{"id":14268,"date":"2017-01-11T16:21:00","date_gmt":"2017-01-11T15:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14268"},"modified":"2017-01-11T16:25:35","modified_gmt":"2017-01-11T15:25:35","slug":"wahrheit-und-toleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14268","title":{"rendered":"Wahrheit und Toleranz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nach Lessing haben alle Religionen einen gemeinsamen Kern. Dieser Kern ist die t\u00e4tige Liebe. Streitobjekt in der Ringparabel aus Lessings St\u00fcck \u201eNathan der Weise\u201c sind drei Ringe, bei denen man nicht mehr feststellen kann, welcher der echte Ring ist. In dieser Parabel erben drei Br\u00fcder einen Ring; die drei Ringe sehen alle gleich aus, aber nur einer ist echt. Es stellt sich schlie\u00dflich auch heraus, dass es unbedeutend ist, welcher Ring der echte ist. Der Kern der drei Religionen Christentum, Judentum und Islam ist t\u00e4tige Liebe. Man kann in der Liebe t\u00e4tig sein, egal, ob der Ring, den man tr\u00e4gt (bzw. die Religion, an die man glaubt), echt ist oder nicht. Man braucht ihn dazu nicht. Dieses Bild von den drei Ringen hat viele Zuschauer und Leser bis heute \u00fcberzeugt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Ring oder Seil?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Bilder haben eine gro\u00dfe Suggestivkraft und nehmen einen Teil der Antwort vorweg. Das gilt auch f\u00fcr Lessings Bild von den Ringen. H\u00e4tte Lessing ein biblisches Bild genommen, dann s\u00e4he der logische Schluss der Parabel anders aus. H\u00e4tte er stattdessen zum Beispiel das Bild eines Seils gew\u00e4hlt, verliefe die Diskussion erheblich anders. Nehmen wir einmal an, drei Leute wollen einen Berg besteigen und brauchen dazu ein Seil. Sie haben drei Seile zur Auswahl, aber nur eines ist ein echtes, strapazierf\u00e4higes Kletterseil. Fadenscheinige Seile n\u00fctzen dann nichts. Von der Frage, welches Seil das echte, tragf\u00e4hige ist, h\u00e4ngt beim Bergsteiger das Leben ab. So leichtfertig kann man mit der Wahrheitsfrage im religi\u00f6sen Bereich nur umgehen, wenn man glaubt, dass nichts davon abh\u00e4ngt. Dann kann man auch sagen: Egal, welcher Ring der richtige ist, ich bin t\u00e4tig in der Liebe; das ist es ja, worauf es ankommt, und da ist die Frage nach dem Ring oder der wahren Religion eigentlich unwesentlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man aber das Beispiel des Seils w\u00e4hlen w\u00fcrde, dann w\u00fcsste man: Von der richtigen Wahl h\u00e4ngt alles ab. Wenn es zwei falsche Seile gibt, k\u00f6nnte mich mein Freund irrt\u00fcmlich mit einem schnell zerrei\u00dfbaren Seil sichern wollen. Im Hebr\u00e4ischen hei\u00dft \u201eglauben\u201c, dass man etwas als fest, als zuverl\u00e4ssig akzeptiert und sich darauf verl\u00e4sst. Nur dann werden wir Bestand gewinnen. Der Mensch hat sich ja nicht selbst geschaffen und ist deshalb darauf angewiesen, dass er sich irgendwo festmacht. Das Leben liegt nicht in uns selbst, wir haben es nicht hervorgebracht, auch nicht unser eigenes Leben. Wir sind geschaffen worden. Und durch den S\u00fcndenfall haben wir uns vom Ursprung des Lebens getrennt. Deshalb liegt f\u00fcr uns alles daran, dass wir uns wieder am Leben festmachen, um selber bestehen zu k\u00f6nnen und Bestand zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Was ist eigentlich Toleranz? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Toleranz zu reden hat nur in Gewissensfragen Sinn, aber nicht in Wissensfragen. Diese beiden Dinge werden h\u00e4ufig vermischt. Toleranz kommt vom Lateinischen \u201etolerare\u201c, etwas erdulden. Toleranz bedeutet urspr\u00fcnglich, dass man eine Last tr\u00e4gt, indem man einen anderen toleriert, ihn annimmt trotz unterschiedlicher Meinung. In Gewissensfragen ist Toleranz wichtig. Sie bedeutet, dass man die Person achtet, obwohl man anderer Meinung ist. Aber in Wissensfragen ist Toleranz unsinnig. Nehmen wir an, jemand glaubt, zwei und drei seien sechs. Dann w\u00e4re es nicht unbedingt ein Zeichen von Toleranz, wenn man ihn H\u00e4user und Br\u00fccken bauen lie\u00dfe, weil die Sache aufgrund seiner Berechnungen wahrscheinlich ziemlich \u00fcbel ausgehen w\u00fcrde. Und was hei\u00dft Toleranz, wenn jemand sagt: \u00abIch muss in die Hauptstadt Russlands\u00bb und sich ein Ticket nach Kiew kauft? Soll man ihn auf den Irrtum aufmerksam machen? Er wird es ja schlie\u00dflich bei der Ankunft schon merken, dass er nicht dort angekommen ist, wo er hinwollte. Goethe hat gesagt, Toleranz dieser Art hei\u00dfe, dass man den Menschen nicht ernst nehme. In der Sache, in Wissensfragen, ist Toleranz unsinnig. \u201eZwei und drei sind f\u00fcnf\u201c \u2013 was hei\u00dft da Toleranz? Kiew ist nicht die Hauptstadt Russlands. Auch ein Staat kann nicht in allen Punkten tolerant sein, zum Beispiel in der Frage der Gewalt, die gegen Menschen ausge\u00fcbt wird. Er muss seine B\u00fcrger gegen Gewalt sch\u00fctzen, notfalls mit Gewalt. Da gibt es eine Grenze der Toleranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zusammenhang mit dem angloindischen Schriftsteller Salman Rushdie wurde seinerzeit eine wichtige Debatte in der europ\u00e4ischen Presse gef\u00fchrt. In England hatte jemand in einem Buch behauptet, wer nach islamischem Recht Blasphemie begehe, sei auch in England des Todes schuldig. Der Westen m\u00fcsse das islamische Recht respektieren. Der Westen sage doch immer, er sei multikulturell. Dann m\u00fcsse er auch diese Kultur respektieren. Dem steht entgegen, dass im Gegensatz zu vielen arabischen L\u00e4ndern in Europa die Meinungsfreiheit f\u00fcr ein so hohes Menschenrecht angesehen wird, dass es \u00fcber das Recht der T\u00f6tung wegen Blasphemie im Islam geht. Wir sagen eben nicht: Alle Kulturen sind gleich und alle haben die gleiche Berechtigung. Das glaubt kein Mensch. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat dazu geschrieben: <em>\u201eWer immer in Europa sagt, alle Kulturen seien ebenb\u00fcrtig, w\u00fcrde es normalerweise dennoch nicht sch\u00e4tzen, dass man ihm f\u00fcr einen Steuerbetrug die Hand abhackt oder ihn der \u00f6ffentlichen Auspeitschung \u2013 beziehungsweise im Falle einer Frau der Steinigung \u2013 unterw\u00fcrfe, falls er mit einer anderen Person als der rechtm\u00e4\u00dfigen Gattin (beziehungsweise dem Gatten) schliefe. Wenn man in einem solchen Fall sagt: \u2039Das ist das Gesetz des Korans, man muss die anderen Traditionen respektieren\u203a, so sagt man in Wirklichkeit:\u2039Das w\u00e4re entsetzlich f\u00fcr uns, aber f\u00fcr die Wilden ist es richtig\u203a.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man \u00e4u\u00dfert folglich nicht so sehr Respekt als vielmehr Verachtung f\u00fcr andere Traditionen, und zur Beschreibung dieser Einstellung ist der Satz \u201ealle Kulturen sind ebenb\u00fcrtig\u201c am wenigsten geeignet. Der Gedanke, alle Kulturen seien gleich zu achten, ist in der Realit\u00e4t nicht durchzuhalten. Diesen Luxus kann man sich nur in Europa leisten, weil man mit den anderen Kulturen nichts zu tun hat und selbst nicht von ihnen betroffen ist. So jedenfalls sieht es Kolakowski. Auch hier werden Grenzen der Toleranz sichtbar. Wenn alle Kulturen gleich zu achten sind, dann gibt es in vielen F\u00e4llen keinen Schutz f\u00fcr die Opfer. Nur wenn wir \u00fcbergeordnete Werte akzeptieren wie die Menschenrechte, haben wir ein Argument gegen die T\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Ist der Hinduismus eine tolerante Religion? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel, auf das beim Thema Toleranz immer wieder positiv hingewiesen wird, ist der Hinduismus. Oft wird er als Inbegriff der Toleranz dargestellt. Gandhi sagte einmal: <em>\u201eIch kann nicht sagen, dass, weil ich Gott auf diese Weise gesehen habe, die ganze Welt ihn auf diese Weise sehen m\u00fcsse. (&#8230;) Die Religion eines anderen Menschen ist f\u00fcr ihn ebenso wahr, wie es die meine f\u00fcr mich ist. Ich kann nicht \u00fcber seine Religion richten. (&#8230;) Es gibt keine Religion, die absolut vollkommen w\u00e4re. Alle sind sie unvollkommen oder mehr oder minder unvollkommen.\u201c <\/em>Das klingt tolerant. Ist hier nicht jeder respektiert? Hat man hier nicht auf ein Urteil verzichtet, das keinem zusteht, weil wir doch alle nur Menschen sind? Ist das nicht ein Modell f\u00fcr den Dialog der Religionen? Ist das nicht ein Modell f\u00fcr ein friedliches Verh\u00e4ltnis der Religionen, in dem alle zu ihrem Recht kommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf kann man antworten: Ein Jude und ein Christ wissen vom konkreten Gotteshandeln in der Geschichte. Ein Hindu erkl\u00e4rt uns glatt: Das kannst du gar nicht wissen. Schon hier stehen wir vor der Entscheidungsfrage: Gibt es eine Offenbarung oder nicht? Woher wei\u00df der Hindu eigentlich, dass ich nichts Definitives von Gott wissen, \u00fcber ihn aussagen kann? Ist nicht gerade derjenige intolerant, der es schon vorher ganz genau wei\u00df: Es kann keine pers\u00f6nliche Offenbarung Gottes in der Weltgeschichte geben? Ist nicht gerade derjenige intolerant, der schon vorher genau wei\u00df: Es kann uns in Jesus Christus nicht Gott pers\u00f6nlich begegnet sein? M\u00fcsste sich demgegen\u00fcber nicht gerade ein toleranter Mensch hier ganz zur\u00fccknehmen? M\u00fcsste er nicht sagen: Das muss ich offen lassen? Es k\u00f6nnte sein, dass Jesus Christus der einzige Weg ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Begegnung von christlichem Glauben und Hinduismus geht es nicht etwa um die Konfrontation einer intoleranten, dogmatischen mit einer toleranten und undogmatischen Religion. Vielmehr hat auch der Hinduismus sein Dogma: das Dogma der prinzipiellen Unerkennbarkeit Gottes. Dieses steht im zentralen Widerspruch zum biblischen Zeugnis vom Handeln und Reden des dreieinigen Gottes in der Geschichte der Menschheit. Wir stehen vor einem letzten, un\u00fcberwindbaren Gegensatz der Grund\u00fcberzeugungen. Wer sich auf das hinduistische Grunddogma einl\u00e4sst, hat keine M\u00f6glichkeit, den Kern des christlichen Glaubens ernst zu nehmen oder gar anzunehmen. Man kann nicht sagen, dass der Hinduismus oder der Pluralismus tolerant w\u00e4ren. Die Toleranz des Hinduismus ist eigentlich nur tolerant gegen\u00fcber der hinduistischen Auffassung, nicht gegen irgendeine andere Auffassung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Toleranz des Pluralismus ist nur tolerant gegen\u00fcber dem Pluralismus, nicht gegen irgendeine andere Auffassung. Und zwar kommt die Intoleranz im Pluralismus und Hinduismus immer da zum Tragen, wo eine andere Weltanschauung oder Religion sagt: Das, was ich sage, ist die Wahrheit. In dem Moment werden Hinduismus und auch Pluralismus intolerant. Sie sagen, das stimmt nicht. Das lassen sie gerade nicht gelten. Der Pluralismus geht davon aus, alle Religionen seien kulturabh\u00e4ngig. Dieser Vorwurf stimmt am ehesten beim Pluralismus selbst. Er hat sich entwickelt, als man etwa im wirtschaftlichen Bereich \u00fcberall w\u00e4hlen konnte. Dieses Prinzip der Wahlm\u00f6glichkeit hat man auch auf den religi\u00f6sen Bereich \u00fcbertragen. Gerade der Gedanke des Pluralismus ist ein offenkundiges Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Menschen die Erfahrung machen, dass wir in allen Bereichen unseres Lebens w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Das \u00fcbertragen viele auf die Gottesfrage. Diese \u00dcbertragung gelingt nur deshalb, weil man davon \u00fcberzeugt ist, dass von der Gottesfrage nichts abh\u00e4nge. Es geht nicht um das Seil, sondern nur um den Ring, weil der Kern der Religion die t\u00e4tige Liebe ist. (Wobei diskutiert werden m\u00fcsste, ob die t\u00e4tige Liebe wirklich der Kern der Religion ist.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Alle Religionen gleich? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sagt, alle Religionen seien gleich und wollten das Gleiche, hat sich noch nicht einmal oberfl\u00e4chlich mit ihnen besch\u00e4ftigt. Denn selbst bei oberfl\u00e4chlichster Betrachtung der Religionen wird man feststellen, dass es Unterschiede gibt, die nicht kompatibel sind. Zum Beispiel besteht ein ganz wesentlicher Unterschied darin, ob man denkt: \u201eDie Materie ist schlecht; wir wollen aus der Materie, aus dem Leiden und der Realit\u00e4t ins Nirwana entfliehen und hoffen auf dieses Aufgehen im Nichts\u201c \u2013 oder ob man sagt: \u201eDie Materie ist gut, es gibt eine leibliche Auferstehung der Toten.\u201c Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Wie ein Satz \u00fcber ein historisches Ereignis nur wahr oder nicht wahr sein kann, so kann auch in dieser Frage nur gelten: Entweder ist das eine wahr oder das andere. Es kann nicht beides wahr sein. Wahrheit kann nicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Man kann niemanden mit Gewalt dazu zwingen, zu glauben, dass zwei und drei f\u00fcnf ist. Wer sagt, das sei sechs, ist auch mit Gewalt nicht zu einer anderen Meinung zu bringen. Das hei\u00dft nicht, dass man sich nicht vor Leuten sch\u00fctzen muss, die sagen, zwei und drei ist sechs. Man sollte sie keine Br\u00fccken und H\u00e4user bauen lassen. Aber Wahrheit kann nicht erzwungen werden. Deshalb muss man Meinungs\u00e4u\u00dferungen gegen\u00fcber tolerant sein, aber nicht unbedingt den Konsequenzen gegen\u00fcber, die sich aus diesen Meinungen oder aus Denkhaltungen ergeben. Eine unbegrenzte Toleranz kann kein Staat einfach hinnehmen, er muss bestimmte Grenzen setzen. Folglich kann Toleranz nicht der oberste Ma\u00dfstab sein. Es muss auch Grenzen der Toleranz geben, und zwar in Wissens- und Sachfragen, weil es unsinnig ist, alle Wissensaussagen einfach tolerant hinzunehmen. Ebenso muss es Grenzen der Toleranz geben, weil sonst die Menschenrechte verletzt werden. Bei grenzenloser Toleranz gibt es keinen Schutz der Opfer oder der Schw\u00e4cheren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. J\u00fcrgen Spiess, Jg. 1949, verheiratet, eine Tochter; Beruf: Historiker, Leiter des Instituts f\u00fcr Glaube und Wissenschaft mit Sitz in Marburg (www.iguw.de); Wohnort: Marburg; Hobby: Lesen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Ethos, 11\/2016 (<a href=\"http:\/\/www.ethos.ch\">www.ethos.ch<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>Die Zeitschrift Ethos erscheint zw\u00f6lf Mal j\u00e4hrlich und kann <a href=\"http:\/\/www.ethos.ch\/bestellen\">hier<\/a> abonniert werden.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Lessing haben alle Religionen einen gemeinsamen Kern. Dieser Kern ist die t\u00e4tige Liebe. Streitobjekt in der Ringparabel aus Lessings St\u00fcck \u201eNathan der Weise\u201c sind drei Ringe, bei denen man nicht mehr feststellen kann, welcher der echte Ring ist. 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