{"id":14276,"date":"2017-01-13T12:10:55","date_gmt":"2017-01-13T11:10:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14276"},"modified":"2017-01-13T14:22:01","modified_gmt":"2017-01-13T13:22:01","slug":"christentum-und-kreuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14276","title":{"rendered":"Christentum und Kreuz"},"content":{"rendered":"<div><strong>Ein Vortrag zu Eisenach gehalten am Sonntag Estomihi 1912<\/strong><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_3\" class=\"PageNumber\"><\/span>Verehrte Anwesende!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute vor 366 Jahren ist in Eisleben der Mann gestorben, dessen Andenken mit Ihrer sch\u00f6nen Stadt aufs Innigste verbunden ist. Wir gedenken unseres Lehrers Martin Luther als eines Zeugen, der im Glauben redet, obgleich er gestorben ist, und wissen, da\u00df sein Glaube nicht diplomatisches Festhalten an bestimmten Traditionen war, durch das er sich und seine Kirche der kaiserlichen Gunst empfehlen wollte, auch nicht Befangenheit in scholastischen Formeln, die sein Lebenlang wie Ketten um die F\u00fc\u00dfe schleiften, sondern die frohe Zuversicht eines Mannes Gottes, der das festh\u00e4lt, was er erlebt hat und immer wieder, was er festh\u00e4lt, erleben will.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm ist der Glaube der k\u00fchne, mannhafte Trotz auf Tatsachen, die kein Auge gesehen und kein Ohr geh\u00f6rt und kein Verstand ausgekl\u00fcgelt hat, die auch nur und eben deshalb in unzureichende Worte und Bezeichnungen gefa\u00dft werden k\u00f6nnen, die aber Gott zum Heil der Welt gewirkt und aus der Ewigkeit f\u00fcr die Zeit hat geschehen lassen. Wenn der eine Vorwurf berechtigt w\u00e4re, da\u00df lauter \u201eirgend gute\u201c R\u00fccksicht auf Kaiser und Reich die \u201ehohen Artikel g\u00f6ttlicher Majest\u00e4t\u201c festgehalten h\u00e4tte, so w\u00e4re unser Reformator ein schw\u00e4chlicher, nach allen Seiten hin schauender und schielender Diplomat, der <span id=\"Seite_4\" class=\"PageNumber\"><\/span> S\u00e4nger des Glaubensliedes ein Mann der Kompromisse, und der Sch\u00f6pfer unseres Katechismus, des gr\u00f6\u00dften Volksbuchs, ein in den Vorh\u00f6fen der Gro\u00dfen um Anerkennung werbender H\u00f6fling, dem nicht unsere Ehrerbietung, sondern im g\u00fcnstigsten Falle Mitleid, schlimmer noch Verachtung geb\u00fchrte. Auch von dem Glaubensbegriff, den er verwarf, als ob Glaube ein Sichanpassen an eine Summe von \u00dcberlieferungen w\u00e4re, hat er wahrlich nichts uns \u00fcberkommen, der Mann, der bereit war, die h\u00f6chsten Evangelien zu verwerfen, wenn sie nicht Christum predigen, und die Schrift eines Judas Ischarioth anerkannt h\u00e4tte, wenn sie Christum triebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat als sein letztes Verm\u00e4chtnis die lateinischen Worte auf dem Schreibtisch gefunden: \u201eDa\u00df niemand die heilige Schrift genugsam verschmeckt zu haben glaube, er habe denn hundert Jahre lang mit Christo und den Aposteln die Gemeinde regiert.\u201c Man mag sich wohl das Wort eines dem Tode Nahen merken: \u201ewir sind Bettler, das ist wahr,\u201c und das Gebet zu Herzen fassen: \u201eIch danke Dir, himmlischer Vater, da\u00df Du mir Deinen lieben Sohn Jesum Christum geoffenbaret hast, den ich geprediget und bekannt, den ich geliebt und gelobt habe\u201c, und dessen sich erinnern, da\u00df der unter dem Kreuze seines Heilandes mit Lebenskraft und der Aufgabe seines Lebens betraute Lehrer der Deutschen, der Gr\u00f6\u00dfte seit der Apostel Zeiten, sich des Einen r\u00fchmen durfte, die ganze Welt werde noch einmal \u00fcberzeugt werden, da\u00df Gott ihn darum gesandt habe, reine Wahrheit und Best\u00e4ndigkeit und rechte Erkenntnis Jesu zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es nun meine Aufgabe w\u00e4re, mit kurzen Worten die Theologie Luthers zu kennzeichnen, so w\u00fcrde ich auf seine Heidelberger Thesen vom Jahre 1518 zur\u00fcckgreifen, in denen er von der Theologie der Ehren<span id=\"Seite_5\" class=\"PageNumber\"><\/span> und der Theologie des Kreuzes handelt. Die eine zieht vor \u201edie Werke dem Leiden, die Ehre dem Kreuze, die Gewalt der Schwachheit, die Weisheit der Torheit, mit einem Wort das B\u00f6se dem Guten\u201c; die andere, die wahre Theologie und Erkenntnis in Christo, dem Gekreuzigten, flattert nicht gen Himmel und f\u00e4ngt nicht an mit ihren Gedanken und Spekulationen oben am Dache zu bauen, sondern denkt an den, der Wege und Br\u00fccken zu uns gemacht und gesprochen hat: ich steige vom Himmel zu dir hinab, werde Mensch, liege in der Krippen, leide und sterbe an dir,\u00a0\u2013 du glaube an mich und wage es auf mich, der ich f\u00fcr dich gekreuzigt bin. Kurz gesprochen: Luther lehrt uns, Christentum sei Zusammenschlu\u00df pers\u00f6nlichster Art mit der pers\u00f6nlichsten Offenbarung Gottes in Christo und zwar in dem Christus, der in den Mittelpunkt seines Erdenlebens das Kreuz gestellt hat, auf das sein Leben hinzielt, in dem es seinen H\u00f6hepunkt erreicht und von dem es die ganze Herrlichkeit ableitet, darum auch gew\u00fcrdigt sein will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christentum ist eben nicht ein noch so ausgef\u00fchrtes und ausgekl\u00fcgeltes System, nicht eine l\u00fcckenlos schlie\u00dfende Kette von Tatsachen mit logischen Folgerungen, sondern das Werk eines von Gott der Welt geg\u00f6nnten ewigen Erbarmers und die innere Gemeinschaft aller derer, die die sichtbaren und letzten Werke Gottes, die im Kreuz und Leiden erstehen, sich zueignen wollen. Nimmt man das Kreuz aus Christi Leben, so hat dieses Leben weder Spitze noch Ziel, weder Wertbedeutung noch Recht auf Wertsch\u00e4tzung. Und nimmt man Christum in seiner zentralen Bedeutung aus der Welt, so ist sie nicht zwar nur um einen Religionsstifter \u00e4rmer geworden, wohl aber um ihren einzigen wahren Freund, Heiland und Erl\u00f6ser. Leidenskraft haben auch andere Religionslehrer<span id=\"Seite_6\" class=\"PageNumber\"><\/span> gepriesen. Ich erinnere nur an den Verzicht, den der Buddha predigt und an den Fatalismus des Islam. Aber, da\u00df Leiden die Kraft des <i>Lebens<\/i> und Kreuz die St\u00e4rke des Daseins, beide Male von dem Kreuz her ist, hat nur Christus bezeugt. Religionsstifter hat es genug gegeben.\u00a0\u2013 Vor 600 und mehr Jahren hat am Hofe des Staufers Friedrich\u00a0<tt>II.<\/tt>, der auch durch Ihre Stadt gegangen ist, einer \u00fcber die drei gr\u00f6\u00dften Betr\u00fcger der Welt geschrieben, \u00fcber Moses, Christus und Mohammed.\u00a0\u2013 Aber so mit seiner Lehre eins, innerlich von ihr erfa\u00dft und von innen nach au\u00dfen sie bewahrend und bezeugend, mit sich ganz zusammenschlie\u00dfend, ist nur einer gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Eine, sagt Luther einmal (Erlanger Ausgabe Bd. 23), wird von dem Teufel mit drei Heerspitzen angegriffen: \u201e<i>eine will ihn nicht lassen Gott sein, eine will ihn nicht lassen Mensch sein und die dritte will ihn nicht lassen tun, was er getan hat<\/i>\u201c. W\u00fcrde Luther zu unseren Zeiten gelebt haben, so w\u00fcrde er vielleicht von einer vierten Heerspitze noch reden, die darauf hingeht, die Geschichtlichkeit und Pers\u00f6nlichkeit Jesu \u00fcberhaupt in Abrede zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den nennt man billig einen Toren, der ein feines R\u00e4derwerk einer in sich zusammengreifenden Uhr als unverursacht oder h\u00f6chstens durch eine Menge von Wirkungen erstanden erkl\u00e4ren wollte, die letztlich nicht von einem pers\u00f6nlichen Willen ausgehen. Aber wie sollen wir die Anschauung recht bezeichnen, welche die vier Evangelisten, arme Fischer und ungelehrte Z\u00f6llner, M\u00e4nner ohne Philosophie und ohne Phantasie, das Lebensbild eines Mannes zeichnen l\u00e4\u00dft, dessen Umrisse, Schattenrisse wie im Nebel im Alten Testament vorgezeichnet waren, ohne doch je zu einer Wirklichkeit gelangt oder in einer<span id=\"Seite_7\" class=\"PageNumber\"><\/span> Pers\u00f6nlichkeit dargelebt zu sein? Eine Christusidee, ein Erl\u00f6sermythus schwebt durch die Zeiten, der Wunsch, da\u00df er sein m\u00f6ge, wird der Vater des Gedankens, da\u00df er sei, und der Gedanke wiederum schafft das Lebensbild. Alle die Z\u00fcge, welche schlichte Beobachtung, einfache Betrachtung, aufmerksame J\u00fcnger sich gemerkt und aufbewahrt haben, sind die Dichtungen raffinierter Phantasten und religi\u00f6ser Hysteriker, welche so weit in ihrer Abgefeimtheit gehen, da\u00df sie in dieses also gezeichnete Lebensbild ihre eigene \u00c4rmlichkeit und Kleinlichkeit hineinreichen, damit sie mehr Glauben erwecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Napoleon\u00a0<tt>I.<\/tt> hat mit Recht gesagt, das Lebensbild Jesu zu erfinden sei gewi\u00df ein g\u00f6ttliches Werk, d.\u00a0h. nur Gott konnte dieses Lebensbild in seiner geschichtlichen Tats\u00e4chlichkeit vor den Augen armer Menschen sich vollziehen lassen, die es dann mit zitternder Hand und schwachem Griffel uns \u00fcberlieferten. Es sind nicht Zeichnungen auf Goldgrund, die Farben sind oft ungeschickt gew\u00e4hlt, der Griffel scheint beim Versuch, den k\u00fchnsten Zug zu f\u00fchren, abgebrochen, die Unzureichendheit der Darstellung wird durch die Unerreichbarkeit des Darzustellenden ebenso hervorgehoben wie diese durch jene. Aber die Schlichtheit ist Erweis der Wahrheit und die Wahrheit das Siegel auf die Wirklichkeit. Christus ist nicht die Projektion eines Begriffes, noch der armselige Versuch, eine Menge von Gedanken auf eine Person gleichsam zu fixieren, weder ein lichtes Wolkengebilde noch ein tr\u00fcber Schatten ri\u00df, sondern, \u201ewas wir gesehen mit unseren Augen, was wir geh\u00f6rt, was wir beschaut und unsere H\u00e4nde betastet haben\u201c,\u00a0\u2013 so wenig es auch war, weil das Ohr sein Wort nicht ganz erfassen und das Auge nicht ganz die Erscheinung in sich schlie\u00dfen und die H\u00e4nde nur zitternd an das Geheimnis r\u00fchren konnten\u00a0\u2013, das ist Wort des Lebens, Werk des Lebens und Leben selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Leben ist <i>Gott<\/i>, mit dem, der es gedacht und den Gedanken in das Wort und das Wort in die Person gefa\u00dft hat, wesenseins. Von Ewigkeit her hat Gott sich in sich selbst erschaut und an sich selbst erbaut und sich selbst sich anvertraut, und dieser Proze\u00df des Schauens, der Selbstschau, der Selbsterbauung und Selbstvertrauung ist ein pers\u00f6nlicher. Leiblichkeit, ob auch nicht nach unserem Sinn, ist und bleibt das Ziel der Wege Gottes. Dieses Ergebnis g\u00f6ttlicher Selbstschau, der Niederschlag g\u00f6ttlicher Selbsterfassung, der Widerhall des Gottrufes in die Weiten der Ewigkeit ist Christus, den die Kirche Gottes eingeborenen Sohn nennt, nicht als ob sie damit das absolut zutreffende und Christi Person v\u00f6llig deckende und aussch\u00f6pfende Wort gefunden h\u00e4tte\u00a0\u2013, das kann und wird ihr erst die Ewigkeit schenken, die von Begrifflichkeiten losmacht und in Anschaulichkeiten uns lehren will.\u00a0\u2013 Aber relativ am meisten und f\u00fcr die Zeitl\u00e4ufte, in denen wir uns befinden, am ehesten zutreffend ist das Bekenntnis der Kirche aller Zeiten, da\u00df Jesus Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, geboren, nicht geschaffen sei. \u201eW\u00e4re Christus nicht Gott\u201c, sagt Luther einmal, \u201eso h\u00e4tte Gott l\u00e4ngst alle unsere Theologen die Erde lassen verschlingen. Begreifen mag man\u2019s nicht, aber glauben kann man\u2019s. Glauben aber kann man nur an Gott.\u201c Wir sprechen n\u00e4her: Jesu Worte, mit denen er sich als den vom Vater Aus gegangenen und zum Vater Heimkehrenden bezeichnet, mit denen der arme Zimmermann von Nazareth die Zeit herannahen erkl\u00e4rt, in der man im Wetteifer Herr Herr zu ihm sagen werde, in denen er sich als den Lebens weg und die Lebenswahrheit und die Lebenseinheit mit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott bezeichnet, sind aus einem klaren Selbstbewu\u00dftsein erflossen, das weder die S\u00fcnde tr\u00fcben noch die Nichtanerkennung st\u00f6ren noch der v\u00f6llige Mi\u00dferfolg vernichten konnte. Nicht Gott zweiten Grades, was ein Widerspruch in sich selbst ist, nicht Gott in abgeleitetem Sinne, was Vernichtung der Gottwahrheit w\u00e4re, sondern v\u00f6llig eines Wesens mit Gott ist der, dem man, wie Schlatter sagt, mit tausend Huldigungen und den h\u00f6chsten Lobeserhebungen vergeblich naht, wenn man ihm nicht die eine Bezeichnung zukommen l\u00e4\u00dft, die nicht eine Huldigung, sondern nur die Anerkennung der Tatsache in sich schlie\u00dft: Sohn des lebendigen Gottes und darum Gott selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil er eben nicht <i>nur auf Gottes Seite steht<\/i>, sondern eins mit Gott ist, kann er <i>jede<\/i> Gottesidee in sich aufnehmen nicht nur, sondern in sich darstellen und auslegen, ihr zur vollen Gen\u00fcge, ohne doch seinerseits etwas zu verlieren. Sie gewinnt durch ihn, er verliert nichts an sie, sie wird durch ihn erf\u00fcllt, er nicht durch sie in seiner Gr\u00f6\u00dfe beeintr\u00e4chtigt. Welche Idee aber hat Gott von Anbeginn der auf den Punkt sich fixierenden Ewigkeit, den man Zeit nennt, mehr bewegt, als die eines Abbildes, das seine Wesensz\u00fcge an sich tr\u00fcge, ohne doch sein Wesen ganz zu ersch\u00f6pfen? Durch den Sohn hat er die Welt gemacht, in der Sohnesgeburt die <i>Menschheitsidee<\/i> gefa\u00dft, darum ist der Sohn m\u00e4chtig und willig, diese Idee in sich darzustellen. Er ist nicht nur der zweite, sondern der letzte <i>Mensch<\/i>, die Komplettierung des Menschheitsgedankens, den der Zwischeneintritt der S\u00fcnde aufhielt und verwirrte. Das Zerrbild im ersten Adam nach seiner Gottentfernung hat Christus entwirrt, aufgekl\u00e4rt und zurechtgestellt, so da\u00df die gesamte Menschheitsidee in ihm nicht nur verneut, sondern vollendet ist. Menschwerdung Christi ist, darin haben gro\u00dfe Denker recht, wenn auch der Gedanke an sich keine praktische Bedeutung hat, eine in ihm gelegene Notwendigkeit, ein Postulat seiner Liebe zu Gott, ja eine Pflicht seiner <i>Selbsterhaltung<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es irref\u00fchrend, ich finde aber kein anderes Wort f\u00fcr meine Anschauung als das: <i>W\u00e4re er nicht Mensch geworden, so w\u00e4re er nicht Gott geblieben.<\/i>\u00a0\u2013 Aber freilich, die Kirche redet nicht von dieser Menschwerdung metaphysischer Notwendigkeit, sondern von einer Menschwerdung, welche die furchtbare Diesseitigkeitsrealit\u00e4t der S\u00fcnde vernotwendigt hat, von einer durch die S\u00fcnde auf die Erde niedergezwungenen Gottesliebe, die zwischen den Reinen und die Unreinheit, zwischen den heiligen Gott und den heillosen Menschen in die Wahl gestellt, diesen und diese erkor und jenen lie\u00df. Mit der Kirche aller Zeiten bekennt Luther den Gehorsam des Menschensohnes, der die Menschheitsidee in ihrem Zerrbilde durchlebte, wie er sie in ihrem Urbild h\u00e4tte durchleben wollen und sollen. Er wei\u00df von einem Gehorsam, der Gottes eingebornen Sohn an Geb\u00e4rden, in Reden und Schweigen, in Wachen und Schlafen, in Begehr und Verzicht ganz Mensch werden und sein lie\u00df, also da\u00df er die Folgen der S\u00fcnde von uns auf sich nahm, ohne ihr in seiner Innerlichkeit den Eintritt zu verstatten. Er hat die Schuld unverschuldet und die Strafe, ohne sie verwirkt zu haben, und den Zorn, ohne ihn verdient zu haben, und den Tod, ohne ihn mit irgendeinem Hauch seines Wesens an sich erlebt zu haben, er hat alle diese unbekannten Gr\u00f6\u00dfen zur Wirklichkeit seines Lebens gemacht, gehorsam bis zum Kreuze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er das nicht getan h\u00e4tte, so w\u00e4re unsere Erl\u00f6sung ein Phantom, wir m\u00fc\u00dften von Ketten und Banden zu einem reden, der <i>um sie<\/i>, aber nicht <i>sie<\/i> w\u00fc\u00dfte, die Krankheit einem klagen, der aus dem tausendfachen R\u00f6cheln einer todgeweihten<span id=\"Seite_11\" class=\"PageNumber\"><\/span> Menschheit den Schlu\u00df auf die Furchtbarkeit des Leidens ziehen konnte, das er selbst nie empfand. Was f\u00fcr uns Kraft und Krone unseres Christenstandes ist, Ehrenpreis seines Gottlebens, w\u00e4re ein leerer Schall, ja nie erklungen, das Kreuz st\u00fcnde unverstanden in der Welt, denn alle, die sich und ihr Leben an das Marterholz gewagt h\u00e4tten, w\u00e4ren an ihm nicht einmal sich zur Gen\u00fcge, geschweige denn Gott zur Befriedigung, verblutet und das Grab w\u00e4re das begr\u00fc\u00dfenswerte Ziel einer um Befreiung ringenden und in solchem fruchtlosen Ringen todmatt gewordenen Menschheit. Aber Christus hat, aller Dinge seinen Br\u00fcdern gleich, allerorten und allerart versucht, von Feinden bedroht, von Freunden verlassen, vom Schn\u00f6den umgaukelt, von der Wirklichkeit verletzt, durch gute Ger\u00fcchte und b\u00f6se Ger\u00fcchte verfolgt, ge\u00e4ngstet, geschm\u00e4ht, verl\u00e4stert, verlassen, sein gottinniges und gottgem\u00e4\u00dfes Leben am Kreuze Kraft um Kraft, Gabe um Gabe, Zug um Zug geopfert und die furchtbare Friedlosigkeit eines verfehlten Lebens anstatt der vor ihm liegenden Heimatfreude erw\u00e4hlt, damit der Gedanke an die Menschheit dem Vater wieder Freude und dieser Gedanke der Menschheit Friede w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesem Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, r\u00fchmt der Apostel, der am tiefsten in die Zusammenh\u00e4nge von S\u00fcnde und Gnade, von Tod und Leben Einschau gehalten hat: Er ist unser Friede. In ein kaltes Grab gesenkt, hat sein gottmenschlicher Leib kraft der ihm innewohnenden Reaktion gegen Todesfolge und Todesschmach die Riegel des Todes gesprengt und f\u00fcr uns das Sterben in die Wunderbarkeit eines harrenden Schlafes, in einen <tt>dulce somnium sine somno<\/tt> verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00f6\u00dfte neutestamentliche Theologe der Jetztzeit r\u00e4t, da\u00df alle Theologen wenigstens einmal im Jahr das 15.\u00a0Kapitel<span id=\"Seite_12\" class=\"PageNumber\"><\/span> des 1.\u00a0Korintherbriefes lesen m\u00f6chten, dann werde man vieler leerer und m\u00fc\u00dfiger Fragen loswerden. Nein, kein Wundermensch und doch das gr\u00f6\u00dfte Wunder, kein menschlicher Heros und doch der gr\u00f6\u00dfte Held, kein Genie und doch die h\u00f6chste Weisheit, kein Talent, und doch die h\u00f6chste Gabe und Kraft, so ist Christus wahrer Mensch, Wirklichkeitsmensch, in allen St\u00fccken, auf allen Wegen der Mensch, nicht ein Mensch, mit dem Leide unzertrennlich verbunden, seine Spuren auch in der Herrlichkeit noch tragend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein schlichtes, ein ungelehrtes und doch aller Weisheit h\u00f6chste Summe in sich begreifendes Bekenntnis: wahrer Mensch und wahrer Gott, den man bitten darf, weil er Mensch ist, zu dem man beten kann, weil er Gott ist, mit dem man br\u00fcderlich redet, weil er die erste Andeutung versteht, zu dem man sich aller Macht versieht, weil er g\u00f6ttlicher Art ist. Es ist Luthers h\u00f6chstes Verdienst, da\u00df er auf dem Hintergrunde einer vollen Menschheitsgeschichte und Menschheitsgestalt das lichte Gottesbild sich abheben l\u00e4\u00dft, er geht ganz in die Tiefe des tats\u00e4chlichen Erdenlebens, das der Heiland durchmessen hat, um uns auf die H\u00f6he zu geleiten, die er jetzt einnimmt, zu der er die ganze Menschheitsgeschichte gleichsam ihr Los antizipierend erhob. \u201eIch, erh\u00f6ht von der Erde, will sie alle zu mir ziehen,\u201c gleich wie ihn das All der Menschheitsgeschichte zu sich in die Schmach herabzog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir an der Wahrheit und der Geschichtlichkeit Jesu Christi, dem sein Menschheitsleben nichts von seiner G\u00f6ttlichkeit abdrang, festhalten, so wissen wir uns von ihm jederzeit verstanden und dann am meisten, wenn wir uns selbst ein R\u00e4tsel sind. Er hat die Gebundenen von dem eigenen Ich, das Grundwesen und Vollzug des Leides bedeutet, dadurch befreit, da\u00df er sich an<span id=\"Seite_13\" class=\"PageNumber\"><\/span> dieses Ich des Fluches band, und die an der Zeiten und Zeitfragen Fl\u00fcchtigkeit und Nichtigkeit Verkauften hat er dadurch gel\u00f6st, da\u00df er seine Ewigkeit und ihre Reinheit an den Augenblick und seine S\u00fcnde wagte. Die umstrittene Seele, um die Gottes Gnadenabsicht und der peinvolle Neid des Verf\u00fchrers k\u00e4mpften, hat er in seinem Ringen gewonnen, von Gott seinem Vater dem Feinde ausgeantwortet und \u00fcberlassen, der ihn seine Fr\u00f6mmigkeit aufgeben, von Gott Abschied nehmen und ihn erw\u00e4hlen lie\u00df. Fortan liegt die L\u00f6sung des Menschheitsr\u00e4tsels in der Erl\u00f6sung, und in dem Kreuz, dem Zeichen des h\u00f6chsten Widerspruchs, den es mit der sieghaften Majest\u00e4t endlichen Triumphes herausfordert, liegt das Heil der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verehrte Anwesende, das sind keine neuen Gedanken, aber Gedanken, die immer wieder neu werden und den ihrer froh sein lassen, der ihnen mit ganzem Herzen nachh\u00e4ngt. \u201eSo ist nun dieser Artikel, da\u00df Christus wahrer nat\u00fcrlicher Gott und Mensch sei, unser Fels, darauf unser Heil und unsre Seligkeit gegr\u00fcndet ist.\u201c \u201eDiese Lehre ist wahrlich kein verschlossenes Schlo\u00df und Riegel, wer neben ihr vorbeigeht, trifft das Rechte nimmermehr.\u201c Sie wissen, in welch\u2019 bewegter Zeit wir leben. Das Wort vom Kreuz ist nicht blo\u00df in sich selbst und als solches eine Torheit, sondern wird als t\u00f6richte Erfindung etlicher unfolgerichtig und unklar denkender Schw\u00e4rmer dargestellt und entlarvt. Nicht da\u00df es \u00fcber die Wege der Kultur als m\u00fc\u00dfiges Querholz gelegt ist, macht sein \u00c4rgernis aus, sondern das ist der eigentliche Ansto\u00df an ihm und in ihm, da\u00df es die widerstrebendsten Begriffe in sich zu vereinen vorgibt und dem Unendlichkeitsfortschritt der Welt in ebenso plumper als unn\u00fctzer Weise wehrt. Es hat eine Zeit gegeben, wo die W\u00e4nde kaiserlicher Pal\u00e4ste und die Mauern der Kasernen von Karikaturen des Kreuzes bedeckt waren, damit man sehen m\u00f6chte, welch einem erb\u00e4rmlichen Machwerk tr\u00fcbster und unklarster Mystik die Sekte der Nazarener nachh\u00e4nge. Aber diese Zeit hat in ihrem Scho\u00dfe die gro\u00dfen Apologeten der Tat geborgen, die in den Tod hineinjauchzenden M\u00e4rtyrer, die Frauen und zarten Jungfrauen, welche f\u00fcr das Kreuz und den es Tragenden und den von ihm Getragenen ihr Leben in den Tod zu geben sich freuten, die aus dem dunklen n\u00e4chtigen Himmel einer christusfernen und feindlichen Welt leuchteten wie einsame Sterne, die ihre stille Bahn der Morgenr\u00f6te zu ziehen, die gro\u00dfen Gestalten, die jetzt n\u00e4her als vor Jahrhunderten zu uns herniedergr\u00fc\u00dfen, Rufer zum Kampfe, Propheten des Sieges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der heutige Tag hei\u00dft der Tag Concordiae. Sollten unsere V\u00e4ter recht behalten, die behaupteten, mit Luther sei die Eintracht gestorben, sollte nicht vielmehr der heutige Sonntag mit dem alten Introitus des 71.\u00a0Psalm (Vers\u00a03) uns mit all unserer Not, mit der tiefbegr\u00fcndeten Selbst anklage und Selbstverurteilung, mit der wehmutsvollen Klage \u00fcber Entzweiung und Entfremdung uns desto fester das Kreuz umfassen lassen, an dem eine Welt versank, um in ihm zu erstehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Echt protestantisch erheben wir Herzen und H\u00e4nde zum Treuschwur, in der Freiheit bestehen zu wollen, mit der uns Christus befreit hat, nicht mit erborgten St\u00fctzen das zu halten, was entweder in sich selbst Halt besitzt oder haltlos versinken m\u00fc\u00dfte, mit dem stolzen Wahrspruch: wir k\u00f6nnen nichts wider die Wahrheit. Echt lutherisch sehen wir nicht in eine sinkende Abendr\u00f6te eines besseren Tages, sondern hoffend zur Morgenr\u00f6te des Tages, an dem Recht Recht bleibt. Als Leute, die Prophetengr\u00e4ber nicht mit Redeblumen und stark duftenden<span id=\"Seite_15\" class=\"PageNumber\"><\/span> und schnell verwelkenden Bl\u00fcten schm\u00fccken, bitten wir, unseren toten Vater damit ehren zu d\u00fcrfen, da\u00df wir leben wie er\u2019s w\u00fcnscht, engen Gewissens und weiten Herzens, treu im Erdenberuf, der dem Himmelsberuf dient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber mehr als protestantische Hoffnung und lutherischer Glaube bedeutet, und h\u00f6her als diese tiefen markigen Kl\u00e4nge geht das hohe Lied der Liebe, in der wir Knechte des Kreuzes und der von ihm Erl\u00f6sten bleiben wollen. Diese Liebe h\u00f6rt nimmer auf und f\u00e4llt nicht dahin, wenn auch ihre S\u00e4nger und Tr\u00e4ger von hinnen ziehen. Sie gehen durch die Zeitlichkeit hindurch, um in der Vollendung ein neues Lied und eine alte Liebe zu haben und zu \u00fcben. Gott, der das Geheimnis der Passion in Christo geoffenbart und in den Ernst der Passion des Lebens gesetzt hat, verleihe Ihnen und mir Kraft, Mut und Freude des Kreuzes und durch dies alles das Erlebnis seines Sieges an uns und unserem Volke.<\/p>\n<p><em> Dr. Hermann von Bezzel, Oberkonsistorial-Pr\u00e4sident<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Vortrag zu Eisenach gehalten am Sonntage Estomihi 1912<br \/>\nVerlag Trowitzsch &amp; Sohn, Berlin 1912<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Christentum_und_Kreuz\">https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Christentum_und_Kreuz<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vortrag zu Eisenach gehalten am Sonntag Estomihi 1912 Verehrte Anwesende! Heute vor 366 Jahren ist in Eisleben der Mann gestorben, dessen Andenken mit Ihrer sch\u00f6nen Stadt aufs Innigste verbunden ist. Wir gedenken unseres Lehrers Martin Luther als eines Zeugen, der im Glauben redet, obgleich er gestorben ist, und wissen, da\u00df sein Glaube nicht diplomatisches [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":453,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14276"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/453"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14276"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14276\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14283,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14276\/revisions\/14283"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}