{"id":13607,"date":"2016-06-17T09:09:54","date_gmt":"2016-06-17T07:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13607"},"modified":"2016-06-17T09:13:30","modified_gmt":"2016-06-17T07:13:30","slug":"warum-spricht-keiner-ueber-die-islamische-homophobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13607","title":{"rendered":"Warum spricht keiner \u00fcber die islamische Homophobie?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Dezember 2012 sa\u00df ich das erste Mal zum Thema \u201eHomoehe\u201c in einer Talkshow, damals schien es nichts Dringenderes zu geben, das in Deutschland ohne den geringsten aktuellen Aufh\u00e4nger st\u00e4ndig diskutiert werden musste. Nach der Sendung bei Plasberg\u00a0 hagelte es bestimmt ein halbes Dutzend weiterer Einladungen zu TV Sendungen in Deutschland und auch \u00d6sterreich. Thema immer wieder: \u201eHomoehe\u201c, \u201eAdoptionsrecht f\u00fcr Homosexuelle\u201c usw. Die erste Anfrage kam damals von G\u00fcnther Jauch, die zweite dann von Anne Will und ich habe beiden Redaktionen wie allen folgenden mit der gleichen Begr\u00fcndung und der gleichen Anregung abgesagt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Setting dieser Runden war n\u00e4mlich immer das gleiche:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man nehme ein schwules, alternativ lesbisches P\u00e4rchen, das seit\u00a0 gef\u00fchlt 100 Jahren zusammen lebt und mit gro\u00dfer Liebe ein Kind gro\u00df zieht, das jetzt heiraten und noch weitere Kinder haben will, also homosexueller Durchschnitt \u2013 Ironie off.\u00a0 Ein-zwei schwule Politiker, bevorzugt aus der CDU, eine Mutter oder einen Vater mit schwulem oder lesbischem Kind, und was fehlt dann noch: Logisch, die konservative, katholische Spa\u00dfbremse. Das sollte dann mein Part sein.<\/p>\n<div class=\"tagline_mittig\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>Gleichwohl war es auch die Zeit, nachdem\u00a0 Bundespr\u00e4sident Christian Wulff uns belehrt hatte, der Islam geh\u00f6re zu Deutschland. Eine steile These, die bis heute in der Bev\u00f6lkerung nicht ausdiskutiert ist.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meiner bescheidenen Meinung nach haupts\u00e4chlich deswegen, weil es grunds\u00e4tzlich die falsche Frage ist, ob der Islam zu Deutschland geh\u00f6rt. Die diskutable Frage w\u00e4re allerh\u00f6chstens, ob der Islam zu Deutschland und seiner freiheitlich-demokratischen Grundordnung geh\u00f6ren will. Das wiederum w\u00e4re eine Frage, die die Muslime unter sich kl\u00e4ren m\u00fcssten, anstatt, dass sich st\u00e4ndig mehr oder minder begabte deutsche Korankenner in deutschen Talkshows gegenseitig widersprechende Suren an den Kopf werfen. Ob der Islam sich also dem Grundgesetz unterwerfen will, ist eine Fragestellung, die von allen islamischen Gemeinden in Deutschland noch zu beantworten w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und deswegen habe ich damals dem Redakteur von G\u00fcnther Jauch und sp\u00e4ter ebenso den Kollegen von Anne Will und Co.\u00a0 am Telefon neben meiner Absage die Empfehlung hinterlassen, sie m\u00f6gen doch bitte endlich auch einmal einen Imam zum Thema \u201eHomoehe\u201c einladen. Denn wenn der Islam jetzt zu Deutschland geh\u00f6re, sei es nahezu unanst\u00e4ndig, immer nur mit Vertretern der katholischen Kirche \u00fcber dieses Thema zu diskutieren. Der Redakteur war h\u00f6rbar kurz aus der Fassung: \u201eDaran habe ich ehrlich gesagt noch nie gedacht\u201c, sagte er zu dem Vorschlag. Logisch, ist ja auch viel einfacher, das Publikum mit Katholiken-Bashing zu unterhalten. Und auch ganz ungef\u00e4hrlich. Ich habe ihm dann noch erkl\u00e4rt, dass es einfach billig sei, sich bei diesem Thema nur an Katholiken abzuarbeiten oder beim Thema Islam immer nur bei Kopftuch, Burka und Frauenrechten stehen zu bleiben und\u00a0 den gesamten Themenkomplex der Homosexuellen einfach totzuschweigen.\u00a0 Wegen Katholiken habe kein einziger Schwuler in Deutschland irgendetwas zu bef\u00fcrchten. Wenn der Islam, wie wir ihn gerade weltweit kennen lernen d\u00fcrfen, aber jemals tats\u00e4chlich in Deutschland etwas zu melden hat, dann m\u00fcssten wir Katholiken irgendwann in Deutschland auf die Stra\u00dfe gehen, um die Rechte der Homosexuellen zu verteidigen. Und, dass ich dann selbst Vorne in der ersten Reihe mitlaufen w\u00fcrde, weil es mein christlich-katholischer Glaube gebietet, sich sch\u00fctzend vor andere Menschen zu stellen. \u00a0Das war im Januar 2013, ich habe diese Aufforderung an verschiedene Redaktionen seither vielfach wiederholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder die von G\u00fcnther Jauch, noch die von Anne Will, noch irgendeine der anderen Redaktionen, mit denen ich das jemals diskutiert habe, hatte den Mut, diese Debatte zu er\u00f6ffnen. Es fanden sich statt mir immer auch andere christliche Pr\u00fcgelknaben f\u00fcr die Sendungen. Das Problem ist aber geblieben. Am Wochenende hat es sich gerade erstmals in Orlando entladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, so kann man sich nun einbilden, ist weit weg von uns und hat mit uns nichts zu tun.<\/p>\n<div class=\"tagline_mittig\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>Daran sind sicher nur die liberalen Waffengesetze der USA, Donald Trump pers\u00f6nlich oder irgendwie die Bushs schuld. Und war das nicht ein verwirrter, psychisch labiler Einzelt\u00e4ter ohne weitere Motive?<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, so in der Art muss das gewesen sein, jedenfalls, wenn man deutsche Nachrichten zu Orlando seit gestern verfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In vielen Redaktionen scheut man es, zu benennen, was inzwischen offensichtlich ist, n\u00e4mlich dass wir es \u2013 wieder einmal \u2013 mit einem religi\u00f6sen, islamische Fanatiker zu tun haben, der sich offenbar gezielt diesmal die Opfergruppe der Homosexuellen herausgesucht hat. Jemand, der nicht unbekannt war beim FBI, vorher schon auffiel und Kontakte zum IS gehabt haben soll. Heute Morgen in den 8-Uhr-Nachrichten des WDR Radios, die ich autofahrend ertrug, schaffte es die Nachrichtensprecherin, das Massaker in Orlando als Nachricht zu verlesen, ohne das Wort Islam oder IS \u00fcberhaupt in den Mund zu nehmen.\u00a0 Stattdessen wurden die H\u00f6rer davon in Kenntnis gesetzt, dass er nach Aussage seiner Ex-Frau wohl aufbrausend gewesen sein muss, dass er Kontakte zu \u201eeiner\u201c Terrororganisation hatte \u2013 vielleicht war es ja die RAF? \u2013 um dann noch die Fragestellung aufzuwerfen, wieso so ein Mann in den USA eine Waffe erwerben darf. Damit war aus WDR-Sicht die Welt wieder in Ordnung.\u00a0 Es war nicht etwa ein islamistischer Fanatiker in Orlando am Werke gewesen,\u00a0 der sich mit Kontakten zum IS br\u00fcstete, sondern ein aufbrausender Ex-Ehemann, der leider wegen der starken Waffenlobby nicht daran gehindert werden konnte, an ein Maschinengewehr zu gelangen.\u00a0 Das war fast so gut wie damals, als uns ebenfalls der WDR in einem Kommentar 2011 erkl\u00e4rt hatte, dass Osama Bin Laden ja auch liebender Familienvater gewesen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die FAS machte sich \u00fcbrigens bereits am Sonntag Sorgen, ob das ganze jetzt dem Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Donald Trump nutzen wird und ihm zum Sieg verhilft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend also noch Dutzende von Opfern in den Krankenh\u00e4usern um ihr Leben ringen, wird in Deutschland schon aufgeregt die wichtigste Frage diskutiert: Um Himmels Willen nicht Trump! Nun sieht es so aus, dass aber genau das eintreffen wird, weil man auch in USA \u00a0ja diesen Reflex kennt, dass nichts mit nichts und schon gar nichts mit dem Islam zu tun haben darf. Noch im Januar 2015 twitterte die Pr\u00e4sidentschaftskandidatin Hillary Clinton \u201eLet`s be clear: Islam isn`t our enemy. Hateful rhetoric against Muslims isn`t just wrong, it plays into terrorists` hands. #GOPdebate.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da liegt die gute Hillary leider insofern falsch, als es eben nicht Terroristen in die H\u00e4nde spielt, sondern dem politischen Gegner, wenn die Regierung sich Diskussionen wie denen \u00fcber islamistischen Terror verweigert. Eine Erfahrung die man in Deutschland ja auch kennt. Und so ist zu erwarten, dass Clinton ihre Tweets aus dem Januar jetzt vor die F\u00fc\u00dfe geworfen werden, weil sie durch die Realit\u00e4t eingeholt wurden, und es Trump in der Tat nutzen wird. Genauso, wie es in Deutschland einzig und allein der AfD nutzt, wenn die Regierung sich den gleichen Debatten verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz gro\u00dfes Kino sind au\u00dferdem jetzt die deutschen Diskussionen, ob es sich bei dem T\u00e4ter von Orlando nun um einen islamistischen oder um einen homophoben T\u00e4ter gehandelt haben soll. Das eine hat ja bekanntlich in Deutschland nie etwas mit dem anderen zu tun. Das wiederum bringt einen wieder einmal zur Domplatte von K\u00f6ln. Dort hatten ja die \u00dcbergriffe auf Frauen offiziell auch nichts mit dem ethnischen oder gar religi\u00f6sen Hintergrund der T\u00e4ter zu tun. Analog muss der Schwulenhass des T\u00e4ters in Orlando quasi vom Himmel gefallen sein und ist vermutlich einfach nur Ausdruck einer systematischen, fl\u00e4chendeckenden Homophobie der amerikanischen Gesellschaft. Und zwar #ausnahmslos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Merke \u00fcbrigens auch, religi\u00f6se Pr\u00e4gung findet offensichtlich nur bei manchen Religionen ihren Ausdruck in Handlungen und Gesinnungen, w\u00e4hrend andere frei von niederen Motiven sind. \u00a0Wer \u00a0also beispielsweise als Christ ein Problem mit der Anerkennung der \u201eHomoehe\u201c hat, aber ansonsten friedlich neben seinen schwulen Nachbarn wohnt, ist religi\u00f6s verblendet, hasserf\u00fcllt, homophob und ein Katholiban. Wer hingegen als Muslim Schwule mit dem Maschinengewehr abknallt, ist geistig verwirrt, aufbrausend und Opfer der M\u00f6glichkeiten des amerikanischen Waffenrechtes, aber Gott sei Dank religi\u00f6s unmotiviert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In K\u00f6ln waren es \u201enur\u201c Frauen, die in einem f\u00fcr Deutschland \u00a0ganz neuen Ph\u00e4nomen\u00a0 der Zusammenrottung von jungen M\u00e4nnern massenweise sexuell gen\u00f6tigt und missbraucht wurden. Einem Ph\u00e4nomen, das sich derzeit auf Musikfestivals wiederholt, wie in Berlin und Darmstadt passiert. Einem Ph\u00e4nomen, das in skandinavischen L\u00e4ndern ebenfalls seit l\u00e4ngerem ein Problem darstellt.<\/p>\n<div class=\"tagline_mittig\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>Anstatt die Dinge beim Namen zu nennen, fl\u00fcchtet sich die Politik in die Behauptung eines gesamtgesellschaftlichen, sexistischen Ph\u00e4nomens.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute m\u00fcssen sich diejenigen als Rassisten beschimpfen lassen, die auf ein Schema bei den T\u00e4tern hinweisen. Das Mantra, nichts habe mit nichts zu tun, muss schlie\u00dflich beatmet werden. Wollen wir nun erst warten, bis die n\u00e4chste Opfergruppe dran ist, oder uns endlich dem Problem oder wenigstens der Debatte stellen? Wer heute im Rudel Frauen begrapscht, jagt morgen wieder Schwule durch die Stra\u00dfen. Wir haben es neuerdings mit Zuwanderern zu tun, die aus L\u00e4ndern kommen, in denen das nicht einmal Unrecht ist. Manche gar aus L\u00e4ndern, die Homosexuelle noch an B\u00e4umen aufh\u00e4ngen. Wer die Augen verschlie\u00dft oder keine Zusammenh\u00e4nge sehen will, vers\u00fcndigt sich an den Opfern von morgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich dachte, diese Zeiten seien f\u00fcr Deutschland f\u00fcr immer vorbei. Ich will nicht auf die Stra\u00dfe gehen m\u00fcssen, um die Rechte von Homosexuellen zu verteidigen. Aber ich w\u00fcrde es tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Birgit Kelle, 13. Juni 2016<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftswunder.at\">www.wirtschaftswunder.at<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 2012 sa\u00df ich das erste Mal zum Thema \u201eHomoehe\u201c in einer Talkshow, damals schien es nichts Dringenderes zu geben, das in Deutschland ohne den geringsten aktuellen Aufh\u00e4nger st\u00e4ndig diskutiert werden musste. Nach der Sendung bei Plasberg\u00a0 hagelte es bestimmt ein halbes Dutzend weiterer Einladungen zu TV Sendungen in Deutschland und auch \u00d6sterreich. 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