{"id":13651,"date":"2016-07-06T15:07:11","date_gmt":"2016-07-06T13:07:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13651"},"modified":"2016-07-06T15:07:11","modified_gmt":"2016-07-06T13:07:11","slug":"zapfen-an-der-weisheitsreserve","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13651","title":{"rendered":"Zapfen an der Weisheitsreserve"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die R\u00fcckkehr der Alten in die Wirtschaft wirft die Frage nach Sinn und Definition der Arbeit neu auf<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trend ist l\u00e4ngst gebrochen. Bis vor sechs, sieben Jahren hie\u00df es noch: Weg mit den Alten. Jedes zweite Unternehmen in Deutschland besch\u00e4ftigte bis weit ins erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts keine Arbeitnehmer mehr im Alter von \u00fcber 50 Jahren. Statt auf erfahrene \u00e4ltere Manager, setzte man aus Gr\u00fcnden der Innovation und Kostenersparnis vermehrt auf den F\u00fchrungsnachwuchs. <!--more-->Dabei wurde stets vergessen, dass der Firma damit auch ein Gro\u00dfteil an Erfahrungen und Kenntnissen verloren geht. Niemand kennt ein Unternehmen so gut wie jemand, der mit ihm gewachsen ist oder es mit aufgebaut hat &#8211; und niemand kann dieses Wissen so kompetent weitergeben. Wie es Unternehmen ergehen kann, die auf die Kompetenz \u00e4lterer Manager verzichten, war in den Jahren nach der Rezession 2008 und bis heute wegen des Fachkr\u00e4ftemangels in vielen Betrieben zu beobachten: Entweder sind sie extrem angeschlagen oder v\u00f6llig vom Markt verschwunden. Heute wei\u00df man: Die Ausgrenzung \u00e4lterer Mitarbeiter ist kurzsichtig und gef\u00e4hrdet die Leistungsf\u00e4higkeit der Volkswirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also her mit den Alten. Auch das l\u00e4sst sich beobachten. Der Gegentrend w\u00e4chst seit Jahren an. Die Erwerbsquote der \u00dcber-60-J\u00e4hrigen hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, besonders stark war der Anstieg seit der Jahrtausendwende. Das Statistische Bundesamt teilte vor zwei Jahren mit, dass auf Grundlage von Ergebnissen des Mikrozensus im Jahr 2012 knapp die H\u00e4lfte (49,6 %) der 60- bis 64-J\u00e4hrigen am Arbeitsmarkt aktiv war. Damit hat sich der Anteil im Vergleich zur Situation zehn Jahre zuvor (2002: 25,1 %) fast verdoppelt. 2012 erreichte die Quote der arbeitenden 65j\u00e4hrigen ein Allzeithoch. Mit 70 sind immer noch sechs Prozent der M\u00e4nner und drei Prozent der Frauen erwerbst\u00e4tig. Und es ist nicht eine niedrige Rente, die zur Arbeit dr\u00e4ngen w\u00fcrde. Nach einer Studie der Universit\u00e4t Bayreuth, die im Auftrag des Deutschen Instituts f\u00fcr Altersvorsorge (DIA) erstellt wurde, ist das Engagement von Personen mit geringer Rente nicht h\u00f6her als das von als Personen mit h\u00f6heren Einkommen. Im Gegenteil. Die Studienautoren stellen fest: Je gr\u00f6\u00dfer das Verm\u00f6gen und je h\u00f6her das Haushaltseinkommen, desto h\u00f6her ist auch die Wahrscheinlichkeit, da\u00df man nach dem Renteneintritt weiterarbeitet. Eine weitere Studie des Mannheimer Zentrums f\u00fcr Europ\u00e4ische Wirtschaftsforschung (ZEW) differenziert noch: Die Leistungsf\u00e4higkeit der Rentner nehme nicht ab, sondern je nach Branche sogar zu. Generell lasse sich sagen: In Betrieben, in denen der Anteil \u00e4lterer Arbeitnehmer steigt, kommt es im Schnitt nicht zu einem Produktivit\u00e4tsr\u00fcckgang. Im Dienstleistungssektor steigt sogar die Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist logisch: T\u00e4tigkeiten im verarbeitenden Gewerbe sind oft mit starker k\u00f6rperlicher Beanspruchung verbunden. Die Arbeit im Dienstleistungssektor hingegen erfordert Qualit\u00e4ten, die mit wachsender Berufserfahrung eher zunehmen. Dazu geh\u00f6ren Kommunikations-und Teamf\u00e4higkeit, Ausdauer, Selbstorganisation, Motivation. Eine dritte Studie, diesmal von Ernst &amp; Young, bescheinigt der Generation 60 plus, sie sei am st\u00e4rksten motiviert und engagiert, 68 Prozent bezeichneten sich als \u201euneingeschr\u00e4nkt zufrieden\u201c mit ihrer Arbeit. Keine andere Altersgruppe erreicht solche Werte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bild-Zeitung meinte schon mal flapsig, Rentner sollen es nun machen. Aber sie machen es schon seit Jahren, in organisierter Form sogar seit Jahrzehnten. Der Senior Experten Services (SES) mit Sitz in Bonn zum Beispiel hilft in Deutschland und dar\u00fcber hinaus, Unternehmen \u00fcber Wasser zu halten oder auch zu retten. Ihr Motto: Zukunft braucht Erfahrung. Dieser ehrenamtliche Dienst der deutschen Wirtschaft schickt seine mittlerweile mehr als 12000 r\u00fcstigen Rentner in alle Welt. In weit mehr als drei\u00dfigtausend Projekten sind sie t\u00e4tig, meistens in Entwicklungs-und Schwellenl\u00e4ndern, aber eben auch in Deutschland. Erfahrung wird \u00fcberall gebraucht. Denn was Unternehmen auch in diesen Zeiten des digitalen Umbruchs mehr brauchen als dynamische Antreiber oder autistische Nerds sind die ruhigen aber sicheren H\u00e4nde von Patriarchen oder die gestandenen Pers\u00f6nlichkeiten, die dem Leben durch manche F\u00e4hrnisse hindurch Gelassenheit und Sinn abgetrotzt haben und es auch weiter tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist mehr als eine Mode-Erscheinung in schwierigen Zeiten. Das Bild der Wirtschaft wird auch hier medial oft verzerrt dargestellt. Man berichtet halt gern von jungen, coolen Start-up-Managern oder von gescheiterten Alten in gro\u00dfen Unternehmen. Moderne Unternehmen aber setzen heute auch auf die Erfahrung der kompetenten Alten. Bei Daimler etwa versammelt eine Initiative unter dem Namen \u201eSpace Cowboys\u201c Ruhest\u00e4ndler f\u00fcr Sondereins\u00e4tze. Mittlerweile sind es mehr als 600, vor einem Jahr war es gerade mal die H\u00e4lfte. Bei Bosch hat man einen \u00e4hnlichen Tool eingerichtet, den Senioren-Express, mit mehr als 1700 Ingenieuren, Technikern und anderen Fachleuten. Es ist eine Antwort auf den Fachkr\u00e4ftemangel auf Betriebsebene. Alle wissen und sehen es: Die Oldies sind oft belastbarer, kreativer, ausdauernder, motivierter und zeigen mehr Improvisationsgeschick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das ist nicht so neu. Vor fast f\u00fcnfzig Jahren schon schrieb der amerikanische \u00d6konom John K. Galbraith seinen Weltbestseller \u00fcber die \u201e\u00dcberflussgesellschaft\u201c. In ihm analysierte er die Antriebskr\u00e4fte der modernen Wirtschaft und Gesellschaft und das Konsumverhalten des modernen Massenmenschen. Seine wichtigsten Kapitel behandeln die Begriffe Motivation und Identifikation. Es sind, so Galbraith, die tragenden S\u00e4ulen jedes Unternehmens. Sie reichten in die Tiefe des menschlichen Daseins. Wer die Mitarbeiter eines Unternehmens nur als Instrumente oder reine Produktionsfaktoren sieht, der baut ein goldenes Kalb, ein Ding, das gl\u00e4nzt aber nicht lebt, totes Kapital, das seinen Wert schnell verlieren kann. Die andauernde demographische und in ihrem Gefolge auch Wirtschaftskrise der letzten Jahre lehrt, worauf es als konstante Gr\u00f6\u00dfe ankommt: Auf Humanverm\u00f6gen. Das tritt bei \u00e4lteren Arbeitnehmern und Unternehmern naturgem\u00e4\u00df geh\u00e4ufter auf als bei j\u00fcngeren. Es handelt sich dabei um Daseinskompetenzen, um grundlegende F\u00e4higkeiten des Menschen, das Miteinander-Umgehen-K\u00f6nnen, Ausdauer, teilen und selbstlos geben k\u00f6nnen, nach L\u00f6sungen suchen statt zu jammern, Gef\u00fchle erkennen und einordnen, Vertrauen schenken ohne naiv zu sein, F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten zur L\u00f6sung von Alltagsproblemen, es sind die Kompetenzen zum Lernen und zur Anwendung des Gelernten, es ist die soziale Kompetenz und die F\u00e4higkeit emotionale Intelligenz zu steuern und viele Eigenschaften mehr. Das ist mehr als Wissen. Der amerikanische Nobelpreistr\u00e4ger Gary Becker, ein liberaler \u00d6konom, der den Begriff des Humankapitals in die Wirtschaft eingef\u00fchrt und daf\u00fcr den Nobelpreis erhalten hat, sagte 2002 auf dem Kongress \u201eDemographie und Wohlstand\u201c in Berlin: \u201eDas grundlegende Humanverm\u00f6gen wird in der Familie erzeugt. Die Schule kann die Familie nicht ersetzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die R\u00fcckkehr der Alten zeigt: Die Wirtschaft kommt ohne dieses Humanverm\u00f6gen nicht mehr aus. Investition in die Gewinnung und F\u00f6rderung dieser Ressource bringt gute Rendite, nicht nur durch die Weiterbesch\u00e4ftigung von r\u00fcstigen Rentnern. Bisher haben die Betriebe und die Wirtschaft diese Ressource gratis ausgebeutet, denn es sind die Familien, die diese Investition mit der Erziehung aufbringen. Hier spielt die emotionale Stabilit\u00e4t eine tragende Rolle. Sie ist weitgehend ein Ergebnis der Pr\u00e4senz der ersten Bezugsperson \u2013 in der Regel die Mutter. Ohne diese Stabilit\u00e4t sinken Bereitschaft und F\u00e4higkeit zur Aufnahme neuer Lerninhalte und zum Meistern neuer Situationen. Die daf\u00fcr notwendige emotionale Kraft (Motivation, Offenheit, Flexibilit\u00e4t etc.) ist ohne diese Stabilit\u00e4t weitgehend absorbiert. Lern-und Konzentrationsschw\u00e4chen haben hier eine Wurzel. Das Ph\u00e4nomen ist bekannt: Scheidungskinder fallen in der Schule tief, ihr Humanverm\u00f6gen wird aufgerieben und verschlissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Erziehungswissenschaften, der Hirn-und Bindungsforschung oder auch der Entwicklungspsychologie sind solche Zusammenh\u00e4nge bekannt. In Politik und Wirtschaft verweigert man sich ihnen, trotz erkenntnisreicher Langzeit-Studien. Dieses gesellschaftspolitische Fehlverhalten setzte sich lange Zeit auch bei den Alten fort. Man hat sie mit ihrem Erfahrungsschatz auf die Parkbank gesetzt, man hat die Gro\u00dfeltern aussortiert, in Heime ausgelagert oder abgeschoben, so wie man die ganz Kleinen in Krippen und Kitas parkte. Das geschah oft mit gutem Willen, weil die vielfach geforderten und nicht selten \u00fcberforderten Eltern Betreuung und \/ oder Pflege nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich ist jeder Fall einzeln zu sehen. Aber auch hier ist ein Gegentrend zu beobachten. Es gibt Wohnh\u00e4user f\u00fcr Jung und Alt, beide Generationen brauchen einander, es gibt Stellen, wo bed\u00fcrftige Familien f\u00fcr ein paar Stunden oder manchmal auch l\u00e4nger eine Oma, einen Opa ausleihen k\u00f6nnen, ein Senior-Experten-Service f\u00fcr das Kleinunternehmen Familie. Die Idee kommt aus Paris, ist aber auch in M\u00fcnchen und Hamburg zuhause. Vor allem die Oma-Opa-Kinderhilfe in M\u00fcnchen expandiert kr\u00e4ftig. In der Psychologie und in den Erziehungswissenschaften wei\u00df man, dass Gro\u00dfeltern eine besondere Rolle spielen. Sie haben Zeit und kommunizieren anders. Der amerikanische Jugendpsychotherapeut Arthur Kornhauser siedelt die Bedeutung der Gro\u00dfeltern ganz oben an: \u201eSie sind wie lebende B\u00fccher und Familienarchive. Sie vermitteln Erfahrung und Werte. In der Kinder-Hierarchie der Zuneigung stehen nur noch die Eltern \u00fcber Oma und Opa\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alten sind die \u201eWeisheitsreserve der Gesellschaft\u201c (Papst Franziskus). Ihre R\u00fcckkehr in den Arbeitsprozess wirft aber auch die Frage nach der Definition und dem Sinn der Arbeit auf, gerade wenn sie ehrenamtlich geschieht. Der Mensch definiert sich auch \u00fcber die Arbeit, es gibt ein Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und W\u00fcrde des Menschen. Durch die Arbeit verwirkliche sich der Mensch, werde er \u201egewisserma\u00dfen mehr Mensch\u201c, schrieb Johannes Paul II. 1981 in seiner Enzyklika Laborem exercens. Die menschliche Arbeit sei der \u201ewesentliche Schl\u00fcssel in der gesamten sozialen Frage\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Begriff der Arbeit nicht weiter gefasst, neu definiert wird, wird der Mensch zum blo\u00dfen Kostenfaktor. Seine W\u00fcrde aber geht der Arbeit voraus. Sie ist. Die Arbeit hat eine subjektive Dimension. Der Mensch steht in ihrem Mittelpunkt, nicht umgekehrt. Arbeit und Arbeitsplatz sind nur Instrumente, wenn auch unabdingbare, f\u00fcr die Verwirklichung des Menschen und seiner Pers\u00f6nlichkeit. Hier k\u00f6nnte eine Strukturreform der Gesellschaft ansetzen. Nicht nur bei der Verteilung des vorhandenen Verm\u00f6gens und der vorhandenen Arbeit, sondern vor allem da, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, konkret da, wo Humanverm\u00f6gen geschaffen wird: In der Erziehung, in der Hausarbeit, in der Bildung. Das ist, blickt man zur Diskussion ins Ausland oder auf die Arbeiten von Nobelpreistr\u00e4gern wie Gary Becker, Investition in die Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese \u201euniversale Dimension der Arbeit\u201c wird von der Politik hierzulande jedoch kaum wahrgenommen. Aber sie scheint der Sehnsucht der Menschen zu entsprechen. Sie geh\u00f6rt gleichsam zum genetischen Programm, mit dem der Mensch der Welt und der Gesellschaft begegnet. In seinem Gesellschaftsroman mit dem programmatischen Titel \u201eArbeit\u201c l\u00e4sst Emile Zola die Hauptfigur, den Revolution\u00e4r Luc Froment, diese Sehnsucht in den Ausruf kleiden: \u201eDie Arbeit, ach die Arbeit! Wer nur k\u00f6nnte ihre Bedeutung so in das allgemeine Bewusstsein heben, wer nur sie neu organisieren nach den Naturgesetzen der Wahrheit und der Gleichheit, um ihr diese edle und ordnende Allmacht in der Welt zu verleihen, damit endlich die Reicht\u00fcmer dieser Erde zum Gl\u00fcck aller Menschen gerecht verteilt werden!\u201c Froment stirbt am Ende des Romans, seine Sehnsucht ist geblieben. Es ist die Sehnsucht nach einem neuen Konzept von Arbeit, das auch die menschliche Dimension umfasst. Insofern k\u00f6nnte man die R\u00fcckkehr der Alten auch als Hinweis der Geschichte sehen. Ein Hinweis, dass die Arbeit mehr ist als das Rechnen und Aufrechnen von Nebenkosten und Gehaltsforderungen, mehr ist als Produktion und sinnvolle Besch\u00e4ftigung. Sie ist eine Chance zum volleren Menschsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>J\u00fcrgen Liminski<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aufsatz des Monats 6\/2016<br \/>\nwww.i-daf.org<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckkehr der Alten in die Wirtschaft wirft die Frage nach Sinn und Definition der Arbeit neu auf Der Trend ist l\u00e4ngst gebrochen. Bis vor sechs, sieben Jahren hie\u00df es noch: Weg mit den Alten. 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