{"id":13688,"date":"2016-07-20T09:23:49","date_gmt":"2016-07-20T07:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13688"},"modified":"2016-07-20T09:24:37","modified_gmt":"2016-07-20T07:24:37","slug":"toleranz-bis-zur-selbstaufgabe-was-ist-aus-christlicher-sicht-zur-frage-der-toleranz-zu-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13688","title":{"rendered":"Toleranz bis zur Selbstaufgabe? Was ist aus christlicher Sicht zur Frage der Toleranz zu sagen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Da wird mancher kritisch sagen, zu diesem Thema sollte die Kirche lieber schweigen angesichts der Geschichte der Kreuzz\u00fcge, der Religionskriege, der Hexenprozesse und der Inquisition. Das alles ist nicht zu bestreiten, doch darf man diese furchtbaren Ereignisse der Kirchengeschichte nicht mit der christlichen Botschaft des Neuen Testaments gleichsetzen. Sondern umgekehrt muss man die Kirchengeschichte an den Aussagen des Neuen Testaments, an den Aussagen Jesu und seiner Apostel, messen und beurteilen. Dann wird deutlich, wie h\u00e4ufig leider die Institution Kirche von der Botschaft des ihr anvertrauten Evangeliums abgewichen ist. Genauso wie der einzelne Christ in seinem pers\u00f6nlichen Leben leider immer wieder von den Worten Jesu und seiner Apostel abweicht \u2013 S\u00fcnde nennt man das. Es ist ganz eindeutig, nach dem Neuen Testament darf f\u00fcr die Belange des Glaubens und der Kirche, keine Gewalt und kein Zwang angewendet werden, auch nicht mittelbar. Das unterscheidet den christlichen Glauben grundlegend vom Islam.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst sollten wir uns bewusst machen, was Toleranz nach der Wortbedeutung eigentlich meint. Toleranz meint, \u201eetwas ertragen m\u00fcssen\u201c. Dass man bestimmte Handlungen, Worte, Denk- und Glaubensweisen, die man f\u00fcr falsch und sch\u00e4dlich h\u00e4lt, nicht mit Zwang und Gewalt begegnet, sondern sie ertr\u00e4gt. Aber wie weit geht diese Toleranz, dieses Hinnehmen-m\u00fcssen? Wenn alles hingenommen wird, dann gibt man sich doch letztlich selbst auf. Also wo sind die Grenzen der Toleranz? Diese Frage stellt sich pers\u00f6nlich jedem einzelnen Christen, diese Frage stellt sich der Institution Kirche und der Institution Staat und der westlichen Gesellschaft. Und da ist festzustellen, dass die Grenzen, was und wie viel hinzunehmen ist, vom einzelnen Christen und der Kirche in anderer Weise zu ziehen sind als vom Staat und der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was h\u00f6ren wir aus der Bibel \u00fcber \u201eToleranz\u201c gegen\u00fcber anderen Menschen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus predigt, dass wir unseren N\u00e4chsten lieben sollen, wie uns selbst (Mt. 19, 19), und sogar unsere pers\u00f6nlichen Feinde sollen wir lieben (Mt. 5, 44; unterscheide \u201eechtros\u201c = pers\u00f6nlicher Feind von \u201epolemios\u201c = Feind im Krieg). Das ist mehr als Toleranz, mehr als nur ein \u201eErtragen-m\u00fcssen\u201c. Besonders, wenn ein Mensch in Not geraten ist, dann haben wir ihm als Christ zu helfen, unabh\u00e4ngig von seiner Nationalit\u00e4t und Religion. Erinnert sei an die Geschichte Jesu vom barmherzigen Samariter (Lk. 10, 25). In dieser Weise haben wir uns pers\u00f6nlich auch gegen\u00fcber jedem Fl\u00fcchtling und Migranten, der uns begegnet, zu verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der N\u00e4chstenliebe verbietet sich Zwang, Gewalt und Hass gegen\u00fcber Jedermann. Jesus sagt in der Bergpredigt (Mt. 5): Selig sind die Sanftm\u00fctigen, die Friedfertigen, die Barmherzigen &#8230; Bei seiner Festnahme spricht Jesus zu Petrus: \u201eStecke dein Schwert ein.\u201c Zu Pilatus spricht Jesus (Joh. 19, 36): \u201eMein Reich ist nicht von dieser Welt. W\u00e4re mein Reich von dieser Welt, meine Diener w\u00fcrden darum (mit der Waffe) k\u00e4mpfen.\u201c Jesus l\u00e4sst sich widerstandslos verhaften, zum Tode verurteilen und kreuzigen. In der Verfolgungssituation haben auch die ersten Christen nicht zur Waffe gegriffen, sondern haben gelitten bis in den M\u00e4rtyrertod. Das ist tats\u00e4chlich <u>pers\u00f6nliche \u00e4u\u00dferliche Selbstaufgabe<\/u>. Den J\u00fcngern Jesu ist allein der Glaube und das Wort zum Kampf gegeben, wie der Apostel Paulus schreibt (Eph. 6, 16): \u201eErgreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr ausl\u00f6schen k\u00f6nnt alle feurigen Pfeile des B\u00f6sen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte zur grenzenlosen N\u00e4chstenliebe und zum bedingungslosen Gewaltverzicht, besonders die Bergpredigt, hat Jesus an uns als Einzelne und an seine Gemeinde gerichtet, aber nicht etwa an den Staat, die Regierung, ihre Beamten und Soldaten. Jesus wollte nicht den Staat auffordern, dass er mit Nachgiebigkeit, Vergebung und Verzicht auf staatliche Gewalt regieren solle. Das hat nicht nur Martin Luther so vertreten, sondern auch die R\u00f6misch-katholische Kirche und ist auch heute \u201edie Mehrheitsmeinung in der neueren neutestamentlich-exegetischen Forschung\u201c (Prof. Markus Zehnder).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber in Jesu Gemeinschaft, in seinem Reich, das nicht von dieser Welt ist, das ein unsichtbares Reich des Glaubens ist (Joh. 18, 36), da gelten eben andere Ma\u00dfst\u00e4be und Mittel als im weltlichen Bereich, n\u00e4mlich allein das Evangelium des Wortes, des Glaubens und der Liebe. Der einzelne Christ in seinem pers\u00f6nlichen Bereich und die Kirche sieht und begegnet also immer zuerst dem einzelnen Menschen und zeigt gegen\u00fcber seiner Person Langmut und N\u00e4chstenliebe und weist keinen Hilfsbed\u00fcrftigen zur\u00fcck. Paulus schreibt\u00a0 (1. Kor. 13, 4): \u201eDie Liebe ist langm\u00fctig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bl\u00e4ht sich nicht auf, sie verh\u00e4lt sich nicht ungeh\u00f6rig, sie sucht nicht das Ihre, sie l\u00e4sst sich nicht erbittern &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christliche Staatsb\u00fcrger und Politiker handelt hingegen immer in Verantwortung f\u00fcr das Ganze und muss dabei Gefahren und Schaden von der Allgemeinheit abwehren und den Nutzen aller mehren wollen. Er kann keine Toleranz \u00fcben, die Schaden oder Gefahr f\u00fcr die Allgemeinheit oder gar eine <u>partielle staatliche Selbstaufgabe<\/u> in sich birgt. Dieses unterschiedliche Selbstverst\u00e4ndnis und dieser unterschiedliche Auftrag von Kirche und Staat f\u00fchren zu unterschiedlichen Handlungsweisen und unterschiedlichen Grenzen der Toleranz. Auf die naturgem\u00e4\u00df unterschiedlichen Mittel und Toleranz-grenzen von Staat und Kirche und dem einzelnen Christen haben Luther mit der Theologie von den Zwei-Reichen \/ Regimenten Gottes aber auch die Staats- und Aufkl\u00e4rungsphilosophen John Locke (1632 \u20131704) und Voltaire (1694 \u20131778) hingewiesen. F\u00fcr einen Christen, der zugleich auch Staatsb\u00fcrger und Politiker ist, kann da nun eine Spannung entstehen zwischen der N\u00e4chstenliebe gegen\u00fcber jedem Einzelnen und der Verantwortung f\u00fcr das Ganze. Da gilt es die Balance zu halten und die Spannung auch innerlich emotional zu bew\u00e4ltigen (Hinweis auf die Fl\u00fcchtlingspolitik).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Toleranz ist nicht gleich Toleranz \u2013 die unterschiedlichen Grade der Toleranz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft wird gesagt, wenn man der Meinung eines anderen widerspreche, dann sei man ein \u201eintoleranter Mensch\u201c. Das mag zutreffen, wenn es in rechthaberischer Art geschieht und sich auf Nebens\u00e4chlichkeiten oder Geschmacksfragen bezieht, aber eben nicht, wenn es sich um inhaltlich grundlegende \u00dcberzeugungen handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ma\u00dfgeblich sind zu unterscheiden, die \u201eformale \u00e4u\u00dfere Toleranz gegen\u00fcber der Person\u201c, also Gewaltverzicht und respektvoller Umgang, von einer viel weitergehenden \u201einneren inhaltlichen Toleranz\u201c, die eine positive Akzeptanz, Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung der anderen Ansicht beinhaltet. Das w\u00e4re sozusagen eine zweite Stufe der Toleranz, die vom unmittelbaren Wortsinn des \u201eErtragen-m\u00fcssens\u201c nicht mehr abgedeckt ist, sondern eigentlich ein \u201eZustimmen\u201c bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christliche Glaube verlangt von mir aber nicht, dass ich das Handeln, die Worte oder die Glaubens- und Denkweise eines anderen, die meinem Glauben widersprechen, nun f\u00fcr gleichwertig, f\u00fcr gleich gut, f\u00fcr gleich g\u00fcltig, f\u00fcr gleich wahr halten m\u00fcsse und sie auch nicht kritisieren d\u00fcrfe. Damit entfiele ja die Suche und Unterscheidung von \u201erichtig und falsch\u201c, von \u201en\u00fctzlich und sch\u00e4dlich\u201c, von \u201ewahr und unwahr\u201c, von \u201egut und b\u00f6se\u201c. Solche Haltung, die alles einebnet, ist nicht \u201etolerant\u201c, sondern \u201eindifferent\u201c &#8211; unentschieden, orientierungslos. Denn damit stellte man seine eigene \u00dcberzeugung zur Disposition. Ja, eigentlich hat man dann gar keine eigene \u00dcberzeugung mehr, zu mindestens traut man sich nicht mehr, f\u00fcr sie einzutreten. Das w\u00e4re <u>geistig-geistliche Selbstaufgabe<\/u>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von tolerant-sein im Wortsinne kann man nur sprechen, wenn man einen eigenen Standpunkt hat. Hat man keinen eigenen Standpunkt, dann erduldet man ja keine andere Ansicht, sondern nimmt sie einfach nur wertneutral oder gleichg\u00fcltig zu Kenntnis. Toleranz bedingt also einen eigenen Standpunkt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus, die Apostel, die ersten Christen, die M\u00e4rtyrer, waren gegen\u00fcber jeder Person formal-\u00e4u\u00dferlich grenzenlos tolerant aber eben nicht innerlich-inhaltlich. Sie sagten nicht, es ist ganz egal, was man glaubt, welcher Religion man angeh\u00f6rt. Sie lie\u00dfen weder die Lehre der Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten gelten, noch die griechischen G\u00f6tter, noch den Kaiser als Gott. F\u00fcr das Festhalten am Glauben an Jesus Christus und die Verneinung der konkurrierenden Lehren und G\u00f6tter nahmen die ersten Christen den Tod in Kauf. Ja, wir sind zum geistig-geistlichen Kampf gegen antichristliche Meinungen, Worte und Taten aufgefordert. Paulus schreibt (Eph. 6, 17): \u201eK\u00e4mpft den guten Kampf des Glaubens und nehmt dazu das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Unterscheidung von formal-\u00e4u\u00dferer Toleranz und innerlich-inhaltlicher Toleranz handelt auch Gott mit uns. Aus Liebe ertr\u00e4gt Gott den ungehorsamen s\u00fcndigen Menschen, vernichtet ihn nicht, als Zeichen daf\u00fcr hat er den Regenbogen gesetzt, aber Gott ertr\u00e4gt und billigt nicht die S\u00fcnde, sondern straft sie. Doch hat uns Jesus Christus aus Liebe die S\u00fcnde und die daf\u00fcr verwirkte Strafe abgenommen, getragen und ertragen (Joh. 1, 29): \u201eSiehe das ist Gottes Lamm, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An falsch verstandener Toleranz kranken vielfach die interreligi\u00f6sen Gespr\u00e4che. Nein, ich halte den Islam nicht f\u00fcr genauso wahr, wie den christlichen Glauben, sondern f\u00fcr geistlich gef\u00e4hrlich und in besonderer Auspr\u00e4gung auch f\u00fcr \u00e4u\u00dferlich gef\u00e4hrlich. Aber deshalb muss man trotzdem mit einem Muslim pers\u00f6nlich friedfertig, ja, christlich vorbildlich reden und umgehen, formale \u00e4u\u00dfere Toleranz \u00fcben. Damit meine ich nicht die Nachgiebigkeit, ja Anbiederung der Kirchen an den Zeitgeist und an den Islam, wie z.B. kirchliche Gr\u00fc\u00dfe zum Ramadan, wie die Mitgliedschaft des EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm im \u201eM\u00fcnchner Forum f\u00fcr Islam\u201c, das eine gro\u00dfe Moschee bauen will; dass Pastoren der hannoverschen Landeskirche Imame zu muslimischen Seelsorgern ausbilden, dass Kirchengemeinden einen Moscheebau unterst\u00fctzen, dass Muslimen Rede- und Gebetsm\u00f6glichkeiten in christlichen Gottesdiensten einger\u00e4umt werden&#8230;\u00a0 Gegen entsprechende Gesten seitens des Staates im Sinne der Integration und Gleichbehandlung der Religionsgemeinschaften in unserem s\u00e4kularen Verfassungsstaat ist dagegen schwerlich etwas einzuwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft wird als Beispiel f\u00fcr religi\u00f6se Toleranz auf Lessings \u201eNathan der Weise\u201c mit der Ringparabel hingewiesen. Die wahre Religion erweise sich darin, wie viel Gutes ihre Anh\u00e4nger ihren Mitmenschen tun. Als n\u00fctzliche politische \u201eStaatsmoral\u201c lasse ich das gern gelten. Doch religi\u00f6ser Glaube besteht nicht zuerst und allein aus Geboten der N\u00e4chstenliebe, besteht nicht nur aus Ethik &#8211; der horizontalen Ebene von Mensch zu Mensch. Das ist erst der zweite Schritt, den man nicht von dem ersten abschneiden und isolieren kann. Zuerst geht es darum, was Gottes Wahrheit f\u00fcr uns ist, auf welchem Wege Gott uns anspricht und welchen Weg uns Gott ins ewige Leben weist \u2013 die vertikale Ebene von Gott zum Menschen. Dazu spricht Jesus (Joh. 14, 6): \u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt anders zum Vater als durch mich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltlich-religionswissenschaftlich betrachtet, erhebt jede Religion den Wahrheitsanspruch, der vielfach als \u201eAbsolutheitsanspruch\u201c diffamiert wird. Das\u00a0 Aufgeben des Wahrheitsanspruches w\u00e4re <u>Selbstaufgabe<\/u>. Auch die so oft als absolut tolerant gepriesenen \u00f6stlichen Religionen des Hinduismus und Buddhismus halten an ihrem Wahrheitsanspruch unbeirrt fest. Sie integrieren zwar andere religi\u00f6se \u00dcberzeugungen, aber hinsichtlich ihrer obersten Dogmen vom Karma, von Reinkarnation und Monismus halten sie an ihrem absoluten Wahrheitsanspruch fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen die Anerkennung anderer G\u00f6tter, anderer Gottesvorstellungen und anderer Wege zum Heil und gegen eine geistlich indifferente, unentschiedene Haltung finden wir viele Worte in der Bibel. Gott sagt uns mit dem 1. Gebot: Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir.\u201c Gott sagt von sich, dass er ein eifernder, ein eifers\u00fcchtiger Gott ist (2. Mose 20, 5). Wir sind aufgefordert und gemahnt, die Wahrheit und die Liebe zu Gott und unseren N\u00e4chsten in Jesus Christus und seinem Wort zu finden und weiterzugeben. Wir werden angehalten, Gott und seinen Geboten treu zu sein, alles in der Welt und an Meinungen zu pr\u00fcfen, das Gute zu behalten und das B\u00f6se zu meiden. Standhaft sollen wir im Glauben bleiben, mit Worten und Taten Jesus Christus bekennen und nachfolgen. Wir h\u00f6ren die Warnung Gottes, dass er die Unentschiedenen, die Lauen, wie widerliches lauwarmes Wasser ausspucken wird (Offb. 3, 16).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie tolerant hat der Staat gegen\u00fcber seinen B\u00fcrgern zu sein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grenzen der Toleranz des Staates bestimmen sich nach dem g\u00f6ttlichen Auftrag, den jeder Staat, jede Regierung, hat. Der Staat ist, unabh\u00e4ngig von seiner Staats- und Regierungsform, von Gott als ein \u00e4u\u00dferer Ordnungs- und Schutzgarant f\u00fcr das Zusammen-leben der Menschen gegeben. Deshalb kann er keine Form des Unrechtes, der Kriminalit\u00e4t und Anarchie tolerieren. Die Welt soll nicht im Chaos versinken, die Bosheit soll nicht triumphieren, wie man es bei einem Verfall der Staatsmacht, etwa bei B\u00fcrgerkriegen, beobachten kann. Zur Durchsetzung seiner Gesetze sind dem Staat Polizei, Gericht und Milit\u00e4r gegeben (ev-luth. Bekenntnis, Art. 16 CA). Der Staat kann und soll eben nicht nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Bergpredigt Jesu mit grenzenloser Liebe, bedingungsloser Vergebung und staatlichem Gewaltverzicht regiert werden. Der Apostel Paulus schreibt (R\u00f6m. 13), dass der Staat der Diener Gottes zu deinem Besten sein soll, der das \u201eSchwert\u201c &#8211; die staatliche Gewalt &#8211; dazu hat, dass er dich vor der \u00e4u\u00dferlichen Bosheit sch\u00fctzt und sie straft. Und Christen haben die staatlichen Gesetzen zu befolgen, so lange nicht unmittelbar etwas von ihnen pers\u00f6nlich verlangt wird, was gegen Gottes Gebot verst\u00f6\u00dft. Dann ist Gott mehr zu gehorchen (Apg. 4,19).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Auftrag des Staates zur Verantwortung f\u00fcr das \u00e4u\u00dfere Leben seiner B\u00fcrger liegt aber auch eine Begrenzung. Der Staat hat n\u00e4mlich keinen Auftrag, das innere, das religi\u00f6se Denken und den Glauben seiner B\u00fcrger vorzugeben (= Religionsfreiheit). Er darf der Religionsaus\u00fcbung nur Grenzen setzen, wenn diese nach staatlicher Macht strebt oder unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Sonderrechte beansprucht, wie z.B. der fundamentale Islam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sachen des Glaubens obliegen der Kirche und den Religionsgemeinschaften und der Staat hat religi\u00f6s tolerant zu sein, hat Religionsfreiheit als ein Menschenrecht zu gew\u00e4hren. Zur staatlichen Toleranz gegen\u00fcber den Kirchen (= Religionsfreiheit) geh\u00f6rt auch die Freiheit, andere Religionen, Welt- und Werteanschauungen kritisieren zu d\u00fcrfen. Der Staat hat kein Recht, den Kirchen und ihren Amtstr\u00e4gern in dieser Hinsicht eine geistig-inhaltliche Toleranz und ein Schweigen abzufordern, wie es etwa der Gro\u00dfe Kurf\u00fcrst 1666 mit seinem sogenannten Toleranzedikt von Paul Gerhardt verlangt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur Religionsfreiheit beanspruchen auch heute islamische Staaten, dass ihnen auch die religi\u00f6se Herrschaft \u00fcber ihre B\u00fcrger zustehe. Wie auch alle s\u00e4kular-ideologisch regierten Staaten nicht nur die \u00e4u\u00dfere Herrschaft, sondern auch eine Herrschaft \u00fcber Herz und Seele, \u00fcber Denken und Glauben ihrer B\u00fcrger beanspruchen und erzwingen wollen (Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus). Dieser Totalitarismus aber ist Grenz\u00fcberschreitung des staatlichen Auftrags. Der totalit\u00e4re Staat ist antichristlicher Staat, ist die \u201eHure Babylon\u201c nach der Offenbarung des Johannes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider gibt es auch in der heutigen westliche Gesellschaft entsprechend bedenkliche Entwicklungen. So, wenn von den B\u00fcrgern nicht nur die selbstverst\u00e4ndliche formal-\u00e4u\u00dfere Toleranz (= Gewaltverzicht) verlangt wird, sondern zugleich auch eine inhaltlich moralisch anerkennende Toleranz gegen\u00fcber dem Islam, der Abtreibung, Promiskuit\u00e4t, Homosexualit\u00e4t und Gender Mainstreaming (Hinweis auf die Plakate des Bundesgesundheitsministeriums). Besonders \u00fcber \u201ePolitical Correctness\u201c werden \u201eneue Werte\u201c statuiert, die sich beginnen zu einer s\u00e4kularen intoleranten \u201eZivilreligion\u201c (= Staatsideologie) auszuwachsen. Kritik an dieser neuen Welt- und Werteanschauung wird \u00f6ffentlich diffamiert, weil sie die Belange des uferlosen Pluralismus und Liberalismus und der \u00fcberzogenen Antidiskriminierung st\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staat aber hat sich auf seine Verantwortlichkeit f\u00fcr den \u00e4u\u00dferen Schutz und das \u00e4u\u00dfere Wohl des Volkes zu beschr\u00e4nken. Dar\u00fcber ist nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der n\u00fcchternen Vernunft zu befinden. Was nun jeweils f\u00fcr das Volk das Beste ist, dar\u00fcber kann es aber auch unter christlichen Politikern und christlichen Staatsb\u00fcrgern sehr unterschiedliche Meinungen und Wertungen geben. In diesem Kontext ist auch die Problematik des Fl\u00fcchtlingszustroms zu sehen. Der Staat hat aus seiner Gesamtverantwortung das Recht, Einreisen und Einwanderung zu begrenzen, Abschiebungen vorzunehmen, Sozialleistungen einzuschr\u00e4nken usw., wie er auch umgekehrt das Recht hat, dieses alles sehr gro\u00dfz\u00fcgig zu handhaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Christ darf ich zwar die Politik, und auch die Fl\u00fcchtlings- und Integrationspolitik, in der einen oder anderen Richtung kritisieren, aber ich darf die bestehenden Gesetze in keiner Richtung missachten. Ich habe mich an die bestehenden Gesetze und Entscheidungen der Regierung zu halten. Weder darf ich Fl\u00fcchtlinge am Gesetz vorbei zu Einreise und Aufenthalt verhelfen, noch darf ich umgekehrt Fl\u00fcchtlingen Steine in den Weg legen oder gar gewaltsam-kriminell werden. Als christlicher Staatsb\u00fcrger kann ich aus gesamtstaatlicher Verantwortung durchaus f\u00fcr eine Begrenzung der Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen und Migranten, f\u00fcr Verweigerung der\u00a0 Einreise und Abschiebungen, unter Wahrung der Humanit\u00e4t, eintreten. W\u00e4hrend ich aber gleichzeitig dem einzelnen Fl\u00fcchtling, der mir begegnet, freundlich und hilfsbereit gegen\u00fcberzutreten habe. Als Christ lebt man eben zum einen in der Gemeinschaft des Glaubens, in der die grenzenlose N\u00e4chstenliebe regieren soll, und zugleich im Bereich des Staates, der vernunftgem\u00e4\u00df rational handeln muss (Zwei-Reiche-Lehre). Und dem ich nach Gottes Gebot zur Loyalit\u00e4t verpflichtet bin. Diesen Spannungsbogen gilt es auszuhalten, ohne nach der einen oder anderen Seite emotional abzurutschen. Wir sollen die sachliche und emotionsfreie Auseinandersetzung suchen und f\u00f6rdern und uns h\u00fcten, in die Falle der Unterstellungen, der Verleumdungen und des Hasses zu laufen!<\/p>\n<p><em>Detlef L\u00f6hde, 13. April 2016<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der obenstehende Beitrag wurde am 13.4.2016 beim &#8222;Kirchenvorsteher-Initiativkreis Hannover in der hannoverschen Landeskirche&#8220; im Vortragssaal der \u00c4rztekammer Hannover als Vortrag gehalten. Der Autor ist ordinierter ehrenamtlicher Pfarrdiakon der SELK. Weitere Informationen auf der Website <a class=\"moz-txt-link-abbreviated\" href=\"http:\/\/www.biblisch-lutherisch.de\">www.biblisch-lutherisch.de<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da wird mancher kritisch sagen, zu diesem Thema sollte die Kirche lieber schweigen angesichts der Geschichte der Kreuzz\u00fcge, der Religionskriege, der Hexenprozesse und der Inquisition. 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