{"id":12879,"date":"2015-11-10T16:20:05","date_gmt":"2015-11-10T15:20:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12879"},"modified":"2015-11-10T16:20:05","modified_gmt":"2015-11-10T15:20:05","slug":"bischofssynode-erwartbares-und-ueberraschendes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12879","title":{"rendered":"Bischofssynode: Erwartbares und \u00dcberraschendes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Echo auf die Bischofssynode in Rom ist, wie es zu erwarten war: Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen des deutschen politisch-medialen Establishments. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich. Denn diese Erwartungen waren auch von deutschen Bisch\u00f6fen gen\u00e4hrt, um nicht zu sagen gesch\u00fcrt worden. Verwunderlich ist indes, dass niemand sich die M\u00fche machte, auch nur ann\u00e4hernd die Zahl der betroffenen Personen bei der in der Berichterstattung besonders hervorgehobenen Personengruppe, den wiederverheirateten Geschiedenen, zu sch\u00e4tzen. Dieser Gruppe soll der Zugang zum Kommunionempfang erleichtert werden. So entstand im \u00f6ffentlichen Diskurs zu diesem Thema der Eindruck, es handele es sich um eine immer weiter wachsende und f\u00fcr die Zukunft der katholischen Kirche entscheidend gro\u00dfe Gruppe.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dieser Eindruck ist irref\u00fchrend, denn die Gruppe der wiederverheirateten Katholiken wird absehbar zur\u00fcckgehen. Der Grund daf\u00fcr ist der dramatische Wandel des Heiratsverhaltens \u00fcber die Generationen hinweg: Die \u00e4ltere Generation (Geburtsjahrg\u00e4nge der 1930er bis 1950er Jahre) ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der das Verheiratet-Sein die Norm war: \u201eJunggesellen\u201c waren eine randst\u00e4ndige Minderheit, mehr als 90% der Erwachsenen haben geheiratet (1). Auf eine zivile Scheidung folgt meist eine rasche Wiederheirat, vor allem in den nicht-katholischen Milieus. In den Geburtsjahrg\u00e4ngen der 1940er und 1950er Jahre, grob gesagt der \u201e68er-Generation\u201c, stieg die Zahl der Scheidungen stark an. Gleichzeitig war Wiederheirat noch die Regel. So entstand im Katholizismus das Problem der wiederverheiratet Geschiedenen. Denn der Scheidungstrend erfasste auch das katholische Milieu, das einen enormen S\u00e4kularisierungsschub erlebte, ablesbar am R\u00fcckgang des Kirchenbesuchs (2).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz des Wandels bestehen aber zwischen den verbliebenen Kirchg\u00e4ngern und dem s\u00e4kularen Bev\u00f6lkerungsdurchschnitt markante Unterschiede, gerade was Ehe und Familie betrifft. So haben Ehen, die kirchlich getraut wurden, im Vergleich zu nur standesamtlich beurkundeten Ehen ein um rund 50 Prozent vermindertes Scheidungsrisiko(3). Und das Scheidungsrisiko von Paaren, die ihren Glauben praktizieren, ist nochmals geringer als das von kirchenfernen Paaren. Leider mangelt es in Deutschland an Forschungen zu diesem Thema, obwohl die, besonders f\u00fcr die Kirche im Blick auf Ehevorbereitung und -begleitung, konfessionsverschiedene Ehen etc., sehr erhellend sein k\u00f6nnten (4). Auch wenn es an Daten mangelt, ist sicher davon auszugehen, dass der Anteil der zivilen Scheidungen praktizierender Katholiken weit unter dem statistischen Durchschnitt der Gesamtbev\u00f6lkerung liegt, wo ca. jede dritte Ehe geschieden wird. Es d\u00fcrfte nicht allzu unrealistisch sein, von vielleicht zehn bis 20 Prozent Scheidungen auszugehen, auf die ja nicht in jedem Fall eine Wiederheirat folgt. Daraus ergibt sich: Wenn man zugrunde legt, dass heute etwas mehr als zehn Prozent der rund 24 Millionen Katholiken praktizieren, dann kommt man auf eine Zahl von ca. 2,5 Millionen Gl\u00e4ubigen in Deutschland, die ihren Glauben praktizieren und zum gr\u00f6\u00dften Teil auch zur Kommunion gehen. Bekanntlich liegt der Altersdurchschnitt der Gl\u00e4ubigen recht hoch, noch deutlich \u00fcber dem der ohnehin schon \u00fcberalterten deutschen Gesellschaft. Empirisch nachweisbar ist auch, dass diese Gl\u00e4ubigen h\u00e4ufiger in Ehe und Familie leben als andere Gruppen bzw. der statistische Durchschnitt, so dass man von 60-70 Prozent verheirateten Gl\u00e4ubigen ausgehen kann. Daraus ergibt sich eine Gruppe von 1,5 bis 1,8 Millionen verheirateten praktizierenden Katholiken. Auch wenn es zum Anteil der wiederverheirateten Geschiedenen in dieser Gruppe keine exakten, offiziellen Zahlen gibt, l\u00e4sst sich mit Sicherheit sagen, dass zivil wiederverheiratete Geschiedene unter ihnen nur eine kleine Minderheit sind, grob gesch\u00e4tzt k\u00f6nnten es vielleicht 10 bis 12 Prozent sein. So l\u00e4sst sich die Gruppe auf ca. 150 bis maximal 200.000 Personen sch\u00e4tzen. \u00dcberwiegend handelt es sich dabei um \u00e4ltere Gl\u00e4ubige, die in den 1970er und 1980er Jahren geheiratet haben. Sie sind oft noch im \u201ekatholischen Milieu\u201c gro\u00dfgeworden, die Lehre \u00fcber die Realpr\u00e4senz Christi in der Eucharistie ist ihnen bekannt. Es ist aber fraglich, ob alle in dieser Gruppe, vor allem die j\u00fcngeren, in ihrer neuen Lebenssituation weiter praktizierend gl\u00e4ubig sind. So reduziert sich die Zahl der wiederverheiratet Geschiedenen, die auch praktizieren wollen, auf erheblich \u00a0unter 200.000, jedenfalls weit weniger als ein Prozent aller Katholiken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es versteht sich von selbst, dass auch diese Gruppe einer besonderen Pastoral bedarf und dar\u00fcber haben die Synodenv\u00e4ter ja auch beraten. Das weitaus gr\u00f6\u00dfere Problem f\u00fcr die Kirche liegt aber woanders: Es ist der dramatische Einbruch der katholischen Trauungen \u2013 seit 1990 ist ihre Zahl in Deutschland um etwa zwei Drittel zur\u00fcckgegangen (5). Schon allein daraus ergibt sich, dass die Zahl der wiederverheiratet Geschiedenen drastisch zur\u00fcckgehen wird. Hinzu kommt, dass auch die Wiederheiratsziffern insgesamt zur\u00fcckgehen; nach einer Scheidung wird heute seltener noch einmal geheiratet als fr\u00fcher. Generell ist die Heiratsneigung stark abgeschw\u00e4cht \u2013 ca. 40 Prozent der M\u00e4nner in Deutschland heiraten gar nicht mehr (6). Das hat nat\u00fcrlich damit zu tun, dass unverheiratetes Zusammenleben und alle Formen \u201eserieller Monogamie\u201c (oder sukzessiver Polygamie?) gesellschaftlich akzeptiert sind und als \u201eVielfalt\u201c gepriesen werden. Gegen diesen Zeitgeist h\u00e4lt die katholische Kirche an der lebenslangen Ehe von Mann und Frau als Grundlage der Familie und der Gesellschaft fest. Das erregt Ansto\u00df bei vielen Medienschaffenden, die Ehe- und Familienfragen aus ihrer pers\u00f6nlichen Perspektive betrachten. Die ist gepr\u00e4gt von einem Streben nach Autonomie, das oft zulasten famili\u00e4rer Bindungen geht. Wer aber selber das Scheitern von Beziehungen erlebt oder keine Kinder hat, hat auch wenig Interesse daran, auf die Vorz\u00fcge der Ehe f\u00fcr die Allgemeinheit hinzuweisen. Sie zeigen sich u. a. daran, dass dauerhaft Verheiratete weniger von Armut und Krankheit bedroht, ges\u00fcnder und mit ihrem Leben zufriedener sind. Die Institution Ehe entlastet so Krankenkassen, Pflegeversicherung, Sozialhilfesystem, was gerade in Krisenzeiten dem Gemeinwohl dient (7) und dar\u00fcber hinaus auch Integrationskr\u00e4fte freisetzt. Dass die meisten Medien dies kaum beachten, verwundert nicht. Dass aber auch die deutschen Synodenv\u00e4ter in Rom sich vorwiegend mit Minderheiten befassten und nicht nachdr\u00fccklicher f\u00fcr die Institution Ehe einsetzten, bleibt erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (www.i-daf.org) Nachricht 18\/2015 vom 27.10.2015<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">___________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl.: Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert, Wiesbaden 2014, S. 208-209.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eingehender hierzu: Nachricht der Wochen 36-37\/2011: Jenseits der Klischees: Die Kirchen im Spiegel der Statistik <a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Faltewebsite.i-daf.org%2F411-0-Wochen-36-37-2011.html&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=b8f7cdf5-9881-472b-8789-a4b36efe12b2\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/411-0-Wochen-36-37-2011.html<\/a>; Nachricht der Wochen 23-24\/2013: Mehr Christen als die Kirchen hofften: Was der Zensus \u00fcber die Kirchen in Deutschland offenbart, <a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.i-daf.org%2Faktuelles%2Faktuelles-einzelansicht%2Farchiv%2F2013%2F06%2F14%2Fartikel%2Fmehr-christen-als-die-kirchen-hofften-was-der-zensus-ueber-die-kirchen-in-deutschland-offenbart.html&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=b8f7cdf5-9881-472b-8789-a4b36efe12b2\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2013\/06\/14\/artikel\/mehr-christen-als-die-kirchen-hofften-was-der-zensus-ueber-die-kirchen-in-deutschland-offenbart.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl. Andreas Diekmann\/ Henriette Engelhardt, Alter der Kinder bei Ehescheidung der Eltern und soziale Vererbung des Scheidungsrisikos, Working Paper des Max-Planck-Instituts f\u00fcr demografische Forschung, Rostock, 2002, S. 8 f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Besser erforscht sind solche Zusammenh\u00e4nge in den USA. Exemplarisch daf\u00fcr: Patrick Francis Fagan, Belonging and Rejection in Family and Religion \u2013 Impacts on Society and Implications for Policy, Manuskript, S. 292.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl. Katholische Eheschlie\u00dfungen in Deutschland (Abbildung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl.: Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung: <a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.bib-demografie.de%2FDE%2FZahlenundFakten%2F04%2FAbbildungen%2Fa_04_04_zus_wiederverh_ziffer_gesch_d_ab1990.html%3Fnn%3D3073946&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=b8f7cdf5-9881-472b-8789-a4b36efe12b2\">http:\/\/www.bib-demografie.de\/DE\/ZahlenundFakten\/04\/Abbildungen\/a_04_04_zus_wiederverh_ziffer_gesch_d_ab1990.html?nn=3073946<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Einschl\u00e4gig hierzu: Linda Waite und Maggie Gallagher: The Case for Marriage: Why Married People are happier, healthier, and better off financially\u201c, Chicago 2014. Vgl auch J\u00fcrgen Liminski, Ehe und Familie in christlicher Sicht, in: Handbuch der Katholischen Soziallehre, herausgegeben von Anton Rauscher, 2008, S.276f<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Echo auf die Bischofssynode in Rom ist, wie es zu erwarten war: Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen des deutschen politisch-medialen Establishments. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich. Denn diese Erwartungen waren auch von deutschen Bisch\u00f6fen gen\u00e4hrt, um nicht zu sagen gesch\u00fcrt worden. 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