{"id":1371,"date":"2006-10-20T09:58:52","date_gmt":"2006-10-20T07:58:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1371"},"modified":"2009-09-07T10:45:40","modified_gmt":"2009-09-07T08:45:40","slug":"der-staat-hat-die-eltern-entrechtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1371","title":{"rendered":"Der Staat hat die Eltern entrechtet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Staat hat die Eltern entrechtet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ganzen Land werden pl\u00f6tzlich mi\u00dfhandelte und vernachl\u00e4ssigte Kinder entdeckt. Der Vorwurf, der Staat habe versagt, ist wahr: Er macht die Eltern zu Arbeitsmaschinen und verwaltet die l\u00e4stigen Kinder am liebsten selbst. Das ist erstens falsch und zweitens funktioniert es nicht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachricht von dem toten Kind in Bremen scheint eine Lawine ausgel\u00f6st zu haben. Seither werden landauf, landab in Kellern, K\u00fchlschr\u00e4nken und Kinderzimmern vernachl\u00e4ssigte und mi\u00dfhandelte, geschlagene und verhungerte Kinder entdeckt. Und jedes Mal steht der Schuldige fest: der Staat, vertreten durch die Polizei, das Jugendamt, die verantwortliche Beh\u00f6rde oder die unverantwortliche Senatorin. Sie alle, hei\u00dft es dann regelm\u00e4\u00dfig, h\u00e4tten versagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich hat der Staat versagt. Aber doch nicht erst seit gestern oder vorgestern, und auch nicht nur durch Unterlassen. Versagt hat er, als er, im Widerspruch zu der Verfassung, auf den Gedanken kam, den Eltern ihr nat\u00fcrliches Recht zu bestreiten und sie von der &#8222;zuv\u00f6rderst ihnen&#8220; obliegenden Pflicht zu befreien, die Kinder, die sie in die Welt gesetzt haben, auch zu versorgen und zu erziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Rechte ohne Pflichten, der Wahlspruch von New Labor in England, gilt auch in umgekehrter Reihenfolge. Dann hei\u00dft er: Keine Pflichten ohne Rechte. Als sich der Staat dazu erbot, den Eltern das Erziehungsgesch\u00e4ft abzunehmen, hat er gegen diese Regel versto\u00dfen &#8211; doch das ist eine Vorstellung, die bei den Staatsfrommen, die auf der Linken und der Rechten in der Mehrheit sind, schlecht ankommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wollen die Botschaft, die sie mit ihrem lauten Ruf nach Betreuung stillschweigend verbreiten, nicht wahrhaben. Die lautet: Kinder sind l\u00e4stig! Wenn sie sich denn schon nicht vermeiden lassen, sollten sie von den Eltern so schnell wie m\u00f6glich in einer Krippe abgeliefert, an eine Tagesst\u00e4tte weitergereicht oder in einer Ganztagsschule geparkt werden. Auf keinen Fall sich selbst drum k\u00fcmmern, denn das bedeutet den Verzicht auf &#8222;Karriere&#8220;! In dieser Frage ist der West-Staat, wie wir ihn seit der Vereinigung kennen, der legitime Nachfolger der Ost-Partei: Er hat immer Recht, wei\u00df alles besser und mu\u00df die B\u00fcrger deshalb von der \u00e4rgsten Last, der Last der Freiheit, befreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle politischen Kr\u00e4fte unter Einschlu\u00df der FDP sind sich darin einig, da\u00df das Land, um zu \u00fcberleben, in ein gro\u00dfes Arbeitshaus verwandelt werden mu\u00df. Wenn die Leute dazu gen\u00f6tigt sind, ganztags und au\u00dfer Hause zu arbeiten, haben sie f\u00fcr das, was fr\u00fcher die Privatsph\u00e4re ausmachte, immer weniger Zeit; die \u00fcberlassen sie dann zwangsl\u00e4ufig dem Staat. Die Staatsvertreter sehen das mit Freude, denn damit steigt ihre Aussicht auf Machtgewinn. Und weil die Macht die W\u00e4hrung ist, in der sie rechnen, betrachten sie die schleichende Enteignung als Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df verm\u00f6gen die Vielen, wie es bei Aristoteles hei\u00dft, mehr als jeder Einzelne allein. Aber doch nur so lange, wie der Staat sie l\u00e4\u00dft. Das tut er aber nicht. Der Staat, vertreten durch seine \u00c4mter und Beh\u00f6rden, mischt sich ein, will mitgestalten und, wie die Floskel lautet, aktivieren: Als ob in einem Land, das den bei weitem gr\u00f6\u00dften Teil seines kollektiven Reichtums darauf verwendet, Renten zu bezahlen, Krankheiten zu kurieren, Arbeitslosigkeit zu verwalten und Pflege zu gew\u00e4hren, die Rede vom &#8222;aktivierenden&#8220; Staat nicht ein Witz w\u00e4re, den nur noch bekennende Linke ernst nehmen. Tats\u00e4chlich aktiviert ein solcher Staat zu gar nichts mehr; er l\u00e4hmt, entmutigt, t\u00f6tet ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine eher kl\u00e4glich als \u00fcppig bemessene Grundversorgung, bestehend aus sozialen Dienstleistungen, aus Fernsehunterhaltung und Energiezufuhr, sicherstellen und zumessen, das kann der Staat und soll er auch. Aber schon bei der Bildung ist er, wie nicht erst die Pisa-Studien bewiesen haben, drastisch \u00fcberfordert, bei der Erziehung erst recht. Alles, was \u00fcber ein sozialistisch kalkuliertes Mittelma\u00df hinausreicht, ist den Beh\u00f6rden unzug\u00e4nglich und eben deshalb auch suspekt. Exzellenz ist eine Sache, die von der Staatsmacht besch\u00e4digt oder unterdr\u00fcckt, aber nicht gez\u00fcchtet werden kann. Der Staat lebt auch hier von Voraussetzungen, die er nicht garantieren, geschweige denn schaffen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erziehung, sagt Fontane, sei Innensache, &#8222;Sache des Hauses, und vieles, ja das Beste kann man nur aus der Hand der Eltern empfangen&#8220;. Doch Eltern kommen in den Programmschriften der Parteien, Gewerkschaften und Verb\u00e4nde nur noch ausnahmsweise vor; und wenn, dann blo\u00df als Risikofaktoren, die so schnell wie m\u00f6glich durch den Eingriff von oben an den Rand zu schieben oder zu ersetzen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das tote Kind aus Bremen hat gezeigt, da\u00df, wie und mit was f\u00fcr Folgen Eltern versagen k\u00f6nnen. Da\u00df, wie und mit was f\u00fcr Folgen der Staat versagt, hat der Fall aber auch gezeigt. Schlie\u00dflich war es der Staat, der die Existenz von Kindern zum Merkmal einer neuen Unterschicht gemacht und Millionen von ihnen in die Armut getrieben hat. In Deutschland nennt man das sozial.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>DIE WELT 20.10.06<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Staat hat die Eltern entrechtet Im ganzen Land werden pl\u00f6tzlich mi\u00dfhandelte und vernachl\u00e4ssigte Kinder entdeckt. Der Vorwurf, der Staat habe versagt, ist wahr: Er macht die Eltern zu Arbeitsmaschinen und verwaltet die l\u00e4stigen Kinder am liebsten selbst. Das ist erstens falsch und zweitens funktioniert es nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1371"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3181,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1371\/revisions\/3181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}