{"id":1347,"date":"2007-01-26T18:53:20","date_gmt":"2007-01-26T16:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1347"},"modified":"2009-09-04T20:30:26","modified_gmt":"2009-09-04T18:30:26","slug":"das-paradigma-%e2%80%9eselbstbestimmung%e2%80%9c-und-die-folgen-fur-gesellschaft-und-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1347","title":{"rendered":"Das Paradigma \u201eSelbstbestimmung\u201c und die Folgen f\u00fcr Gesellschaft und Kirche"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Paradigma \u201eSelbstbestimmung\u201c<br \/>\nund die Folgen f\u00fcr Gesellschaft und Kirche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das revolution\u00e4re Potential von Leitideen studieren will, der findet im neuzeitlichen Paradigma der Selbstbestimmung eine reiche Fundgrube. Neben der kommunistischen Utopie und dem nationalsozialistischen Rassismus ist die Ideologie der Selbstbestimmung zu einer der wirkungsm\u00e4chtigsten geistigen Strategien der Neuzeit ausgewachsen. Ihr Einflu\u00df ist so stark, da\u00df sie zumindest im angels\u00e4chsisch-europ\u00e4ischen Raum das gesamte \u00f6ffentliche Bewu\u00dftsein in Kultur, Politik und Wirtschaft, das Familienleben, das Geschlechterverh\u00e4ltnis, viele christliche Gemeinden und das Selbstbewu\u00dftsein unz\u00e4hliger Menschen dominiert. Ich m\u00f6chte in dieser kurzen Betrachtung zun\u00e4chst wichtige gesellschaftliche Aspekte unserer Selbstbestimmungskultur beleuchten und danach Chancen einer \u00dcberwindung der Selbstbestimmungsidee aufzeigen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die verf\u00fchrerische Macht und die gesellschaftspsychologischen Folgen unserer Selbstbestimmungskultur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor ich einzelne gesellschaftliche Bereiche aufzeige, in denen heute die Idee der Selbstbestimmung das Verst\u00e4ndnis und praktische Verhalten bestimmt, zitiere ich aus dem Buch \u201eStrukturelle Rationalit\u00e4t\u201c des fr\u00fcheren Kulturstaatsministers Julian Nida-R\u00fcmelin. Wir finden hier eine ebenso kurze wir pr\u00e4gnante Definition der Selbstbestimmung. Nida-R\u00fcmelin behauptet dort, da\u00df es \u201ekeine externen Kriterien f\u00fcr die richtige Wahl der Lebensform\u201c gibt. Diese Aussage mu\u00df man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sie bedeutet nichts anderes, als da\u00df jeder Mensch die Grundfragen und Ziele seines Lebens nur aus sich selbst beantworten kann und soll. Nicht der Erfahrungsschatz der Eltern, nicht das Rechtsbewu\u00dftsein und die Kultur der Zivilisation, in die jemand hineingeboren wurde, weder Religion noch Glaube sind in der Lage, tragf\u00e4hige Lebensideale zu vermitteln, nur die eigene Vernunft. Das ist das theoretische Postulat der Selbstbestimmungskultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neomarxistische Philosophen wie J\u00fcrgen Habermas haben f\u00fcr dieses Denken das geistige Fundament geliefert. F\u00fcr Habermas haben die bisher geltenden \u201eobersten Prinzipien\u2026ihren fraglosen Charakter\u201c verloren und m\u00fcssen \u201erationalisierten Weltbildern\u201c weichen. In seiner \u201eTheorie des kommunikativen Handelns\u201c fordert er eine durchgehende \u201eRationalisierung\u201c aller Autorit\u00e4ten und Werte und entwirft eine \u201ekollektive flexible Identit\u00e4t\u201c des postmodernen Menschen, die dieser sich durch einen permanenten \u201eBildungs- und Willensbildungsproze\u00df\u201c dauernd neu zu schaffen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verl\u00e4\u00dfliche Werte gibt es nach dieser Theorie nicht. Der Mensch ist gezwungen, kraft seiner Vernunft immer wieder neu zu definieren und in einer Dauerdiskussion konsensf\u00e4hig zu machen, welche Werte er seinem Leben zugrunde legen will. Er wird aufgefordert, aus der \u201eFremdbestimmung\u201c auszubrechen, die das menschliche Leben in der bisherigen Geistes- und Kulturgeschichte manipuliert hat, und sein Heil in der \u201eSelbstbestimmung\u201c zu suchen. Wie erfolgreich dieses Angebot gewirkt hat und immer noch wirkt, sollen die folgenden Einblicke in unsere Selbstbestimmungskultur zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00d6konomie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde hat in einem FAZ-Artikel eindringlich die Folgen der Autonomie auf das Verst\u00e4ndnis des Grundgesetzes sowie auf die Erziehung, die Rechtsordnung, das Wirtschaftsleben und die modernen Sozialsysteme beschrieben. Zur \u00d6konomie f\u00fchrt er aus, da\u00df durch die \u201eEntbindung der Marktkr\u00e4fte und die Abwehr planwirtschaftlichen Dirigismus\u201c eine \u201ekontinuierliche Freisetzung und Entgrenzung der individuellen und gesellschaftlichen Erwerbskr\u00e4fte\u201c einherging. Der \u201ema\u00dfgebende Bestimmungsfaktor ist das System selbst, hier der kapital- und profitgesteuerte Wirtschaftsablauf, der das Geschehen nach seiner von wirtschaftlicher Rationalit\u00e4t getragenen Funktionslogik steuert\u201c. \u201eDer Wert und die Verwendbarkeit der Menschen sind an ihre N\u00fctzlichkeit, ihren Beitrag zu Produktivit\u00e4t, Profitabilit\u00e4t und Wettbewerbsf\u00e4higkeit gebunden\u201c. Mit anderen Worten: Eine Wirtschaft, die sich vom Autonomiegedanken her versteht, also nur ihre eigenen Gesetze respektiert und sich keiner au\u00dfer\u00f6konomischen Ethik verpflichtet sieht, wird zunehmend unmenschlicher. Der Mensch degeneriert zum \u201eHumankapital\u201c und zur \u201eProduktionsware\u201c. B\u00f6ckenf\u00f6rde erkennt in der Entwicklung der sich selbst \u00fcberlassenen und selbstbestimmten Wirtschaft einen \u201eVerlust des Standhaften in jeder Hinsicht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Familie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Max Horkheimers programmatischer Streitschrift \u201eAutorit\u00e4t und Familie\u201c von 1936, wo er die b\u00fcrgerlich-christliche Familienstruktur als \u201eProduzentin von bestimmten autorit\u00e4ren Charaktertypen\u201c denunzierte , steht die herk\u00f6mmliche Familie im Kreuzfeuer der Vertreter des Autonomiegedankens. Das angeblich fremdbestimmte Kind soll dem Einflu\u00df der Eltern m\u00f6glichst weitgehend entzogen werden. Auch wenn sich der sp\u00e4te Horkheimer von diesen Thesen wieder distanzierte, die neomarxistischen Theoretiker in seinem Gefolge haben weiter das Zerrbild einer Familienstruktur konstruiert, nach welchem das Kind sexuell unterdr\u00fcckt wird, labile, konsum- und kapitalismusangepa\u00dfte Individuen produziert werden und wo die Eltern ihre gesellschaftsbedingte Aggressivit\u00e4t an sich selbst und den Kindern auslassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P\u00e4dagogen, die sich der Selbstbestimmungsidee verschrieben haben, haben aufgrund dieses Familien-Zerrbildes immer wieder einen gr\u00f6\u00dferen Einflu\u00df der Gesellschaft auf die Kinder gefordert. \u201eDaher bedarf heute das sogenannte Elternrecht einer wirksamen sozialen Kontrolle; denn alle gesellschaftlichen Gruppen, nicht etwa nur ihre m\u00e4chtigsten, haben letztlich das h\u00f6here Anrecht auf die Kinder als ihre vielfach befangenen Eltern, die f\u00fcr die Elternrolle nicht qualifiziert sind\u201c So verwundert es nicht, da\u00df Politiker, die dem Paradigma der Selbstbestimmung folgen, die \u201ePolitische Hoheit \u00fcber die Kinderbetten\u201c fordern und Milliarden f\u00fcr eine m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckende Fremdbetreuung der unter Dreij\u00e4hrigen bereitstellen. Da\u00df das Kleinkind Zuwendung braucht und nicht nur Betreuung, wie die Bindungsforschung l\u00e4ngst erwiesen hat, wird ignoriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pornographie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis 1973 war im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland die Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften unter Strafe gestellt. Im ehemaligen \u00a7 184 hie\u00df es: \u201eMit Gef\u00e4ngnis bis zu einem Jahr und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen wird belegt, wer unz\u00fcchtige Schriften, Abbildungen oder Darstellungen feilh\u00e4lt, verkauft, verteilt, \u2026 ank\u00fcndigt oder anpreist\u201c. Unter ausdr\u00fccklicher Berufung auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG) hat der Deutsche Bundestag 1973 diese Bestimmung abgeschafft und die Verbreitung der Pornographie an Personen \u00fcber 18 Jahre erlaubt. Damit wurde im Namen der Selbstbestimmung eine Schleuse ge\u00f6ffnet, durch die sich ein immer breiter werdender pornographischer Strom auf die gesamte Gesellschaft ergie\u00dft. Das Frauenbild wurde ma\u00dflos sexualisiert, das eheliche Intimleben durch Fremdbilder gest\u00f6rt und das Verh\u00e4ltnis von Mann und Frau schwer belastet. Der Sog der Pornographie wurde so stark, da\u00df selbst die feministische Kampagne \u201ePorNo\u201c Anfang der 90er Jahre nichts ausrichten konnte. Mittlerweile ist die Pornographie nur noch als Pornographie mit Kindern ein Gegenstand f\u00fcr Politik und Justiz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Homosexualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine vergleichbare Durchschlagskraft hat die Selbstbestimmungsidee auch in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung und Beurteilung der Homosexualit\u00e4t bewiesen. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war die homosexuelle Praxis unter M\u00e4nnern unter Strafe gestellt. Im \u00a7 175 hie\u00df es: \u201eEin Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mi\u00dfbrauchen l\u00e4\u00dft, wird mit Gef\u00e4ngnis bestraft\u201c. In den 70er und 80er Jahren gab es, organisiert von Prof. Helmut Kentler in Hannover, eine umfassende Medienkampagne zur Streichung des \u00a7 175 StGB. Sie wurde von einflu\u00dfreichen Personen unterst\u00fctzt wie z.B. von Heinrich B\u00f6ll, Dietrich Fischer-Dieskau, Curd J\u00fcrgens, Inge Meysel, Hartmut v. Hentig, Ehepaar Mitscherlich, Marcel Reich-Ranicki, G\u00fcnter Verheugen und Martin Walser. In einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern mit \u00fcberwiegend evangelischer Bev\u00f6lkerung wie in Holland und D\u00e4nemark kam es in den 80er Jahren zu juristischen Initiativen f\u00fcr die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare. Seit 1989 gibt es in D\u00e4nemark die \u201eregistrierte Partnerschaft Gleichgeschlechtlicher\u201c. 1992 f\u00fchrten etwa 250 gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland unter starker Beachtung durch die Medien vor etlichen Standes\u00e4mtern eine Kampagne zur rechtlichen Anerkennung ihrer Verbindung durch. 1993 berief das h\u00f6chste Gremium des deutschen landeskirchlichen Protestantismus, der Rat der EKD, eine bekennende Lesbierin in das Amt einer Studienleiterin am Frauenforschungs- und -studienzentrum der EKD in Gelnhausen. 1994 waren dann diejenigen, die f\u00fcr die Streichung des \u00a7 175 StGB (\u201eHomosexuelle Handlungen\u201c) gek\u00e4mpft hatten, ans Ziel gekommen. Der Bundestag strich den Paragraphen ersatzlos. Den Selbstbestimmungsideologen war es gelungen, das grundgesetzlich verankerte Recht auf freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit in ihrem Sinn auszudeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gender mainstreaming<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das j\u00fcngste Kind der Selbstbestimmungswelle hei\u00dft Gender mainstreaming. Die Internetseite des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend informiert uns \u00fcber die Bedeutung dieses Kunstwortes: \u201eGender bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell gepr\u00e4gten Geschlechtsrollen von Frauen und M\u00e4nnern. Diese sind \u2013 anders als das biologische Geschlecht \u2013 erlernt und damit ver\u00e4nderbar. Mainstreaming bedeutet, da\u00df eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zu einem wichtigen Bestandteil bei allen Vorhaben gemacht wird. Durch die Ausrichtung an den Lebensrealit\u00e4ten beider Geschlechter wird die Wirksamkeit der Ma\u00dfnahmen und Vorhaben erh\u00f6ht, so da\u00df sie pa\u00df- und zielgenauer werden\u201c. Der link \u201eGender Budgeting\u201c kl\u00e4rt dar\u00fcber auf, da\u00df die Regierung k\u00fcnftig in ihrer Haushaltsplanung \u201ePriorit\u00e4ten ver\u00e4ndert setzen und Mittel umverteilen\u201c soll, \u201eum einen geschlechtssensiblen und gerechten Haushalt aufzustellen\u201c. Das der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin angeschlossene und vom Familienministerium finanzierte sog. \u201eGenderKompetenzZentrum\u201c wird noch deutlicher. \u201eJede Organisation mu\u00df die Entwicklung von Zielen im Rahmen der Implementierung von Gender Mainstreaming leisten\u201c. Das hei\u00dft konkret: die angestrebte Gleichstellung von Mann und Frau soll in jedem Verein, in jedem Betrieb, in jeder \u00f6ffentlichen Einrichtung und nat\u00fcrlich auch in jeder Kirche durchgesetzt werden. Was man in diesem Zentrum unter Gleichstellung versteht, kann man sich denken, n\u00e4mlich \u201eFrauen und M\u00e4nnern ein gleicherma\u00dfen selbstbestimmtes Leben zu erm\u00f6glichen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sogar der SPIEGEL wurde stutzig: \u201eDas n\u00e4chste Projekt steht schon auf der Tagesordnung. Seit M\u00e4rz 2006 liegt im Bundesfamilienministerium eine \u201aMachbarkeitsstudie Gender Budgeting\u2019, sie hat 180.000 Euro gekostet, der Haushalt etlicher Ministerien wurde daf\u00fcr untersucht. W\u00fcrde es umgesetzt, m\u00fc\u00dfte jeder einzelne Finanzposten danach abgeklopft werden, ob er geschlechterpolitisch korrekt ausgegeben wird. Es w\u00e4re der Sieg der B\u00fcrokratie \u00fcber die Vernunft, denn es ist schwer zu kl\u00e4ren, ob nun eher Frauen oder M\u00e4nner einen Vorteil haben, wenn die Regierung Steinkohlesubventionen zahlt oder einen neuen Kampfhubschrauber bestellt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rechtsentwicklung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt zwei bequeme M\u00f6glichkeiten, die Rechtsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen. Die erste ist ein Vergleich des Strafgesetzbuchs der letzten 50 Jahre und die zweite ist eine Betrachtung der gesellschaftspolitisch relevanten Urteile des Bundesverfassungsgerichts. Ich m\u00f6chte beide Wege kurz beschreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Vergleich w\u00e4hle ich eine Ausgabe des Strafgesetzbuchs von 1951 und eine von 2005. Der alte Gottesl\u00e4sterungsparagraph 166 wurde bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht. Der alte Ehebruchsparagraph 172 wurde umgewandelt in das Verbot der Doppelehe. \u00a7 175 wurde ersatzlos gestrichen. Das im alten \u00a7 184 generell verbotene Verbreiten von Pornographie wurde \u2013 v\u00f6llig unrealistischerweise \u2013 eingeschr\u00e4nkt auf eine Verbreitung f\u00fcr Personen unter 18 Jahren. \u00a7 218 wurde mehrmals ge\u00e4ndert. In der urspr\u00fcnglichen Fassung nach Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland wurde eine Abtreibung mit Gef\u00e4ngnis bzw. Zuchthaus bestraft, wobei auch schon der Versuch strafbar war. In der heute g\u00fcltigen Fassung der \u00a7 218, 218a, 218b und 218c von 1995 wird die Abtreibung als \u201enicht rechtswidrig\u201c bezeichnet, wenn sie nach einer Beratung durch einen Arzt innerhalb 22 Wochen nach der Empf\u00e4ngnis vorgenommen wird. Schlie\u00dflich kann man \u2013 aus aktuellem Anla\u00df \u2013 noch an den alten \u00a7 366 erinnern, der die Sonntags- und Feiertagsheiligung regelte und den es seit langem nicht mehr gibt. Sieht man sich die einschl\u00e4gigen Bundestagsdebatten n\u00e4her an, die zu diesen eklatanten Rechtsver\u00e4nderungen gef\u00fchrt haben, st\u00f6\u00dft man immer wieder auf das Argument der Selbstbestimmung. Die millionenfache T\u00f6tung der Ungeborenen im Mutterleib seit der de-facto-Freigabe der Abtreibung und die entsetzliche Entw\u00fcrdigung der Frau durch die Pornographie gehen auf das Konto der Selbstbestimmungsideologie. Man kann es nicht anders sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4hnliches Bild ergeben die gesellschaftspolitischen Grundsatzurteile des Bundesverfassungsgerichts. Als Beispiele w\u00e4hle ich das Kruzifixus-Urteil von 1995 und das Urteil zum sog. Lebenspartnerschaftsgesetz von 2002. Das Kruzifixus-Urteil hatte einer bayrischen Schulordnung, wonach die Schule die Erziehungsberechtigten bei der religi\u00f6sen Erziehung unterst\u00fctzt, mit dem Argument der weltanschaulichen Neutralit\u00e4t des Staates widersprochen. Das Urteil zum Lebenspartnerschaftsgesetz argumentiert damit, da\u00df die Lebensform gleichgeschlechtlicher Partnerschaften den staatlichen Schutzauftrag f\u00fcr die Ehe nicht beeintr\u00e4chtige, weil sie eine Lebensform sui generis sein. Der Begriff der Selbstbestimmung taucht in den Urteilsbegr\u00fcndungen nicht auf. Gleichwohl ist die Sache gegenw\u00e4rtig. Im Kruzifixusurteil wird die Meinung eines einzelnen Elternpaares h\u00f6her bewertet als ein Landesgesetz, das sich wiederum auf ein fr\u00fcheres BVG-Urteil st\u00fctzen konnte. Im Urteil zum Lebenspartnerschaftsgesetz werden einer Lebensform, die im Gegensatz zur Ehe nicht auf Elternschaft und Familie angelegt ist, ann\u00e4hernd die gleichen Rechte wie der Ehe zugesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Evangelische Kirche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Selbstbestimmungsideologie hat in der zweiten H\u00e4lfte des letzten ahrhunderts eine solche Kraft entwickelt, da\u00df sie sich schlie\u00dflich auch in kirchlichen Verlautbarungen niederschlug. 1991 erkl\u00e4rte die Leitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, da\u00df Homosexualit\u00e4t weder als krankhaft noch als s\u00fcndhaft anzusehen sei. Im selben Jahr befand die Synode der bayrischen Landeskirche in der sog. Rosenheimer Erkl\u00e4rung zur Abtreibung, da\u00df die schwangere Frau in Konfliktsituationen die letzte Entscheidung in ihrer Verantwortung vor Gott allein treffen m\u00fcsse. Die endg\u00fcltige Umorientierung in der Bewertung der Homosexualit\u00e4t brachte dann die vom Rat der EKD herausgegebene Orientierungshilfe \u201eMit Spannungen leben\u201c (1996), die \u201eeindeutig und unver\u00e4nderbar homosexuell gepr\u00e4gten Menschen\u2026zu einer vom Liebesgebot her gestalteten und damit ethisch verantworteten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft\u201c riet. Die \u201eRosenheimer Erkl\u00e4rung\u201c wurde bis heute trotz massiver Proteste nicht zur\u00fcckgenommen. Anstatt homophil orientierten Menschen unter Berufung auf die sch\u00f6pferische Kraft Gottes seelsorgerliche Hilfe anzubieten und schwangeren Frauen Mut zum Austragen ihrer Leibesfrucht zu machen und konkrete Lebenshilfe zu geben, verbeugen sich diese Dokumente vor einer durch das biblische Wort nicht legitimierbaren individuellen Lebensweise und Lebensplanung. Die befreiende Kraft des Evangeliums, das zu einem gottgef\u00e4lligen Leben f\u00fchrt, wird zugunsten des individuellen Rechts auf Lebensgestaltung verschwiegen. Die Macht der Selbstbestimmungskultur hat gesiegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ist das Paradigma der Selbstbestimmung<br \/>\ndurch das Grundgesetz legitimiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Art. 2 Abs. 1 GG garantiert der Staat die \u201efreie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit\u201c. Haben die V\u00e4ter des Grundgesetzes damit den Grundstein f\u00fcr die heutige Selbstbestimmungskultur gelegt? Diese Frage mu\u00df gr\u00fcndlich bedacht werden. Konrad L\u00f6w hat beobachtet, da\u00df in der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts seit \u00fcber 50 Jahren der Grundgesetzbegriff \u201eSittengesetz\u201c nicht mehr vorkommt. In Art. 2 Abs. 1 GG hei\u00dft es \u201eJeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung oder das Sittengesetz verst\u00f6\u00dft\u201c. L\u00f6w stellt fest, da\u00df im Rechtsverst\u00e4ndnis des BVG stillschweigend das \u201eSittengesetz\u201c durch ein Menschenbild ersetzt worden ist, \u201edas von der W\u00fcrde des Menschen und der freien Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit in Selbstbestimmung und Eigenverantwortung bestimmt ist\u201c. An die Stelle des Sittengesetzes ist nach L\u00f6w die Selbstbestimmung getreten, und an die Stelle der Verantwortung vor Gott und den Menschen die Eigenverantwortung. Wir haben bei den bisher behandelten Stichworten schon gesehen, da\u00df Artikel 2 des Grundgesetzes von den Vertretern der Selbstbestimmungsidee in ihrem Sinn ausgedeutet bzw. uminterpretiert wird. Das kann man den V\u00e4tern des Grundgesetzes schwerlich zum Vorwurf machen. Gleichwohl wird das grundgesetzlich verankerte Recht auf die freie Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung zum Problem, wenn die Menschen keine sie tragende Grundorientierung haben. Darauf hat E.-W. B\u00f6ckenf\u00f6rde in dem schon zitierten Aufsatz hingewiesen. Er stellt fest, da\u00df der christliche Glaube \u201eals Orientierungspunkt und Lebensmacht\u201c erodiert sei und da\u00df dies sp\u00e4testens mit dem Beitritt der neuen Bundesl\u00e4nder offenbar geworden sei. Orientierungslose Menschen seien angesichts der vielen Wahlm\u00f6glichkeiten \u00fcberfordert. \u201eEs fehlt ihnen das Standhafte, der verankernde Bezugspunkt eigener Identit\u00e4t, von dem aus die unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten zu allererst sinnvoll beurteilt und dann ausgew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen\u201c. Wer auf das Recht der freien Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung hinweist, mu\u00df also in gleicher Weise fragen, ob derjenige, der sich da frei entfalten soll, schon eine ihn tragende Grundorientierung hat, denn ohne einen festen geistigen Standort und ohne Ma\u00dfst\u00e4be zur Beurteilung anderer Werte ist eine freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit gar nicht m\u00f6glich. Das wird von den Vertretern der Selbstbestimmungsidee meist \u00fcbersehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die gesellschaftspsychologischen Folgen<br \/>\nder Selbstbestimmungsideologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne weiteres lie\u00dfen sich noch weitere Bereiche unserer Selbstbestimmungskultur anf\u00fchren, in denen das Recht des Individuums \u00fcber das Gemeinwohl gestellt wird. Ich denke z.B. an die sog. aktive Sterbehilfe, die immer selbstverst\u00e4ndlicher mit dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod begr\u00fcndet wird, oder an das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), durch das der Staat ein weiteres Mal die Selbstbestimmungsidee der Gesellschaft antrainieren will. Ich mu\u00df aus Platzgr\u00fcnden auf weitere Beispiele verzichten. Die angef\u00fchrten gen\u00fcgen jedoch, um ein Zwischenfazit zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer mit offenen Augen die Entwicklungen in unserem Volk sieht, kann einige \u201eMega-trends\u201c feststellen, die sozusagen zum Inventar unserer postmodernen Gesellschaft geworden sind. Ich nenne ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit: 1.) Die Bindungswilligkeit- und f\u00e4higkeit der Menschen hat abgenommen. 2.) Die Attraktivit\u00e4t der Ehe hat abgenommen. 3.) Die Gewaltbereitschaft ist gewachsen. 4.) Das Unrechtsbewu\u00dftsein bez\u00fcglich der T\u00f6tung der Ungeborenen im Mutterleib ist zur\u00fcckgegangen. 5.) Die Pornographie ist ein nicht mehr beherrschbarer Einflu\u00dffaktor auf die Sexualit\u00e4t geworden. 6.) Das Spannungspotential zwischen M\u00e4nnern und Frauen hat zugenommen. 7.) Die \u00f6konomischen Entscheidungen der Aktiengesellschaften orientieren sich zunehmend an den Renditen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon 1995 diagnostizierte die Zeitschrift FOCUS unter dem Stichwort \u201eEin Volk auf dem Ego-Trip\u201c: Fest steht, da\u00df sich Gemeinsinn und Gemeinschaft aufl\u00f6sen wie das Ozon \u00fcber den Polen. Ungefilterter Eigensinn zerfri\u00dft den sozialen Klebstoff. Die vertrauten Solidargemeinschaften br\u00f6ckeln auseinander. Staat, Parteien, Kirche, Familie, Gewerkschaften \u2013 f\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Deutschen haben sie als gesellschaftliche Bindemittel ausgedient\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Feststellungen ist aber noch nichts gesagt \u00fcber die Psyche des selbstbestimmten Menschen. Wer sich selbst zum Ma\u00dfstab aller Dinge setzt, verliert zwei Hauptdimensionen des Menschseins. Zun\u00e4chst verliert er Geborgenheitserfahrungen. In einer ungeborgenen Welt sind sie eine wesentliche Komponente seelischer Gesundheit. Da wir aber Geborgenheit nur erfahren k\u00f6nnen, wenn wir uns einer nicht mehr hinterfragten Autorit\u00e4t anvertrauen, bleibt der selbstbestimmte Mensch ungeborgen, mit all den Konsequenzen f\u00fcr seine seelische Stabilit\u00e4t und seine Mitmenschen. Die zweite negative Folge ist die retardierte Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Wir alle brauchen Vorbilder, denen wir nacheifern, um uns selber weiterentwickeln zu k\u00f6nnen. Unsere Charakteranlagen brauchen die Erfahrung \u00fcberzeugender Charaktere, damit aus ihnen ein stabiler Charakter werden kann. Christen brauchen die Erfahrung \u00fcberzeugender Glaubensprofile, um selber im Glauben wachsen zu k\u00f6nnen. Ebenso ist es mit der Hoffnung und der Liebe. Der selbstbestimmte Mensch verzichtet bewu\u00dft auf Vorbilder. Sein Schicksal wird es sein, immer der gleiche zu bleiben, wiederum mit allen negativen Folgen f\u00fcr seine Pers\u00f6nlichkeit und seine Mitwelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Selbstbestimmungsidee erweist sich als zutiefst pers\u00f6nlichkeits- und gesellschaftssch\u00e4digend. Die Politiker sind aufgerufen, diese Auswirkungen ernstzunehmen. Der Gesetzgeber ist aufgerufen, Gesetze zu reformieren, welche die \u201efreie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit\u201c auf Kosten der Allgemeinheit durchzusetzen versuchen. Welchen Beitrag k\u00f6nnte zu einem solchen dringend n\u00f6tigen Erneuerungsproze\u00df der christliche Glaube beisteuern? Diese Frage m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend beantworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der einzige Ausweg aus der Diktatur der Selbstbestimmung:<br \/>\nDer Glaube an den Dreieinigen Gott<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kein anderer hat der Sozialphilosoph G\u00fcnter Rohrmoser das Verh\u00e4ngnis des neuzeitlichen Autonomiestrebens geistesgeschichtlich aufgearbeitet. F\u00fcr ihn ist die \u201eletzte Konsequenz der politischen Revolution der Aufkl\u00e4rung\u2026der Anarchismus. Er ist konkret eine Widerspiegelung des gescheiterten Marxismus und die Verzweiflung dar\u00fcber.\u201c In der Abschaffung des christlichen Glaubens erkennt Rohrmoser die eigentliche Zielsetzung der modernen und postmodernen Totalitarismen. \u201eDie essentielle Voraussetzung aller Formen totalit\u00e4rer Herrschaft mu\u00df daher die ausdr\u00fcckliche oder schweigende Ausl\u00f6schung der Macht des Glaubens sein.\u201c Nur ein vom christlichen Glauben gepr\u00e4gtes Verst\u00e4ndnis der Freiheit habe die Kraft, dem Anspruch der neuzeitlichen Totalitarismen zu widerstehen und sie zu \u00fcberwinden. \u201eVon der Selbstbehauptung der christlichen Kirchen wird entscheidend die M\u00f6glichkeit abh\u00e4ngen, den Prozessen zu widerstehen, die auf die Errichtung neuer totalit\u00e4rer Zwangssysteme hindr\u00e4ngen\u201c. \u201eNach dem Verfall der liberalen und humanitaristischen Form des Verst\u00e4ndnisses von Freiheit ist die Aktualit\u00e4t lutherischer Tradition identisch geworden mit der Aktualit\u00e4t von Freiheit \u00fcberhaupt in unserer Welt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das stimmt, und die reformatorische Wiederentdeckung der \u201eFreiheit eines Christenmenschen\u201c best\u00e4tigt es, da\u00df der Mensch wahre Freiheit nur in der Glaubensbindung an den Dreieinigen Gott findet, dann m\u00fcssen Christen ihre ganze Kraft in die Verk\u00fcndigung dieses Glaubens einsetzen und in unserer Selbstbestimmungskultur seine wahrhaft befreiende Wirkung herausarbeiten. Das sind gewaltige Aufgaben. Es gilt, den Dreieinigen Gott als kommunikativen Gott neu zu entdecken, der aus Liebe nicht bei sich selbst bleibt, eben kein \u201eselbstbestimmter\u201c Gott ist, sondern in Gestalt des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes liebevoll kommuniziert und als Dreieiniger Gott sich in seine Sch\u00f6pfung einpr\u00e4gt, die gefallene Menschheit mit sich selbst vers\u00f6hnt und zum Glauben an Jesus Christus ruft und ihr die Vollendung in seiner Herrlichkeit verhei\u00dft. Es gilt, die Sch\u00f6pfung neu zu entdecken als Kommunikationssystem, in dem nichts \u201eselbstbestimmt\u201c, sondern nur f\u00fcr anderes existiert. Es gilt, den Menschen als Beziehungswesen neu zu entdecken, der seine Identit\u00e4t nicht bei sich selbst, sondern nur in gelingenden Beziehungen zu Gott und zu seinem N\u00e4chsten finden kann. Es gilt, die Ehe und die Gemeinde als Ein\u00fcbungsfelder in gelingende Kommunikation neu zu entdecken. Und es gilt schlie\u00dflich, das Wesen echter Kommunikation neu zu entdecken, das n\u00e4mlich nicht nur in Information besteht, sondern im Geben und Empfangen. Indem ich Gott die Ehre gebe und meinen N\u00e4chsten das, was sie brauchen, und indem ich die Kraft zum t\u00e4glichen Leben bewu\u00dft von Gott sowie von anderen Menschen Zuspruch und Korrektur empfange, werde ich erl\u00f6st von mir selber. Ich werde dadurch nicht \u201efremdbestimmt\u201c, wie die Vertreter der Selbstbestimmungsidee meinen, sondern finde zur wahren Bestimmung meines Lebens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Paradigma \u201eSelbstbestimmung\u201c und die Folgen f\u00fcr Gesellschaft und Kirche Wer das revolution\u00e4re Potential von Leitideen studieren will, der findet im neuzeitlichen Paradigma der Selbstbestimmung eine reiche Fundgrube. 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