{"id":13100,"date":"2016-01-13T09:16:15","date_gmt":"2016-01-13T08:16:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13100"},"modified":"2016-01-13T09:23:55","modified_gmt":"2016-01-13T08:23:55","slug":"wenns-um-die-wahrheit-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13100","title":{"rendered":"Wenn&#8217;s um die Wahrheit geht"},"content":{"rendered":"<p class=\"post-title entry-title\" style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eIch glaube, dass alle Menschen bei Gott sind\u201c<\/strong><\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer der letzten Predigten von \u201eJesusHouse\u201c im Jahr 2007 berichtete Torsten Hebel von \u00dcberlegungen im Leitungsteam der evangelistischen Jugendveranstaltung. Es war um die Frage gegangen, ob man \u00fcberhaupt noch \u00fcber S\u00fcnde in den Ansprachen reden solle. Man sei dann nach Diskussionen zu dem Schluss gekommen: Ja, sie m\u00fcsse immer noch thematisiert werden.\u00a0Die S\u00fcnde hat\u2018s heute nicht leicht. Sie steht selbst bei Evangelisten auf der Kippe, ja unter Rechtfertigungszwang. Damals rang man sich nach interner Debatte, nach Abw\u00e4gen von F\u00fcr und Wider, dazu durch, S\u00fcnde anzusprechen. Schon vor gut acht Jahren durfte man skeptisch sein, was aus so einer z\u00f6gerlichen Haltung herauswachsen w\u00fcrde.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbst des vergangenen Jahres erschien Hebels Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Freischwimmer-Torsten-Hebel\/dp\/3775156453\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1452156987&amp;sr=8-1&amp;keywords=Hebels+Buch+Freischwimmer\"><em>Freischwimmer<\/em><\/a>, begleitet von so manchen Presseterminen und einer professionellen PR-Kampagne (Lesungen wie auf der Frankfurter Buchmesse). In diesem Zusammenhang erschien vor einigen Wochen ein <a href=\"http:\/\/www.jesus.de\/blickpunkt\/detailansicht\/ansicht\/woher-kommt-unser-hochmut-zu-meinen-wir-haetten-die-wahrheit202719.html?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2&amp;cHash=dee1067559b17aa9cab7df89ca17b5e8\">Interview auf jesus.de<\/a>, das Redakteur Rolf Kr\u00fcger mit Hebel gef\u00fchrt hatte: \u201eTorsten Hebel: \u2018Woher kommt unser Hochmut zu meinen, wir h\u00e4tten die Wahrheit?\u2019\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingangs kritisiert Hebel darin \u201edie\u00a0 psychologische und p\u00e4dagogische Vermittlung von Glaubensinhalten\u201c in vielen Gemeinden, die auf der \u201eGrundannahme\u201c beruhe, \u201eder Mensch sei schlecht und b\u00f6se, wor\u00fcber theologisch ja durchaus zu streiten ist. Aber eben nicht psychologisch und p\u00e4dagogisch. Es ist nicht gut, Menschen kleinzumachen. Im Gegenteil m\u00fcssen wir sie aufwerten und ihnen sagen, wie wertvoll sie sind. Dabei ist das ja auch ein Kernanliegen des Christentums. Aber es wird viel zu selten betont. Viele junge Menschen leiden darunter, dass sie als Pers\u00f6nlichkeit nicht ernst genommen werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Interview f\u00fchrt er etwas sp\u00e4ter dazu aus: \u201eIch glaube nicht, dass wir Menschen defizit\u00e4r unterwegs sind. Ich glaube, dass Gott den Menschen gemacht hat und \u2018siehe, es war gut\u2019. Dann kam zwar laut Bibel der S\u00fcndenfall, aber deshalb ist doch der Mensch an sich wertvoll und gesch\u00e4tzt von Gott. Sonst h\u00e4tte er sich nicht f\u00fcr uns geopfert. Ich opfere mich nur f\u00fcr jemanden, der mir wahnsinnig wertvoll ist. Das ist der Punkt, den ich anprangere. Theologisch kann ich mit vielen Aussagen mit, aber das sagt nichts \u00fcber die subjektive Wertigkeit eines Menschen. Von daher ist es kein Widerspruch f\u00fcr mich, dass der Mensch in Gottes Augen \u2018gefallen\u2019, aber gleichzeitig wertvoll ist. Unsere Aufgabe als Menschen ist laut R\u00f6mer 2: Richtet nicht! Das ist doch mal \u2018ne ganz klare, taffe Aussage. Wenn ich das ernst nehme, dann darf ich es mir als Mensch nicht leisten, andere Menschen f\u00fcr defizit\u00e4r zu halten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebel sagt hier nat\u00fcrlich viel Richtiges. Der Mensch wurde gut geschaffen und ist wertvoll. Pers\u00f6nlichkeiten sind ernst zu nehmen. Menschen \u201ekleinmachen\u201c im Sinne von runter- oder gar fertigmachen \u2013 wer h\u00e4lt das f\u00fcr gut? Und tats\u00e4chlich haben manche christliche Gemeinden in der Vergangenheit vielfach im Hinblick auf die Lehre vom Mensch leider <em>nur<\/em> das S\u00fcndersein betont. Dass der Mensch eine nat\u00fcrlich Gr\u00f6\u00dfe als Ebenbild Gottes besitzt, nur wenig niedriger als Gott ist (Ps 8); dass er oder sie \u00fcber hervorragende Gaben wie Sprache und Verstand, Kreativit\u00e4t und Imagination usw. verf\u00fcgt, wurde viel zu wenig gelehrt und beachtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es will Hebel jedoch nicht gelingen, die Lehre von der S\u00fcndhaftigkeit des Menschen hier irgendwie angemessen einzuordnen. Wie es scheint, will er am Gefallensein festhalten, aber mit Begriffen wie \u201eschlecht und b\u00f6se\u201c kann er offensichtlich nur wenig anfangen. Hebel gibt zu verstehen: Wer den Menschen direkt als s\u00fcndig und b\u00f6se bezeichnet, macht ihn klein; wir sollten jeden Menschen aber \u201eim Gegenteil\u201c \u201eaufwerten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen seien nicht \u201edefizit\u00e4r\u201c oder \u201edefizit\u00e4r unterwegs\u201c, so Hebel wiederholt. Hier ist zur\u00fcckzufragen: Hat der Mensch an sich nicht doch irgendeinen Mangel, wenn die Rede vom S\u00fcndenfall und seinen ernsten Folgen noch irgendeinen Sinn haben soll? Wie steht der unerl\u00f6ste Mensch vor Gottes Angesicht nun da? Einzig und allein als wertvoll und geliebt? Hebel erw\u00e4hnt das Opfer Gottes f\u00fcr uns. Aber warum war dies n\u00f6tig? Wenn Gott nur seine Liebe darin ausdr\u00fccken wollte, h\u00e4tte er sich dann nicht eine wenige blutige Prozedur einfallen lassen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in dem Interview unklar wie die Beziehung von Theologie (\u201eTheologisch kann ich mit vielen Aussagen mit\u2026\u201c) auf der einen Seite und Psychologie und P\u00e4dagogik auf der anderen (\u201etheologisch\u201c sei \u00fcber das B\u00f6se im Menschen \u201edurchaus zu streiten\u201c, \u201epsychologisch und p\u00e4dagogisch\u201c ausdr\u00fccklich nicht \u2013 umso schlimmer f\u00fcr die Theologie?). Im Podcast \u201e<a href=\"http:\/\/hossa-talk.de\/hossa-talk-5-ex-evangelisten-unter-sich-mit-t-hebel\/\">Hossa Talk<\/a>\u201c vom 11. Januar des vergangenen Jahres gab Hebel aber ausf\u00fchrlichere Antworten zu dem angesprochenen Themenkomplex. Hier ein interessanter Abschnitt im Gesamtzusammenhang und ganzen Wortlaut (ab 51:50):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eH\u00e4ngt das aber nicht alles an der Frage, ob man daran glaubt, dass Menschen verloren gehen, also in die H\u00f6lle kommen, und dass Menschen in den Himmel kommen, gerettet werden? Das ist doch die Kasus-Knacktus-Frage. Wenn es stimmt, dass Menschen in die H\u00f6lle kommen und Menschen in den Himmel kommen und dass es ein Entscheidungskriterium gibt, welches auch immer das dann auch ist [\u2026] dann ist es doch wirklich so\u2026 dann macht das wirklich Sinn den Glauben weiterzugeben. Sollte es das aber nicht geben, wovon ich ausgehe \u2013 das Leben als Weg begreifen, der eine ist da, der andere steht da, und es kommt daraus an, dass wir uns auf Augenh\u00f6he begegnen, dass wir Liebe teilen, dass wir Salz und Licht sind f\u00fcr diese Welt usw. \u2013 dann hast du nat\u00fcrlich eine ganz andere Herangehensweise. Dann braucht du n\u00e4mlich auch keine Entscheidung, dann brauchst du Lebenshilfen, Motivation, F\u00f6rderung, Coaching, Beratung, Lebensrichtung, weite Herzen, R\u00e4ume, um sich auszutauschen, R\u00e4ume, um Fehler zu machen, R\u00e4ume, um sein zu d\u00fcrfen und dieses ganze Paket. Das hei\u00dft, wenn ich sage, ich bin, ich glaube\u2026\u00a0 Ich sag\u2018 das jetzt mal so\u2026 ich glaube, dass alle Menschen bei Gott sind. Das glaube ich. Und deshalb macht es f\u00fcr mich auch keinen Sinn zu bekehren. Aber ich glaube auch, dass es in der Diesseitigkeit einen Riesenunterschied macht: wof\u00fcr setzt du dein Leben ein? Einmal f\u00fcr dich pers\u00f6nlich, aber auch f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00fcr deine unmittelbaren Mitmenschen. Und da sehe ich Bekehrung, also diese Umkehr hin zu dem Anderen, diese Hinwendung, Mensch zu werden wie es eigentlich gedacht war, \u2013 das empfinde ich schon als eine Art Bekehrung. Wenn das dann dazu dient, bin ich der erste, der wieder zur Bekehrung aufruft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn er sich in diesem Abschnitt verbal erst an seine Hauptaussagen herantastet \u2013 hier redet Hebel wirklich Tacheles. Ruhig, aber bestimmt und ohne danach gefragt worden zu sein bekr\u00e4ftigt er: Alle Menschen sind bei Gott. Punkt. Und falls jemand meint, dieses \u201ebei Gott\u201c k\u00f6nnte auch noch irgendwie mit herk\u00f6mmlicher evangelikaler Theologie in Einklang gebracht werden, so zieht diese Karte nicht: Hebel macht unmissverst\u00e4ndlich deutlich, dass es die grundlegende Alternative, die Wegscheidung, zwischen Himmel und H\u00f6lle (oder zwischen dem, wof\u00fcr diese Begriffe stehen), seiner Ansicht nach nicht gibt (\u201eSollte es das aber <em>nicht<\/em> geben, <em>wovon ich ausgehe<\/em>\u2026\u201c). Jeder Mensch lebt schon in Frieden mit Gott, weshalb eine inhaltliche Weitergabe des Glaubens und ein Aufruf zur Entscheidung und Umkehr folgerichtig auch nicht sinnvoll sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem traditionellen Verst\u00e4ndnis von Bekehrung kann Hebel also nichts mehr anfangen, aber er will den Begriff und die Vorstellung nicht ganz verwerfen. Bekehrung zum Anderen, zum Menschen, Bekehrung zum Handeln und zu einem neuen Lebensstil \u2013 daf\u00fcr setze er sich immer noch ein. Auch von Bu\u00dfe ist noch nie Rede \u2013 \u201eeine neue Software f\u00fcrs Leben\u201c aufspielen. Doch wozu eigentlich? War die alte so schlecht? Der zitierte Podcast ist \u00fcberschrieben \u201eEx-Evangelisten unter sich\u201c, aber auch \u201eEvangelisation\u201c wird nun mit ganz neuem Inhalt gef\u00fcllt. Blogger <a href=\"http:\/\/sola-scriptura.ch\/freischwimmer-buchbesprechung\/\">David J\u00e4ggi<\/a> aus der Schweiz zu Hebel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn meinen Augen ist er\u00a0kein\u00a0<em>Ex<\/em>-Evangelist. Er ist gerade darin ein Evangelist, wenn\u00a0er sich um die Armen und Marginalisierten k\u00fcmmert, weil er wie Mutter Theresa in den den Augen der Armen Christus erblickt. Er ist einer, der den Glauben nicht hat, sondern auf dem Weg des Vertrauens ist, sich dabei ehrliche Fragen stellt und dennoch die G\u00fcte Gottes durch sein helfendes Handeln f\u00fcr andere sichtbar macht. Er ist ein Brief Christi im Dreck Berlins\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist jeder, der sich um Arme k\u00fcmmert und\/oder seinen Glauben lebt, ein Evangelist \u2013 gerade darin Evangelist? Nun mag soziales Handeln von Christen eine evangelistische Dimension haben, doch macht so eine Ausweitung wirklich Sinn? Was gibt solch ein Evangelist neuen Typs weiter, der \u201eden Glauben <em>nicht<\/em> hat\u201c? Kann solch eine Redeweise noch irgendwie biblisch-theologisch begr\u00fcndet werden? \u00c4hnliches w\u00e4re zur Bekehrung als Hinwendung zum Anderen zu bemerken. Liegt eine biblische Bekehrung vor, wenn diese Wandlung geschieht, aber die Anstiftung zur Hinwendung durch irgendeine andere Religion, Ideologie oder Weltanschauung geschehen ist? Hebel will am \u201ewozu\u201c einer Bekehrung festhalten, aber eine Ethik der Menschenfreundlichkeit haben hier auch andere Lehrsysteme als das Christentum zu bieten. <em>Wovon weg<\/em> soll man sich bekehren? Kann dieser Aspekt von Bekehrung einfach ignoriert werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00e4tze Hebels im Podcast haben bei den Gastgebern Gottfried \u201eGofi\u201c M\u00fcller und Jakob \u201eJay\u201c Friedrich keinerlei R\u00fcckfragen oder Skepsis, geschweige denn Widerspruch ausgel\u00f6st (M\u00fcller war jahrelang mit der evangelistischen Initiative \u201eFriends\u201c unterwegs; Friedrich war die eine H\u00e4lfte des evangelistischen Musik- und Komikduos \u201eNimm zwei\u201c). Seine Ausf\u00fchrungen blieben auch auf jesus.de nichtkritisiert im Raum stehen (wenn auch in den Kommentaren diskutiert). An Hebel w\u00e4re jedoch die Frage zu richten, ob er sich noch in irgendeinem nachvollziehbaren Sinne mit der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz \u201ezur v\u00f6lligen S\u00fcndhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen\u201c, bekennt. Gleiches gilt f\u00fcr die H\u00f6lle, die in der deutschen Glaubensbasis zwar nicht direkt genannt wird, wobei die Alternative hier dennoch klar ist: Auferstehung zum ewigen Leben <em>oder <\/em>zum Gericht (die britische Allianz spricht seit 2005 vom \u201eewigen Leben der Erl\u00f6sten\u201c und pr\u00e4ziser von der \u201eewigen Verdammnis der Verlorenen\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pelagius unchained<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Jahren schrieb Matthias Matussek in einer <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-69065808.html\">Titelgeschichte<\/a> des \u201eSpiegel\u201c: \u201eDie S\u00fcnde ist aus der \u00f6ffentlichen Rede verschwunden. Sie hat sich neue Papiere, neue Identit\u00e4ten besorgt. Von \u2018S\u00fcnde\u2019 spricht keiner mehr\u2026 Die S\u00fcnde hat kein metaphysisches Gewicht mehr. Sie wird nicht mehr ernst genommen. Man k\u00f6nnte sagen: Die S\u00fcnde hat ein Imageproblem.\u201c (7\/2010)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00fcnde ist auch zu einem theologischen Fliegengewicht verkommen. Sie wird selbst von Evangelikalen allzu gerne nicht mehr ernst genommen. Man muss wom\u00f6glich sogar sagen: Die S\u00fcnde ist selbst unter den Frommen heimatlos geworden. Nach und nach dringt ein Denken ins evangelikale Kernland vor, das mit einem radikalen S\u00fcndenverst\u00e4ndnis nichts mehr anfangen kann. Die Saat so mancher postevangelikaler Autoren geht langsam auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So h\u00e4lt Doug Pagitt die Lehre von der v\u00f6lligen Verderbnis des Menschen und der Erbs\u00fcnde f\u00fcr eine Erfindung Augustinus und der Kirchenv\u00e4ter des 4. Jahrhunderts. Damit sei griechisches, unbiblisches Denken \u00fcbernommen worden. In <em>A Christianity Worth Believing<\/em> betont er, dass wir nicht so sehr die Verderbtheit des Menschen, sondern seine Gott\u00e4hnlichkeit betonen sollten. Das mag ja noch angehen, doch er leugnet die Erbs\u00fcnde rundheraus, l\u00e4sst nur konkrete S\u00fcnden \u00fcbrig und bestreitet nicht einmal die N\u00e4he zu Pelagius (um 400), den man wegen seiner Irrlehre (Pelagianismus) nicht h\u00e4tte exkommunizieren sollen. Auch der Brite Steve Chalke leugnete in <em>The Lost Message of Jesus<\/em> die Erbs\u00fcnde, was zu einer breiten und ernsten Diskussion unter den britischen Evangelikalen f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00fcnde wird nicht mehr in erster Linie in Bezug auf Gott definiert, sondern auf den Menschen selbst. Spencer Burke: \u201eEs ist nicht so, dass sich die Menschen nun als perfekt ansehen; nur die Sprache, um sich selbst zu beschreiben, hat sich gewandelt. \u2018Gebrochen\u2019, \u2018fragmentiert\u2019 oder \u2018Mangel an Ganzheit\u2019 \u2013 so werden heute auf neue Weise unsere geistlichen Bed\u00fcrfnisse ausgedr\u00fcckt. Worum es geht, ist ein Gef\u00fchl der mangelnden Verbundenheit.\u201c (<em>A Heretic\u2018s Guide<\/em>) S\u00fcnde wird fast nur noch auf der horizontalen, menschlichen und zwischenmenschlichen Ebene gesehen. In einer Predigt Mitte November definierte Hebel S\u00fcnde als \u201edauerhaften Lebensstil, der wegf\u00fchrt von der Liebe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pelagianismus erlebt eine Renaissance. Seine Rehabilitation begann schon mit dem Evangelisten Charles Finney im 19. Jahrhundert. James I. Packer bemerkte treffend: \u201ePelagianismus ist die nat\u00fcrliche H\u00e4resie von eifrigen Christen, die an Theologie kein Interesse haben.\u201c Und schon Johannes Calvin in seiner\u00a0Institutio: \u201eDer Menschengeist hat nichts lieber, als wenn man ihm Schmeicheleien vormacht\u201c. In Kapitel II,1 erl\u00e4utert der Reformator die Erb- oder \u201eUrs\u00fcnde\u201c, die damals wie heute \u00e4u\u00dferst anst\u00f6\u00dfig ist: \u201eDem gemeinen Menschenverstand ist nichts so befremdlich, als dass wegen der Schuld\u00a0eines\u00a0Menschen\u00a0alle\u00a0schuldig sein sollten\u201c. Unsere S\u00fcnde besteht nicht nur in der Nachahmung Adams, wie Pelagius lehrte. Wir sind nach dem Fall nicht nur unvollkommen, krank, verf\u00fchrbar; das \u00dcbel ist viel radikaler: der Mensch ist\u00a0geistlich tot. \u2013 Alle gro\u00dfen Theologen in den Spuren Augustinus waren sich dessen bewu\u00dft, dass wir Menschen defizit\u00e4r unterwegs sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eAnstatt eines gefallenen Menschen\u2026\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist der Mensch? Und wo liegt die Ursache f\u00fcr die \u00dcbel und das B\u00f6se in der Welt? Viele Grundoptionen einer Antwort liegen hier nicht auf dem Tisch. Menschen brauchen, so Hebel, \u201eLebenshilfen, Motivation, F\u00f6rderung, Coaching, Beratung, Lebensrichtung\u201c. Gewiss brauchen sie dies, aber eben nicht nur dies. Eine Abkehr vom zutiefst B\u00f6sen in uns, ein Sich-heraus-rufen-lassen aus einer radikalen Verderbnis, ist eine \u201eganz andere Heransgehenweise\u201c, die Hebel leider nicht (mehr) vertritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebels Aussagen sind zweifellos gepr\u00e4gt von der Arbeit in der \u201e<a href=\"http:\/\/www.bluboksberlin.de\/bluboks-berlin\/startseite.html\">blu:boks<\/a>\u201c, die der Wahl-Berliner leitet. Dort werden Kinder und Jugendliche mit schwierigem sozialem Hintergrund p\u00e4dagogisch in kreativen Projekten betreut. Diese Arbeit ist nicht Thema dieses Beitrags und soll hier nicht untersucht oder bewertet werden. Es sieht aber ganz danach aus, dass \u00dcberzeugungen der Reformp\u00e4dagogik die theologischen \u00c4u\u00dferungen Hebels tief gepr\u00e4gt haben. Man f\u00fchlt sich erinnert an Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsroman <em>Emile.<\/em> \u201eAlles ist gut, wie es aus den H\u00e4nden des Sch\u00f6pfers der Dinge hervorgeht; alles verdirbt unter den Menschen\u201c, so lautet der ber\u00fchmte erste Satz des 1000-Seiten-Werks, das ungeheuer einflussreich werden sollte. Ganz in den Bahnen der Aufkl\u00e4rungsphilosophie sagt Rousseau hier, dass der Mensch von Natur aus gut ist \u2013 erst andere Menschen, die Gesellschaft, verderben ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Linie f\u00fchrt zur Schwedin Ellen Key, die 1900 <em>Das Jahrhundert des Kindes<\/em>herausgab \u2013 ein Titel mit Programm. An vielen ihrer Thesen gibt es kaum etwas auszusetzen, im Gegenteil. Key war wichtig, dass Kinder in Liebe und Achtung aufgezogen werden; sie hatte eine Vision des \u201eheilen Heims\u201c und erkannte die Wichtigkeit der fr\u00fchen m\u00fctterlichen Liebe. Wie alle Reformp\u00e4dagogen ging sie davon aus, dass man sich an den individuellen Bed\u00fcrfnissen, Neigungen und Interessen <em>des Kindes<\/em> orientieren m\u00fcsse. Doch auch sie konnte mit einem s\u00fcndigen Wesen des Menschen gar nichts anfangen: \u201eAnstatt eines gefallenen Menschen sieht man einen unvollendeten, aus dem\u2026 ein neues Wesen werden kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGanz gewi\u00df mu\u00df ein Mensch an sich selbst verzweifeln, um f\u00fcr den Empfang der Gnade Christi bereitet zu werden.\u201c So Luther in den Thesen der Heidelberger Disputation von 1518. Hebel w\u00fcrde in solchen Worten sicher Kleinmacherei entdecken. Und tats\u00e4chlich haben so manche Postevangelikale \u00e4u\u00dferst beengende und kleinmachende Gemeinden erlebt (Brian McLaren f\u00e4llt einem hier ein). Doch warum das Kind mit dem Bade aussch\u00fctten? Ist jede Rede von Verzweiflung an den M\u00f6glichkeiten der Selbstrettung verwerflich? Was soll falsch daran sein, wenn man jemandem, der im Sumpf feststeckt, zuruft: \u201eVergiss es, du ziehst dich da nicht selbst aus!\u201c? Und macht es nicht Sinn, die tiefe Ursache f\u00fcr den \u201eDreck Berlins\u201c tief im menschlichen Herzen zu suchen \u2013 im Herzen aller Menschen, <em>auch<\/em> im Herzen von Kindern? Wie ist es denn zu diesem Dreck gekommen? Wer ist daf\u00fcr verantwortlich?<em>Die <\/em>Verh\u00e4ltnisse? <em>Die <\/em>Gesellschaft? <em>Das<\/em> System? Aber handeln in diesen nicht Menschen, gefallene Menschen, oftmals ihre Bosheit nur zu deutlich zeigende Menschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDa haben wir die freie Wahl\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ist Hebel zu seinen Auffassungen gelangt? In einem Abschnitt des Interviews erl\u00e4utert er seinen methodischen Ansatz der Bibelinterpretation:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie ich die Bibel lese und damit meine Theologie bekomme, h\u00e4ngt ganz an meiner subjektiven Wahrnehmung. Mir hat da sehr die Frage nach meinem Leitmotiv geholfen: Worauf du hinauswillst, entscheidet stark dar\u00fcber, wie du bestimmte Bibelstellen oder bestimmte biblische Aussagen einordnest. Wenn ich die Liebe als Grundmotiv des Christentums sehe, dann kann ich es mir nicht leisten, Menschen auszugrenzen. \u2018Die Liebe glaubt alles, die Liebe hofft alles\u2019, das ist sehr integrativ. Da habe ich gar keinen Spielraum, irgendwelche Menschen auszugrenzen. Aber ich bekomme nat\u00fcrlich Probleme mit bestimmten Dingen, wenn ich als Leitmotiv habe: \u2018Der Mensch ist verloren, und er wird nur errettet, indem er bestimmte Dinge tut und glaubt.\u2019 Welches Leitmotiv ich also habe, mit welchem Auslegungsschl\u00fcssel ich die Bibel aufschlie\u00dfe, entscheidet \u00fcber die Botschaft. Und da haben wir die freie Wahl, denn ich glaube, dass die Bibel so oder so zu lesen ist. Ich habe mich auf Grund der p\u00e4dagogischen und psychologischen Erfahrung, die ich gerade hier in meiner Arbeit mit Teens in der Blu:Box Berlin mache, f\u00fcr die Liebe als Leitmotiv entschieden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unbestreitbar, dass unsere subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen unser Verst\u00e4ndnis der Bibel und damit von Theologie \u00fcberhaupt beeinflussen, ja ein St\u00fcck weit pr\u00e4gen. Dass die Theologie aber \u201eganz\u201c daran h\u00e4ngt, folgt ganz und gar nicht aus dieser Erkenntnis! Diese \u00dcberzeugung \u00f6ffnet vielmehr der Willk\u00fcr in der Hermeneutik T\u00fcr und Tor, und Hebel spricht selbst von der \u201efreien Wahl\u201c in der Festlegung des Leitmotivs. So frei wohl aber doch wieder nicht, denn wer \u201eLiebe als Grundmotiv des Christentums\u201c anders deutet als Hebel, wer immer noch meint, Menschen als Verlorene ansprechen zu m\u00fcssen, der hat ja wohl das falsche Leitmotiv gew\u00e4hlt. Wenn die Bibel wirklich \u201eso oder so\u201c zu lesen sei, warum wird dann aber in Wahrheit doch zu verstehen gegeben \u201eso <em>und besser nicht anders<\/em>\u201c, n\u00e4mlich angeblich ausgrenzend, diskriminierend, lieblos usw.?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel muss selbst bestimmen, wie sie ausgelegt werden will. Sie selbst legt ihr Leitmotiv fest. Wir haben nicht die Freiheit, ein uns genehmes herauszupicken. Die biblische Theologie untersucht diese Linien im Wort Gottes und formuliert Zusammenfassungen wie z.B. der Baptist James Hamilton: \u201eThe glory of God in salvation through judgement\u201c (s. auch <a href=\"http:\/\/www.tyndalehouse.com\/tynbul\/library\/TynBull_2006_57_1_04_Hamilton_GloryofGodCentre.pdf\">hier<\/a>). \u00dcber solche Formulierungen kann nat\u00fcrlich gestritten werden, aber solche Debatten kreisen um die Frage, wie die Selbstaussagen der Bibel besser in menschliche Worte zu fassen sind. Wir werden hier nie zu einem definitiven Abschluss kommen, weil tats\u00e4chlich Erfahrungen, Kultur und Subjektives Einfluss nehmen. Hebel hat sich dagegen aus diesem Diskurs verabschiedet und f\u00fcr <em>seine<\/em> Deutung der Liebe entschieden, an der er auch nicht mehr r\u00fctteln will. Das macht ihn fast schon unangreifbar \u2013 wer ist schon gegen die \u201eLiebe als Grundmotiv\u201c? Doch er wei\u00df doch selbst viel zu genau, dass sich auch die althergebrachten Prediger von S\u00fcnde und H\u00f6lle von der Liebe geleitet sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in der \u00dcberschrift des Interviews wird der Hochmut angesprochen. Trotz des Wortes \u201eunser\u201c ist nat\u00fcrlich der Hochmut <em>der anderen<\/em> gemeint. Hier ist zur\u00fcckzufragen: Woher kommt Hebels Hochmut zu meinen, er h\u00e4tte die Liebe definitiv auf seiner Seite?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unser \u201ekonstitutionelles Erfahrungsdefizit\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebel hat sich aufgrund der Erfahrungen in seiner Arbeit f\u00fcr seine Version des Leitmotivs entschieden. Argumentativ ist ihm da kaum noch beizukommen. Offensichtlich r\u00e4umt er dieser Erfahrung eine hohe Autorit\u00e4t ein. In Kombination mit dem Glauben, die Bibel sei \u201eso oder so\u201c zu lesen, w\u00fcrde jede Diskussion schnell auf diese oder \u00e4hnliche Weise enden: Ich lese die Bibel eben auf diese Art, weil ich diese und jene Erfahrung gemacht habe und du wohl nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil der Mensch tief gefallen ist, ist jedoch auch unsere Erfahrung gefallen, und das hei\u00dft vor allem auch: Wir deuten unsere Erfahrungen mitunter h\u00f6chst fehlerhaft. Erfahrung kann sehr tr\u00fcgerisch sein. Die reformatorische Theologie hat diese Erkenntnis eigentlich sehr gut bewahrt. Sie macht nur Sinn auf dem Hintergund des Festhaltens an der radikalen Verderbtheit des Menschen. Und hier schlie\u00dft sich nat\u00fcrlich der Kreis: Wird der Mensch in immer rosigerem Licht gesehen, wie bei Hebel, so verl\u00e4sst man sich immer mehr auf die Autorit\u00e4t der eigenen Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der katholische Philosoph Robert Spaemann erinnert auch die Evangelikalen: \u201eEs gibt heute eine \u00dcberbetonung der Erfahrung im Bereich des christlichen Glaubens. Diese \u00dcberbetonung muss unvermeidlich zu Frustrationen und Entt\u00e4uschungen f\u00fchren. Der Glaube ist n\u00e4mlich gerade die Antwort auf ein konstitutionelles Erfahrungs<em>defizit<\/em> im<em>status viatoris<\/em> [Pilgerstand]. Er behebt aber dieses Defizit nicht.\u201c (<em>Das unsterbliche Ger\u00fccht<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spaemann nennt u.a. das Beispiel der S\u00fcnde. Nat\u00fcrlich erfahren wir die Folgen menschlicher Schuld; dass wir Menschen schuldig werden, ist jedem klar. Aber \u201edie absolute Dimension unserer Verfehlungen\u201c, unsere Trennung von Gott, und auch die \u201eabsolute Dimension der Vergebung\u201c, unsere Einheit mit Christus, sind nicht \u201eunmittelbar erfahrbar\u201c. Wir <em>glauben<\/em>, dass nach dem Fall der Mensch tot in S\u00fcnden ist,<em>weil Gott selbst dies offenbart hat<\/em>. Mit dem Christwerden kommen neue Dimensionen des Wissens und Erfahrens hinzu, doch auf dieser Erde leben wir weiterhin im Glauben und nicht im Schauen. Deswegen ist der Glaube nicht nur die Eintrittskarte ins christliche Leben, sondern bleibt im gesamten weiteren Dasein in dieser verg\u00e4nglichen Welt unser Hauptinstrument.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sichtbare Welt, so wie sie sich uns darbietet, ist eben offen f\u00fcr verschiedene Deutungen und Erfahrungen, auch die gottlose. Die Bibel selbst macht ja deutlich, dass sich selbst vorbildlich Gl\u00e4ubige mitunter als von Gott verlassen erfahren, Gottesferne sp\u00fcren. Welche Erfahrungen machte Joseph wohl im \u00e4gyptischen Gef\u00e4ngnis? Er erfuhr wahrlich nicht die F\u00fchrung Gottes, aber er <em>wurde<\/em> von Gott gef\u00fchrt, und wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass er an diese glaubte, weil er am Glauben festhielt. Erfahrung, auch die christliche, ist nicht abgeschlossen, vielmehr mehrdeutig, ein St\u00fcck weit interpretationsoffen, und deshalb bleibt der feste Glaube so wichtig. Und dieser h\u00e4lt sich fest am offenbarten Wort Gottes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird dies nicht beachtet, kommt man im Hinblick auf die anderen Religionen schnell in Teufels K\u00fcche. Denn auch der Muslim erf\u00e4hrt nat\u00fcrlich seine Religion, und auch der Buddhist macht gewiss spirituelle Erfahrungen der Erl\u00f6sung und Befreiung. Hat subjektive Erfahrung das letzte Wort, bleibt uns kaum etwas anderes \u00fcbrig, als diese tolerant stehen zu lassen \u2013 und auf Mission zu verzichten. Oder sie zu einem blo\u00dfen Erfahrungsaustausch herunter zu definieren: Ich hab da \u2018ne interessante Erl\u00f6sungserfahrung \u2013 wir w\u00e4r\u2018s damit? Und was habt ihr zu bieten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfahrung als solche hat keine erkenntnistheoretische Priorit\u00e4t und in sich ruhende Autorit\u00e4t. So kn\u00fcpften z.B. die Apostel in ihren Predigten vor Heiden nat\u00fcrlich an deren Erfahrungen an; doch sie verk\u00fcndigten ihnen Dinge, die ihre Erfahrungswelten weit \u00fcberstiegen und sprengten. Erfahrung muss in ein Gesamtkonzept, ein Modell, eine Weltanschauung, ein Paradigma eingeordnet werden. Dessen Kerninhalte sind von der Bibel allein autoritativ festzulegen. In manchen F\u00e4llen bindet Gott Menschen in sein offenbarendes Handeln mit ein; man denke an die Befreiung aus \u00c4gypten und die Erfahrungen der J\u00fcnger mit dem Auferstandenen. Aber auch diese Erfahrungen werden von Gottes Wort autoritativ <em>gedeutet<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutlich wird dies in der Episode der Emmaus-J\u00fcnger in Lk 24. Jesus korrigiert dort die Erfahrung der Entt\u00e4uschung und Traurigkeit der zwei J\u00fcnger \u2013 <em>indem<\/em> er mit ihnen ein langes Bibelstudium macht. <em>Dadurch<\/em> machen sie neue Erfahrungen, Gott spricht dadurch ihr Herz an. Jesus zeigt sich interessanterweise nicht in seiner Auferstehungsherrlichkeit. St\u00e4rker als hier k\u00f6nnte die Erkenntnispriorit\u00e4t <em>des Wortes<\/em>nicht ausgedr\u00fcckt werden. In dem gesamten Erkenntnisprozess ist die Erfahrung durchaus beteiligt und \u00fcbt ihren Einfluss aus, und unsere Erkenntnisse wirken zur\u00fcck auf die Erfahrung. Aber wenn Gott sich in seinem Wort klar offenbart hat, dann haben wir Menschen uns nach dieser Vorgabe zu richten \u2013 unsere Erfahrung inklusive.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eNathan\u201c reloaded<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Interviews spricht Kr\u00fcger das Thema Wahrheit an: \u201eWie gehst du dann heute mit dem Wahrheitsanspruch Jesu um? Ausgrenzung h\u00e4ngt ja meist daran, dass man sich selbst als Besitzer der Wahrheit versteht \u2013 und Jesus sagt selbst: \u2018Ich bin die Wahrheit\u2019 \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebels Antwort \u00fcberrascht: \u201eIn der Bibel steht nicht, dass Jesus die Wahrheit ist. Das ist in der deutschen \u00dcbersetzung so, aber der verwendete griechische Begriff bedeutet, auf Menschen bezogen: \u2018Ich bin wahrhaftig\u2019 oder \u2018Ich bin aufrichtig\u2019. Weil er das Maximum an Kontakt zur Liebe und zu den Menschen gelebt hat, das jemals gelebt wurde. Jesus meint also nicht: \u2018Ich habe uneingeschr\u00e4nkt recht\u2019, sondern er meint: \u2018Lebt so aufrichtig, wie ich gelebt habe.\u2019 Und das wiederum hat bestimmte Konsequenzen\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier kommt man nun wahrlich ins Stutzen, ja man fragt sich: Wer hat ihm denn so einen Unsinn gesteckt? Mir ist keine einzige Bibel\u00fcbersetzung bekannt, die Joh 14,6 mit \u201eIch bin wahrhaftig\u201c statt \u201eIch bin die Wahrheit\u201c wiedergeben w\u00fcrde. Beides steht nat\u00fcrlich in keinem Widerspruch: Jesus ist <em>die<\/em> Wahrheit <em>und <\/em>vollkommen wahrhaftig. Wieso behauptet er aber kategorisch \u2013 und schrecklich besserwisserisch \u201eIn der Bibel steht nicht, dass Jesus die Wahrheit ist\u201c? Es ist geradezu absurd: Jesus wird bei ihm zu einem unanst\u00f6\u00dfigen Moralprediger, aber er selbst korrigiert mal eben arrogant die Bibel\u00fcbersetzer in einem Ton des \u201eich habe uneingeschr\u00e4nkt recht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebel f\u00e4hrt fort: \u201eWoher kommt nur unser Hochmut zu meinen: \u2018Wir haben die Wahrheit\u2019? Woran willst du das denn festmachen? All die subjektiven Erlebnisse, die wir im Glauben haben, die haben doch andere Menschen in anderen Religionen genauso. Aber da komm ich jetzt und sage: \u2018Ihr liegt alle falsch, und ich liege richtig\u2019? Das ist der v\u00f6llig falsche Weg. Uns bleibt nur, das zu leben, was Jesus gelebt hat, um herauszufinden, ob Jesus \u2018echt\u2019 ist. Und dann werden wir bei der Liebe landen. Ob die Sache mit Jesus wahr ist, entscheidet sich nicht an einer philosophischen oder ideologischen Grundsatzdiskussion, sondern es entscheidet sich an den Fr\u00fcchten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Gedankengang kommt einem bekannt vor. Es ist Lessings Moral in dessen St\u00fcck <em>Nathan der Weise<\/em> aus dem Jahr 1779. Ob der Christ, Jude oder Muslim recht hat, muss sich an der t\u00e4tigen Liebe zeigen. Jeder lebe nach den h\u00f6chsten Ma\u00dfst\u00e4ben seiner Religion, behaupte aber nicht, dass die anderen falsch liegen. Im Grundsatz skizziert Hebel hier nichts anderes als die Apologetik des theologischen Liberalismus. Er schlie\u00dft mit dem Satz: \u201eIch w\u00fcrde niemals mehr jemandem sagen: \u2018Ich kenne die Wahrheit, und du kennst sie nicht.\u2019\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll man zu all dem sagen? Sicher ist hier manches schrecklich selbstwiderspr\u00fcchlich. Wie wir schon sahen, nimmt Hebel durchaus in Anspruch einige Wahrheiten zu kennen, und auch in der Ablehnung anderer Auffassungen wird er hier und da deutlicher \u2013 wenn auch implizit: Du kennst die Wahrheit nicht, dass es in erster Linie darum geht, so zu leben wie Jesus; dass die Liebe das oberste Grundmotiv der Bibel ist; dass die Bibel nicht sagt, Jesus ist die Wahrheit; dass wir nicht defizit\u00e4r sind usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahrheit wollen heute viele nicht mehr \u201ehaben\u201c, sondern nur noch \u201eleben\u201c. Gerne wird nun Verwirrung gestiftet. Peter Rollins, von Atheisten gefragt, wie er nur glauben k\u00f6nne, dass seine eigene religi\u00f6se Tradition, das Christentum, wahr sei, meinte provokant: \u201eI don\u2018t\u201c. Ich glaube nicht, dass ein Glaubenssystem wahr ist, und das gelte selbst f\u00fcr sein eigenes (<em>How (not) to speak about God<\/em>). Auf \u00e4hnliche Weise Christina Brudereck in <em>Freischwimmer<\/em>: \u201eOb es Gott gibt? Keine Ahnung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Wissen will man nichts mehr wissen. Kant l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, der schon das Wissen u.a. in theologischen Fragen zur Seite schob, um f\u00fcr den Glauben Raum zu gewinnen. Woher kommt nun aber unser Wissen um Wahrheit? Erfrischend pr\u00e4zise und klar antwortete j\u00fcngst Kardinal M\u00fcller auf <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/01\/katholische-kirche-kardinal-mueller-interview\">Fragen der \u201eZeit\u201c<\/a> (1\/2016): \u201eF\u00fcr uns Katholiken und auch f\u00fcr die evangelischen Christen ist das Wort Gottes die Wahrheit. Und in Wahrheitsfragen gibt es keinen Kompromiss. Denn wir sind nicht die Verhandlungspartner Gottes, sondern H\u00f6rer seines Wortes.\u201c Der Chef der Glaubenskongregation im Vatikan: \u201eZweifellos ist die Wahrheit kein Besitz zu unserer Verf\u00fcgung, sondern ein Schatz, der der Kirche anvertraut worden ist. Die Kirche ist kein Philosophenklub, der sich der Wahrheit ann\u00e4hert, sondern die Offenbarung ist uns gegeben, um sie zu bewahren und treu auszulegen. Die Wahrheit will nicht nur\u00a0 gesucht werden. Sie verlangt auch die Entscheidung zu ihr.\u201c Frage der \u201eZeit\u201c:\u00a0 \u201eWoher wissen Sie, was die Wahrheit ist?\u201c M\u00fcller: \u201eIndem wir die Heilige Schrift als Wort Gottes nach den Regeln einer theologischen und historischen Hermeneutik auslegen\u2026 Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Und die Kirche verk\u00fcndet keine andere Botschaft als jene, die ihr von ihrem Herrn \u00fcbertragen worden ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche Roms hat die vertikale Dimension allgemein besser bewahrt als viele Evangelische, die inzwischen ganz in der Horizontalen aufgehen. S\u00fcnde, Gnade, Evangelium usw. werden vom katholischen Lehramt in erster Linie im Hinblick auf Gott definiert, und dieser hat sich gleichsam von oben herab in unsere Welt hinein offenbart. Er hat seinen Sohn, die Wahrheit in Person, gesandt, und er hat Wahrheit mitgeteilt, die wir kennen, wissen, glauben und weitergeben k\u00f6nnen. Unser angeblich hochm\u00fctiges Wissen von Wahrheit ruht auf Offenbarung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die autoritative Offenbarung Gottes aber in der Hand zerbr\u00f6selt, bleibt nicht mehr viel. Nobert Bolz in seinem SWR2-Beitrag \u201e<a href=\"http:\/\/www.swr.de\/-\/id=16360176\/property=download\/nid=659852\/p7iyg1\/swr2-essay-20151130.pdf\">Gnadenlose Neuzeit<\/a>\u201c Ende November: \u201eKennt die evangelische Kirche \u00fcberhaupt noch den Unterschied zwischen Christentum und einem diffusen Humanitarismus? Sie ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend durch einen neutralen Kult der Menschheit\u2026 Was dann noch bleibt, ist die Sentimentalit\u00e4t einer unrealistischen Menschenfreundlichkeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eBei der Wahrheit verstehen viele keinen Spa\u00df\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider ist heute beim wichtigen Thema Wahrheit die Konfusion gro\u00df. Die Postmoderne hat ihre Spuren hinterlassen. In den vergangenen Wochen entspann sich eine Diskussion zwischen Michael Diener, dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, und Ulrich Parzany, dem altgedienten Evangelisten, \u00fcber den Kurs der evangelikalen Bewegung. Ausl\u00f6ser war \u2013 wen \u00fcberrascht\u2018s \u2013 der Umgang mit dem Thema Homosexualit\u00e4t. Tobias Faix dazu auf seinem <a href=\"http:\/\/tobiasfaix.de\/2015\/12\/mehr-ambiguitaetstoleranz-bitte-oder-wie-ein-kleines-paedagogisches-konzept-grosse-theologische-streitigkeiten-veraendern-kann\/\">Blog<\/a>: \u201eda wird schon deutlich, es geht um mehr, es geht um die Wahrheit. Und bei der Wahrheit verstehen viele keinen Spa\u00df, denn es gibt nur eine und die habe zuf\u00e4llig ich und damit haben alle anderen, die anderer Meinung sind, diese folgerichtig nicht und sind falsch.\u201c Er fordert \u201emehr Ambiguit\u00e4tstoleranz\u201c und lobt Diener als \u201eambiguit\u00e4tstolerante Person\u201c, der \u2013 besser als Parzany \u2013 Spannungen aushalten k\u00f6nne \u201eohne darauf aggressiv zu reagieren\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parzany hatte auf Dieners \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen in der \u201eWelt\u201c in einem offenen Brief reagiert und diesem in Teilen widersprochen. Ist so ein Verhalten intolerant? Mangelt es Parzany an Ambiguit\u00e4tstoleranz? Wie schon bei der \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c kann ich nicht erkennen, was der Zusatz \u201eAmbiguit\u00e4t\u201c (Mehrdeutigkeit) hier bringen soll. Was Gerechtigkeit ist, wei\u00df jedes Kind (F. Bastiat), aber wie \u201esoziale Gerechtigkeit\u201c sinnvoll zu definieren ist, ist kaum noch klar. Gerechtigkeit ist vielmehr <em>an sich<\/em> schon ein soziales Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Toleranz bedeutet, ist (oder war einmal) klar. Man toleriert den Menschen und Mitb\u00fcrger, der eine andere Religion, eine andere Auffassung zu bestimmten Dingen, eine andere Weltsicht usw. hat. Man l\u00e4sst den anders Denkenden und Glaubenden neben sich leben (klingt heute selbstverst\u00e4ndlich, war es aber nicht), l\u00e4sst ihn seine Position frei vortragen und verbreiten, geht ihm nicht aggressiv an die Gurgel. Toleranz ist deshalb n\u00f6tig, weil die Wirklichkeit mehrdeutig ist. Wie \u201esozial\u201c in der \u201eGerechtigkeit\u201c, so steckt \u201eAmbiguit\u00e4t\u201c schon in der \u201eToleranz\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Toleranz ist wesentlich <em>Personen<\/em>toleranz, aber nicht <em>Ideen<\/em>toleranz. Spaemann hat es vorbildlich klar ausgedr\u00fcckt: \u201eIdeen sind ihrer Natur nach intolerant, auch sogenannte liberale Ideen. Eine Idee, die einen Wahrheitsanspruch erhebt, f\u00fchrt immer die bin\u00e4re Unterscheidung zwischen wahr und falsch ein. Menschen dagegen k\u00f6nnen und sollen im Umgang mit Menschen, die andere \u2013 ihrer Meinung nach falsche \u2013 Ideen haben, tolerant sein. Denn nur so k\u00f6nnen sich Ideen enstprechend der ihnen eigenen geistigen Kraft mit anderen Ideen messen.\u201c Der Katholik Spaemann macht sich \u2013 wie auch gro\u00dfe liberale Denker und Agnostiker wie von Mises oder Hayek \u2013 f\u00fcr den <em>Kampf<\/em>der Ideen stark, der von der Personentoleranz nicht zu trennen: \u201eNur tote Ideen existieren in der Form der friedlichen Koexistenz nebeneinander. Allerdings\u2026 kann es nur dort zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung zwischen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen kommen, wo Menschen, die ihre Religion ernsthaft praktizieren, miteinander friedlich koexistieren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Zusammenh\u00e4nge werden bei Faix und Hebel \u00fcberhaupt nicht deutlich. Den schwarzen Peter haben bei ihnen all diejenigen, die Widerspruch einlegen; die sagen \u201eso nicht!\u201c und Aussagen als falsch bezeichnen; die angeblich Gr\u00e4ben aufrei\u00dfen und Einheit zerst\u00f6ren; die sich erdreisten, in ihren Augen falsche Ideen \u2013 oh Graus! \u2013 doch tats\u00e4chlich bek\u00e4mpfen und nicht \u2018tolerant\u2019 stehen lassen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs w\u00e4re so sch\u00f6n, wenn wir aufh\u00f6ren, uns dar\u00fcber zu streiten, wer nun recht hat.\u201c An S\u00e4tze wie diesen eines christlichen Bloggers hat man sich inzwischen gew\u00f6hnt. Nun soll man wahrlich nicht bei jeder Gelegenheit Zankereien vom Zaun brechen. Schon die Bibel warnt davor. Doch um der Wahrheit \u2013 und bei ihr h\u00f6ren nicht nur der Spa\u00df, sondern auch noch ernstere Sache auf \u2013 willen m\u00fcssen wir den Streit wohl wieder erst lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele w\u00e4re noch zur Wahrheit zu sagen. An dieser Stelle sei nur auf den Vortrag von Os Guinness bei der Lausanner Konferenz in Kapstadt 2010 hingewiesen. \u201eWhy truth matters\u201c ist ein gro\u00dfes und eindr\u00fcckliches Pl\u00e4doyer, die Wahrheit ernst zu nehmen. Guinness findet auch deutliche Worte f\u00fcr die (post)modernen Ver\u00e4chter der Wahrheit unter den Christen heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein anderes Evangelium<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nicht zu langes Interview und eine lange Kritik \u2013 viel Aufhebens um wenig Anst\u00f6\u00dfiges? Viel L\u00e4rm um fast nichts? Wie man\u2018s sieht. Auch wenn man Diskussionen um die Hermeneutik und die Wahrheit als vielleicht spitzfindig empfindet \u2013 beim Evangelium h\u00f6rt der fromme Spa\u00df nun endg\u00fcltig auf. Hebels Zusammenfassung der \u201eBotschaft Jesu\u201c lautet so: \u201eIch glaube, das Evangelium dreht sich nur um eine Sache: Werden wie Jesus. Punkt. Lebt so, wie Jesus gelebt hat!\u201c Oder an anderer Stelle: \u201e[Jesus:] Lebt so aufrichtig, wie ich gelebt habe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider ist das nicht das Evangelium der Bibel. Es ist ein anderes Evangelium, \u00fcberhaupt keine gute Nachricht. Hebel pr\u00e4sentiert uns hier Gesetz, nicht Evangelium, forderndes Wort, nicht befreiendes Wort. Im Heidelberger Katechismus ist er gleichsam in den dritten Teil gesprungen \u2013 \u201eVon der Dankbarkeit\u201c, in den Teil \u00fcber das christliche Leben der Heiligung. Nat\u00fcrlich sollen wir Jesus immer \u00e4hnlicher und damit auch immer menschlicher werden. Aber noch einmal: das ist nicht das Evangelium, das ist nicht die Kernzusage, die Gott uns macht. All dies ist <em>Frucht<\/em> des Evangeliums, nat\u00fcrliche und notwendige Folge, Ziel der Guten Nachricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier schlie\u00dft sich noch einmal ein Kreis. Ist der Mensch nach dem Fall nicht tief gefallen und g\u00e4nzlich verdorben, so <em>kann<\/em> er oder sie nat\u00fcrlich auch so leben, wie Jesus gelebt hat. Er oder sie hat dann die nat\u00fcrlichen F\u00e4higkeiten, diesem Gebot (mit etwas g\u00f6ttlicher Assistenz nat\u00fcrlich) auch tats\u00e4chlich zu folgen. Reformatorische Theologie hat dem schon immer vehement widersprochen: Nein, das kann der Mensch eben nicht, weil unser Wille im B\u00f6sen gefangen ist. \u201eKleinmacherei!\u201c schalt es einem da entgegen. Sei\u2018s drum. Manche Wahrheiten werden nicht deswegen falsch, weil sie dem\u00fctigend sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>PS: Ein pers\u00f6nliches Nachwort.<\/strong> Torsten Hebel ist f\u00fcr mich eigentlich nicht \u201eHebel\u201c, sondern \u201eTorsten\u201c. Wir geh\u00f6rten beide zum Studentenjahrgang 1990 des Neues Leben Seminars (nun TSR), dr\u00fcckten beide oft genug nebeneinander die dortige Schulbank und haben uns damals recht gut verstanden und nicht wenig Zeit zusammen verbracht. In den letzten gut 20 Jahren haben wir uns ziemlich aus den Augen verloren. Aus der Ferne beobachtet scheint mir doch, dass Torsten seinen beruflichen Weg gefunden hat. Bei dem nun ja auch in die breite \u00d6ffentlichkeit getragenen Glaubensweg h\u00e4tte ich gro\u00dfe Anfragen. Sicher muss jeder pers\u00f6nlich seinen eigenen \u2018theologischen\u2019 Weg finden und gehen, aber die intensive mediale Pr\u00e4senz hat eben auch wegweisenden Charakter f\u00fcr andere. Und ich glaube nicht, dass diese Richtungsangabe wahr und hilfreich ist. In den obigen S\u00e4tzen habe ich einen sachlichen und eher unpers\u00f6nlichen Stil gew\u00e4hlt, da Torstens Aussagen ja auch auf recht breiter Front in den Medien kursieren. \u00d6ffentliche \u00c4u\u00dferungen sollten inhaltlich auch \u00f6ffentlich er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe viel Sympathie f\u00fcr all diejenigen, die sich aus beengten, unterdr\u00fcckenden, kleinmachenden Gemeindetraditionen befreien mussten. Mir, einem in der \u2018normalen\u2019 Landeskirche und in einem \u2018weiten\u2019 und vorbildlichen pietistischen Elternhaus Gro\u00dfgewordenen, fehlt diese Erfahrung. Freischwimmen ist eine gute Sache. Nur h\u00e4ngt viel vom richtigen Bademeister ab. Bei Torsten ist dieser Bademeister im wahrsten Sinne des Wortes wom\u00f6glich mit der Hand zu greifen. Vor nun bald 25 Jahren standen auf seinem Regal die <em>Completed Works<\/em> von Francis Schaeffer, die ich mir zuvor auch schon zulegt hatte. Vielleicht stehen sie da immer noch? Schaeffers L\u2018Abri fellowship weist gerade f\u00fcr all diejenigen, die Kreativit\u00e4t und Kultur hochsch\u00e4tzen und die unter der kulturellen Enge vieler Kirchen leiden, einen anderen Weg. (Mich haben Schaeffers Werke zur Theologie gef\u00fchrt und lie\u00dfen mich meine bisherigen Studien in Kunst und Design mit dem christlichen Glauben in Einklang bringen.) Einen Weg n\u00e4mlich, der aus einer falschen Enge herausf\u00fchrt und mit einer hohen Sicht der biblischen Autorit\u00e4t und mit einer hohen Sicht der Wahrheit (\u201etrue truth\u201c bei Schaeffer) vereinbar ist. Obwohl ich <em>Freischwimmer<\/em> noch nicht gelesen habe, bef\u00fcrchte ich, dass die dortigen Gespr\u00e4chspartner ihn wohl eher in eine andere Richtung gewiesen haben.<\/p>\n<\/div>\n<p><em>Holger Lahayne, 7.1.2016 (www.lahayne.lt)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch glaube, dass alle Menschen bei Gott sind\u201c In einer der letzten Predigten von \u201eJesusHouse\u201c im Jahr 2007 berichtete Torsten Hebel von \u00dcberlegungen im Leitungsteam der evangelistischen Jugendveranstaltung. Es war um die Frage gegangen, ob man \u00fcberhaupt noch \u00fcber S\u00fcnde in den Ansprachen reden solle. 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