf uns den Tod nicht f\u00fcrchten, sondern begehren\u201c (Kurze Erkl\u00e4rung des Vaterunsers, 1519). Seinen eigenen Tod sah er n\u00fcchtern und ohne Wehleid. Zwei Tage vor dem Tod in Eisleben (18.2.1546) sagte er: \u201eWenn ich wieder heim gen Wittenberg komme, so will ich mich alsdann in den Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu essen geben.\u201c So kann nur jemand reden, der mit dem Tod gek\u00e4mpft und ihn innerlich \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Teufel ist in Luthers Augen der gro\u00dfe Widersacher Gottes. Er hasst Christus und wirkt Blindheit gegen\u00fcber dem Wort Gottes, der S\u00fcnde und dem Gericht. Er ist der F\u00fcrst dieser Welt, aber Gott beh\u00e4lt die Oberregie \u00fcber ihn. Ein Kampf gegen den Teufel ist mit menschlichen Mitteln zwecklos. Gegen ihn hilft nur das Wort Gottes, so wie es Christus selber getan hat, als Satan ihn versuchte. So kommt Luther schlie\u00dflich zu seinem triumphalen Fazit: \u201eEin W\u00f6rtlein kann ihn f\u00e4llen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die epochale Bedeutung der Freiheitsschrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um noch einmal auf den heute \u00fcblichen Freiheitsbegriff einzugehen, also auf die politischen, \u00f6konomischen und individuellen Freiheiten: Zweifellos war die Reformation auch hier ein Wegbereiter. In seiner Adelsschrift von 1520 schreibt Luther den politischen Herrschern ihre Regierungspflichten ins Stammbuch. In der Schrift \u201eVon Kaufhandlung und Wucher\u201c (1524) warnt er die Kaufleute und die Reichen vor wirtschaftlicher Ausbeutung anderer. Und auch die neuzeitlichen Individualrechte wie Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit sind in der Freiheitsschrift zumindest mit angelegt, wenn er den Christen definiert als einen Menschen, der sich aus Liebe um das Wohl seines N\u00e4chsten k\u00fcmmert. Als Christen sollten wir all diese Freiheiten nicht geringsch\u00e4tzen. Als Ex-DDR-B\u00fcrger wei\u00df ich wovon ich rede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die epochale Bedeutung der Freiheitsschrift liegt in der Wiederentdeckung des biblischen Freiheitsbegriffs und Menschenbildes. Es ist die Erkenntnis, dass der Christ im Glauben an Christus frei ist von der Macht der S\u00fcnde, des Todes und des Teufels, und es ist die Vergewisserung und der Zuspruch, dass der Christ damit befreit ist zu einem Leben in Liebe und Hingabe an seinen N\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther hat die Freiheitsschrift im Oktober 1520 in 12 Tagen geschrieben. Sie war eigentlich gedacht als letzter Versuch, eine Verst\u00e4ndigungsbr\u00fccke zu Papst Leo X. zu schlagen. So erkl\u00e4rt sich der sehr devote und trotzdem erstaunlich selbstbewusste Begleitbrief. Luther hat die Schrift zugleich lateinisch und deutsch geschrieben. Sie war also von Anfang an auch gedacht als allgemeine christliche Unterweisung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wichtige Leitgedanken und Fazit der Freiheitsschrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Traktat \u201eDie Freiheit eines Christenmenschen\u201c ist keine evangelistische Schrift. Luther wendet sich an Christen, er setzt den christlichen Glauben voraus. Er will beschreiben, wer ein Christ ist und wie der Christ die Freiheit verstehen soll, die Christus erworben hat. Er will ein kurzes Manifest des Christentums verfassen. Dementsprechend hei\u00dft es im Begleitbrief an den Papst: \u201eEs ist ein kleines B\u00fcchle, wenn das Papier angesehen wird, aber dennoch ist die ganze Summe eines christlichen Lebens darin begriffen, wenn der Sinn verstanden wird\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schrift ist zweigeteilt. Luther stellt sich damit in eine Linie mit Paulus, der seine Briefe ebenfalls zweigeteilt verfasst hat. Im ersten Teil wird der Glaube erkl\u00e4rt und gest\u00e4rkt, im zweiten Teil wird zur t\u00e4tigen N\u00e4chstenliebe ermahnt. Die beiden Teile werden gleich am Anfang mit einer paradox klingenden Doppel\u00fcberschrift eingef\u00fchrt. \u201eEin Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemand untertan\u201c. \u201eEin Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wird die doppelte Natur des Christen beschrieben. Wir w\u00fcrden heute eher sagen \u201eseine zwei Seiten\u201c. Er ist einerseits ein geistlicher Mensch, weil er im Glauben an Christus durch den Heiligen Geist ein neuer Mensch geworden ist. Als geistlicher Mensch ist er ein freier Herr \u00fcber alles. Und er ist andererseits nach wie vor ein leiblicher Mensch, weil der neue Mensch im nat\u00fcrlichen Leib wohnt. Weil im nat\u00fcrlichen Leib die Egoismen und Begierden angelegt sind, muss er unter die Regie des neuen, inneren Menschen kommen. So wird er in die Lage versetzt, Taten der Liebe zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der neue, innere Mensch lebt allein von Gottes Wort. Die biblische Bezugsstelle ist das Jesuswort in Mt 4,4 \u201eDer Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allen Worten, die aus dem Mund Gottes kommen\u201c. Er kann alles entbehren und ist daher nicht von den \u00e4u\u00dferen Lebensbedingungen abh\u00e4ngig, sondern nur vom Reden Gottes durch die Heilige Schrift. Das Wort Gottes f\u00fchrt den inneren Menschen zur S\u00fcndenerkenntnis und zieht ihn zu Christus hin, wo er Vergebung findet. Es vollzieht sich ein \u201efr\u00f6hlicher Wechsel\u201c, bei dem Christus der Br\u00e4utigam dem gl\u00e4ubigen Christen alle S\u00fcnden abnimmt und ihm statt dessen vollen Anteil an all seinen G\u00fctern gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Kerngedanke ist das Anteilbekommen am K\u00f6nigtum und Priestertum Christi, eine ganz gro\u00dfartige Passage. Im k\u00f6niglichen Stand m\u00fcssen dem Christen alle Dinge zum Besten dienen. Insofern ist der Christ Herr \u00fcber S\u00fcnde, Tod und Teufel. Er kann triumphieren \u00fcber alle Widerw\u00e4rtigkeiten seines Lebens, weil er nicht mehr von ihnen abh\u00e4ngig ist. Neid und Missgunst anderer Menschen k\u00f6nnen ihm ebenso wenig schaden wie eigene Schw\u00e4chen und Fehler. Mir steht ein Christ vor Augen, der als Kind im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff versch\u00fcttet wurde und seitdem stottert. Er wurde oft geh\u00e4nselt, aber im Glauben hat er seinen Frieden gefunden. Er erz\u00e4hlte bei einer Kirchenvorsteherfreizeit aus seinem Leben. Er war einfacher Textilarbeiter. Bei einer Betriebsversammlung ging es um Entlassungen. Jeder durfte sich \u00e4u\u00dfern, aber keiner sagte etwas aus Angst, er k\u00f6nnte der n\u00e4chste sein. Nach einem langen Schweigen meldete er sich, der Stotterer. Er bekam das Mikrofon. Er sagte nicht viel, aber er rief die Belegschaft zu christlicher Solidarit\u00e4t auf, getreu dem Apostelwort \u201eEiner trage die Last des anderen\u201c. Das ist geistliches K\u00f6nigtum, wenn ein Christ ungeachtet pers\u00f6nlicher Nachteile aus Glauben und Liebe das tut, was sein Gewissen ihm sagt. Der biblische Bezug hierzu ist R\u00f6m 8,28.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im priesterlichen Stand, so f\u00fchrt Luther weiter aus, d\u00fcrfen die Christen vor den lebendigen Gott treten und f\u00fcr andere bitten, und sie d\u00fcrfen sich dessen gewiss sein, dass Gott ihre Gebete erh\u00f6rt, so wie es Ps 145,19 sagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit der innere Mensch wachsen und stark werden kann, muss Christus so gepredigt werden, dass der Glaube entsteht, w\u00e4chst und erhalten wird, und das hei\u00dft, dass sowohl die gro\u00dfe geistliche Freiheit als auch die Liebestat gepredigt wird, zu der Christus befreit hat. Ein hochaktueller Aufruf an alle, die das Amt der Wortverk\u00fcndigung haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u00e4u\u00dferer Mensch ist der Christ ein soziales Wesen und als solches eingebunden in viele Verpflichtungen. Er muss lernen, seinen Leib zu regieren, nicht nach seiner egoistischen Lust zu leben, sondern in Liebe seinem N\u00e4chsten zu dienen. So wird der Christ ein williger Diener und dem anderen wie ein Christus. Er hilft ihm in jeglicher Hinsicht, leiblich und geistlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freiheitsschrift schlie\u00dft mit dem ber\u00fchmten Satz: \u201eEin Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem N\u00e4chsten, in Christus durch den Glauben, im N\u00e4chsten durch die Liebe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Apostel Paulus war wiederentdeckt, die gro\u00dfartige Befreiungstat Christi war wieder ans Licht gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pastor Dr. Joachim Cochlovius, Walsrode<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit Joachim Gaucks Buch \u201eFreiheit. 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