{"id":13814,"date":"2016-08-10T10:42:07","date_gmt":"2016-08-10T08:42:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13814"},"modified":"2016-08-10T10:42:07","modified_gmt":"2016-08-10T08:42:07","slug":"von-der-not-und-der-kunst-zu-ueberzeugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13814","title":{"rendered":"Von der Not und der Kunst zu \u00fcberzeugen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Heutzutage jemandem direkt zu sagen, dass man eine vorgetragene Meinung f\u00fcr falsch h\u00e4lt, gilt weithin als intolerant. Daniel von Wachter nahm diese postmoderne Haltung j\u00fcngst in einem\u00a0Interview\u00a0unter die Lupe: \u201eEs hat keinen Sinn, zu sagen: \u2018Wenn jemand das anders sieht als ich, dann hat er ebenfalls recht.\u2019 Das ist ein Widerspruch, es ist unvern\u00fcnftig, so etwas zu sagen.\u201c Es ist \u201eunlogisch, wenn ich etwas glaube und das Gegenteil auch f\u00fcr richtig halte.\u201c\u00a0Der Philosoph warnt davor, Wahrheit und Logik gegen die Liebe auszuspielen, nach dem Motto: es sei liebevoll, Widerspr\u00fcche \u201eauszuhalten\u201c; \u201edamit ich mehr Liebe \u00fcbe, darf ich niemandem mehr widersprechen\u201c. Sicher soll man anderen seine Position nicht mit Gewalt aufzwingen, und man soll sich auch in Gemeinden nicht wegen jeder Meinungsverschiedenheit trennen. \u201eAber es ist t\u00f6richt zu sagen: \u2018Ich meine X, aber ich will nicht sagen, dass Nicht-X falsch w\u00e4re\u2019.\u201c Von Wachter ist \u00fcberzeugt, dass \u201ees sogar liebevoller [ist], wenn ich versuche, ihn zu \u00fcberzeugen, weil ich ja will, dass der andere auch die Wahrheit, also die richtige Auffassung erlangt.\u201c<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aktuell ist all dies nat\u00fcrlich in besonderer Weise f\u00fcr die missionarische T\u00e4tigkeit der Christen und Kirchen. Bei Evangelisation und Mission geht es nun h\u00e4ufig nicht mehr um das \u00dcberzeugen, damit andere annehmen was wir glauben, sondern um blo\u00dfes Bezeugen; es geht nicht mehr um\u00a0<em>den<\/em>\u00a0Weg, sondern um\u00a0<em>meinen<\/em>\u00a0Weg, den pers\u00f6nlichen Weg; es geht um Dialog und Austausch, oft um einen gemeinsamen Weg aller Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eNicht f\u00fcr unwahr erkl\u00e4ren\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Religionen thematisierte im Mai\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/EKD-Texte\/105303.html\"><em>Reformation und Islam<strong>:<\/strong>\u00a0<\/em><\/a><em><a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/EKD-Texte\/105303.html\">Ein Impulspapier der Konferenz f\u00fcr Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland\u00a0<\/a><\/em>(EKD) Darin hei\u00dft es, die \u201ef\u00fcnf Kernpunkte\u201c der \u201ezentralen Einsichten reformatorischer Theologie\u201c (\u201e<em>solus Christus<\/em>\u00a0\u2013 allein Christus,\u00a0<em>sola gratia<\/em>\u00a0\u2013 allein aus Gnade,\u00a0<em>solo verbo<\/em>\u00a0\u2013 allein im Wort,\u00a0<em>sola scriptura<\/em>\u00a0\u2013 allein aufgrund der Schrift und\u00a0<em>sola fide<\/em>\u00a0\u2013 allein durch den Glauben\u201c) k\u00f6nnen nicht \u201eohne Weiteres\u201c in die Gegenwart \u00fcbernommen werden; sie bed\u00fcrften vielmehr \u201eeiner neuen Aneignung und \u00dcbertragung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es stelle sich vor allem \u201eauch im Blick auf das\u00a0<em>solus Christus<\/em>\u00a0die Frage, wie die darin zum Ausdruck gebrachte Exklusivit\u00e4t Jesu Christi in einer religi\u00f6s pluralen Gesellschaft so bekannt werden kann, dass sie im Dialog nicht als anma\u00dfend oder \u00fcberheblich wahrgenommen wird.\u201c Damit sind wir ganz beim Thema: Das Christentum verk\u00fcndet Jesus als den einzigen Herrn und Retter. Ist das heute noch m\u00f6glich oder schon zu \u00fcberheblich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend wird aus dem EKD-Text\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/download\/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf\"><em>Rechtfertigung und Freiheit<\/em><\/a>\u00a0zitiert:\u00a0\u201eDie Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dabei nicht der Glaube des anderen abgewertet oder f\u00fcr unwahr erkl\u00e4rt wird. So wie f\u00fcr den Christen das Geh\u00f6ren zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch f\u00fcr den Anh\u00e4nger der anderen Religion sein spezifischer Glaube. Dies darf auf beiden Seiten des Gespr\u00e4ches anerkannt werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird den Lesern zugemutet, die Quadratur des Kreises f\u00fcr m\u00f6glich zu halten. Von Christus sei weiterhin zu sprechen, und damit ist doch gewiss der Christus der Bibel und der \u00f6kumenischen Glaubensbekenntnisse gemeint. Der Islam z.B., Thema der neuen EKD-Schrift, lehnt den Glauben der Christen an die zweite Person der Trinit\u00e4t, an den Gott Christus, eindeutig ab; und umgekehrt h\u00e4lt das Christentum das Jesusbild des Islam f\u00fcr v\u00f6llig defizit\u00e4r und damit falsch. Beide Darstellungen Jesu k\u00f6nnen nicht gleichzeitig wahr sein; aber trotzdem d\u00fcrfen wir eine nichtchristliche Position nicht f\u00fcr unwahr halten und dies auch erkl\u00e4ren? Wie soll das gehen? Ist das nicht, wie von Wachter oben meinte, t\u00f6richt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es soll ein \u201eernsthafter interreligi\u00f6ser Dialog\u201c gef\u00fchrt werden, \u201eislamfeindlichen Tendenzen\u201c sei \u201emit aller Entschiedenheit zu widersprechen\u201c; \u201egegen\u00fcber der weltweit praktizierten Religion des Islam ist Differenzierung geboten\u201c. Alles richtig. Aber oft wird es eben auch sehr unkonkret: \u201eDer von Gott gerechtfertigte Glaubende kann somit auch im Umgang mit Andersglaubenden gelassen sein, befreit von der \u00e4ngstlichen Sorge, sich selbst, anderen oder Gott noch etwas beweisen zu m\u00fcssen.\u201c Gewiss, beweisen im wahrsten Sinne des Wortes k\u00f6nnen wir (au\u00dferhalb der Logik und Mathematik) nichts; aber wie steht es um den Nachweis, dass der eigene Glaube tats\u00e4chlich wahr ist? Soll \u201eRespekt und die Achtung vor anderen Glaubensgewissheiten und Glaubensweisen\u201c bedeuten, dass man auf das argumentierende \u00dcberzeugen Anderer ganz verzichtet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wahrheitsbindung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Grundlagentext der EKD\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/download\/christlicher_glaube.pdf\"><em>Christlicher Glaube und religi\u00f6se Vielfalt in evangelischer Perspektive<\/em><\/a>\u00a0aus dem vergangenen Jahr arbeitet sich an den \u201ereformatorischen Leitworten \u2018allein durch den Glauben\u2019, \u2018allein durch das Wort\u2019, \u2018allein die Schrift\u2019\u201c ab. Diese seien \u201ezwar auf Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit aus, sie sind aber mit einem Exklusivismus des alleinigen Wahrheitsbesitzes nicht zu verwechseln.\u201c Weiter hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie sogenannten \u2018Exklusivpartikel\u2019 zielen auf das Recht eigener Einsicht in Religionsangelegenheiten und halten daher alles fern, was auf \u00dcberw\u00e4ltigung und Verf\u00fchrung, auf \u00dcberredung und Zwang hinausl\u00e4uft. Da sie die selbsteigene Einsicht der Glaubenden fordern und f\u00f6rdern, stellen sie nicht das Recht des anderen infrage, alles anders zu sehen und darum anderes zu glauben. Wie jedoch das Recht der Meinungsfreiheit seine Pointe verliert, wenn niemand mehr den Mut hat, eine eigene Meinung zu vertreten, so kommt es im Religionspluralismus auf die Freiheit an, eigene Glaubens\u00fcberzeugungen auch zu vertreten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist alles noch irgendwie im Lot. \u00dcberw\u00e4ltigung, Verf\u00fchrung, \u00dcberredung und Zwang sind sicher abzulehnen; \u00dcberzeugungen sollen vertreten werden. Nat\u00fcrlich haben nichtchristliche Mitb\u00fcrger das\u00a0<em>Recht<\/em>, Dinge anders zu sehen. Die Vielfalt der Religionen ist eine Tatsache. Die Religions- und Meinungsfreiheit tr\u00e4gt diesem Faktum Rechnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Seiten sp\u00e4ter wird jedoch im Abschnitt \u201eWahrheitsbindung und Dialogf\u00e4higkeit\u201c ausgef\u00fchrt, dass dem Glauben \u201enicht verhei\u00dfen [ist], dass er in allem Recht beh\u00e4lt. Er w\u00e4re im Dialog der Religionen und in der Wahrnehmung des religi\u00f6sen Pluralismus inkompetent, wollte er seine Orientierung an der Wahrheitsfrage mit dem Besitz einer abgeschlossenen Wahrheitseinsicht verwechseln. Er m\u00fcsste dann das letzte Wort behalten wollen, k\u00f6nnte nicht im Ernst hinh\u00f6ren, nicht gemeinsam mit anderen nach Wahrheit suchen und schon gar nicht den Beitrag zur Religionskultur einer pluralistischen Religionsgesellschaft leisten. [\u2026] Wer nur seiner eigenen \u00dcberzeugung Wahrheit zuweist, hat sich der Last der Wahrheitsfrage entledigt, aber auch die Chance verspielt, die religi\u00f6se \u00dcberzeugung des anderen als eine eigene Antwort auf Gottes Wirklichkeit ernst zu nehmen. Der Pluralismus fordert und f\u00f6rdert die Relativierung der eigenen Perspektive, aber er st\u00e4rkt auch ein reflektiertes Selbstverst\u00e4ndnis im Umgang mit der eigenen Tradition. Dieser Prozess ist mit einem Relativismus, der alle Wahrheitsfragen vergleichg\u00fcltigt, nicht zu verwechseln. Eine Kultur des Pluralismus entwickelt sich mit dem Bewusstsein, dass es mehrere Perspektiven auf die Wirklichkeit gibt, und darum mit der Kunst, Abweichungen, Alterit\u00e4t und nicht-integrierbare fremde \u00dcberzeugungen zu ertragen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier kommt der \u2018normale\u2019 Leser wohl endg\u00fcltig durcheinander. Der Begriff Wahrheit wird oft eingestreut, ist also offensichtlich irgendwie wichtig. Die \u201eOrientierung an der Wahrheitsfrage\u201c sei immer noch wichtig, Vergleichg\u00fcltigung der Wahrheit falsch. Wahrheit steht nun aber definitionsgem\u00e4\u00df im Gegensatz zur Falschheit. Wenn alles wahr ist, dann ist gar nichts mehr wahr. Wo im Text ist aber Raum f\u00fcr ein klares \u2018Wort der Wahrheit\u2019, f\u00fcr Aussagen wie \u201eich glaube, dass dies wahr und das Gegenteil davon falsch ist\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig ist nat\u00fcrlich, dass man mit Ernst hinh\u00f6ren soll, was andere glauben und denken. Nichts ist gegen ein \u201ereflektiertes Selbstverst\u00e4ndnis im Umgang mit der eigenen Tradition\u201c einzuwenden, im Gegenteil. Die Autoren des Textes r\u00fccken jedoch die traditionelle Position (um sie hier einmal so zu nennen) in ein schlechtes Licht. Dem Glauben sei nicht verhei\u00dfen, \u201ein allem Recht\u201c zu behalten. \u201eDer Glaube\u201c ist hier sehr missverst\u00e4ndlich formuliert. Die Offenbarung Gottes? Die christliche Lehr\u00fcberlieferung? Der Glaube der einzelnen Christen? Ein Mensch hat als S\u00fcnder nie \u201ein allem\u201c, was er so denkt und sagt, Recht. Alles, was nicht g\u00f6ttlich inspiriert ist, ist von Ungenauigkeiten und Fehlern begleitet. Unsere Wahrheitserkenntnis bleibt immer verbesserungs- und korrekturf\u00e4hig. Insofern stimmt es nat\u00fcrlich, dass es keine im wahren Sinn des Wortes \u201eabgeschlossene Wahrheitseinsicht\u201c gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist aber zu beachten, dass alle menschliche Erkenntnis in gewisser Weise vorl\u00e4ufig ist. Niemand \u201ebesitzt\u201c daher\u00a0<em>die<\/em>\u00a0Wahrheit. Ein Blick in die Naturwissenschaften zeigt doch, dass die unabgeschlossene Wahrheitserkenntnis uns Menschen gerade nicht hindert, Aussagen mit dem Anspruch auf objektive Wahrheit zu treffen. Fragt man heute einen Physiker, woraus unsere materielle Welt besteht, so wird er oder sie pr\u00e4zise antworten: \u201eQuarks, Leptonen und Gluonen\u201c. Punkt. Diese Antwort wird einem auf der ganzen Welt gegeben werden, und sie wird als wahr, objektiv wahr, betrachtet. Noch vor ein paar Generationen wusste man nur von Protonen, Neutronen und Elektronen, und lange waren auch diese unbekannt. Die Naturwissenschaften schreiten fort zu immer vertiefter Wahrheitserkenntnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grundlagentext betont nun, \u201edass es mehrere Perspektiven auf die Wirklichkeit gibt\u201c, und hier wird jeder Naturwissenschaftler nur zustimmen. Die Naturwissenschaften selbst sind eine wichtige Perspektive, und auch in ihnen gibt es gleichsam verschiedene Blickwinkel. Dies geht bis hin zum Verhalten des Lichts als Welle oder als Teilchen, je nach Perspektive. Aber damit erledigt sich die Wahrheitsfrage keineswegs. Perspektiven k\u00f6nnen sich erg\u00e4nzen, k\u00f6nnen aber auch in Widerspruch miteinander geraten; Perspektiven sind mehr oder weniger richtig und falsch. So stellte sich die aristotelische Perspektive in der Astronomie in der fr\u00fchen Neuzeit als falsch heraus; die Planeten bewegen sich nicht auf perfekten Bahnen wie der Grieche f\u00e4lschlicherweise lehrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im EKD-Text werden wir aufgefordert, \u201edie religi\u00f6se \u00dcberzeugung des anderen als eine eigene Antwort auf Gottes Wirklichkeit ernst zu nehmen\u201c. Ernst nehmen \u2013 ja sicher doch! Aber wie steht es um den Wahrheitsgehalt dieser Antworten aus anderen Perspektiven? Ist z.B. \u2013 um beim angeschnittenen Thema zu bleiben \u2013 die Auffassung der \u00f6stlichen Religionen, dass unsere materielle, sichtbare Welt letztlich nicht real, sondern nur Schein ist, wahr oder nicht? Ist dies eine legitime, richtige Antwort auf Gottes Wirklichkeit? Die Geschichte der Naturwissenschaften beweist ja, dass Gottes Wirklichkeit vielfach falsch gedeutet wurde. Soll es im Bereich der Religion keine falschen Deutungen geben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer nur seiner eigenen \u00dcberzeugung Wahrheit zuweist, hat sich der Last der Wahrheitsfrage entledigt\u201c, so hei\u00dft es weiter. Es ist aber gar nicht die Frage, ob nicht in anderen Religionen und Weltanschauungen Wahrheit zu finden ist. Nat\u00fcrlich gibt es in nichtchristlichen Denk- und Glaubenssystemen teilweise viel Wahres. So ist ja auch die Aussage des Islam, dass es nur einen allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfergott gibt, wahr; und auch im Buddhismus l\u00e4sst sich gewiss Wahres finden. Dies zu leugnen, w\u00e4re t\u00f6richt. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob Christen Lehren in nichtchristlichen Religionen als falsch und unwahr bezeichnen k\u00f6nnen und sollen. Hier haben Christen sogar das Recht, Jesus abschlie\u00dfend als den einzigen Weg zu verk\u00fcnden. Der letzte Grund daf\u00fcr besteht in \u00fcbernat\u00fcrlicher Offenbarung in der Person Jesu und in Gottes Wort (dies unterscheidet die Theologie von den Naturwissenschaften, die sich \u2018nur\u2019 auf die nat\u00fcrliche Offenbarung in der Sch\u00f6pfung gr\u00fcnden). Nur weil Gott selbst gesagt hat, dass Jesus der einzige Weg zum Vater ist, ist er dies auch. Ohne eine g\u00f6ttliche inspirierte Offenbarung kommt man bei der Wahrheitsfrage ins Trudeln. Da das Schriftverst\u00e4ndnis in den Gro\u00dfkirchen stark aufgeweicht ist, meiden inzwischen auch die Verlautbarungen der EKD solche Formulierungen wie \u201edies ist wahr und dies ist falsch\u201c wie der Teufel das Weihwasser \u2013 weil nat\u00fcrlich der \u201eKultur des Pluralismus\u201c abtr\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grundlagentext \u00fcbersch\u00fcttet den Leser geradezu mit selbstverst\u00e4ndlichen Wahrheiten wie \u201eReligion ist Sache freier Zustimmung und eigener Einsicht\u201c oder der Erkenntnis, dass das \u201eVerh\u00e4ltnis des christlichen Glaubens zur Wahrheitsfrage komplex ist\u201c. Hier und da werden S\u00e4tze eingestreut, die hochtrabend daherkommen, aber wenig Konkretes aussagen: \u201eDie Bedeutung der Wahrheitsfrage im religi\u00f6sen Dialog verbietet eine Allianz zwischen Macht- und Absolutheitsanspr\u00fcchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig \u00e4rgern muss man sich, dass einem auch hier die Quadratur des Kreises zugemutet wird. Gegen Ende des Abschnitts wird unterstrichen, dass man keineswegs \u201ezwischen Exklusivismus (= es gibt nur eine wahre Religion unter Ausschluss aller anderen), Inklusivismus (= es gibt wenigstens eine wahre Religion, die die Teilwahrheiten aller anderen in sich einschlie\u00dft) und Pluralismus (= es gibt mehrere wahre Religionen) w\u00e4hlen m\u00fcsste.\u201c Ja warum denn nicht? Haben etwa alle Positionen gleich Recht? Welche Position neben diesen dreien w\u00e4re logisch noch denkbar? (Die pessimistische Variante nat\u00fcrlich: es gibt gar keinen Weg zum Heil durch Religion, aber die f\u00fchrt direkt zu Agnostizismus und Atheismus.) Wie soll denn der Christ nun denken?\u00a0<em>Muss<\/em>\u00a0man sich hier nicht entscheiden? Der einzige Ausweg ist doch eine postmoderne Aufweichung des Wahrheitsbegriffs \u2013 die Kategorie der wahren Religion wird beseitigt. Die Theologen retten dabei ihre Wahrheit, indem sie sie radikal subjektivieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Beziehung statt objektiver Tatsachen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Texte wie die zitierten d\u00fcrften die allermeisten Christen in den Gemeinden nur verwirren. In einer \u201escobel\u201c-Sendung auf 3Sat im Jahr 2014 zum Thema Wahrheit brachte es Simone Dietz, Professorin f\u00fcr Praktische Philosophie an der Uni D\u00fcsseldorf, klarer auf den Punkt:\u00a0 \u201eFriedensschluss der Religionen beruht darauf, dass man nicht die objektive Wahrheit f\u00fcr seinen Glauben in Anspruch nimmt, sondern sagt: das ist meine Glaubenswahrheit, und die gilt f\u00fcr mich und meine Glaubensgeschwister [\u2026].\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von dieser \u00dcberzeugung ging auch S\u00f6ren Bein in einem Video-Blog (\u201ePastors Montagsgedanken\u201c) aus. Darin erl\u00e4utert der lutherischer Pastor einer Gemeinde im Kreis Celle, \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Gceo6i66xTE\">warum der wahre Glaube die Wahrheit doch nicht gepachtet hat<\/a>\u201c. Bein schildert folgende Situation: \u201eEin Christ und eine Muslimin kommen miteinander \u00fcber ihren Glauben ins Gespr\u00e4ch: Beide sind \u00fcberzeugt, dass ihr Glaube der einzig wahre Glaube ist.\u201c Beide berufen sich auf ihre Offenbarungen, Koran bzw. Bibel und Jesus, beide sehen sich als Anh\u00e4nger der \u201eeinzig wahren Religion\u201c. Das Gespr\u00e4ch k\u00f6nnte auch schon beendet sein, was aber laut Bein schade w\u00e4re. \u201eVielleicht w\u00e4re es gut, wenn sich beide klarmachen, dass sie auf v\u00f6llig unterschiedlichen Ebenen sprechen, wenn sie das, was sie f\u00fchlen, was sie empfinden, was ihre \u00dcberzeugung ist, zu einer objektiven Tatsache machen.\u201c Seine L\u00f6sung: \u201eBeide haben Recht, insofern sie wie Verliebte sprechen. Wer einen religi\u00f6sen Glauben hat, ist verliebt; er hat zu Gott eine Beziehung, die ihn tief erf\u00fcllt. Und wer verliebt ist, kann nicht objektiv sein.\u201c Daher sei \u201ebeim Gespr\u00e4ch mit Angeh\u00f6rigen eines anderen Glaubens viel mehr gewonnen, wenn wir uns ehrlich daran Anteil geben, was unser Gott in unserem Leben getan hat, was wir f\u00fcr ihn f\u00fchlen und empfinden, wie er uns bereichert und beschenkt und was wir mit ihm erlebt haben; dass wir von unserer Beziehung sprechen und uns weniger objektive Tatsachen gegenseitig vorhalten. Dann kann wirklich Begegnung stattfinden, und wir k\u00f6nnen uns miteinander auf einen Weg begeben. Ich glaube, das bringt viel viel mehr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist Beins Verdienst, die akademischen Texte der Theologiebeamten einmal in einfachen Worten formuliert zu haben. \u201eBeide haben Recht\u201c, falsch im objektiven Sinne ist gar nichts. Bein baut jedoch einen Gegensatz auf, der in keiner Weise zwingend ist: Gespr\u00e4ch, Begegnung, Anteil nehmen, Zuh\u00f6ren und im Kontrast dazu gegenseitig objektive Tatsachen vorhalten, auf Wahrheit beharren, auf Offenbarung berufen. Er hat nat\u00fcrlich Recht, dass wir \u201evon unserer Beziehung sprechen\u201c sollen; Christen haben dies schon immer getan. Aber ersch\u00f6pft sich das christliche Zeugnis darin? Ist das wirklich alles? Und warum sollte das Gespr\u00e4ch beendet sein, wenn unterschiedliche Wahrheitsanspr\u00fcche aufeinandersto\u00dfen? Gibt es neben dem Austausch von Beziehungserfahrungen nicht auch noch die M\u00f6glichkeit des Austausches von Argumenten? Ist es nicht gut denkbar, dass man sich freundlich begegnet und versucht, den anderen von der Wahrheit des eigenen Glaubens zu \u00fcberzeugen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass sich jemand auf Offenbarung beruft, ist ja nichts Ungew\u00f6hnliches. Wie steht es aber um die Glaubw\u00fcrdigkeit von Offenbarungsquellen? Hier gibt es ja besonders im Bereich der Neuen religi\u00f6sen Bewegungen teilweise ganz abstruse \u2018Offenbarungen\u2019, die sich irgendwie auch in Erfahrungen zu best\u00e4tigen scheinen. Sollen die nun jeder Kritik enthoben sein? Sollte man im Gespr\u00e4ch mit einer Anh\u00e4ngerin der Mormonen oder den Nachfolgern eines ausgeflippten Sektengurus auch nach einem gemeinsamen Weg suchen und die Wahrheitsfrage links liegen lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut Bein solle man sich dar\u00fcber austauschen, \u201ewas unser Gott in unserem Leben getan hat\u201c. Wieder ist dagegen nichts einzuwenden. Doch so ein Austausch wird ja nur offenbaren, dass dieser Gott irgendwie unterschiedlich ist \u2013 oder doch nur unterschiedlich wahrgenommen wird? Wenn es denn den einen Gott gibt, der mit Menschen in Beziehung tritt, kann es dann sein, dass er den einen v\u00f6llig freispricht (im Christentum) und anderen Gl\u00e4ubige dieser Freispruch vorenthalten wird und letztlich Erl\u00f6sung auch durch Werke zugemutet wird (im Islam)? Schiebt Bein hier nicht auch ein christlich gepr\u00e4gtes Gottesbild unter, wenn er davon spricht, dass wir \u201ezu Gott eine Beziehung\u201c haben? In vielen Religionen gibt es keinen pers\u00f6nlichen Gott, teilweise zahlreiche Gottheiten, manchmal nur G\u00f6ttliches oder gar keine Gottheiten. Hat die Existenz dieses h\u00f6chsten Wesens so gar nichts mit Objektivit\u00e4t zu tun? Gibt es hier keine objektive Falschheit? Was ist nun wahr: die Existenz eines pers\u00f6nlichen Gottes oder einer g\u00f6ttlichen Energie oder vieler G\u00f6tter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Existenz des dreieinen Gottes ist Humbug, wenn sie nicht eine objektive Tatsache ist. Diese gr\u00f6\u00dfte aller Tatsachen k\u00f6nnen wir nicht beweisen, wir haben sie nicht gepachtet und besitzen sie nicht. Unsere Antwort auf diesen Gott, unser Glaube, unser Empfinden ist nat\u00fcrlich nicht in dem Sinn eine objektive Tatsache wie dieser Gott selbst. Aber die Reaktion und Antwort orientiert sich an dieser grundlegenden Objektivit\u00e4t. Und hier stimmt Beins Bild von der Verliebtheit nicht. Verliebt man sich in eine andere Person, ist dieser Mensch der objektive Ausl\u00f6ser. Man ist verliebt wegen gewisser Qualit\u00e4ten bei einem anderen Menschen. Von was werden Menschen im Bereich der Religion ergriffen? Die Tatsache des Ergriffenseins ist dabei unbestritten. Die Frage ist hier doch, ob das religi\u00f6se Verliebtsein einen rechten, objektiven Grund hat oder nicht. Gr\u00fcndet der Glaube nicht auf objektiven Tatsachen, so ist er Illusion. So argumentierten ja auch die Propheten im AT: Wer an die heidnischen G\u00f6tter glaubt \u2013 und sich in sie verliebt \u2013, der glaubt an Vogelscheuchen und Nichtse. So ein Glaube ist t\u00f6richt, genauso t\u00f6richt wie sich in sein Spiegelbild oder andere Scheinbilder zu verlieben. Wir verlieben uns gerechtfertigt in andere Menschen, weil sie wirklich da sind. Verliebt man sich religi\u00f6s in ein fliegendes Spaghettimonster (darin liegt das Wahrheitsmoment der atheistischen Sp\u00f6tter, die sich dieses Phantasieprodukt ausgedacht haben), dann ist dies nur dumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bein bringt neben dem Beispiel der Verliebtheit das des besten Papis von allen in den Augen seiner Kinder. All das klingt sehr \u00fcberzeugend, doch man darf Bein an dieser Stelle nicht laufen lassen. Das Gespr\u00e4ch von Christen und Muslimen ist eines. Wie w\u00fcrde er das Gespr\u00e4ch zwischen einem Christ und dem Anh\u00e4nger eines satanischen Kultes skizzieren? Oder einer Religion, die Menschenopfer als Ausdruck der Verliebtheit praktiziert? In der Religionsgeschichte war dies ja nun wahrlich keine Ausnahme. Was w\u00fcrde er sagen, wenn der religi\u00f6s Verliebte aus seiner Liebe heraus Gewalt anwendet und rechtfertigt? Wenn man dann mit moralischen Normen kontert, ist die Objektivit\u00e4t doch wieder im Spiel. Und es fragt sich, welches Gottesbild und welches Lehrsystem diese Normen begr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich halte es daher f\u00fcr eine grobe T\u00e4uschung (und falsch), wenn Bein von \u201ev\u00f6llig unterschiedlichen Ebenen\u201c spricht. Nein, kann man hier nur sagen, religi\u00f6s Verliebte befinden sich auf\u00a0<em>einer<\/em>\u00a0Ebene der Wirklichkeit; auf der Ebene, die fragt, was diese Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt; auf was oder wen sich Glaube ausrichten kann und soll; auf der Ebene, die Wahrheit und Falschheit, richtiges und falsches Deuten und Verhalten kennt. Unsere Wirklichkeit ist letztlich eine (was aber nat\u00fcrlich auch wieder ein Glaubenssatz ist), und damit bleibt die Frage, wer diese Wirklichkeit besser \u2013 wahrer \u2013 interpretiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bein nennt ganz am Ende seines Videos das Bild des Weges. Wenn man sich \u00fcber religi\u00f6se Beziehungserfahrungen austauscht und nicht gegenseitig von der objektiven Richtigkeit des Glaubens zu \u00fcberzeugen versucht, \u201edann kann wirklich Begegnung stattfinden, und wir k\u00f6nnen uns miteinander auf einen Weg begeben.\u201c Hier ist die Frage, was f\u00fcr einen Weg er hier meint. Der Weg der B\u00fcrger eines zivilen Gemeinwesens, die miteinander in einem Land und einer Kommune leben, egal welche Weltanschauung sie haben? M\u00f6glicherweise. So einen Weg m\u00fcssen Anh\u00e4nger unterschiedlicher Religion tats\u00e4chlich miteinander finden. Aber auch hier w\u00fcrde ich hinzuf\u00fcgen, dass es unsere westliche Zivilisation traditionell auszeichnet, dass man frei etwas als falsch, unmoralisch, gef\u00e4hrlich, unsinnig usw. bezeichnen darf. Begegnung freier Menschen ist auch immer in Teilen Begegnung von Konflikten, weil Menschen eben so unterschiedlich sind und verschiedene Dinge f\u00fcr wahr und richtig halten. Diese Konflikte tragen wir nur nicht mit F\u00e4usten aus, sondern mit Worten. Es bringt die Zivilgesellschaft keineswegs voran, wenn Konflikte politisch korrekt weggeb\u00fcgelt werden und nur noch nette Begegnungen stattfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Videoblog ist aber nur die Religion Thema. Sind Christ und Muslimin auf einem gemeinsamen religi\u00f6sen Weg? Sind beide auf dem richtigen Weg? Sind Christentum und Islam gleichsam Fahrspuren auf der wahren religi\u00f6sen Autobahn, die alle zum Ziel f\u00fchrt? Wie man es auch dreht und wendet \u2013 die Frage nach dem Weg zum Heil bleibt auf der Tagesordnung. Und ich kann hier keine Alternative zu Exklusivismus (ein Weg unter Ausschluss der anderen), Inklusivismus (ein Weg unter Einschluss der anderen) und Pluralismus (alle Wege sind legitim) erkennen. Viele in den Kirchen neigen heute zum Pluralismus, und so w\u00e4re auch Bein direkt zu fragen: Glauben Sie, dass die genannte Muslimin, wenn sie denn ihrem Weg treu folgt, gerettet wird? Hier wird meistens gekontert, dass dies Gottes Entscheidung sei. Also fragt man weiter: Soll man sie von ihrem Weg auf den des Christentums einladen, damit sie des Heils gewiss sein kann? Und das impliziert direkt, dass der muslimische Weg in die Irre f\u00fchrt. Glaubt man nicht, dass Jesus \u2013 und der christliche Glaube \u2013 der einzige Weg zum Heil ist, dann soll man sich offen zum Pluralismus bekennen. John Hick und andere haben dies getan, und daf\u00fcr geb\u00fchrt ihnen Respekt. Doch dann muss man den Nachweis f\u00fchren, was dies noch mit der Religion der Bibel zu tun hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eR\u00fccksicht nehmen auf den Menschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnen wir andere Menschen dazu bringen, meine Position, meine Lehre oder meinen Glauben anzunehmen? Hier gibt es im Grunde nur drei Antworten. Erstens nat\u00fcrlich diejenige, die \u00fcberhaupt leugnet, dass dies ein gutes Unterfangen ist: Andere sollen meinen Glauben gar nicht annehmen; soll doch jeder so leben, wie er will. Konsequent und umfassend wird dies jedoch nur selten praktiziert. Selbst die Allertolerantesten haben gewisse Forderungen an andere, und sei es nur der Glaube an die neue Art der Toleranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann gibt es die Gewalt: Andere werden durch Zwangsmittel gezwungen. \u201eWenn du das nicht glaubst, bekommt du einen \u00fcber die R\u00fcbe\u201c, k\u00f6nnte man diese Haltung banal, aber treffend ausdr\u00fccken. Dies ist sicher die menschliche\u00a0<em>default position<\/em>\u00a0nach dem Fall. Die versteckte Gewalt ist die Manipulation, bei der auf verdeckte und damit unethische Weise unser Verhalten gegen unsere Absicht beeinflusst wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo von Manipulation zu sprechen ist, wird nat\u00fcrlich mitunter kontrovers diskutiert. Ich w\u00fcrde die oft angeklagte Werbung hier weitgehend freisprechen, da sie meist sehr klar und offen kommuniziert: Unser Produkt ist das beste; kauf es! Das kann wahr oder falsch sein, aber Werbung ist meist sehr ehrlich. Auch die dahinter stehende Absicht ist ehrlich: Unternehmen wollen ihre Produkte verkaufen, und zwar m\u00f6glichst viel davon. Ja, Werbung und das ganze Drumherum ist ein gro\u00dfer Markt der Eitelkeiten, ein gro\u00dfes Buhlen um Aufmerksamkeit. Aber nur recht selten echte Manipulation. Die treffen wir viel \u00f6fter, so vermute ich, im Bereich der Religion. Ein krasses Beispiel eines ge\u00fcbten Manipulators ist in meinen Augen der XIV Dalai Lama. Er erz\u00e4hlt Menschen aus christlicher Kultur st\u00e4ndig, dass er nicht wolle, dass Christen Buddhisten werden: Bleibt blo\u00df in eurer Religion! Dabei tut er alles, aber auch alles, damit Christen buddhistisches Gedankengut aufnehmen und verinnerlichen \u2013 und so zu Buddhisten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dritte Art der Beeinflussung: Wir bem\u00fchen uns, andere Menschen von der Wahrheit von Ideen, Aussagen, Lehren zu \u00fcberzeugen. Dies geschieht nicht durch Befehle, denen man folgen muss, sondern durchaus auch durch Aufforderungen (<em>glaube<\/em>\u00a0dies und jenes!), aber meist durch Argumente, die diese Aufforderungen begr\u00fcnden (glaube dies,\u00a0<em>weil<\/em>\u2026.). Wir k\u00f6nnen uns gegenseitig nur durch Sprache \u00fcberzeugen, und daher ist der Umgang mit Sprache und die Sprachschulung so \u00e4u\u00dferst wichtig. Immer geht es um Inhalte, das Was, und um die Art und Weise unseres Ausdrucks und Gespr\u00e4chs, das Wie. Es gen\u00fcgt eben nicht, jemandem die Wahrheit um die Ohren zu knallen. Der Ton macht die Musik. Es gilt, klare \u00dcberzeugungen zu haben und sie auch formulieren zu k\u00f6nnen, und daneben ist Einf\u00fchlsamkeit f\u00fcr den Kontext und die Gespr\u00e4chssituation gefordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zitierten Texte fallen auf der Seite der Empathie vom Pferd; von klaren \u00dcberzeugungen ist nicht mehr viel zu sehen. Gro\u00dfe Denker der Vergangenheit haben beide Seiten noch besser zusammengehalten, und hier ist Blaise Pascal zu nennen. In seinen\u00a0<em>Gedanken<\/em>\u00a0schreibt der gro\u00dfe franz\u00f6sische Gelehrte und Christ:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWill man mit Nutzen tadeln, und einem andern zeigen, da\u00df er sich irrt, so mu\u00df man beobachten, von welcher Seite er die Sache ansieht, denn von der Seite ist sie gew\u00f6hnlich wahr und mu\u00df ihm diese Wahrheit zugestehen. Er ist damit zufrieden, weil er sieht, da\u00df er sich nicht geirrt und nur unterlassen hat alle Seiten zu sehn. Nun sch\u00e4mt man sich nicht, da\u00df man nicht alles sieht; aber man will sich nicht geirrt haben und vielleicht kommt das daher, weil nat\u00fcrlicher Weise der Geist von der Seite, von welcher er es ansieht, sich nicht t\u00e4uschen kann, wie alle Wahrnehmungen der Sinne immer wahr sind.\u201c (1. Teil, neunter Abschnitt, 29)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pascal formuliert hier \u00e4hnlich wie die EKD-Texte; dem Anderen soll man \u201eWahrheit zugestehen\u201c. Er klingt hier fast schon postmodern: je nach Perspektive und Wahrnehmung ist alles wahr. Pascal geht es aber darum, dass wir uns in den anderen Menschen hineinversetzen und begreifen, warum er oder sie subjektiv dies oder jenes f\u00fcr wahr h\u00e4lt. Denn man \u00fcbersehe die Eingangsformulierung nicht: Will man \u201eeinem andern zeigen, da\u00df er sich irrt [\u2026]\u201c \u2013 darlegen, dass sich jemand irrt, und zwar so darlegen, dass diese Person ihre Meinung \u00e4ndert und zu neuen \u00dcberzeugungen kommt (das ist doch der \u201eNutzen\u201c). Jemandem zeigen, dass er oder sie sich irrt \u2013 so etwas k\u00e4me Bein oder den EKD-Beamten ja nicht einmal \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausf\u00fchrlich geht Pascal auf unser Thema im Abschnitt \u201eVon der Kunst zu \u00fcberzeugen\u201c ein (Erster Teil, dritter Abschnitt). Der Wille zur tats\u00e4chlichen \u00dcberzeugung ist wichtig, aber die rationale Dimension wird immer von einer emotionalen begleitet, \u201edenn alle Menschen, die es nur gibt, werden beinahe immer zum Glauben hingerissen nicht durch den Beweis, sondern durch das Wohlgefallen.\u201c Will man von etwas \u00fcberzeugen, so muss man \u201eR\u00fccksicht nehmen auf den Menschen, auf den man es abgesehen hat; man mu\u00df dessen Geist und Herz kennen, mu\u00df wissen, welchen Grunds\u00e4tzen er beistimmt, welche Dinge er liebt, und ferner bei der Sache, um die es sich handelt, acht geben, welche Beziehung sie hat zu den zugestandenen Grunds\u00e4tzen oder zu den Gegenst\u00e4nden, die wegen der Reize, die man ihnen beilegt, als k\u00f6stlich angesehen werden.\u201c Daher besteht \u201edie Kunst zu \u00fcberzeugen\u201c nicht nur im \u00dcberzeugen selbst, sondern auch \u201ein der Kunst annehmlich zu machen\u201c. Wir sollen rational \u201e\u00fcberf\u00fchren\u201c, aber eine Position auch attraktiv machen, da Menschen nicht nur von der Vernunft bestimmt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wir sahen, ist \u00fcberzeugen nur mit Mitteln der Sprache zu erreichen. Es kommt also alles auf unsere Sprachfertigkeit an (das ist mit dem altert\u00fcmlichen \u201eBeredsamkeit\u201c f\u00fcr das frz.\u00a0<em>\u00e9loquence<\/em>\u00a0gemeint). Die Kunst zu \u00fcberzeugen besteht in der rechten Rhetorik, in einem Gebrauch der Sprache, der Verstand und Herz anspricht. Noch einmal Pascal:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Beredsamkeit ist eine Kunst die Dinge in der Art zu sagen, 1) da\u00df die, zu denen man spricht, sie ohne M\u00fche und mit Vergn\u00fcgen auffassen, 2) da\u00df sie sich dabei interessiert f\u00fchlen und ihre Eigenliebe sie treibe williger dar\u00fcber nachzudenken. Sie besteht also darin, da\u00df man eine Verbindung zwischen dem Geist und Herzen derer, zu denen man spricht, einerseits und den Gedanken und Ausdr\u00fccken, deren man sich bedient, andrerseits her zu stellen versucht. Das setzt voraus, da\u00df man das menschliche Herz wohl erforscht habe, um alle seine Triebfedern zu kennen und darnach die geeigneten Verh\u00e4ltnisse der Rede zu finden, die man f\u00fcr dasselbe recht passend machen will. Man mu\u00df sich an die Stelle derer, die uns h\u00f6ren sollen, versetzen und mit der Wendung, die man seiner Rede gibt, einen Versuch an seinem eignen Herzen machen, um zu sehen, ob eins f\u00fcr das andre gemacht ist und ob man gewi\u00df sein kann, da\u00df der Zuh\u00f6rer gleichsam gezwungen sein wird, sich zu ergeben. Man mu\u00df sich, so viel als m\u00f6glich, auf das einfach Nat\u00fcrliche beschr\u00e4nken, nicht gro\u00df machen was klein, nicht klein was gro\u00df ist. Es gen\u00fcgt nicht, da\u00df eine Rede wohlklingend ist, sie mu\u00df auch dem Gegenstand angemessen sein; nichts zu viel, nichts zu wenig. Die Beredsamkeit ist ein Abbild des\u00a0 Gedankens und diejenigen, welche, nachdem sie gemalt, noch etwas hinzuf\u00fcgen, machen ein Gem\u00e4lde statt eines Abbildes.\u201c (Zweiter Teil, Siebzehnter Abschnitt,105)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Pascal k\u00f6nnen wir heute lernen, dass es auf der einen Seite n\u00f6tig ist, andere Menschen von unserem Glauben zu \u00fcberzeugen. Auf der anderen Seite zeigt er uns auch, wie dies auf einf\u00fchlsame Weise, ohne \u00dcberw\u00e4ltigung und Verf\u00fchrung, ohne Zwang und Manipulation m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 17. Juli 2016, www.lahayne.lt<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heutzutage jemandem direkt zu sagen, dass man eine vorgetragene Meinung f\u00fcr falsch h\u00e4lt, gilt weithin als intolerant. 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