{"id":12951,"date":"2015-12-04T09:23:13","date_gmt":"2015-12-04T08:23:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12951"},"modified":"2015-12-04T09:26:44","modified_gmt":"2015-12-04T08:26:44","slug":"eine-krankheit-wird-zum-gesellschaftsproblem-jenseits-des-medizinischen-fortschritts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12951","title":{"rendered":"Alzheimer &#8211; Chance f\u00fcr mehr Menschlichkeit?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Krankheit wird zum Gesellschaftsproblem jenseits des medizinischen Fortschritts<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mega-Spende des Facebook-Gr\u00fcnders Mark Zuckerberg soll auch der Erforschung unheilbarer Krankheiten, zum Beispiel Alzheimer, und ihrer Therapie zugute kommen. Unabh\u00e4ngig von Zuckerbergs Intentionen \u2013 solche Spenden erm\u00f6glichen mehr Menschlichkeit. Unheilbare Krankheiten wie Alzheimer sind eine Wunde der Menschheit. Einige Zahlen m\u00f6gen das unterstreichen: Heute haben wir nach Angaben der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft 1,4 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland, in zehn Jahren werden es nach Sch\u00e4tzungen der Fachleute mindestens zwei Millionen sein. Und das gilt nicht nur f\u00fcr Deutschland. Die rapide Alterung in Europa potenziert das Problem auch f\u00fcr die EU. Nach den Sch\u00e4tzungen von Alcove, der Alzheimer Cooperative Valuation in Europe, einer Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus 19 Staaten der EU, gibt es derzeit etwa sieben Millionen Patienten und 2035 werden es mindestens elf Millionen sein. Alzheimer wird ein massives, ein Massenproblem \u2013 f\u00fcr die Gesundheitssysteme, f\u00fcr die Pflegedienste, f\u00fcr die Familien. Die Frage ist: Wie gehen wir, wie geht die Gesellschaft mit diesem Problem jenseits der Forschung um?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben sind diese Kranken nutzlos f\u00fcr die Gesellschaft. Sie haben kein Neu-Ged\u00e4chtnis. Die hirnorganisch bedingte Einschr\u00e4nkung vor allem der intellektuellen F\u00e4higkeiten sowie der zeitlichen, \u00f6rtlichen und situativen Orientierung beraubt sie der Leistungskraft, sie k\u00f6nnen nicht mehr arbeiten, nichts mehr leisten, sie kosten nur noch Geld. Da ist es, schreibt <strong>Manfred L\u00fctz<\/strong> in seinem Bestseller \u201eIrre \u2013 wir behandeln die Falschen\u201c, \u201eeine Versuchung, diesen Menschen den Ausgang zu zeigen. Exit hei\u00dft eine entsprechende Organisation in der Schweiz, die kaputten Menschen den Weg zum Tod ebnet. In einer solch kalten Diktatur der auf ihre computer\u00e4hnlichen Eigenschaften stolzen Gesunden ist kein Platz f\u00fcr die Emotionalen, die Schwachen, die Empfindsamen und die Demenzkranken\u201c. Aber, so L\u00fctz, \u201edie eigentlich menschlichen F\u00e4higkeiten, Liebe, Vertrauen, Milde, Barmherzigkeit, Dankbarkeit, Freundlichkeit, Solidarit\u00e4t, Freude, lustvolles Leben im Bewu\u00dftsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments, bleiben auch beim Demenzkranken lange erhalten\u201c. Deshalb: Sich um Alzheimerkranke zu k\u00fcmmern geht nicht ohne Freundschaft, geht nicht ohne Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alten Griechen hatten grosso modo zwei Gesellschaftsmodelle. Das Konsensmodell und das Konfliktmodell. F\u00fcr <strong>Aristoteles<\/strong> war die Freundschaft das Band der Gesellschaft. \u201eFreundschaft geh\u00f6rt zum N\u00f6tigsten im Leben\u201c, meinte er in seiner nikomachischen Ethik und die beste Form der Freundschaft nannte er jene, bei der beide Freunde selbstlos und gratis einander Gutes wollen. Das verbinde dauerhafter als eine Freundschaft, in der die Freunde nur um eines Vorteils willen zusammen lebten. Es versteht sich von selbst, da\u00df diese aristotelische Form von Freundschaft auf Liebe beruht und zwar im klassischen Sinn, wie es 1500 Jahre sp\u00e4ter <strong>Thomas von Aquin<\/strong> definierte: Jemandem etwas Gutes tun wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wenn der Alzheimerkranke gar nicht mehr f\u00e4hig ist, das Gute zu erkennen, das man ihm tun will, wenn er gar nicht mehr sieht und erkennt, wer, welcher Freund, welche geliebte Person ihm da selbstlos Gutes tun will, hat das dann noch einen Sinn? Es hat. Diese Frage nach dem Sinn werdenden oder endenden Lebens wurde auch kurz nach dem Krieg gestellt. 1949, als die Menschen noch hungerten und nur \u00fcberleben wollten, als die Brandbilder noch im Ged\u00e4chtnis loderten und es klar war wie Quellwasser im Gebirge, wohin der Wahn von Ideologen und die Feigheit der Guten f\u00fchren kann, zu dieser Zeit verfasste <strong>Romano Guardini <\/strong>eine kleine Schrift \u00fcber das Recht des werdenden Menschenlebens und im Abschnitt mit dem Titel \u201eder entscheidende Gesichtspunkt\u201c schrieb er: \u201eNicht deshalb ist der Mensch unantastbar, weil er lebt und daher ein Recht auf Leben hat. Ein solches Recht h\u00e4tte auch das Tier, denn das lebt ebenfalls&#8230;. Sondern das Leben des Menschen darf nicht angetastet werden, weil er Person ist.\u201c Dann definiert Guardini diesen Begriff und f\u00e4hrt fort: \u201ePerson ist die F\u00e4higkeit zum Selbstbesitz und zur Selbst-Verantwortung; zum Leben in der Wahrheit und in der sittlichen Ordnung. Sie ist nicht psychologischer, sondern existentieller Natur. Grunds\u00e4tzlich h\u00e4ngt sie weder am Alter, noch am k\u00f6rperlich-seelischen Zustand, noch an der Begabung, sondern an der <strong>geistigen Seele, die in jedem Menschen<\/strong> ist. Die Personalit\u00e4t kann unbewusst sein, wie beim Schlafenden; trotzdem ist sie da und mu\u00df geachtet werden. Sie kann unentfaltet sein wie beim Kinde; trotzdem beansprucht sie bereits den sittlichen Schutz. Es ist sogar m\u00f6glich, dass sie \u00fcberhaupt nicht in den Akt tritt, weil die physisch-psychischen Voraussetzungen daf\u00fcr fehlen wie beim Geisteskranken oder Idioten. Dadurch aber unterscheidet sich der gesittete Mensch vom Barbaren, dass er sie auch in dieser Verh\u00fcllung achtet. Diese Personalit\u00e4t gibt dem Menschen seine W\u00fcrde&#8230;. Wird sie, die W\u00fcrde, in Frage gestellt, gleitet alles in die Barbarei.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den einzelnen Menschen als Person zu begreifen, unabh\u00e4ngig von Haben und Leistung \u2013 hier liegt der Sinn, ja die Leistung der Alzheimerkranken. Sie dr\u00e4ngen uns unbewu\u00dft zur Achtung der W\u00fcrde, mithin zu mehr Menschlichkeit. Sie appellieren an unsere Freundschaftsf\u00e4higkeit, an unsere F\u00e4higkeit zu selbstloser Liebe. Damit verhindern sie das Abgleiten in die Barbarei. Sie erinnern ihre Mitmenschen durch ihre Pr\u00e4senz an fundamental menschliches Verhalten, ohne das wir unseren zivilisatorischen Standard und unseren Fortschritt vergessen k\u00f6nnen. Sie werfen uns zur\u00fcck auf den solidarischen Kern des Zusammenlebens. Sie wissen nicht, was sie tun \u2013 und gerade deshalb schulden wir ihnen Dank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnen wir diese Dankesschuld begleichen? Das ist das Thema der Therapien und hier bewegt man sich in einer interdisziplin\u00e4ren Grauzone, m\u00f6glicherweise sogar in einem Minenfeld der Kompetenzen. Sicher ist: Die Krankheit zeichnet sich dadurch aus, da\u00df das Neuged\u00e4chtnis, das f\u00fcr den Alltag so wichtig ist, nachl\u00e4sst und schlie\u00dflich aussetzt. Dagegen funktioniert das Altged\u00e4chtnis manchmal besser als bei gesunden Menschen. Das Altged\u00e4chtnis funktioniert, das Neuged\u00e4chtnis setzt aus. Das ist der Ansatz f\u00fcr manche Therapien. Zum Beispiel die Gartentherapie oder die Musiktherapie. Sie beleben \u00fcber sinnliche Wahrnehmungen wie Riechen und H\u00f6ren Erinnerungen aus dem Altged\u00e4chtnis. Der Duft frischer Erdbeeren, eines Fliederstrau\u00dfes, eines Rosenstocks oder die Melodien eines alten Schlagers und Gassenhauers, vielleicht\u00a0 Freddy Quinns Junge komm bald wieder oder noch \u00e4ltere Lieder (an der Laterne, vor dem gro\u00dfen Tor von Marlene Dietrich), die auch bei uns schon im Hirn erklingen, wenn wir nur die Titel h\u00f6ren, all diese Erinnerungen sind an Emotionen gebunden, wecken Synapsen, die vielleicht aus der sp\u00e4ten Jugend stammen, aus einer Zeit der Verliebtheit, vielleicht aber auch aus der Kindheit, einer Zeit der Unbeschwertheit, der Heimat und Geborgenheit, einer Zeit des kleinen oder gro\u00dfen Gl\u00fccks. Das muss nicht nur der Schlager sein. Marlies Schultke, protestantische Pfarrerin der Trinitatisgemeinde in Charlottenburg, bietet seit neun Jahren einen Gottesdienst speziell f\u00fcr Demente an. Mit Erfolg \u2013 die B\u00e4nke sind stets voll besetzt. Wenn die Glocken l\u00e4uten und die Orgel spielt, erinnern sich die alten Menschen zum Beispiel an ihre Konfirmation oder andere Gottesdienstbesuche. Das seien Erinnerungen an die Jugendjahre und da m\u00fcsse man einfach nur anklopfen, \u201edie h\u00f6ren das dann\u201c, sagt Pfarrerin Schultke. Der Altarraum ist bei diesen Gottesdiensten mit gro\u00dfen Bildern gef\u00fcllt, die Menschen in der Kleidung der zwanziger Jahre zeigen, und in jedem Gottesdienst wird das Lied: Wei\u00dft Du wieviel Sternlein stehen, gesungen. Frau Schultke erinnert sich: Ein Mann, der eine Aphasie hatte, eine Sprachst\u00f6rung, und eigentlich gar nicht mehr reden konnte, sang pl\u00f6tzlich mit. \u201eWir drehten uns um, er sang wirklich mit,\u201c erz\u00e4hlte sie, \u201e er hat nat\u00fcrlich danach wieder aufgeh\u00f6rt zu singen, aber er konnte, durch das Miteinander angeregt, wirklich singen. Das war toll.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das H\u00f6ren, Schmecken und Riechen, also die Sinnesorgane, die der Mensch als erste entwickelt und zwar noch im Mutterleib, pr\u00e4gen die Pers\u00f6nlichkeit sehr fr\u00fch. Das Lieblingslied des neugeborenen S\u00e4uglings ist das Lied, das die Mutter w\u00e4hrend der Schwangerschaft summte oder sang. Es ist das vertrauteste und wiegt das Kind am ehesten in den Schlaf.\u00a0 Es kann diese Wirkung vielleicht auch im hohen Alter entfalten. Elmar Trapp, Leiter der Altenheimseelsorge in K\u00f6ln, hat in seinem Konzept den Punkt \u201eBegegnung an den Betten der Alten\u201c. Er will \u201eEin-Gute-Nacht-Ritual\u201c einf\u00fchren und, wie er sagt, \u201eherausfinden, welches das Lieblingsgebet oder das Lieblingslied ist\u201c. Emotionen sind die Architekten des Gehirns, schrieb <strong>Stanley Greenspan<\/strong>, ein Pionier der Bindungsforschung. Sie sind auch, wenn man so will, die Architekten der Erinnerung, die Architekten sp\u00e4ten Gl\u00fccks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der K\u00f6rper hat jedenfalls auch ein Ged\u00e4chtnis und die Hirnforschung hat darauf vielfach hingewiesen. Der Neurobiologe Joachim Bauer aus Freiburg hat dazu ein Buch geschrieben mit dem Titel \u201eDas Ged\u00e4chtnis des K\u00f6rpers\u201c. Es steht in der Linie der amerikanischen neurobiologischen Forschung, die, wie der Nobelpreistr\u00e4ger Eric Kandel etwa, darauf hinweist, dass die neuen Entdeckungen \u00fcber die Verbindung zwischen \u201emind\u201c (Geist) und \u201ebrain\u201c (Gehirn) ein Umdenken in der Medizin erfordern. Da alles, was wir geistig tun, seelisch f\u00fchlen und in Beziehungen gestalten, seinen Niederschlag in k\u00f6rperlichen Strukturen findet, mache eine Medizin f\u00fcr \u201eK\u00f6rper ohne Seelen\u201c ebenso wenig Sinn wie eine Psychologie f\u00fcr \u201eSeelen ohne K\u00f6rper\u201c. <strong>Joachim Bauer <\/strong>beschreibt in diesem Sinn eine faszinierende Tatsache, n\u00e4mlich dass Faktoren, die Gene steuern und Gesundheit beeinflussen k\u00f6nnen, zu einem wesentlichen Teil aus dem Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen kommen. \u00dcberall da, wo sich Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t zwischenmenschlicher Beziehungen vermindern, erh\u00f6he sich das Krankheitsrisiko. Und zwischenmenschliche Beziehungen, das hei\u00dft eben auch Emotionen. Man k\u00f6nnte auch sagen: Liebe. Oder um mit <strong>Jean Jacques Roussau<\/strong> zu sprechen: \u201eDer Mensch, das soziale Wesen, ist immer wie nach au\u00dfen gewendet: Lebensgef\u00fchl gewinnt er im Grunde erst durch die Wahrnehmung, was andere von ihm denken\u201c. Moderner in den Worten von Joachim Bauer aus seinem Buch Prinzip Menschlichkeit: \u201eWir sind \u2013 aus neurobiologischer Sicht \u2013 auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese auch f\u00fcr Laien einfach nachvollziehbare Erkenntnis liegt manchen Therapiemodellen zugrunde. Es ist eigentlich wie bei kleinen Kindern, auch sie haben kaum Inhalte im Neuged\u00e4chtnis, sie leben von Zuwendung und von Aktivit\u00e4t. Also von Kommunikation und Besch\u00e4ftigung. Das ist auch das Prinzip der Gartentherapie. Die Sinneserinnerungen \u2013 Riechen, H\u00f6ren und Schmecken, die der Mensch zuerst gelernt hat \u2013 werden abgerufen und das Sensorische, die Motorik und die Konzentration gef\u00f6rdert. Das Tasten und F\u00fchlen der Pflanzen, das Modellieren der Erde und das alles an der freien Luft. Die Naturerfahrung gepaart mit Kommunikation, das Sensorische und Emotionale bei der Pflege der Pflanzen und dann auch noch das Erfolgserlebnis der Ernte, das schafft Freude und Wohlempfinden. Thomas Haase, Rektor der Hochschule f\u00fcr Agrar-und Umweltp\u00e4dagogik in Wien, an der Gartentherapeuten ausgebildet werden \u2013 in Deutschland gibt es bislang gerade mal hundert, verweist auf Studien, die zeigten, da\u00df \u201ein der Geriatrie durch den Einsatz von Gartentherapie die Einnahme von Antidepressiva signifikant abgenommen hat und die Mobilit\u00e4t l\u00e4nger erhalten blieb\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sp\u00e4te Alzheimerpatient wei\u00df nicht mehr, wo er ist, welches Datum wir haben, wie der Name der Betreuerin ist, die sich t\u00e4glich um ihn k\u00fcmmert. Er lebt in der totalen Gegenwart. Und ist nicht gerade das auch ein ungemein wertvoller Hinweis? Wir leben in der Vorstellung, die Vergangenheit abgearbeitet zu haben und die Zukunft abarbeiten zu m\u00fcssen. Aber ist das Leben nicht die Gegenwart, das hier und jetzt? Das hat nichts zu tun mit einer Lebensphilosophie vom Stil Carpe Diem. Man mu\u00df planen, um zu gestalten, erst recht wenn man Familie oder Verantwortung auch f\u00fcr andere Menschen hat. Aber in dieser Planung sollte, und das sagen uns die Alzheimer-Mitmenschen, auch die Zweckfreiheit, die Zeit, die nicht Geld ist, ihren Platz haben. Das Gespr\u00e4ch, die selbstlose Zuwendung, das Staunen \u00fcber eine Erkenntnis, all das nannten die Griechen Mu\u00dfe, es war f\u00fcr sie der H\u00f6hepunkt des Lebens. Schola, von dem das Wort Schule kommt, ist das lateinische Wort f\u00fcr das griechische Wort Mu\u00dfe, bei der \u00dcbertragung vom Griechischen bis ins Deutsche hat sich etwas Grundlegendes verdreht. Bei <strong>Aristoteles<\/strong> hie\u00df es, Zentrum unserer Kultur muss die Mu\u00dfe sein, nicht die Arbeit. Der Mensch sei, so schrieb er in seiner Metaphysik, \u201eunm\u00fc\u00dfig\u201c, also gesch\u00e4ftig, arbeitend, \u201eum Mu\u00dfe zu haben\u201c. Man arbeite, um zu leben, sagt der Volksmund heute. Diese alte Lebensweisheit bringen Alzheimermenschen in Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Praxis denkt man freilich nicht immer an Aristoteles. Ein Praktiker, der fr\u00fchere Leiter des Sozialamtes in Bonn, Dieter L., hatte ein Leitmotiv: \u201eDie Qualit\u00e4t einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit Minderheiten umgeht, mit den Alten und Dementen, mit Behinderten und S\u00fcchtigen\u201c. Hier stehe die Gesellschaft, also auch der Staat im eigenen Interesse in der Pflicht, nicht nur den Kranken, sondern auch den betroffenen Angeh\u00f6rigen zu helfen. Die politische Diskussion dar\u00fcber ist in Gang. Ihr Ausgang oder auch schon Fortgang wird \u00fcber die Qualit\u00e4t der Gesellschaft Aufschluss geben, ob wir dekadent werden bei all unserem Fortschritt oder Mensch bleiben. Arnold Gehlen hat Dekadenz einmal so definiert: \u201eWenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtf\u00fc\u00dfigen Intellektuellen sich vordr\u00e4ngen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt, dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen K\u00f6rperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nerv\u00f6s, die Religion sentimental.\u201c Solche Dekadenz gab es auch schon zu Zeiten von Aristoteles. Die Sophisten propagierten in diesem Sinn ein Gesellschaftsmodell, in dem der eigene Nutzen absolute Priorit\u00e4t beanspruchte. Thrasymachos war einer von ihnen. Was technisch geht, wird gemacht, ohne R\u00fccksicht auf Verluste, das war sein Credo. Es ist ein Modell der Brutalit\u00e4t, der Repression. Auch heute kann man sagen: Der alte Streit um das Gesellschaftsmodell ist nicht entschieden. Wie wir mit Alzheimerkranken oder \u00fcberhaupt den Schwachen umgehen, das wird Aufschluss dar\u00fcber geben, ob wir eine solidarische, menschliche Gesellschaft bleiben oder in eine repressive, barbarische abzugleiten drohen. Zu beidem ist der Mensch wohl f\u00e4hig, wie die Geschichte zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>J\u00fcrgen Liminski<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (www.i-daf.org)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor ist Publizist (<a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.liminski.de&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=05d9fde9-c811-497e-907f-845cf4a144a5\"><em>www.liminski.de<\/em><\/a>) und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Idaf. Sein Aufsatz ist eine gek\u00fcrzte und \u00fcberarbeitete Form des einf\u00fchrenden Vortrags, den er auf einem internationalen Symposium von Nuklearmedizinern in Berlin (<a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.petev.de%2Ffiles%2FSymposien%2F2013%2FEinladung_Symposium_2013_rys_07-email.pdf&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=05d9fde9-c811-497e-907f-845cf4a144a5\"><em>http:\/\/www.petev.de\/files\/Symposien\/2013\/Einladung_Symposium_2013_rys_07-email.pdf<\/em><\/a>) hielt, bei dem die zwei aktuellen Seuchen Alzheimer und Brustkrebs thematisiert wurden. Mit diesem Beitrag beenden wir den Herbst-Schwerpunkt \u201eGesundheit-Wirtschaft-Leben\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Krankheit wird zum Gesellschaftsproblem jenseits des medizinischen Fortschritts Die Mega-Spende des Facebook-Gr\u00fcnders Mark Zuckerberg soll auch der Erforschung unheilbarer Krankheiten, zum Beispiel Alzheimer, und ihrer Therapie zugute kommen. Unabh\u00e4ngig von Zuckerbergs Intentionen \u2013 solche Spenden erm\u00f6glichen mehr Menschlichkeit. Unheilbare Krankheiten wie Alzheimer sind eine Wunde der Menschheit. 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