{"id":1432,"date":"2006-01-29T15:57:29","date_gmt":"2006-01-29T13:57:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1432"},"modified":"2009-09-11T11:01:53","modified_gmt":"2009-09-11T09:01:53","slug":"ansprache-zur-epiphaniaszeit-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1432","title":{"rendered":"Ansprache zur Epiphaniaszeit 2006"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ansprache zur Epiphaniaszeit 2006<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Weihnachts- und die Epiphaniaszeit verbindet sich f\u00fcr uns ebenso wie Neujahr mit einem Neuanfang und mit Hoffnungen. Zu Weihnachten denken wir an Christi Geburt, an das Kind, das als ein Licht die Welt erleuchtet. Ein Kind ist nicht nur ein Lebewesen, sondern ein ganzes Symbol, das nachdenken l\u00e4\u00dft. Im Kind sind so viele Hoffnungen enthalten, so viel Zukunft, soviel echtes Vertrauen und so viel Schutzlosigkeit. Das ist gleichzeitig etwas so Teueres, aber auch Zartes und Verletzliches, da\u00df es uns sofort deutlich wird \u2013 es braucht einen sicheren Platz, einen sicheren Raum, wo es zur Welt kommen kann. Das k\u00f6nnen ihm die Elemente der Natur nicht bieten, das bieten ihm auch nicht Flora und Fauna, das vermag nur der Mensch. Das k\u00f6nnen nur wir.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich einmal an einem sp\u00e4ten Abend im Auto unterwegs war, hielt ich am Wegesrande an. Es war schon ganz dunkel. Pl\u00f6tzlich entdeckte ich dort etwas \u2013 eine Mutter mit vier Kindern. \u201eWas macht ihr hier so sp\u00e4t\u201c, fragte ich. Der Vater w\u00e4re betrunken und tobte zu Hause herum. Sie mu\u00dften fliehen und irgendwo nach einer Bleibe suchen. Ob ich sie nicht irgendwo hinfahren k\u00f6nnte? Dort etwas weiter g\u00e4be es Verwandte, bei denen sie zur Nacht bleiben k\u00f6nnten. Ich fuhr sie ungef\u00e4hr sechs Kilometer weiter bis zum Ende eines Weges und beobachtete, mit welchem kindlichen Vertrauen und mit welcher kindlichen Zuversicht die vier Hampelm\u00e4nner, einer kleiner als der andere, im Dunkel des Waldes verschwanden, in der Hoffnung, ein Bett f\u00fcr die Nacht zu finden. Ich dachte \u2013 so geht es unseren Kindern, die wir am Morgen zur Schule schicken, und deren Weg in der Stadt an den Spielh\u00f6llen und dunklen Ecken der Drogenh\u00e4ndler und an anderen Spelunken vorbei vielleicht viel gef\u00e4hrlicher sein kann als der Weg durch den dunklen Wald. Wir lassen sie gehen in der Hoffnung, da\u00df sie unbeschadet ihr Ziel erreichen und gesund nach Hause zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem Balancieren auf einem Dachfirst ist das Wichtigste, das Gleichgewicht zu finden zwischen zwei fatalen M\u00f6glichkeiten auf beiden Seiten. Ein solches Balancieren ist auch der Versuch, einen guten und sicheren Raum f\u00fcr unsere Kinder oder Ideale zu schaffen. Ich erinnere mich, wie ich als Student w\u00e4hrend der Sowjetzeit eine Mitteilung zur staatlichen Bibliothek brachte, die ich auf verschlungenen Wegen von einem unserer Dozenten erhalten hatte, als ich ein besonderes philosophisches Werk aus einem besonderen Verlag ben\u00f6tigte. Die Bibliothekarin warf zuerst einen Blick auf die Mitteilung, blickte mir darauf in das Gesicht und sagte: \u201cDieses Buch brauchen Sie nicht.\u201c Vielleicht war sie eine Prophetin und hat das mit ihren hellseherischen F\u00e4higkeiten wirklich erkannt, da\u00df ich dieses Buch nicht ben\u00f6tigte, aber an dieses Gef\u00fchl, eine Ohrfeige bekommen zu haben, kann ich mich noch heute erinnern. Ebenso erinnere ich mich noch an den geharkten Sand am Strande von Liep\u00e1ja und an das Aufenthaltsverbot dort nach dem Einbruch der Dunkelheit. Ich bin so gl\u00fccklich, da\u00df wir jetzt offene Grenzen haben, und da\u00df sich mir die M\u00f6glichkeit bietet, die Welt zu sehen. Auch wenn die starke Abwanderung von Letten nach Irland uns Kummer macht, so k\u00f6nnen wir uns dennoch freuen, da\u00df sich uns diese M\u00f6glichkeiten des Reisens ge\u00f6ffnet haben. Da\u00df wir die freie M\u00f6glichkeit der grenz\u00fcberschreitenden Kommunikation haben, auf die viele von uns lange Jahre haben verzichten m\u00fcssen, als wir jung waren und in unseren besten und aktivsten Jahren steckten. Deshalb ist es doch kein Wunder, da\u00df uns heute das Wort \u201eOffenheit\u201c so wertvoll ist und so hoch in Ehren steht. Doch kann man auch merken, da\u00df dieser Begriff oft zu einem Fetisch geworden ist. Offenheit \u2013 das Ma\u00df aller Dinge! Offenheit um jeden Preis!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezeichnenderweise gedenken wir gerade in diesen Tagen der Barrikaden vor f\u00fcnfzehn Jahren. Auch dort gab es welche, die auf ihre eigene Art und nach ihrem Verst\u00e4ndnis die Offenheit erk\u00e4mpfen wollten. Sie r\u00fcckten mit Panzern an und wollten die Offenheit des Weges zum Funkhaus und zum Fernsehen, zum Parlamentsgeb\u00e4ude und zur Telefonzentrale erk\u00e4mpfen. Da kletterten Tausende auf die Barrikaden, um sich dieser Art der Offenheit mutig in den Weg zu stellen. Wie gut, da\u00df es damals diesen Mut, Verstand und das brennende Herz gab, diese Absicht zu verhindern, und sich ihr in den Weg zu stellen! Barrikaden errichten. Grenzen ziehen. Das m\u00fc\u00dfte man auch \u00fcber kleinere Dinge sagen. Wenn ich heute die Illustrierten aufschlage, empfinde ich oft eine gewisse Genugtuung und Erleichterung dar\u00fcber, da\u00df mir manche aggressive und vulg\u00e4re Offenheit erspart bleibt, die mir vor einiger Zeit von allen Zeitungsst\u00e4nden her in das Gesicht sprang und in be\u00e4ngstigender Offenheit das an das Licht zerrte, was Gott als das Sch\u00f6nste und Edelste in dieser Welt geschaffen hat \u2013 die Frau. Danke, da\u00df es Menschen gab mit Kultur und gutem Geschmack, die diese Art von Offenheit in ihre Schranken verwiesen haben. Wenn ich bald einmal an den dann geschlossenen Gl\u00fccksspielhallen vorbei gehen werde, dann werde ich mich dar\u00fcber freuen, da\u00df ihre Zeit der Offenheit vor\u00fcber ist, und Gott f\u00fcr diejenigen danken, die gen\u00fcgend Mut und gesunden Menschenverstand besa\u00dfen, um sie zu \u201everbarrikadieren.\u201c Diese allt\u00e4glichen Barrikaden sind keinesfalls weniger wichtig als jene gro\u00dfen Barrikaden, derer wir in diesem Jahr mit besonderer Hochachtung gedenken. Wir brauchen sie genau so sehr wie die Offenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Balance zu halten zwischen der Offenheit und den Barrikaden, und die Grenze an der richtigen Stelle zu ziehen, ist nicht einfach, und dennoch sehr wichtig. Es ist eine kreative Herausforderung, die geistlicher Weisheit, innerer Intelligenz und seelischer Reife bedarf. Dazu pflegen wir oft unterschiedliche Vorstellungen dar\u00fcber zu haben, wann wir T\u00fcren \u00f6ffnen oder Barrikaden errichten sollten. Wird es uns \u00fcberhaupt gelingen, etwas gemeinsam zu bewirken? Werden wir den entscheidenden Punkt der Scheidung zwischen gut und b\u00f6se finden k\u00f6nnen? Das wird in der Tat nicht einfach sein. Doch auch Weihnachten war f\u00fcr Gott kein einfaches Ereignis. Er wollte uns so tief verstehen, da\u00df er in dieser Welt geboren wurde und unser Leben gelebt hat. Er wollte uns so nahe sein, da\u00df er einer von uns wurde. Deshalb werden wir, je besser wir die Pers\u00f6nlichkeit Christus kennen lernen, um so tiefer auch Gott, die Menschen und uns selbst begreifen. Wenn wir ihm n\u00e4her kommen, dann kommen wir uns selbst einander n\u00e4her. Ich m\u00f6chte uns allen ein gl\u00fcckliches, reiches und schaffensfrohes Neues Jahr w\u00fcnschen, verbunden mit dem Wunsch, da\u00df wir bei unseren Absichten und Bem\u00fchungen auch an unsere eigene Geburt denken m\u00f6chten, und diese in das Licht der Geburt Christi r\u00fccken, und unser eigenes Leben in die Beziehung mit seinem Leben, seiner Lehre, seinem Tod und seiner Auferstehung stellen. Er hat der lettischen Kultur und der ganzen westlichen Zivilisation so viel geschenkt, und er hat immer Antworten auf unsere Fragen, und Fragen, die er uns stellen m\u00f6chte, zur Hand. Ich w\u00fcnsche Ihnen allen Segen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus der lettischen Kirchenzeitung \u201eSv\u00e9tdienas R\u00edts\u201c (\u201eSonntagmorgen\u201c) Nr. 3\/2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ansprache zur Epiphaniaszeit 2006 Die Weihnachts- und die Epiphaniaszeit verbindet sich f\u00fcr uns ebenso wie Neujahr mit einem Neuanfang und mit Hoffnungen. Zu Weihnachten denken wir an Christi Geburt, an das Kind, das als ein Licht die Welt erleuchtet. Ein Kind ist nicht nur ein Lebewesen, sondern ein ganzes Symbol, das nachdenken l\u00e4\u00dft. 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