{"id":14186,"date":"2016-12-09T13:12:19","date_gmt":"2016-12-09T12:12:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14186"},"modified":"2016-12-09T18:22:30","modified_gmt":"2016-12-09T17:22:30","slug":"wie-kams-denn-dazu-kirchliche-entwicklungen-in-wuerttemberg-seit-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=14186","title":{"rendered":"Wie kam&#8217;s denn dazu? Kirchliche Entwicklungen in W\u00fcrttemberg seit 1945"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich war der Pietismus in W\u00fcrttemberg durch Pfarrer ins Leben gerufen worden. Wie kam es denn zu dem heute so starken Misstrauen zwischen Pfarrern und Pietisten? Durch mehr als zwei Jahrhunderte gab es in W\u00fcrttemberg den Pietismus nur vor Ort als Gemeinschaftsstunde; landesweite Verb\u00e4nde landeskirchlicher Gemeinschaften gab es erst seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Sie waren schwache Gebilde mit einem Mini-Stamm hauptamtlicher Mitarbeiter. Wie kam es denn dazu, dass gerade in W\u00fcrttemberg sich der Pietismus zu einer geachteten und auch gef\u00fcrchteten Gr\u00f6\u00dfe zusammenfand?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ganze Generation lang war die w\u00fcrttembergische Pfarrerschaft stark gepr\u00e4gt durch die Bibelauslegung von Adolf Schlatter und durch die Theologie von Karl Heim. Wie kam es denn blo\u00df dazu, dass diese Pr\u00e4gung voll Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift so stark verlorenging?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bekennende Kirche hatte eigentlich die konsistoriale Verwaltungskirche abschaffen wollen, auch das Ausbildungsmonopol der staatlichen Theologischen Fakult\u00e4ten. Wie kam es denn dazu, dass die Verwaltungskirche immer st\u00e4rker ausgebaut wurde? Wie kam es dazu, dass nur noch an Universit\u00e4ten Ausgebildete eine Chance hatten, in den Pfarrdienst \u00fcbernommen zu werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den Wirren des Kirchenkampfes im Hitlerstaat war die Evangelische Landeskirche in W\u00fcrttemberg herausgekommen mit einer un\u00fcberbietbaren Treue zum Landesbischof, auch mit einer vertrauensvollen Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Oberkirchenrat. Wie kam es aber dann dazu, dass heute der Wille zum Leiten ebenso schwach erkennbar ist wie die Bereitschaft zum Sich-leiten-Lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solchen Fragen muss nachgegangen werden. Andernfalls werden kirchliche Vorg\u00e4nge nur vordergr\u00fcndig beurteilt. Die Antworten k\u00f6nnen unterschiedlich ausfallen. Aus meiner Erfahrung und aus meiner Sicht jedoch m\u00f6chte ich das Folgende beitragen &#8211; mit der Bitte um Korrektur, Erg\u00e4nzung oder Widerspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1945 &#8211; kein Zusammenbruch der Kirche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1945 endete das Deutsche Reich im &#8222;Zusammenbruch&#8220;. F\u00fcr die Kirche jedoch war es kein Zusammenbruch. Sofort nach dem Einmarsch der Besatzungsm\u00e4chte rief sonnt\u00e4glich wieder die auf dem Kirchturm \u00fcbrig gelassene Glocke zum Gottesdienst. Zwar gab es damals noch keine Rundfunksendungen, keine Tageszeitungen; die Schulen waren noch geschlossen. Aber die Kirche lebte. Auf Wunsch und mit Billigung der Besatzungsm\u00e4chte wurde an Pfarrh\u00e4usern und kirchlichen Geb\u00e4uden &#8222;Off-Limits&#8220;-Hinweise angebracht. Kein kirchliches Geb\u00e4ude wurde gepl\u00fcndert, kein Pfarrhaus musste ger\u00e4umt werden. &#8222;Durch G\u00fcte&#8220; von Pfarrhaus zu Pfarrhaus spedierte Briefe erreichten in erstaunlich kurzer Zeit ferne Ziele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Wenn der Herr die Gefangenen Zions erl\u00f6sen wird, so werden wir sein wie die Tr\u00e4umenden.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben noch hatten Gottesdienstbesucher zu f\u00fcrchten, dass ihr Name auf &#8222;schwarze Listen&#8220; k\u00e4me. Nun aber waren mit einem Mal die Gottesdienste bis auf den letzten Emporenplatz der Kirchen besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben noch hatten Pfarrer zu f\u00fcrchten, wegen eines einzigen missdeuteten Wortes als Volksverr\u00e4ter denunziert zu werden. Bald nach 1945 jedoch wurden Pfarrer von bisherigen Parteimitgliedern gebeten, ihnen Entlastungszeugnisse auszustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben noch war bei Tag und Nacht das Firmament erf\u00fcllt vom Dr\u00f6hnen alliierter Bomberstr\u00f6me. Aber schon bald nach 1945 leisteten die Kirchen der Siegerm\u00e4chte Hilfe zum \u00dcberleben und zum kirchlichen Wiederaufbau &#8211; angefangen von Trockenmilch f\u00fcr hungernde Kinder \u00fcber Papier zum Bibeldruck bis hin zu ganzen Notkirchengeb\u00e4uden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben noch war der Staat mit seiner Verwaltung &#8211; hinunter bis zum letzten d\u00f6rflichen B\u00fcrgermeister &#8211; eine Macht gewesen, welche die Kirche zu erdr\u00fccken schien. Nun aber wurde schon in den Anf\u00e4ngen staatlichen Neubeginns die &#8222;Verantwortung vor Gott&#8220; bewusst in die neuen Landesverfassungen aufgenommen; Religionsunterricht war garantiert als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren damals benommen. Wir konnten das alles nicht recht registrieren, nicht recht bewerten. Erst sp\u00e4ter begriffen wir nach und nach: dass die zur\u00fcckliegende Zeit, da Evangelische Jugendarbeit auf rein Religi\u00f6ses beschr\u00e4nkt war, auch einen Gewinn darstellte; dass die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig vielen zum Kriegsdienst eingezogenen Pfarrer damit auch aus dem Elfenbeinturm normaler Theologenexistenz herauskamen, ja dass viele dabei auch Leitungsverantwortung und F\u00e4higkeit zu raschen Entschl\u00fcssen lernten; dass der Verk\u00fcndigungsdienst von Laien, gerade auch von Frauen, nicht nur eine Notma\u00dfnahme f\u00fcr sonst geistlich nicht versorgte Gemeinden sein durfte; dass die in w\u00fcrttembergische Orte hineinbrandenden Str\u00f6me von Fl\u00fcchtlingen und Neub\u00fcrgern nicht nur Last, sondern auch Bereicherung des ganzen kirchlichen Lebens bedeuteten; dass die evangelisch-katholische Gastfreundschaft bei der \u00dcberlassung kirchlicher R\u00e4ume nicht nur eine vor\u00fcbergehende Bezeugung guten Willens sein durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren aber auch zu benommen, um die deutsche Schuld am j\u00fcdischen Volk wirklich zu erkennen und wach als Schuld zu registrieren. Nein, einen &#8222;Zusammenbruch&#8220; bedeutete das Jahr 1945 f\u00fcr die Kirche nicht, erst recht keine &#8222;Stunde Null&#8220;. Aber 1945 brachte einen tiefgreifenden Einschnitt. Wir waren trotz engagierten Weitermachens wie bet\u00e4ubt, wie aus einem schlimmen Traum noch nicht recht erwacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1945 und danach &#8211; keine gemeinsame Konzeption<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es nach einem eventuellen &#8222;Danach&#8220; weitergehen k\u00f6nnte, das hatten vor 1945 nur wenige Kirchenleute bedacht. Zu ihnen geh\u00f6rte etwa Dozent Pfarrer Dr. Helmut Thielicke. Er hatte eine Konzeption f\u00fcr m\u00f6gliche &#8222;Evangelische Akademien&#8220; entworfen. Aber mit 1945 sprossten eine F\u00fclle von Konzeptionen aus dem Boden. F\u00fcr die einen war die &#8222;Stunde der Evangelisation&#8220; gekommen; die M\u00e4nnererweckung in den Kriegsgefangenenlagern ermutigte dazu. Die evangelische Jugendarbeit sah sich evangelistisch herausgefordert. Der ins W\u00fcrttembergische verschlagene Berliner Pfarrer Joachim Braun wurde beauftragt, Volksmission als kirchliche Arbeit aufzubauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anderen ging&#8217;s jedoch mehr um &#8222;Moralische Aufr\u00fcstung&#8220;. Die einen stellten sich ein auf eine neue Stunde parochialer Gemeindearbeit. Anderen ging es mehr um die &#8222;Kirche in der Arbeitswelt&#8220;. Die einen setzten \u00f6kumenisch auf die &#8222;Una Sancta&#8220;, f\u00fcr andere lag die Zukunft im Konfessionalismus. Die einen rechneten damit, dass jetzt erst recht das &#8222;Jahrhundert der Kirche&#8220; anbreche; andere &#8211; wie etwa Hans Asmussen &#8211; sagten ein neues Aufbrechen an von S\u00e4kularismus, Heidentum und politischem Messianismus, von fanatischer Sektiererei und von religi\u00f6ser Verwirrung. &#8222;Jeder sah auf seinen Weg&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem aber kam die konsistorial gepr\u00e4gte Kirche rasch wieder in die G\u00e4nge. Zwar war der w\u00fcrttembergische Oberkirchenrat nur behelfsm\u00e4ssig im Gro\u00dfheppacher Mutterhaus untergebracht. Aber gleich nach dem Zusammenbruch geh\u00f6rte zu seinen ersten Druckerzeugnissen, von Kurieren in gro\u00dfen Rucks\u00e4cken vor Ort geschleppt, eine in die Gesangb\u00fccher einzulegende neue Abendmahlsordnung. Sie war am Vorbild von Luthers &#8222;Deutscher Messe&#8220; ausgerichtet. Zielstrebig begann die Herrschaft der Liturgiker und der Kirchenmusiker. Sie f\u00fchrte schlie\u00dflich zum Einheitsgesangbuch von 1953, in dem das Erweckungslied fast v\u00f6llig ausgemerzt war, als &#8222;englisches&#8220; Liedgut diffamiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was jedoch war aus der Konzeption &#8222;Gemeinde von Br\u00fcdern&#8220; geworden? Zu ihr hatte sich die Synode von Barmen (1934) bekannt. Damals war bis in Rechtskonsequenzen hinein durchdacht und gefordert worden: Nie wieder konsistoriale Verwaltungskirche! Nie wieder geistlich unklare &#8222;Volks&#8220;kirche! Denn Kirche konkretisiert sich als Gemeinde vor Ort! Sie muss Kirche von Bekennern sein, die wirklich Christen sein wollen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum auch weg vom Ausbildungsmonopol staatlicher Evangelischer Fakult\u00e4ten! Mit der Gr\u00fcndung Kirchlicher Hochschulen hatte die Bekennende Kirche in schwerster Zeit gezeigt, wie kircheneigene Ausbildungsst\u00e4tten aussehen k\u00f6nnen. Bonhoeffer war mit seinem Modell &#8222;Finkenwalde&#8220; noch weitergegangen: Die Ausbildung k\u00fcnftiger Pfarrer m\u00fcsse in geradezu kl\u00f6sterlichen Ausbildungsst\u00e4tten erfolgen, die gepr\u00e4gt seien von gemeinsamem geistlichem Leben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe f\u00fcnf Gr\u00fcnde, warum diese Konzeption nicht realisiert wurde:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Es ist leichter, Tr\u00fcmmer wohnlich zu machen, als einen Neubau zu wagen. Der Staat musste beim Aufbau eines freiheitlich-demokratischen Staatswesens Neues wagen. Der kirchliche Neubau aber fand &#8211; so hat es Professor Dr. Joachim Mehlhausen 1998 vor der EKD-Synode formuliert &#8211; &#8222;auf einem Tr\u00fcmmergel\u00e4nde statt, das man &#8211; um im Bilde zu bleiben &#8211; nicht einfach planieren konnte. Auf diesem Tr\u00fcmmergel\u00e4nde gab es &#8230; alte Grundmauern, stehen gebliebene Geb\u00e4ude und Grenzsteine&#8220;, n\u00e4mlich traditionsreiche und bekenntnisbestimmte Landeskirchen sowie die drei konfessionellen Lager der Lutheraner, der Reformierten und der Unierten.<\/li>\n<li>Die Volkskirche erwies sich gerade 1945 als nicht ganz so erloschen, wie manche bef\u00fcrchtet hatten, unter der Asche fand sich noch viel Glut. In Kriegsgefangenencamps und in den Heimatgemeinden zwischen Flensburg und dem Bodensee gab es \u00fcberaus stark besuchte Gottesdienste; es gab Hunger nach der Bibel, nach dem Abendmahl, nach Seelsorge und gemeinsamem Beten. Durfte man denn in einem solchen Augenblick darangehen, &#8222;zwischen Schafen und B\u00f6cken zu scheiden&#8220;, um anstelle von Volkskirche ein Netz von Freiwilligkeits- und Bekenntnisgemeinden zu bauen?<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch an den Evangelischen Fakult\u00e4ten der Staatlichen Universit\u00e4ten \u00fcberrollte die Realit\u00e4t alle bisherigen Konzeptionen: Die Studienpl\u00e4tze reichten nicht aus f\u00fcr die vielen Heimkehrer und Kriegsversehrten, die in schrecklichen Kriegszeiten tiefe geistliche Erfahrungen gemacht hatten. Die Kirche war elementar darauf angewiesen, rasch wieder eine gro\u00dfe Nachwuchsgeneration zu bekommen; denn gerade die Pfarrerschaft hatte im Krieg einen unvorstellbaren Blutzoll zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li>In jenen au\u00dferw\u00fcrttembergischen Kirchen, in denen einst die Bekennende Kirche stark gewesen war, wurden nach 1945 deren beste K\u00f6pfe rasch zu Oberkirchenr\u00e4ten, Landessuperintendenten und Universit\u00e4tsprofessoren berufen. Sie alle geh\u00f6rten mit einem Mal zum &#8222;Establishment&#8220;. Sie sahen sich als &#8222;Erben von Barmen&#8220;, gerade indem sie die vom Joch nazistischer Bedrohung befreite Kirche wiederaufbauten. Aber auch in der von ihnen verantworteten konsistorial verfassten Kirche wollten sie nicht ganz auf die Erkenntnisse von Barmen verzichten. Vielmehr wurde die F\u00fclle der neu entstehenden Ordnungen, Gesetze und Agenden so formuliert, als ob die realexistierende Volkskirche de facto eine Bekenntniskirche w\u00e4re. So hei\u00dft es etwa im \u00a7 1 des W\u00fcrttembergischen Pfarrergesetzes: &#8222;Alle Glieder der Kirche sind durch die Taufe berufen, der Welt das Evangelium von Jesus Christus zu bezeugen&#8220;. Eine Ausnahme bildete die damalige Kirchliche Wahlordnung. Sie machte zur Pflicht eine pers\u00f6nliche Anmeldung zur Wahl und eine Pr\u00fcfung der so Angemeldeten durch den Kirchengemeinderat. Aber auch dies fiel bald immer h\u00e4ufiger aus und darum konsequent bald auch weg.<\/li>\n<li>Die radikale Barmen-Konzeption wurde entscheidend vom konsistorialkritischen Martin Niem\u00f6ller vertreten. Viele aus dem kirchlichen Establishment sahen ihn zwar achtungsvoll als M\u00e4rtyrer des Kirchenkampfes an, aber zugleich auch als liebenswerten Schw\u00e4rmer und als fanatischen Haudegen. In W\u00fcrttemberg waren es Theologen wie Hermann Diem und Paul Schempp, die eintraten f\u00fcr &#8222;Verselbst\u00e4ndigung der Gemeinden&#8220; und f\u00fcr &#8222;Abwehr des weltlich-juristischen Verwaltungsapparates&#8220;. W\u00e4hrend des Kirchenkampfes in den drei\u00dfiger Jahren hatten sie in fast r\u00fcder Weise Landesbischof und Oberkirchenrat beschimpft. Dadurch hatten sie sich um Sympathien weiter Kreise der Pfarrerschaft gebracht, erst recht aber des Oberkirchenrates und des Landesbischofs. Allein schon diese pers\u00f6nlichen Aversionen lie\u00dfen es indiskutabel erscheinen, die radikale Barmen-Konzeption zur Grundlage der Neuordnung zu machen.<\/li>\n<li>Landesbischof D. Theophil Wurm suchte taktisch klug und in erstaunlicher Beharrlichkeit einen Weg, der &#8222;eine handlungsf\u00e4hige gro\u00dfe Volkskirche&#8220; zum Ziel hatte. Sie sollte &#8222;einen deutlich sichtbaren Platz in der \u00d6ffentlichkeit der Nachkriegszeit&#8220; (Mehlhausen) bekommen.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sofort im Sommer 1945 in Treysa begonnene Einigungswerk der Kirchen in Deutschland konkretisierte sich 1948 in der EKiD. Sie war zwar kein Dom, aber immerhin eine Baracke, zwar nicht Kirche, sondern eben nur Kirchenbund. Immerhin waren damit die Weichen gestellt, die schlie\u00dflich konsequent hinf\u00fchrten zum Einzug der Kirchensteuer durch das Finanzamt, hinf\u00fchrten aber auch zu immer reichlicher sprudelnden Geldquellen. Aus den Tr\u00fcmmern entstand aufs Neue die alte Amts- und Verwaltungskirche, die sich aufs Engste liierte mit den Fakult\u00e4ten. Es gab nur wenige, die vor diesem Weg warnten. Wilhelm Busch-Essen geh\u00f6rte dazu. Er schrieb dem rheinischen Pr\u00e4ses Held, einem Kampfgef\u00e4hrten aus dem Kirchenkampf: &#8222;Offensichtlich gibt es kirchliche Stellen, die vor einem Zuviel an Autorit\u00e4t gar keine Angst haben&#8230; Die totale Kirche ist nach den Erfahrungen des Kirchenkampfes in der n\u00e4chsten geistlichen \u00dcberfremdung, die ja bereits eingesetzt hat, verloren. Darum: Kehrt um von diesem Weg!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4suren haben ihre Chance. Auch die Z\u00e4sur von 1945 h\u00e4tte eine Chance von kirchengeschichtlicher Bedeutung sein k\u00f6nnen. Aber die Chance hin zur Bekenntniskirche wurde nicht wahrgenommen. Vielmehr wurde die Stunde der Strukturen eingel\u00e4utet: der neuen Agenden, der neu zu schaffenden Dekanatsbezirke, der neuen Parochien, des Ausbaus der EKiD und ihrer Arbeitszweige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der hohe Preis f\u00fcr die &#8222;gro\u00dfe Volkskirche&#8220; Wurm&#8217;schen Ideals bestand, wie Mehlhausen \u00fcberzeugend herausgearbeitet hat, in der &#8222;Konfliktgemeinschaft&#8220;, welche die EKiD darstellte. All die theologischen, strukturellen, ethischen und politischen Unterschiede innerhalb der EKD entz\u00fcndeten sich sogar dort erst recht, wo sie unter dem Druck standen, ihr besonderes Profil zu Gunsten des gemeinsamen Erscheinungsbildes aufzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als gewisses Korrektiv zur wiedererstarkten konsistorialen Kirche wurde durch Reinold von Thadden-Trieglaff 1949 der &#8222;Deutsche Evangelische Kirchentag&#8220; ins Leben gerufen. Er war bewusst Laienbewegung und ebenso bewusst freies Werk. Der Kirchentag sollte geistliche Impulse in die Gesamtkirche hineingeben, zu welchen die Verwaltungskirche nicht f\u00e4hig war. Aber nicht viel mehr als zehn Jahre sp\u00e4ter wurde auch der Kirchentag von jener &#8222;geistlichen \u00dcberfremdung&#8220; erfasst, von der Wilhelm Busch warnend gesprochen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die geistliche \u00dcberfremdung der Kirche nach 1945<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis etwa 1951 standen im Vordergrund kirchlichen Lebens Einweihungen renovierter und neuerbauter Kirchen, Glockenweihen, Posaunentage und Evangelisationen, Gustav-Adolf-Feste und Jugendtage. Ein H\u00f6hepunkt gemeinsamen kirchlichen Lebens war der Stuttgarter Kirchentag (1952). In Stra\u00dfenbahnen und auf dem Weg zum Cannstatter Wasen waren chor\u00e4lesingende Teilnehmer zu finden. Mehr als hunderttausend Dauerteilnehmer lie\u00dfen sich anziehen von dem, was die Kirche zu sagen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Kirche wollte der schw\u00e4bische Pietismus zuhause sein. Zwar hatten die pietistischen Gemeinschaften viel Jugend an \u00f6rtliche evangelische Jugendgruppen und CVJMs verloren. Aber viele der Stundenleute freuten sich auch daran, dass auf diese Weise junge Menschen in den Glauben hineinfanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste geistliche Aufbruch der Nachkriegszeit war jedoch schon damals im Abklingen. Die Emporen der Kirchen hatten sich nach und nach wieder geleert. Im angebrochenen Atomzeitalter hatten die Naturwissenschaften ihren Siegeszug angetreten. Naheliegend war darum die Frage: &#8222;Wie kann man denn einem modernen Ingenieur das biblische Evangelium so vermitteln, dass er nicht vor den Kopf gesto\u00dfen sein muss? Wie kann man ihn f\u00fcr das &#8218;Eigentliche&#8216; am Evangelium gewinnen?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudolf Bultmann, der Marburger Neutestamentler, schien die Antwort zu haben. Sein schon 1941 in Alpirsbach gehaltener Vortrag, eine &#8222;Entmythologisierung&#8220; des Neuen Testamentes fordernd, wirkte wie ein Funke, der in ein Pulverfass f\u00e4llt. Das schien doch die L\u00f6sung zu sein: Man konnte das &#8222;Kerygma&#8220; als Kern losl\u00f6sen von allem \u00fcberholten Weltbildhaften! Die &#8222;existentiale Interpretation&#8220; meinte doch vermutlich nicht viel anderes als das, was fr\u00fcher mit Bekehrung, mit Umkehr und mit Einkehr samt dem Neu-Denken gemeint war!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Bonhoeffer, der erst nach und nach bekannt wurde, nahmen viele Theologen nichts so stark auf wie seine Parole von der nichtreligi\u00f6sen Interpretation der biblischen Begriffe. Von Karl Barth, der damals noch viel gelesen wurde, holten sich viele Theologen nur das aus dem dialektisch aufgebauten Material, was in ihr neues theologisches Weltbild passte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es muss zu Ehren des von Landesbischof Martin Haug (1949 Nachfolger von Landesbischof Wurm) und zu Ehren des Oberkirchenrats gesagt sein: Sie haben erkannt, in welche Grundlagenkrise Bultmanns Programm die Kirche st\u00fcrzte. Trotz allen gutgemeinten missionarischen Wollens lief es hinaus auf eine einschneidende Reduktion des Bekenntnisses und auf eine Abkehr von heilsgeschichtlichen Fakten hin zu einer religi\u00f6sen Deutung von Mythen und Symbolen. Es war jedoch der Versuch von Haug und vom w\u00fcrttembergischen Oberkirchenrat, der sehr bewusst von Haug geleitet wurde, die anstehenden Probleme wissenschaftlich aufzuarbeiten. Sie sollten nicht ausufern in einen emotional aufgeheizten Streit auf breiter Ebene. Eine solche wissenschaftliche Aufarbeitung sollte zum Ziel haben, die falsche Interpretation zu entlarven, die &#8222;entscheidende Z\u00fcge&#8220; der neutestamentlichen Botschaft letztlich &#8222;eliminiere&#8220; und nicht eben nur &#8222;interpretiere&#8220;. Zu solch wissenschaftlicher, aber auch echt kritischer Aufarbeitung waren weder Pfarrerschaft noch die T\u00fcbinger Fakult\u00e4t bereit. So kam es dazu, dass das Problem &#8222;durch die Decke ins Stockwerk der Gemeinde tropfte&#8220; (Paul Deitenbeck). Der Streit eskalierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die &#8222;Stillen im Lande&#8220; melden sich zu Wort<\/strong> <strong>(1951 &#8211; 1961)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht die Pietisten waren es, welche Kontroversen ins Kirchenvolk trugen. Vielmehr war das &#8222;andere Evangelium&#8220; von manchen Kanzeln zu h\u00f6ren. Es wurde in Religionsstunden laut. Es war in Presseartikeln zu lesen. Es verschonte nicht einmal den Lehrbetrieb im Missionsseminar zu Liebenzell. Was die Gemeinschaftsleute bewegte, ist zusammengefasst in der Liedzeile: &#8222;Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruh&#8217;n?&#8220; Das war ja keine pietistische, sondern eine gemein-kirchliche Sorge. Aus geistlicher Mitverantwortung f\u00fcr die Gemeindeglieder in W\u00fcrttemberg wandten sich Pietisten hilfesuchend an den Oberkirchenrat. Die im November 1950 verfasste Erkl\u00e4rung von Leitern landeskirchlicher Gemeinschaftsverb\u00e4nde &#8222;gegen die Lehren von Professor Dr. Bultmann&#8220; wurden vom Oberkirchenrat &#8222;verst\u00e4ndnisvoll&#8220; akzeptiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon Anfang 1951 stie\u00df Julius Beck nach. Dieser Rektor und Landeskirchentagsabgeordnete sammelte einen Kreis von Repr\u00e4sentanten w\u00fcrttembergischer Gemeinschaftsverb\u00e4nde zur &#8222;kirchlich-theologischen Arbeitsgemeinschaft&#8220;; sie wurde zur Keimzelle dessen, was heute die Ludwig-Hofacker-Vereinigung ist. In dieser Arbeitsgemeinschaft entstand das holzschnittartig formulierte Flugblatt &#8222;Es geht um die Bibel!&#8220; mit seinem immer wiederkehrenden Protest: &#8222;Erledigt ist also &#8230;!&#8220; In T\u00fcbingen wurde dies Flugblatt der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Jedoch der Oberkirchenrat nahm das Anliegen ernst und beauftragte die T\u00fcbinger Fakult\u00e4t mit einem Gutachten. Es erschien dann unter der bezeichnenden \u00dcberschrift &#8222;F\u00fcr und wider die Theologie Rudolf Bultmanns&#8220;. Ein solches &#8222;Ja\/Aber&#8220; hatte Landesbischof Haug nicht im Sinn gehabt. Er lie\u00df darum seine Entt\u00e4uschung \u00fcber die T\u00fcbinger Fakult\u00e4t sp\u00fcren, ja er spielte auch mit dem Gedanken, seinen von T\u00fcbingen verliehenen Ehrendoktor zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;kirchlich-theologische Arbeitsgemeinschaft&#8220; bestand aus Theologen und Laien, aus Schl\u00fcsselpersonen sowohl des \u00e4lteren als auch des neueren schw\u00e4bischen Pietismus, sowie aus Repr\u00e4sentanten des kirchlichen Lebens, die gar nicht eigentliche &#8222;Pietisten&#8220; waren. Es gab Namen, die pars pro toto f\u00fcr das gemeinsame Anliegen standen: Rektor Julius Beck, Fabrikant Hans-Karl Riedel, Missionslehrer Reinhard Hildenbrand, Studiendirektor Emil Sch\u00e4f, Pfarrer Fritz Gr\u00fcnzweig, Studienrat Dr. Paul M\u00fcller, Evangelist Fritz Hubmer, Verleger Friedrich H\u00e4nssler, Pfarrer Schick, Gomaringen, Pfarrer Joachim Braun, T\u00fcbingen, Landesjugendwart Karl Wezel, Walddorf, Missionsdirektor Lienhard Pflaum, Bad Liebenzell, Rundfunkpfarrer Alfred Ringwald, T\u00fcbingen, Pfarrer Walter Tlach, Oberingenieur Fritz Liebrich. Dies gar nicht selbstverst\u00e4ndliche Zusammenr\u00fccken war das eigentlich Neue. In der Folge f\u00fchrte es auch zu einem engeren Zusammenr\u00fccken der w\u00fcrttembergischen &#8222;Gnadauer&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war jedoch nicht nur ein berechtigtes &#8222;Anti&#8220;, das die Mitglieder der &#8222;Kirchlich-theologischen Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr biblisches Christentum&#8220; zusammenband. Mit ihren Erkl\u00e4rungen und &#8222;Offenen Briefen&#8220; (Oktober 1952 und Neujahr 1961) wollten sie die Kirchenleitung in Oberkirchenrat und Landeskirchentag (Synode) auf ihre Lehrverantwortung hinweisen. Viel wichtiger jedoch war der Arbeitsgemeinschaft das &#8222;Pro&#8220;: Im Oktober 1953 wurde die Arbeitshilfe &#8222;Geistliche Kriterien zur Wahl der Kirchengemeinder\u00e4te und des Landeskirchentags&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Im September 1954 gab Studiendirektor Emil Sch\u00e4f, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft, auf eigene Kosten im Stuttgarter Sonntagsblatt Beitr\u00e4ge heraus unter der \u00dcberschrift &#8222;Lebendige Gemeinde&#8220;. Dabei ging es ihm um ein zweites kirchliches Aufbaugymnasium, um Aktivierung von Hausbesuchskreisen, um Belebung der Laienarbeit, um R\u00fcstzeiten f\u00fcr Pfarrer, um ein duales Ausbildungssystem bei der Pfarrerausbildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 31. Mai 1956 fand auf Anregung von Walter Tlach die erste Fronleichnamskonferenz als Gemeinschaftsfest ohne Kirchenpolitik statt. All diese Anliegen wurden deutlich verst\u00e4rkt, als 1965 der Korntaler Pfarrer Fritz Gr\u00fcnzweig zum Leiter der &#8222;Arbeitsgemeinschaft&#8220; berufen wurde. Gr\u00fcnzweig trat daf\u00fcr ein, dass sie mit dem neuen Namen &#8222;Ludwig-Hofacker-Kreis&#8220; das glaubensweckende und glaubensst\u00e4rkende Anliegen auch nach au\u00dfen hin signalisiere. Hinein in die F\u00fclle der unterschiedlichen und oft genug auch gegens\u00e4tzlichen Nachkriegskonzeptionen hatten mit einem Mal bekennende Christen ein vorw\u00e4rtsweisendes volkskirchliches Konzept eingebracht. Die Stillen im Lande hatten sich un\u00fcberh\u00f6rbar zu Wort gemeldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bekennende gestalten Kirche mit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in anderen Landeskirchen der Bundesrepublik und Westberlins gab es &#8222;Bekennende Gruppen&#8220;, die sich gegen theologische Fehlentwicklungen zu Wort meldeten. Beileibe waren sie nicht alle &#8222;evangelikal&#8220;, also bewusst dem Evangelium verpflichtet und dabei ebenso bewusst missionarisch. Erst recht waren sie nicht alle pietistisch. Sie alle jedoch hatten den Eindruck, dass ihre Heimat-Landeskirchen sich in die falsche Richtung bewegten. \u00dcberall dr\u00e4ngten starke kirchliche Kr\u00e4fte, die meist mehrheitlich die Landessynoden pr\u00e4gten, auf umfassende Reformen. Es ging nicht mehr nur um eine den Erfordernissen der Zeit und des sogenannten &#8222;modernen Menschen&#8220; angepasste Theologie. Sondern es ging um neue Arbeitszweige, neue Methoden, neue Strukturen. Weil die &#8222;Welt anders geworden&#8220; sei, m\u00fcsse auch die Kirche anders werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im R\u00fcckblick auf jene Jahre zwischen 1965 und 1975 konstatierte Landesbischof Haug: &#8222;Theologie und Kirche sind mit dem &#8218;Genossen Trend&#8216; marschiert!&#8220; Dabei lie\u00dfen sie sich nicht beirren durch die Zwischenrufe der &#8222;Bekennenden Gruppen&#8220;. Darum ist es kein Wunder, dass es um die &#8222;Bekennenden Gemeinschaften&#8220; und um die dort zentrale &#8222;Bekenntnisbewegung &#8218;Kein anderes Evangelium&#8216; &#8220; bald stiller wurde &#8211; trotz des zuerst st\u00fcrmischen Aufbruchs mit den Hauptdaten der Bekenntniskundgebung Dortmund 1966 und der &#8222;Frankfurter Erkl\u00e4rung zur Grundlagenkrise der Mission&#8220; (1970). Es erm\u00fcdet, wenn man scheinbar erfolglos zum Protestieren verurteilt ist, ohne mitgestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig in W\u00fcrttemberg \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr zur Mitgestaltung f\u00fcr Christen, die f\u00fcr Bibel und Bekenntnis eintraten. Zwar geh\u00f6rte damals um 1965 die Parole &#8222;mehr Demokratie in der Kirche&#8220; auch zum g\u00e4ngigen Trend. Aber im Unterschied zu allen anderen Landeskirchen wurde das schw\u00e4bische Kirchenparlament in Urwahl berufen. Um alles wirklich demokratisch zugehen zu lassen, wurde damals festgelegt, dass sich um jeden Synodalsitz mindestens drei Kandidaten streiten m\u00fcssen. Dieser Prozedur, die auch oft turbulente Wahlveranstaltungen einschloss, unterzogen sich nicht wenige Frauen und M\u00e4nner aus CVJMs, ECs, landeskirchlichen Gemeinschaften und biblisch gepr\u00e4gten Kirchengemeinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als dann Synodalpr\u00e4sident Oskar Klumpp wegen der gew\u00fcnschten Effektivit\u00e4t der Synodalarbeit eine Gruppenbildung bef\u00fcrwortete, fand es sich, dass \u00fcber ein Drittel der Gew\u00e4hlten sich zum Gespr\u00e4chskreis &#8222;Bibel und Bekenntnis&#8220; (Vorl\u00e4ufer der heutigen Synodalgruppe &#8222;Lebendige Gemeinde&#8220;) halten wollte; ein weiteres starkes Drittel geh\u00f6rte dem Gespr\u00e4chskreis &#8222;Evangelium und Kirche&#8220; an. Nur eine Minderheit vertrat als &#8222;Offener Gespr\u00e4chskreis&#8220; Parolen der radikalen Neuerer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Landessynode lie\u00df sich nach 1965 zuerst die Arbeit hoffnungsvoll an. Weithin gab es theologische Verst\u00e4ndigungen und ad-hoc-Koalitionen von &#8222;Bibel und Bekenntnis&#8220; mit der Gruppe &#8222;Evangelium und Kirche&#8220;. Sie war damals gepr\u00e4gt von Theologen wie Maisch, Class, von Keler, Spambalg. In einem &#8222;Wort an die Gemeinden&#8220; stellte die Synode ihr Bekenntnis zur leibhaftigen Auferstehung Jesu heraus (Reichenau 1967). Trotzdem lie\u00df es sich gerade in W\u00fcrttemberg nicht vermeiden, dass sich Konflikte aufschaukelten. Im Gegenteil!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Konflikte schaukeln sich auf<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entwicklung in W\u00fcrttemberg stand in weltweiten Zusammenh\u00e4ngen. Bischof Dr. Lesslie Newbigin schrieb im R\u00fcckblick auf den Umbruch im Weltkirchenrat: &#8222;Wir hatten es mit anderen Geistern zu tun. Der Zeitgeist war einfach zu stark!&#8220; Nicht einmal die Synode, erst recht nicht der Oberkirchenrat waren in der Lage, das Steuer herumzurei\u00dfen. Alle Versuche klar-geistlichen Leitens provozierten erst recht den Widerstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum kamen auch alle synodalen Versuche, \u00d6l beruhigend auf die st\u00fcrmischen Wogen zu gie\u00dfen, zu sp\u00e4t. Sie wurden auch kaum mehr ernsthaft von solchen wahrgenommen, die anders dachten. Vielmehr standen die Zeichen auf Sturm. Was \u00fcber die synodale Urwahl nicht erreicht worden war, sollte nun durch revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung erzielt werden. Wo die Synoden nicht Revolution\u00e4res aufzunehmen bereit waren, wollte die kirchliche au\u00dfersynodale Opposition nachhelfen. Vergebens rief Altbischof Haug den bei der w\u00fcrttembergischen Dekan-Konferenz Versammelten zu: &#8222;Das Schiff der Kirche muss hinein ins Wasser der Welt. Aber das Wasser der Welt darf nicht ins Schiff der Kirche hineinkommen! Aber ihr habt schon so viel Wasser hineingelassen, ja hineingepumpt, dass das Schiff der Kirche seinen Kurs nicht mehr halten kann. Schlie\u00dft die Luken! Pr\u00fcft die Geister, ob sie von Gott sind!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen kam die 68er-Revolution. In T\u00fcbingen war das Stift vornedran mit dabei. Durch aufgebrachte Stiftler wurde sogar Landesbischof Dr. Erich Eichele am Predigen in der Stiftskirche gehindert. Damalige T\u00fcbinger Stiftler st\u00f6rten auch Jugendevangelisationen auf dem flachen Land. Die Vikarsversammlung w\u00fcrttembergischer Theologen stellte in der &#8222;Esslinger Vikarserkl\u00e4rung&#8220; (1969) fest: &#8222;F\u00fcr uns ist die Bibel eben &#8218;ein Gespr\u00e4chspartner unter anderen&#8216;.&#8220; Als Gegenreaktion rief der damalige Esslinger Dekan Kurt Hennig spontan die &#8222;Evangelische Sammlung&#8220; ins Leben. Ihr geh\u00f6rten vor allem Theologen an. Das machte deutlich: Die Pfarrerschaft ist keineswegs durchweg der modernistischen Theologie verschrieben! Aber sie tut schwer damit, sich unter vermeintlich pietistischen Bannern zu sammeln. Diese Erkenntnis f\u00fchrte dann auch dazu, in der Wahlvorbereitungsphase f\u00fcr die Kirchenwahl 1971 unter dem Namen &#8222;Lebendige Gemeinde&#8220; einen weit \u00fcber den Pietismus hinausgehenden Kreis solcher zu fassen, die f\u00fcr eine missionarisch werbende Kirche in lebendigen Gemeinden auf dem Boden von Bibel und Bekenntnis eintraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In rauhe See geriet auch der Stuttgarter Kirchentag 1969. Die ohnehin aufgepeitschten Wogen wurden aufgeschaukelt durch den pl\u00f6tzlichen R\u00fccktritt von Synodalpr\u00e4sident Oskar Klumpp. Er hatte behauptet, pietistische Verhandlungspartner h\u00e4tten ihm den Glauben abgesprochen. Das stimmte zwar nicht. Sogar Landesbischof Dr. Eichele dementierte diese Behauptung. Aber das Stichwort war gefallen. Es entsprach dem simplen Klischee von den unduldsamen Pietisten, die anderen Leuten den Glauben absprechen. Bis heute taucht dieses Klischee als Kampfbegriff auf, um ernstgemeinte und sachbezogene Vorschl\u00e4ge aus den Reihen der &#8222;Lebendigen Gemeinde&#8220; zu diskreditieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso erstaunlicher war dann das Ergebnis der Synodalwahl 1971: Die Gruppe &#8222;Lebendige Gemeinde&#8220;, vom damaligen Stiftskirchenpfarrer Theo Sorg angef\u00fchrt, errang die absolute Mehrheit der 90 Synodalsitze. Eine Zeitung berichtete davon unter der Schlagzeile: &#8222;Erdrutschsieg der Pietisten!&#8220; Eine andere Zeitung machte es noch deftiger: &#8222;Pietcong vor den Toren!&#8220; So wurde der Pietismus schreckenerregend in die N\u00e4he der subversiven Guerillataktik des Vietcong gebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Deutungen waren zerst\u00f6rerisch. Es wurde zum pietistischen Sonderanliegen deklassiert, was doch gemeinkirchliches Grundanliegen war, n\u00e4mlich dass Kirche wirklich Kirche Jesu Christi sein und bleiben muss. Es war unangemessen und unzutreffend, den Gespr\u00e4chskreis &#8222;Lebendige Gemeinde&#8220; als &#8222;pietistisch&#8220; zu titulieren; denn es geht diesem Gespr\u00e4chskreis bis heute um das umfassend kirchliche Anliegen, dass die Kirche bei ihrem Grundbekenntnis bleibt, so wie es in der Verfassung der Kirche ausgesprochen ist. Dazuhin hat der Begriff &#8222;pietistisch&#8220; in der \u00d6ffentlichkeit den negativen Beigeschmack, den ihm schw\u00e4bische Tagesmedien beizulegen nicht m\u00fcde werden. Sie bezeichnen unzutreffend das als &#8222;pietistisch&#8220;, was ihnen als eng, muffig und geistlos vorkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das war erst der Anfang. Konsequent konzentrierte ab 1971 das revolution\u00e4re Potential der w\u00fcrttembergischen Kirche seine Angriffe auf die, wie sie sagten, &#8222;pietistische Mehrheit&#8220; der Synode. Der Gipfel des Widerstandes wurde erreicht, als 1976 mehr als zweihundert Pfarrer erkl\u00e4rten: Die von der Synode beschlossene &#8222;Anleitung zum Konfirmandenunterricht&#8220; werden wir nicht \u00fcbernehmen! Die Revolution\u00e4re, die der Synodalmehrheit permanent &#8222;Machtmissbrauch&#8220; vorgeworfen hatten, \u00fcbten nun selbst au\u00dfersynodalen Machtmissbrauch aus. Da der Oberkirchenrat schon damals nicht daran dachte, angesichts des Ungehorsams irgendwelche disziplinarrechtlichen Konsequenzen zu ziehen, wurde offenkundig: Man darf ungestraft, ja unbehelligt klare Beschl\u00fcsse des legislativen kirchlichen Organs unterlaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diffamierungskampagne ging noch weiter: Die bekennenden Christen in W\u00fcrttemberg hatten bewusst darauf verzichtet, f\u00fcr ihre besonderen Anliegen Synodalr\u00fcckendeckung und landeskirchliche Gelder in Anspruch zu nehmen. Vielmehr bauten sie eigene &#8222;freie Werke&#8220; auf f\u00fcr das, was ihnen notwendig zu sein schien; dazu ben\u00fctzten sie eigene Opfer und Spenden. Also f\u00fcr das T\u00fcbinger Albrecht-Bengel-Haus, die Hofacker-Konferenzen und Stuttgarter Gemeindetage, die Hilfsorganisation &#8222;Hilfe f\u00fcr Br\u00fcder&#8220; samt &#8222;Christliche Fachkr\u00e4fte&#8220;, die Abendbibelschulen, Publikationen und Vortragsreihen. So wollten die bekennenden Christen ihre pastoralen Anliegen und Gaben in die Gesamtkirche zum Nutzen aller einbringen &#8211; eben nicht via synodale &#8222;Macht-politik&#8220;. Aber genau das wurde ihnen durch w\u00fcrttembergische Theologen unterstellt: &#8222;Jetzt bauen sie mit den &#8218;Parallelstrukturen&#8216; ihre eigene Kirche auf!&#8220; Wieder einmal wurde das Schreckgespenst pietistischer Kirchenspalterei an die Wand gemalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferhalb von W\u00fcrttemberg sprach man \u00fcber die &#8222;unselige Zerrissenheit&#8220; der fraktionierten Landessynode. Dabei wurde \u00fcbersehen: Noch schlimmer als die Fraktionierung der Synode war die au\u00dfersynodale Spannung zwischen der synodalen Mehrheit und der au\u00dfersynodalen revolution\u00e4ren Gruppe in der Pfarrerschaft. Nicht selten schien es sogar so, als ob die sonst so individualistisch gewordene Pfarrerschaft geeint w\u00fcrde durch gemeinsame Aversion gegen\u00fcber einer &#8222;pietistisch geg\u00e4ngelten Kirche&#8220;. Bekennende Gruppen und Pfarrerschaft machten sich immer mehr gegenseitig das Leben schwer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieses Netz des Kirchenpolitischen wurde auch die Kirchenleitung verfangen. Das \u00dcbergewicht des synodalen und auch au\u00dfersynodalen Kirchenpolitischen hat f\u00fcr Landesbischof und Oberkirchenrat den Weg schwieriger gemacht. Der Oberkirchenrat tut sich schwer damit, einen notwendigen Gesetzesentwurf vorzulegen, wenn er angesichts der derzeitigen Koalitionsmehrheitsverh\u00e4ltnisse in der Synode zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Wenn der Oberkirchenrat weise Personalvorschl\u00e4ge f\u00fcr Leitungsaufgaben macht, welche Verantwortung f\u00fcr die Gesamtkirche zeigen, muss er damit rechnen, dass sie von der derzeitigen Mehrheit im Landeskirchenausschuss zunichtegemacht werden. Das Kr\u00e4ftespiel im Bischofswahlgremium, aus Synode samt Oberkirchenrat gebildet, l\u00e4sst seit Jahren nur noch unter gr\u00f6\u00dften M\u00fchen die Wahl eines Bischofs zu. Das Oberkirchenratskollegium hat sich darauf eingestellt, dass der Landesbischof weniger ein eigenes und unabh\u00e4ngiges Verfassungsorgan sein soll, sondern vielmehr der Sprecher der jeweiligen Kollegialmehrheit. Als Bisch\u00f6fe wie Hans von Keler und Theo Sorg dann und wann ein Ausbrechen versuchten, wurden sie hart ausgebremst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kommt das andere, was zur Ohnmacht des Oberkirchenrats f\u00fchrt. Schon vor Jahren hat Landesbischof Haug zum Thema &#8222;Kirchenleitung&#8220; geschrieben: &#8222;Es fehlt den Leitenden das Wollen zu bewusstem Leiten; den Visitierten fehlt die Bereitschaft, sich korrigieren und leiten zu lassen!&#8220; Das ist die andere Ohnmacht der kirchenleitenden Pers\u00f6nlichkeiten, die sie Tag um Tag zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie geht es weiter?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dienst der Ludwig-Hofacker-Vereinigung wird erst recht noch gebraucht werden. Um uns herum sehnt sich eine Welt nach &#8222;Erl\u00f6sung&#8220;. Viele der modernen Schriftsteller reden davon. Sie decken hellsichtig auf, was an verborgenen Sehns\u00fcchten in den Seelen der Menschen schlummert: Sehnsucht nach Erl\u00f6sung von Krankheit, Scheitern und Not. Aber auch nach Erl\u00f6sung von Nichtigem, vom B\u00f6sen, von Schuld, von Gier, von Selbstsucht, von dem Hin- und Hergerissensein zwischen Selbstanklagen und Selbstbest\u00e4tigung, ja &#8211; von der Gottesferne. Wir wollen in der Ludwig-Hofacker-Vereinigung Leute sein, die selbst ganz dringend Erl\u00f6sung brauchen und darum auch glaubhaft vom Erl\u00f6ser Jesus Christus reden k\u00f6nnen. So, dass man uns absp\u00fcrt: F\u00fcr uns gibt es nichts Wichtigeres!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltweit nimmt das Interesse ab an gro\u00dfen Kirchenorganisationen. Aber die konkret am Ort um das Wort vom Erl\u00f6ser Jesus sich sammelnde Gemeinde hat Zukunft. Die Ludwig-Hofacker-Vereinigung hat bewusst darauf verzichtet, eine besondere Organisation zu sein, ein Super-Gemeinschaftsverband, so etwas wie eine Kirche. Die Hofacker-Bewegung wollte vielmehr Mut machen zu &#8222;lebendigen Gemeinden&#8220; vor Ort. Zu &#8222;w\u00fcrttembergischen&#8220; lebendigen Gemeinden, nicht zu irgendeinem Abklatsch anderer Konzepte! Das wird in Zukunft erst recht wichtig werden. Gemeinden sind nun einmal keine Verf\u00fcgungsmasse, die man aus Verwaltungs- oder Finanzgr\u00fcnden hin- und herschieben darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um der Menschen willen d\u00fcrfen die gro\u00dfen missionarischen M\u00f6glichkeiten der Volkskirche nicht rasch aufgegeben werden. Es m\u00fcssen Mittel und Wege gefunden werden, wie heute Gemeinde Jesu in der Volkskirche bewahrt und neu gewollt werden kann. Es muss das getan werden, was Verheissung hat: Menschen zu Jesus und zu seiner Gemeinde zu rufen, und das auf dem Fundament von Bibel und Bekenntnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer auch immer sich darum bem\u00fcht, wird oft verlachter Aussenseiter bleiben. Denn auch in Zukunft wird mit mancher &#8222;anti-evangelikaler&#8220; Aversion zu rechnen sein. Ihr Aufschaukeln habe ich darzustellen versucht. Doch h\u00e4lt das &#8222;Laufen im Kampf, der uns verordnet ist&#8220; erstaunlich munter. Sogar das Anstrampeln gegen heftigen Gegenwind. Noch munterer soll uns jedoch erhalten das gespannte Warten auf die Zeit, da der Herr die Gefangenen seines Volkes wirklich erl\u00f6sen wird. Da werden wir dann sein wir Tr\u00e4umende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pr\u00e4lat Rolf Scheffbuch (1931-2012)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Lebendige Gemeinde 12\/1998<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich war der Pietismus in W\u00fcrttemberg durch Pfarrer ins Leben gerufen worden. Wie kam es denn zu dem heute so starken Misstrauen zwischen Pfarrern und Pietisten? Durch mehr als zwei Jahrhunderte gab es in W\u00fcrttemberg den Pietismus nur vor Ort als Gemeinschaftsstunde; landesweite Verb\u00e4nde landeskirchlicher Gemeinschaften gab es erst seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts. 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