{"id":14495,"date":"2017-04-18T16:45:01","date_gmt":"2017-04-18T14:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14495"},"modified":"2017-04-18T16:48:11","modified_gmt":"2017-04-18T14:48:11","slug":"anmerkungen-zur-lutheruebersetzung-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14495","title":{"rendered":"Anmerkungen zur Luther\u00fcbersetzung 2017"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Rechtzeitig zum Reformationsjubil\u00e4um hat die Deutsche Bibelgesellschaft eine neue Revision der Lutherbibel fertiggestellt. Sie wurde am 19.10.2016 ver\u00f6ffentlicht und am 30.10.2016 in einem Festgottesdienst in Eisenach offiziell an die Gemeinden \u00fcbergeben. Anliegen dieser neuen Revision ist nicht eine weitere Modernisierung der Sprache, sondern eher eine R\u00fcckkehr zur letzten von Luther selbst verantworteten Ausgabe von 1545\/46, soweit der Text von damals heute noch verst\u00e4ndlich ist. Abschnitte, die sich der Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte besonders eingepr\u00e4gt haben, wie etwa Psalm 23, wurden m\u00f6glichst unver\u00e4ndert belassen. Luthers sehr genaue \u00dcbersetzung (nach den ihm vorliegenden Handschriften) und seine poetische, leicht memorierbare Sprache kommen also wieder mehr in Gebrauch. Bei den Apokryphen wurde allerdings der gr\u00f6\u00dfte Teil neu \u00fcbersetzt, und zwar alles nach der Septuaginta als Textgrundlage.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der N\u00e4he zu Luther spielte bei der Revision auch die Ber\u00fccksichtigung von Ergebnissen der Textforschung und der Exegese eine Rolle. Warum das nach Meinung der Revidierenden an den betreffenden Stellen angebracht ist, ist allerdings nicht immer einsehbar. Und zum Teil zeigen solche Stellen sowie Kommentare zu Textstellen auch Tendenzen an, die weder durch Luther noch durch die Exegese gerechtfertigt sind, sondern offensichtlich einer theologischen Meinung der an der Revision Beteiligten geschuldet sind. Der Gemeinde, die nicht mit den Ursprachen vertraut ist, ist deshalb zu raten, eine zweite gute Bibel\u00fcbersetzung zum Vergleich heranzuziehen, etwa die Elberfelder \u00dcbersetzung 2006, die sehr urtextgetreu ist, durchg\u00e4ngig vom nach dem heutigen Stand der Wissenschaft als urspr\u00fcnglich festgestellten Text ausgeht und au\u00dferdem sprachlich verst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Einige Beispiele f\u00fcr solche kritischen Stellen in Luther 2017:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong> Auch diese neue Revision ist nicht zur\u00fcckgekehrt zu einer Schreibweise, die die Gemeinde erkennen l\u00e4sst, wo der Gottesname Jahwe steht. In der Lutherbibel 1912 stand, wo im Urtext \u201eAllherr <em>(adonaj)<\/em> Jahwe\u201c steht, \u201eHerr HERR\u201c (z.B. Psalm 73,28 und an vielen Stellen sonst, etwa im Propheten Hesekiel). Die Deutsche Bibelgesellschaft hatte dies bei der Revision Luther 1984 aufgegeben, sie schreibt stattdessen &#8222;Gott der HERR&#8220;, wobei dies ja wirklich irref\u00fchrend ist, da &#8222;Gott&#8220; hier f\u00fcr den Gottesnamen steht, dies aber nicht mit Gro\u00dfbuchstaben (etwa: &#8222;GOTT&#8220; &#8211; so etwa die \u00dcbersetzung Schlachter 2000 -) geschieht, vielmehr wird das Wort <em>Herr<\/em>, das f\u00fcr den Allherrn <em>(adonaj)<\/em> steht, mit gro\u00dfen Buchstaben geschrieben (HERR).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bibelleser, die nicht mit den Ursprachen vertraut sind, wissen also hier nicht mehr, wo wirklich der Gottesname steht, ja, sie werden irregeleitet an die falsche Stelle. Die Elberfelder \u00dcbersetzung 2006 schreibt hier \u201eHerr, HERR\u201c. Und wer eine neurevidierte und hier ebenfalls klare <em>Luther<\/em>\u00fcbersetzung sucht: Es gibt eine solche, n\u00e4mlich die \u201eNeueLuther Bibel 2009\u201c. Sie ist (bei Ausgang von Luther 1912) eine \u00dcbersetzung, die sich um Urtextn\u00e4he bem\u00fcht und zugleich auch sprachlich erneuert, allerdings geht die sprachliche Erneuerung im Gegensatz zu Luther 2017 auch an Texten, die der Gemeinde vertraut sind, nicht vorbei. Die NeueLuther 2009 beh\u00e4lt das fr\u00fchere &#8222;Herr HERR&#8220; bei. Diese Ausgabe stammt nicht von der Deutschen Bibelgesellschaft, sondern von einer Schweizer Gesellschaft: La Buona Novella Inc., Bible Publishing House, CH-8832 Wollerau, <a href=\"mailto:info@buonanovella.com\">info@buonanovella.com<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.<\/strong> Weitere Stellen betreffen die Lehre von Christus, insbesondere von der Gottheit Christi. Beispiele:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Joh 1,1 \u00fcbersetzt \u201eLuther 2017\u201c wie die herk\u00f6mmliche Luther\u00fcbersetzung. Das ist konsequent, geh\u00f6rt doch der Abschnitt Joh 1,1ff. auch zu den bekannten Stellen der Bibel, die viele auswendig k\u00f6nnen. Aber seltsamerweise macht sie zu dem Satz \u201eund Gott war das Wort\u201c die Anmerkung \u201eGemeint ist: Von g\u00f6ttlicher Art war das Wort.\u201c Diese Anmerkung ist \u00fcberfl\u00fcssig, wenn man von der Gottheit des Wortes ausgeht, denn von der redet der Text. Warum muss man dann in eine andere Richtung lenken? Dass vor \u201eGott\u201c im Griechischen hier kein bestimmter Artikel steht, berechtigt nicht dazu. Zwar w\u00fcrde im <em>klassischen<\/em> Griechisch, das die Theologiestudenten in Deutschland normalerweise lernen, dies Wort ohne bestimmten Artikel im Deutschen mit unbestimmtem Artikel \u00fcbersetzt; aber das Neue Testament ist in <em>Koine<\/em>-Griechisch geschrieben, und da ist es anders. In der Griechischen Grammatik zum Neuen Testament von Heinrich von Siebenthal hei\u00dft es (S. 189): \u201eDer Artikel kann \u201afehlen\u2018, wenn eine Gr\u00f6\u00dfe genannt wird, die in ihrer <em>Art einzig<\/em> und unverwechselbar ist&#8230;, z.B.: &#8230; Gott war in Christus &#8230; (2Kor 5,19)\u201c. Andreas Volkmar, Weltanschauungsbeauftragter der SELK, der darauf hinweist, zeigt, dass an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments, wo das griechische <em>theos<\/em> (Gott) ohne bestimmten Artikel steht, etwa Joh 1,6.13, \u201eauch von der Gottheit des Vaters gesprochen wird\u201c, ohne dass jemand hier vorschl\u00e4gt, die \u201emit \u201aein Gott\u2018 zu \u00fcbersetzen oder anzumerken, es hie\u00dfe \u201avon g\u00f6ttlicher Art\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in Joh 1,18 zeigt sich ja diese Einzigkeit Jesu in seiner Gottheit: \u201eDer eingeborene Gott, der in des Vaters Scho\u00df ist\u201c; auch da steht \u201eGott\u201c ohne Artikel. Wo Luther (nach schlechteren Handschriften) \u00fcbersetzt hatte: \u201eDer eingeborene Sohn, der in des Vaters Scho\u00df ist\u201c, hat man in \u201eLuther 2017\u201c nicht einfach \u201eSohn\u201c durch \u201eGott\u201c ersetzt (wie es nach dem griechischen Text nahe liegt), sondern (schon seit Luther 1984) die umst\u00e4ndliche Formulierung verwendet, die mehr auf \u201ag\u00f6ttliche Art\u2018 als auf \u201aGott\u2018 schlie\u00dfen l\u00e4sst: \u201eder Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Scho\u00df ist, &#8230;\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Eine weitere Stelle, wo in \u201eLuther 2017\u201c der Text Luthers sogar auch inhaltlich ver\u00e4ndert wurde, ohne dass es vom Urtext geboten w\u00e4re, ist R\u00f6mer 9,5. Wo es bisher hie\u00df: \u201e&#8230; aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott \u00fcber alles, gelobt in Ewigkeit&#8230;\u201c, da hei\u00dft es nun: \u201eaus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist \u00fcber allem, sei gelobt in Ewigkeit&#8230;\u201c. Und dazu wird angemerkt: Luther \u00fcbersetzte nach dem lateinischen Text: \u201aChristus &#8230; der da ist Gott \u00fcber alles\u2018.\u201c Der unbefangene Leser bekommt hier den Eindruck, nicht der griechische Urtext, sondern eine lateinische \u00dcbersetzung habe diese Lesart. Das ist aber falsch. Andreas Volkmar schreibt dazu, \u201edass schon griechische Kirchenv\u00e4ter wie Iren\u00e4us und Athanasius R\u00f6mer 9,5 im Sinne von \u201aChristus &#8230; der da Gott ist \u00fcber alles.\u2018 verstanden haben. Den Bearbeitern der Revision 2017 scheint auch entgangen zu sein, dass sich paulinische Doxologien, die mit einem Relativpronomen eingeleitet werden, in der Regel auf das vorausgegangene Subjekt beziehen (vgl. R\u00f6mer 1,25; R\u00f6mer 11,36; 2. Korinther 11,31; Galater 1,5; 2. Timotheus 4,18) \u2013 und das ist in R\u00f6mer 9,5 \u201aChristus\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Also ohne Zwang, gegen die Exegese und gegen Luther wird hier die bisherige \u00dcbersetzung verlassen. Ist die Gottheit Christi f\u00fcr die Revidierenden solch ein Ansto\u00df?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.<\/strong> Eine weitere unn\u00f6tige und falsche Anmerkung findet sich bei Jesaja 7,14, der Weissagung auf die Jungfrauengeburt. Die \u00dcbersetzung entspricht zwar der bisherigen, aber es wird zu \u201eJungfrau\u201c angemerkt: \u201eW\u00f6rtlich: \u201ajunge Frau\u2018\u201c. Hellmuth Frey hat diese weit verbreitete Ansicht in seinem Jesaja-Kommentar widerlegt. Es w\u00e4re ja auch seltsam, dass die vorchristlichen j\u00fcdischen \u00dcbersetzer der Septuaginta dieses Wort mit \u201eJungfrau\u201c \u00fcbersetzt haben, wenn der hebr\u00e4ische Text anders reden w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong> Auch das Bibelverst\u00e4ndnis scheint bei der Revision eine Rolle gespielt zu haben: Leider hat die Luther 2017-Revision auch weiterhin bei 2. Tim 3,16 nicht den wissenschaftlichen Nestle-Text herangezogen (anders &#8222;NeueLuther 2009\u201c, \u201eElberfelder 2006\u201c und \u201eSchlachter 2000&#8220;): &#8222;die ganze Schrift <u>ist<\/u> von Gott eingegeben.\u201c Luther hatte eine Textgrundlage ohne das griechische <em>&#8222;kai&#8220;<\/em> (und), deshalb fehlte bei ihm das &#8222;ist&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Revisoren der Deutschen Bibelgesellschaft haben diese Stelle <em>nicht<\/em> entsprechend der neuen Textforschung korrigiert (vermutlich klang ihnen der Urtext zu &#8222;fundamentalistisch&#8220;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.<\/strong> Weitere Stellen scheinen dem Feminismus geschuldet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Wo es bisher hie\u00df: &#8222;liebe Br\u00fcder&#8220; (z.B. Phil 3,1; Urtext: &#8222;Br\u00fcder&#8220;), hei\u00dft es in &#8222;Luther 2017&#8220;: &#8222;meine Br\u00fcder und Schwestern&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; In R\u00f6m 16,7 wurde \u201aJunias\u2018 zur Frau \u201aJunia\u2018 (siehe dagegen Otto Michel, R\u00f6merbrief, S. 475: \u201eAn eine weibliche Form ist nicht zu denken\u201c), und das unterstreichend, wurde in der neuen \u00dcbersetzung \u2013 anders als bei den anderen Namen des Zusammenhangs &#8211; bei Andronikus und Junia der bestimmte Artikel gesetzt, der im Urtext nicht steht: \u201eden Andronikus und die Junia\u201c (in der alten Luther\u00fcbersetzung stand dieser f\u00e4lschlicherweise auch, hier wurde nicht korrigiert).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bibellesern, die mit der Luther\u00fcbersetzung aufgewachsen sind, werden sich einerseits beim Lesen\u00a0 von \u201eLuther 2017\u201c weithin vertraut f\u00fchlen und sich freuen \u00fcber die bekannten Formulierungen, die das einst Gelernte wieder neu einzupr\u00e4gen helfen und die auch durch die dichterische Sprache Mut machen, Kinder und Enkel zum Auswendiglernen anzuregen. Andererseits sollten Leser, die nicht mit den Ursprachen vertraut sind, wegen mancher theologischer Abweichungen des Textes oder auch von Erkl\u00e4rungen &#8211; nicht allein von Luther, sondern auch vom Urtext &#8211; eine zus\u00e4tzliche gute \u00dcbersetzung benutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pfr. Karl Baral, Kusterdingen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Aufbruch &#8211; Informationen des Gemeindehilfsbundes, Dezember 2016 (3\/2016)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Aufbruch erscheint 2-3 Mal j\u00e4hrlich und kann kostenlos abonniert werden. Bestellungen bitte an die Gesch\u00e4ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, M\u00fchlenstr. 42, 29664 Walsrode, 05161\/911330, info@gemeindehilfsbund.de.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtzeitig zum Reformationsjubil\u00e4um hat die Deutsche Bibelgesellschaft eine neue Revision der Lutherbibel fertiggestellt. 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