{"id":13006,"date":"2015-12-17T11:11:17","date_gmt":"2015-12-17T10:11:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13006"},"modified":"2015-12-17T14:08:28","modified_gmt":"2015-12-17T13:08:28","slug":"offener-brief-an-praeses-dr-michael-diener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=13006","title":{"rendered":"Offener Brief an Pr\u00e4ses Dr. Michael Diener"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Herrn<br \/>\nPr\u00e4ses Dr. Michael Diener<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kassel, den 16.12.15<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Michael,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich schreibe diesen Brief, nachdem ich den Artikel in WELT ONLINE vom 14.12.15 gelesen habe. Nun wei\u00df ich, dass man in Zeitungsartikeln oft verzerrt dargestellt wird. Schon der Titel ist gemein, als ob irgendjemand sich anma\u00dfte, homosexuelle Menschen zu verdammen, wenn er homosexuelle Praxis nach Ma\u00dfgabe der Bibel als S\u00fcnde bewertet. Vielleicht wirst Du Dich ja noch kritisch zu dem Artikel \u00e4u\u00dfern. Aber gehe ich wohl recht in der Annahme, dass der Redakteur die Richtigkeit der Zitate, die er von Dir in dem Artikel bringt, von Dir hat pr\u00fcfen und freigeben lassen? Das ist ja \u00fcbliche Praxis. Auf diese Zitate beziehe ich mich.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast die Evangelikalen \u00f6ffentlich kritisiert, deren Sprecher Du als Pr\u00e4ses von Gnadau und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz ja bist. Ja, die Warnung vor Selbstgerechtigkeit ist berechtigt. Ich will mich t\u00e4glich vor Gott pr\u00fcfen, ob meine Kritik an der Missachtung der Bibel in Kirche und Theologie aus Hochmut und Selbstgerechtigkeit oder aus Liebe zu Gott und den Menschen kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich verstehe nicht, warum Du das immer wieder \u00f6ffentlich betonst und zugleich die Positionen relativierst, die wir doch gemeinsam vertreten. Einerseits betonst Du: \u201eIch vermag aus der Heiligen Schrift nicht herauszulesen, dass es einen Auftrag an die Kirche zur Segnung homosexueller Beziehungen und deren Gleichstellung mit der Ehe von Mann und Frau g\u00e4be.\u201c Dann aber sagst Du: \u201eAls Pfarrer habe ich gelernt, anzuerkennen, dass Menschen bei dieser Frage die Bibel anders lesen. Diese Br\u00fcder und Schwester sind mir genauso wichtig wie diejenigen, die meine Meinung teilen.\u201c Du wirst dann weiter zitiert, das gelte auch \u201ef\u00fcr Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Homosexualit\u00e4t geistlich f\u00fcr sich gekl\u00e4rt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Pr\u00e4gung aufgefordert sehen.\u201c Du hast recht, wenn Du im Blick auf diesen Widerspruch feststellst: \u201eDas macht meiner Bewegung Probleme.\u201c Und zwar massive.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel wurde schon immer von anderen auch anders verstanden. Das ist doch eine Banalit\u00e4t. Was soll die Berufung auf die Heilige Schrift, wenn Du sie der Beliebigkeit subjektiver Sichten auslieferst? Ich dachte immer, die Gemeinschaftsbewegung und die freien Werke w\u00e4ren deshalb in der Kirche, dass sie dort gegen Irrlehre und Gleichg\u00fcltigkeit die Wahrheit der Heiligen Schrift bekennen und leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Dir nicht zu Deiner Wahl in den Rat der EKD gratuliert, weil ich bef\u00fcrchtete, dass Du dort allzu sehr vereinnahmt wirst. Aber dass Du so schnell nach der Wahl \u00f6ffentlich die eigenen Leute wegen ihrer angeblichen Abschottung kritisierst \u2013 \u201eSie leben wie hinter einer unsichtbaren Mauer.\u201c \u2013 und die EKD-Linie lobst, \u00fcberrascht mich doch. Geht es wirklich nur um verschiedene Fr\u00f6mmigkeitsformen, in denen wir jeweils sozialisiert wurden? Sind es nicht doch theologische Wahrheitsfragen, um die gerungen werden muss?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mit vielen anderen: Wo geht unser Weg hin? Ich frage das auch, weil ich mit der Initiative \u201eZeit zum Aufstehen\u201c die Hoffnung verbunden sah, dass deutschlandweit eine gemeinsame Widerstandsbewegung gegen die Irrlehren in den evangelischen Kirchen entstehen k\u00f6nnte. Nun aber nehme ich mehr Beschwichtigung und Anpassung als Aufstehen, Bekenntnis und Widerstand wahr. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die EKD aus Anlass des Reformationsjubil\u00e4ums die Grundlagen des evangelischen Glaubens demontiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einzigen Retter f\u00fcr alle Menschen wird dem interreligi\u00f6sen Dialog geopfert: \u201eDie Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dadurch nicht der Glaube des anderen abgewertet oder f\u00fcr unwahr erkl\u00e4rt wird. So wie f\u00fcr den Christen das Geh\u00f6ren zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch f\u00fcr den Angeh\u00f6rigen der anderen Religionen sein spezifischer Glaube. Dies darf auf beiden Seiten des Gespr\u00e4chs anerkannt werden.\u201c (Rechtfertigung und Freiheit, 500 Jahre Reformation 2017, Grundlagentext des Rates der EKD, 2014, S.58)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel sei f\u00fcr uns heute nicht mehr das Wort Gottes wie f\u00fcr die Reformatoren: \u201eSeit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb k\u00f6nnen sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als \u201aWort Gottes\u2018 verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grunds\u00e4tzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten l\u00e4sst sich diese Vorstellung so nicht mehr halten. Damit aber ergibt sich die Frage, ob, wie und warum sola scriptura auch heute gelten kann.\u201c (Rechtfertigung und Freiheit, S.84)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr hattet die Erstunterzeichner zum 17.12.15 eingeladen. Im vergangenen Jahr durften wir Erstunterzeichner unsere Meinung sagen, hatten aber keinen Einfluss auf den weiteren Weg der Initiative. Dieses Recht hat sich der kleine Kreis der zw\u00f6lf Initiatoren vorbehalten. Vielleicht erkl\u00e4rt das auch das geringe Interesse an der diesj\u00e4hrigen Veranstaltung, die deshalb abgesagt wurde. Umso gespannter bin ich zu h\u00f6ren, welchen Weg die Initiatoren von \u201eZeit zum Aufstehen\u201c weitergehen wollen. Deine \u00f6ffentlichen Einlassungen werden dort ja sicherlich eine Rolle spielen. Ich erlaube mir deshalb, diesen Brief einem gr\u00f6\u00dferen Kreis zur Kenntnis zu geben. Da Deine Stellungnahme ja auch an eine gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit gerichtet war, soll auch dieser Brief nicht privat und vertraulich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In t\u00e4glicher F\u00fcrbitte und in gro\u00dfer Sorge herzlich verbunden gr\u00fc\u00dft Dich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Ulrich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herrn Pr\u00e4ses Dr. Michael Diener Kassel, den 16.12.15 Lieber Michael, ich schreibe diesen Brief, nachdem ich den Artikel in WELT ONLINE vom 14.12.15 gelesen habe. Nun wei\u00df ich, dass man in Zeitungsartikeln oft verzerrt dargestellt wird. 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