{"id":14442,"date":"2017-03-28T21:51:59","date_gmt":"2017-03-28T19:51:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14442"},"modified":"2017-03-28T21:51:59","modified_gmt":"2017-03-28T19:51:59","slug":"die-ganze-bibel-ohne-evangelium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14442","title":{"rendered":"Die ganze Bibel ohne Evangelium?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eEs geht um die Liebe\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wesentliche auf einem Bierdeckel. Man erinnert sich noch dunkel an die Idee von Friedrich Merz aus dem Jahr 2004. Der damalige Spitzenpolitiker der CDU skizzierte die Grundz\u00fcge einer Steuerreform auf einem solchen Untersetzer. Die \u201eBierdeckelwende\u201c scheiterte jedoch. Friedrich Merz wurde bald von Angela Merkel politisch entsorgt.\u00a0Werberin Eva Jung aus Hamburg hat mit der von ihr und einem Team erdachten\u00a0Bierdeckelaktion\u00a0f\u00fcr die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) offensichtlich mehr Erfolg. Seit Jahren arbeitet Jungs Agentur mit der Kirche zusammen und gestaltet in einer Arbeitsgruppe von Kirchen- und Kommunikationsfachleuten die \u201eImpulspost\u201c, die die EKHN regelm\u00e4\u00dfig an ihrer Mitglieder verschickt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Internetseite von\u00a0gobasil\u00a0hei\u00dft es \u00fcber das Briefing: \u201eL\u00e4sst sich der christliche Glaube in aller K\u00fcrze zusammenfassen? Wie m\u00fcsste\u00a0eine Impulspost f\u00fcr\u00a0die 1,6 Mio Mitglieder der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau aussehen, die unter\u00a0dem Leitthema \u2018Religion und Wahrheit\u2019\u00a0steht?\u201c Die Antwort der Werber: \u201eWir haben uns der Herausforderung gestellt und nach einer L\u00f6sung gesucht, die die 30.442 Verse der Bibel auf den Punkt bringt: Es geht um die Liebe \u2013 zu Gott, zu sich selbst und dem N\u00e4chsten \u2013\u00a0so bringt es jedenfalls Jesus auf den Punkt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufh\u00e4nger der Aktion ist die Antwort Jesus auf die Frage nach dem h\u00f6chsten Gebot. In Mt 22,34\u201340 zitiert er zwei Verse aus dem AT, die die Gottes- bzw. die N\u00e4chstenliebe fordern. Daraus machte Jungs Team die drei Schlagworte \u201e1. Liebe Gott. (Vielleicht erst mal kennenlernen?) 2. Liebe Dich selbst. (Egal, was dein Spiegel heute sagt.) 3. Liebe die Anderen. (Koste es, was es wolle?)\u201c. Diese drei Aspekte der Liebe werden dann auf weiteren Bierdeckeln entfaltet: mit Zitaten bekannter Pers\u00f6nlichkeiten, Fragen in Gro\u00dfdruck und Bibelversen. Alles soll zum Gespr\u00e4ch \u00fcber den Glauben anregen: \u201eReden wir dr\u00fcber.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der\u00a0ERF-Sendung\u00a0aus der Reihe \u201eGott sei Dank\u201c vom 17. Februar erz\u00e4hlte Jung von der Zielsetzung der Bierdeckelaktion und dem Entstehungsprozess. Schlie\u00dflich ist es heute schwierig, so Jung, \u201ebiblische Inhalte und Verse an Menschen zu \u00fcbermitteln, die Gott nicht so nahe stehen\u201c. Was ist das Erste, was ich jemandem sagen w\u00fcrde, der fragt: Was macht denn den christlichen Glauben aus? Verse wie Joh 14,6 (\u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und Leben\u201c) wurden da nat\u00fcrlich in den Gespr\u00e4chen des Planungsteams genannt. Aber will man damit gleich Fernstehende konfrontieren? \u201eBekommt man das schnell erkl\u00e4rt?\u201c, fragte Jung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man landete also beim Liebesgebot und sucht \u00fcber die Liebe einen Zugang zu den Zeitgenossen. Die Bierdeckel sollen Aufmerksamkeit erregen und zum Gespr\u00e4ch einladen. Und wenn mehr Menschen beherzigen w\u00fcrden, was da so geschrieben steht, sie also versuchten, ein Leben nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Liebe zu leben, \u201edann w\u00e4ren wir schon auf einem guten Weg\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jung bekennt sich zum christlichen Glauben. F\u00fcr solch einen Job f\u00fcr die EKHN sei das sogar n\u00f6tig. Beim ERF: \u201eWenn man f\u00fcr Kirche arbeitet, dann sollte man sich schon in der Materie auskennen\u201c. Auch sei es hilfreich \u201edie Zwischent\u00f6ne zu verstehen\u201c. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt sie zu den Kommunikationsfachleuten, die den Glauben mit spritzigen Ideen und Konzepten unters Volk zu bringen wissen. Man denke nur an \u201eViva la Reformation! Luther reloaded\u201c und andere visuelle Hingucker auf godnews.de. Nicht zu vergessen ihr\u00a0<em>Alltagstourist<\/em>\u00a0mit zahlreichen Fotografien und Textimpulsen Jungs, das auch auf unserem B\u00fccherregal steht. Summa summarum: Tolle Arbeit, die sie und ihr Team machen! Streife ich \u00fcber ihre Seiten, beginnt in mir zu schwingen, was von dem Gestalter noch \u00fcbrig ist. (Jung studierte ab Herbst 1989 im Saarland Kommunikations-Design, ich das gleiche Fach ab M\u00e4rz des gleichen\u00a0 Jahres an der Fh Wiesbaden; nach der H\u00e4lfte des Studiums wechselte ich zum NLS, nun\u00a0TSR.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die \u201eAlleinstellung\u201c des Christentums<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kirchenpr\u00e4sident der EKHN Volker Jung fragt eingangs im Begleitschreiben der Aktion: \u201eGibt es etwas, woran man sich immer orientieren kann? Wer oder was sagt mir, worum es im Leben eigentlich geht?\u201c Er nennt das Doppelgebot der Liebe und meint: \u201eIch bin \u00fcberzeugt, dass viele Menschen sp\u00fcren: Das trifft es. Ohne Liebe w\u00e4ren wir alle nichts. Und wenn alle Menschen sich daran orientieren w\u00fcrden, w\u00e4re das Leben besser.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Seiten zur Aktion hei\u00dft es, mit dem Doppelgebot \u201esind alle Gebote zusammengefasst. Das hei\u00dft: Die Kernaussage aller Gebote ist Liebe. Sie soll der Kompass f\u00fcr das Leben sein.\u201c Die Liebe \u201eist das Fundament, auf dem das Leben, Beziehungen und das Miteinander gelingen oder eben auch scheitern k\u00f6nnen. Denn, was sich einfach anh\u00f6rt, ist oft nicht einfach umzusetzen.\u201c Die Bibel rege uns dazu an herauszufinden, wie man diese Liebe praktisch gestalten k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Worte der Bierdeckel sollen also dazu anregen, \u00fcber die Kernfragen des Glaubens \u00a0ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Die Aktion l\u00e4dt dazu ein, \u00fcber Gott nachzudenken und sich mit anderen auszutauschen, was mit den Begriffen \u201eGottesliebe\u201c, \u201eSelbstliebe\u201c und \u201eN\u00e4chstenliebe\u201c konkret gemeint ist und wie man sie im Alltag leben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ergeben sich jedoch ernste R\u00fcckfragen: Ist das Liebesgebot tats\u00e4chlich \u201e<em>die<\/em>\u00a0biblische Kernaussage\u201c oder \u201eGrundaussage\u201c der gesamten Bibel? Ist sie \u201e<em>der<\/em>\u00a0Glaube in aller K\u00fcrze\u201c und \u201e<em>das<\/em><em>\u00a0<\/em>Wesentliche\u201c im Christentum? Das, \u201eworauf es wirklich ankommt\u201c? Steht im Mittelpunkt der Wahrheit dieser Religion ein Gebot?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss k\u00f6nnen die Bierdeckel zu Gespr\u00e4chen \u00fcber Gott, den Glauben und das Christentum anregen. Letztlich sind alle Themen und Aussagen in der Welt Gottes dazu in der Lage, da alles Geschaffene Offenbarungscharakter hat. Unter den Zitaten finden sich auch S\u00e4tze von Nietzsche und anderen Nichtchristen, was aber v\u00f6llig in Ordnung ist, denn eine Teilerkenntnis der Wahrheit hatten auch sie. Aufh\u00e4nger f\u00fcr Diskussionen \u00fcber Gott und die Welt kann, wie gesagt, so gut wie alles sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Aktion hat ja ausdr\u00fccklich einen anderen Anspruch. \u201eDie Bibel auf einem Bierdeckel?\u201c wird zwar auch mit einem Fragezeichen versehen, doch dies \u00e4ndert nichts an der Grundaussage: Dies\u00a0<em>ist<\/em>\u00a0das Hauptthema der Bibel \u2013 zumindest in den Augen der Macher. Und \u201ewor\u00fcber reden wir eigentlich?\u201c Demnach reden wir in der Bibel wesentlich \u00fcber Gebote und Anweisungen, \u00fcber Gesetz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein das Wort \u201eGesetz\u201c ruft heute selbst schon im kirchlichen Umfeld oft Abwehrreaktionen hervor. Beim Brainstorming zum Stichwort \u201eLiebe\u201c kommt es wohl auch nur irgendwelchen ganz Frommen in den Sinn. Wie man es aber dreht und wendet: Die Zusammenfassung der Bibel ist im Imperativ formuliert (\u201eLiebe\u2026\u201c, d.h. du\u00a0<em>sollst<\/em><em>\u00a0<\/em>den und den lieben).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reden wir \u00fcber Gesetz? Auf der einen Seite wird dies bestritten: Die Impulspost stelle \u201edie Bibel nicht als Gesetzbuch oder Gebrauchsanweisung f\u00fcr richtiges Verhalten dar.\u201c Das hei\u00dft aber nur so viel, dass der Weg der Liebe kein einfacher ist. Es geht eben auf der anderen Seite doch darum, \u201ewie man sie [die Liebe] im Alltag leben kann\u201c und wohl auch sollte. Als eine Art oberste Norm wird sie durchaus bekr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist jedoch aus der Guten Nachricht ein guter Ratschlag geworden. Ist die praktische Lebenshilfe aber die Kernbotschaft der Bibel? Wo ist der \u201eentscheidende Produktvorteil\u201c des Produkts \u201echristlicher Glaube\u201c? Wo ist \u2013 um einen weiteren Werbebegriff zu gebrauchen \u2013 die \u201eAlleinstellung\u201c des Christentums? Welches ist der \u201eMarkenkern\u201c der biblischen Religion? Was ist, wenn die Beziehung, die in Liebe gebaut werden sollte, scheitert? (Was ja, s.o., eingestanden wird.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich in der Materie auskennt, kommt bei all den Fragen eigentlich schnell auf eine Antwort: das Evangelium. Es ist auf den Bierdeckeln allerdings so gut wie gar nicht zu finden. Unter \u201eLiebe dich selbst\u201c sind auch Joh 3,1 oder Joh 3,16\u201317 abgedruckt. Da steckt Evangelium drin. Das war\u2019s aber auch. Die Gesamtbotschaft der Bibel, ihre Grundaussage, ihre Spitze, ist eben kein Gebot und auch kein Ratschlag, sondern eine Zusage, ein Versprechen, ein Trost. Und vor allem kein Imperativ. \u201ePraktiziere Liebe\u201c ist keine gute Nachricht. Der liebende Gott rettet meist lieblose Menschen durch seinen Sohn \u2013 das schon eher. Pfr. Matthias Krieser mit einer treffenden\u00a0Kritik:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer entscheidende Mangel an diesem Bierdeckel ist jedoch, dass er die Hauptbotschaft der Bibel verfehlt. Wer die Quintessenz der Heiligen Schrift auf das Doppelgebot der Liebe reduziert, macht aus ihr vor allem ein Gesetzbuch und aus Jesus vor allem einen Gesetzeslehrer. Damit wird er dem, der Weg, Wahrheit und Leben ist, nicht gerecht, denn der Gekreuzigte und Auferstandene ist die Mitte der Schrift, und die Rechtfertigung des S\u00fcnders allein durch Christus ist die Kernbotschaft der Bibel. Sie lautet eben nicht: Liebe Gott und deinen N\u00e4chsten!, sondern sie lautet: Gott liebt dich! Wer diese frohe Botschaft des Evangeliums bei einer auch noch so knappen Zusammenfassung wegl\u00e4sst, entkernt die Bibel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eSumme und Substanz der Heiligen Schrift\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Krieser ist Geistlicher in der Selbst\u00e4ndigen lutherischen Kirche. Dort h\u00e4lt man die Lehre Luthers noch hoch. So \u00fcberrascht es nicht, dass er die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ins Spiel bringt, die zu den Kernvorstellungen des Reformators geh\u00f6rte. Luther nannte das Lehren und Begreifen dieses Unterschiedes mehrfach \u201edie h\u00f6chste Kunst in der Christenheit\u201c (man beachte den Superlativ!). In den\u00a0<em>Tischreden<\/em>: \u201eDas Gesetz ist das, was wir tun sollen; das Evangelium aber handelt von Gott, von dem, was Gott geben will. Das erste k\u00f6nnen wir nicht tun; das zweite k\u00f6nnen wir annehmen, und zwar mit dem Glauben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gesetz ist\u00a0<em>gebietendes<\/em>, forderndes Wort, denn es dr\u00fcckt Gottes moralischen Willen aus. Das Evangelium zeigt die Erf\u00fcllung dieser Forderung in Christus, ist daher\u00a0<em>befreiendes<\/em>\u00a0Wort. Das Gesetz sagt: \u201e<em>tu<\/em>\u00a0dies\u201c, das Evangelium antwortet: \u201edies ist\u00a0<em>getan<\/em>\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird diese Unterscheidung nicht beachtet, wird das Evangelium moralisiert und verschwindet damit. Das menschliche Tun, die Ethik, wird mit dem Zuspruch Gottes vermengt, so dass sich der Mensch doch wieder selbst erl\u00f6sen muss. Aus dem liebenden Gott wird so schnell die Liebe als Gott, aus dem in Liebe geschenkten Evangelium unsere Liebe als falsches Evangelium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft wird die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium als lutherisch bezeichnet. Die Reformierten setzen hier traditionell vielleicht den einen oder anderen Akzent, im Grunde sehen sie die Zusammenh\u00e4nge aber genauso. Theodore Beza, Calvins Nachfolger in Genf, sagte, dass \u201eUnkenntnis dieser Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium eine der Hauptquellen der Missbr\u00e4uche ist, welche das Christentum verf\u00e4lschten und immer noch verf\u00e4lschen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich zu Beginn seines Kommentars zum Heidelberger Katechismus stellt Zacharias Ursinus (der Hauptautor des reformierten Katechismus) unter der \u00dcberschrift \u201eProlegomena\u201c fest: \u201eDie Lehre von der Kirche ist die ganze und unverdorbene Lehre von Gesetz und Evangelium\u2026\u201c Diese Lehre von der Kirche \u201ebesteht aus zwei Teilen: das Gesetz und das Evangelium\u201c. Darin haben \u201ewir die Summe und Substanz von der heiligen Heiligen Schrift erfasst\u201c. Auch Christus selbst nennt er \u201edie Substanz und den Grund der ganzen Schrift\u201c. Das Gesetz hingegen ist \u201eunser Zuchtmeister, um uns zu Christus zu bringen\u201c, es zwingt uns gleichsam \u201ezu ihm zu fliehen\u201c. Gesetz und Evangelium \u2013 dies ist \u201edas Ganze, was die Heilige Schrift umfasst\u201c. \u201eDas Gesetz schreibt vor und bestimmt, was getan werden soll und verbietet, was vermieden werden sollte.\u201c Das Evangelium hingegen ist \u201edie freie Vergebung der S\u00fcnde durch und wegen Christus\u201c. Das Gesetz \u201ewird aus der Natur erkannt; das Evangelium wird g\u00f6ttlich offenbart\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im\u00a0<em>Heidelberger Katechismus<\/em>\u00a0wird die Liebe in allen drei Teilen thematisiert. Nat\u00fcrlich kommt sie im dritten Teil \u00fcber das christliche Leben, vor allem in der Auslegung der einzelnen Gebote, mehrfach vor. Teil 2 handelt \u201eVon des Menschen Erl\u00f6sung\u201c, und auch hier geht es nat\u00fcrlich auch um den liebenden, gn\u00e4digen und barmherzigen Gott. Das Doppelgebot der Liebe aus Mt 22 wird auch im Katechismus an einer Stelle zitiert, gleich zu Beginn in der Antwort zu Fr. 4: \u201eWas fordert denn Gottes Gesetz von uns?\u201c Frage 5 f\u00fchrt nun aber in eine ganz andere Richtung als die Bierdeckelaktion: \u201eKannst du das alles vollkommen halten?\u201c Antwort: \u201eNein, denn ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen N\u00e4chsten zu hassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Heidelberger bringt also die Liebe ins Gespr\u00e4ch. Das Liebesgebot ist aber hier dazu da, um dem Menschen zu zeigen, \u201ewie gro\u00df meine S\u00fcnde und Elend\u00a0 ist\u201c (Fr. 2). Und dies, so Autor Ursinus,\u00a0<em>muss<\/em>\u00a0begriffen werden, um den Trost des Evangeliums zu erfahren. Warum h\u00e4tte man nicht auch Fr. 5 auf einem Bierdeckel abdrucken k\u00f6nnen? Zu provokant? Zu scharf? \u201eDas kann man heute ja so wohl nicht mehr sagen!\u201c Schon m\u00f6glich, aber wie l\u00e4sst es sich anders, neu sagen? Oder ist es gar unwahr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Doppelgebot der Liebe sei \u201erettende Lehre\u201c (B. McLaren), so zu \u201eleben wie Jesus\u201c sei das Evangelium (T. Hebel) \u2013 so etwas h\u00f6ren wir heute \u00f6fter. Daher muss man es heutzutage eigentlich jedermann einh\u00e4mmern: Liebe Gott, liebe dich selbst, liebe die anderen ist reformatorisch gesprochen Gesetz\u00a0<em>und nicht Evangelium<\/em>. Dass man im Jahr der Reformation bei der EKHN auf eine Aktion stolz ist, die diesen Grundunterschied grob missachtet, ist geradezu peinlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Benzin im Blut<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was will man von einer Kirche erwarten, die selbst in der EKD als liberaler Vorreiter gilt? Selbst wenn Jung und Co. einmal kr\u00e4ftig gegen den Strich des Zeitgeistes geb\u00fcrstet h\u00e4tten, so w\u00e4re sicher mit dem Veto des anderen Jung in Darmstadt zu rechnen gewesen. An der Spitze der EKHN will man eine Bibel ins Gespr\u00e4ch bringen, an die man aber nur noch in ganz diffusem Sinn glaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Begleitseiten zur Aktion (\u201eMehr zur Bibel\u201c) hei\u00dft es unter \u201eBibel und Wahrheit\u201c von einem Pfarrer der Kirche: \u201eDie Bibel ist Menschenwerk. Gott spielt dabei die entscheidende Rolle. Ist die Bibel nun wahr?\u201c Gott spiele die entscheidende Rolle \u2013 was soll das hei\u00dfen? Dass die Bibel in irgendeiner Weise tats\u00e4chlich Gottes Wort\u00a0<em>ist<\/em>, kommt dem Theologen wohl schon gar nicht mehr in den Sinn. Diplomatisch geht es weiter: \u201eDer Ansicht, die Bibel sei von Gott offenbart, k\u00f6nnen sich auch viele Christen nicht anschlie\u00dfen.\u201c Inwieweit die Bibel als Offenbarung anzusehen sein sollte, wird \u00fcberhaupt nicht klar. Ihr Wahrheitsanspruch l\u00f6st sich ebenfalls irgendwie auf. Von der Prozesshaftigkeit der Wahrheitserkenntnis im Allgemeinen ist die Rede. Die obige Frage (Ist die Bibel nun wahr?) wird gar nicht beantwortet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eReligion und Wahrheit\u201c, Wahrheit der Religion, Wahrheit der christlichen Religion. Wahrheit der Bibel? Bei der EKHN kommt man \u00fcber ein Fragezeichen nicht hinaus. Damit schlie\u00dft sich der Kreis. Denn das Evangelium ist\u00a0<em>offenbarte Wahrheit<\/em>. Es wird nicht in der Sch\u00f6pfung erkannt. Ohne \u00fcbernat\u00fcrliche Offenbarung kein Evangelium; ohne einen Offenbarer, der Gottmensch ist, kein Evangelium. Ohne \u00fcbernat\u00fcrliche Offenbarung haben Christen nichts mehr zu sagen \u2013 also kann nur eine humanistische Liebesreligion zur\u00fcckbleiben, die sich jedoch als christlich ausgibt..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als evangelische Kirche glaubt die EKHN offensichtlich nicht mehr an die einzigartigen Qualit\u00e4ten ihres Produkts. In der ERF-Sendung verglich Jung ihre Arbeit f\u00fcr die Kirche mit Werbung f\u00fcr einen Autohersteller: Gute Autowerbung macht nur derjenige, der auch Benzin im Blut hat. V\u00f6llig richtig. Aber um im Bild zu bleiben: Wo ist das Benzin im Blut dieser Kirche? Als Werber w\u00fcrde ich mit so einem \u2018Hersteller\u2019 und Auftraggeber nicht zusammenarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Holger Lahayne, 25.2.2017 (<a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\">www.lahayne.lt<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs geht um die Liebe\u201c Das Wesentliche auf einem Bierdeckel. 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