{"id":12861,"date":"2015-11-04T11:11:25","date_gmt":"2015-11-04T10:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12861"},"modified":"2015-11-04T11:33:48","modified_gmt":"2015-11-04T10:33:48","slug":"was-wuerde-hat-ist-nicht-austauschbar-ist-unverfuegbar-und-ohne-gegenrechnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12861","title":{"rendered":"\u201eWas W\u00fcrde hat, ist nicht austauschbar, ist unverf\u00fcgbar und ohne Gegenrechnung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/sjgpeutyqwcvdxp7ldvo.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-12863\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/sjgpeutyqwcvdxp7ldvo.jpg\" alt=\"Dr. Marcus Knaup und Prof. Thomas S\u00f6ren Hoffmann \" width=\"173\" height=\"130\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/sjgpeutyqwcvdxp7ldvo.jpg 448w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/sjgpeutyqwcvdxp7ldvo-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Staat, der in einem Gesetz das T\u00f6ten von Menschen regelt, ist kein demokratischer Rechtsstaat mehr.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Debatte, die wir heute \u00fcber ein selbstbestimmtes Lebensende und den assistierten Suizid f\u00fchren, w\u00e4re vor einigen Jahrzehnten so noch nicht denkbar gewesen. Das hat sich unterdessen sehr ver\u00e4ndert. In diesem Jahr erschien ein Sammelband zu diesem Thema. Die Ethikerin Susanne Kummer, eine der 13 Autoren des Buches \u201eWas hei\u00dft: In W\u00fcrde sterben?\u201c, sieht im fortgeschrittenen demografischen Wandel und in den sozialstaatlichen Sicherungssystemen Bedingungen daf\u00fcr, Sterben und Tod unter Kontrolle bringen zu wollen, sie unter \u00f6konomischen Kriterien zu betrachten und zu bewerten. Gegen diese Kontrolle wenden sich hierzulande geschlossen die Lehrstuhlinhaber der Palliativmedizin, auch aus der Bef\u00fcrchtung, das \u00e4rztliche Ethos des Heilens, das sich seit mehr als 2000 Jahren im hippokratischen Eid ausdr\u00fcckt,werde so untergraben. Dar\u00fcber hinaus ist w\u00fcrdevolle Pflege ohne ausreichendes Personal in Kliniken und Heimen nicht m\u00f6glich.\u00a0Im folgenden Interview entfalten die Herausgeber des Buches, Prof. Thomas S\u00f6ren Hoffmann (im Bild rechts) und Dr. Marcus Knaup (im Bild links) \u2013 beide FernUniversit\u00e4t in Hagen &#8211; aus philosophischer Sicht den W\u00fcrdebegriff mit Blick auf Sterben und Tod.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Welche Bedeutung hat W\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP:<\/strong> Das ist ein gro\u00dfes Thema, mit dem wir anfangen. Wenn wir uns die aktuellen Debatten ansehen, so wird aus unterschiedlichen Lagern und unterschiedlichen Interessen heraus auf den W\u00fcrdebegriff zur\u00fcckgegriffen. Etwa, es sei ein w\u00fcrdevolles Sterben, wenn man ein Medikament bereitgestellt bekommt, um sich damit \u201eselbstbestimmt\u201c ein Ende zu setzen. Die Gegner argumentieren ebenfalls mit W\u00fcrde. So war es f\u00fcr uns ein Anlass zu fragen: Was hei\u00dft das, in W\u00fcrde zu sterben? Was ist mit diesem Begriff \u201eW\u00fcrde\u201c gemeint? Ein Begriff, der eine ganz lange Tradition hat. Wenn wir an die j\u00fcdisch-christliche Tradition denken, wird er im Buch Genesis 1,27 durch die menschliche Gottebenbildlichkeit begr\u00fcndet. Oder wenn wir an die Renaissance denken, so legte etwa Giovanni Pico della Mirandola eine kleine Schrift dar\u00fcber vor. Einer der herausragendsten und prominentesten Autoren, die sich mit dem Begriff W\u00fcrde auseinandergesetzt haben, ist der K\u00f6nigsberger Immanuel Kant. F\u00fcr ihn ist W\u00fcrde in der Autonomie des Menschen begr\u00fcndet. Jeder Mensch hat dank seiner Zugeh\u00f6rigkeit zur Menschheitsfamilie W\u00fcrde. Wandelt man in den Fu\u00dfspuren dieses Philosophen und schaut sich die aktuelle Debatte an und stellt sich die Frage: \u201eWas hei\u00dft, in W\u00fcrde zu sterben?\u201c, dann lautet die Antwort: Ein w\u00fcrdevolles Sterben ist ein Sterben im Bewusstsein der Unverf\u00fcgbarkeit des Lebens. Das eigene Leben ist unverf\u00fcgbar und eben auch das Leben anderer Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Der Gegenbegriff zum Begriff der W\u00fcrde bei Kant ist der Begriff des Wertes beziehungsweise des Preises. Kant sagt, dass alle Dinge entweder einen Wert haben, das hei\u00dft, sie sind bei gleichem Wert durch etwas anderes ersetzbar, das das gleiche Preisschild tr\u00e4gt, oder sie haben eine W\u00fcrde. Haben Dinge eine W\u00fcrde, gibt es keine Gegenrechnung. Damit sind wir mit \u201eW\u00fcrde\u201c bei einem Begriff, der die Grenzen des \u00f6konomischen Diskurses aufzeigt. Wenn es um das Dasein, das Existenzrecht von Menschen geht, und wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch per se eine W\u00fcrde hat, dann geht es hier nicht um Kostenfragen \u2013 niemals nach Kant. Die Anerkennung der W\u00fcrde eines jeden Subjektes ist der Rahmen, innerhalb dessen \u00fcber Kosten diskutiert werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Die Kostenfrage ist eingebettet in die Moralphilosophie Kants?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN: <\/strong>Hier k\u00f6nnte man den kategorischen Imperativ als eines der Prinzipien der kantischen Moralphilosophie heranziehen. Das ist nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die aktuelle Frage nach Suizidassistenz von Bedeutung. Kant zeigt ausdr\u00fccklich auf, dass mit dem kategorischen Imperativ eine Unterst\u00fctzung von Selbstt\u00f6tung nicht vereinbar ist. Es f\u00fchrt auf einen Widerspruch, der jede Ethik unm\u00f6glich macht, wenn ein Vernunftwesen meint, einen vern\u00fcnftigen Grund zu haben, sich auszul\u00f6schen. Es l\u00f6scht die Existenz von Vernunft aus. Vernunft kann nicht aus Vernunftgr\u00fcnden die Vernunft aufgeben.Und zum andern w\u00fcrde Kant sagen, wenn jemand einen \u00dcberdruss am Leben \u2013 etwa in Extremsituationen \u2013 empfindet, muss man das nicht wegleugnen, dass es das gibt, aber wir k\u00f6nnen daraus nicht folgern, dass dieses Individuum, das jetzt sagt: \u201eIch lebe in einer so extremen Situation, dass ich mich t\u00f6ten m\u00f6chte\u201c, autonom handelt. Kant w\u00fcrde im Gegenteil explizit sagen, es handelt heteronom. Ein Mensch, der sich in einer solchen Lage befindet, sieht sich unter Druck von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden, ist also gerade nicht selbstbestimmt. Die Personen, die mit diesem Menschen noch in Verbindung stehen, haben vor allem die Aufgabe, die Autonomie wiederherzustellen, ihn in eine Lage zu versetzen, von der aus diese Umst\u00e4nde nicht mehr dieses erdr\u00fcckende Gewicht haben, sondern von wo aus er aus Vernunft und an der Hand von Mitmenschen diese Umst\u00e4nde vielleicht neu ansehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Inwieweit sind hier nun in der aktuellen Debatte Selbstbestimmtheit und Freiheit verr\u00fcckt worden \u2013 im Kontext des kantischen W\u00fcrdebegriffs?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP: <\/strong>Es wird ja immer wieder behauptet, dass die M\u00f6glichkeit, sich das Leben zu nehmen, die Kr\u00f6nung dessen sei, was wir heute unter Freiheit verstehen. Wenn Kant heute in den Deutschen Bundestag zu dieser Debatte eingeladen werden k\u00f6nnte, w\u00fcrde er darauf aufmerksam machen, dass der Suizid ein Selbstwiderspruch menschlicher Freiheit ist, weil sich dadurch die Grundbedingung von Freiheit aufl\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Zwei Punkte hierzu. Der eine ist mehr empirischer Art. Wenn man in dem zuletzt genannten Kontext von Freiheit spricht, kommt man schnell in Konflikt mit all dem, was Suizidforscher und auch \u00c4rzte, die mit Suizid und suizidgef\u00e4hrdeten Personen zu tun haben, berichten, n\u00e4mlich dass in fast keinem Fall jemand in einer heroischen Haltung in den Suizid geht, sondern er sich eher in einem sehr befangenen und ver\u00e4ngstigen Bewusstseinzustand befinden wird. Der Betreffende handelt also aus einer Unfreiheit heraus, die er nicht mehr ertr\u00e4gt, in der illusorischen Hoffnung, durch den Tod vielleicht die Freiheit wiederzuerlangen. Er tut diesen Schritt nicht, weil er sich seiner Freiheit so strahlend bewusst ist und sich sagt: \u201eJetzt aktualisiere ich auch noch diese Freiheit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der andere Punkt von Bedeutung ist, dass Kant auch sagt, wir m\u00fcssen bei der Freiheit immer mehrere Aspekte unterscheiden. Freiheit hat auf der einen Seite etwas damit zu tun, dass man keinen \u00e4u\u00dferen Hindernissen ausgesetzt ist. Wir nennen das in der Philosophie die \u201enegative Freiheit\u201c. Das ist die Freiheit \u201evon\u201c etwas. Wenn man aber alleine die Freiheit von etwas vor Augen hat, hat man es mit Willk\u00fcr zu tun. Freiheit von etwas hei\u00dft, es gibt keine Regeln, es gibt keine Orientierung und ich kann tun und lassen, was ich will. Das geh\u00f6rt zum Menschen dazu, dass er diese Willk\u00fcrfreiheit kennt und auch erlebt, aber zureichend und befriedigend ist das nicht. Wir wollen ja unsere Freiheit auch so gestalten, dass sie mit der Freiheit Anderer zusammen existiert. Wir wollen sie so gestalten, dass sie inhaltlich Gewicht bekommt und dass sie w\u00e4chst. Man kann ja in der Freiheitlichkeit und am Freiheitsgebrauch reifen. Ein gelingendes Menschenleben sieht so aus, dass man lernt, insgesamt freiheitserhaltend miteinander umzugehen. Das nennen wir in der Philosophie dann die \u201equalifizierte\u201c oder auch \u201epositive Freiheit\u201c. Man kann vielleicht, wie Herr Knaup das schon angesprochen hat, sagen, dass der Mensch das einzige Tier ist, das Suizid begehen kann. Das ist in der Tat so, was auch damit zu tun hat, dass der Mensch kraft seiner Rationalit\u00e4t von allen Bedingungen, Voraussetzungen seiner Existenz abstrahieren kann. Er kann immer alles wegdenken. Er kann auch sich selbst wegdenken und das dann in die Praxis umsetzen. Das ist negative Freiheit. Damit ist noch nichts an neuer Rationalit\u00e4t und Vern\u00fcnftigkeit im Menschenleben gewonnen und schon gar nicht im Blick auf W\u00fcrde, die ja immer nur etwas mit der qualifizierten Freiheit zu tun hat. W\u00fcrde besteht nicht darin, dass wir \u00fcber einander ungebremst verf\u00fcgen k\u00f6nnen, sondern darin, dass wir unsere Freiheit so gebrauchen, dass sie im Miteinander w\u00e4chst. Freiheit ist wie das Leben kein Privatbesitz von Individuen, sondern etwas, das wir teilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: In der Koexistenz der B\u00fcrger in einem Staatswesen ist diese qualifizierte Freiheit die Bedingung daf\u00fcr, dass sich die Menschen auch um ihres eignen Lebens willen gegenseitig sch\u00fctzen. Gehen wir zur Frage nach der Bedeutung von Sterben und Tod. Wie werden Sterben und Tod heute gesehen, bewertet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP:<\/strong> Es hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges ge\u00e4ndert in der Einstellung zum Sterben. Da f\u00e4llt mir zuerst die Allerheiligenlitanei \u201eA subitanea et improvisa morte, libera nos, Domine.\u201c ein: \u201eVor einem j\u00e4hen, unvorhersehbaren Tod bewahre uns.\u201c Hier geht es darum, vorbereitet zu sterben. Was man sich nicht w\u00fcnschte, war der Sekundentod. Heute sehen wir im Fernsehen Tote in Krimis und Serientode, w\u00e4hrend uns selbst der Tod fremd geworden ist. Er hat aus der Familie Auszug gehalten und es wird anonym gestorben: im Altenheim, in der Klinik, im Hospiz. Im Hinblick auf die Debatte ist da eine gewisse Fremdheit entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN: <\/strong>Philosophie versteht sich seit \u00fcber 2000 Jahren auch als \u201ears moriendi\u201c, als Kunst, mit Sterben und Tod richtig umzugehen. Die Philosophie hat von vornherein gesagt, und das ist f\u00fcr unser abendl\u00e4ndisches Philosophieverst\u00e4ndnis konstitutiv, dass die menschliche Endlichkeit nicht \u00fcbersprungen werden darf. Eine philosophische Reflexion, die nur in ideale Welten hineinreflektiert, in denen es keine Endlichkeit gibt, ist nicht authentisch. Sie muss in dieser wirklichen, der Endlichkeit ausgesetzten Lage geerdet sein. Das hei\u00dft nicht, dass die Endlichkeit das letzte Wort \u00fcber den Menschen ist, dass das Sterben das Letzte ist, unter dem wir den Menschen betrachten. Aber durch das Sterben ist eine Grenze gesetzt. Das k\u00f6nnen wir bei Gr\u00fcndergestalten der Philosophie wie z. B. Sokrates sehr gut sehen, dass sie von dieser Grenze her denken und fragen: \u201eWas ist das, von dem wir Abschied nehmen m\u00fcssen und was bleibt und hat Bestand?\u201c Diese Fragen betreffen auch die Dinge, die wir gesellschaftlich teilen. Was ist einem Wechsel oder einem Untergang ausgesetzt? Wenn man das nicht unterscheiden kann, f\u00fchrt das nur zu Terror: sei es zum Terror der Endlichkeit, wo alles unter dem Zeichen des Totenkopfes steht, oder zum Terror der imaginierten Unendlichkeit, wo ideale Ziele herrschen, die aber menschenfeindlich sind. Die Philosophie geht diesen Mittelweg. Damit sollte die permanente Mahnung an uns alle verbunden sein, das, was verg\u00e4nglich ist, von dem zu unterscheiden, was einen gewissen Bestand hat. Die gro\u00dfen philosophischen Fragen wie: Was ist das Absolute?, Was bedeutet das authentische Leben?, Was bedeutet Innerlichkeit? kann man immer nur mit Blick auf diese Grenzen stellen. Karl Jaspers spricht von \u201eGrenzsituation\u201c, durch die der Mensch hindurch muss, ohne sich den Blick tr\u00fcben zu lassen. Er darf nat\u00fcrlich die Grenzsituationen nicht so ansehen, dass er darin nur noch sein Scheitern erkl\u00e4rt. Heute ist ein St\u00fcck weit die Gefahr, dass wir uns dieser Endlichkeit entziehen, indem wir versuchen, sie \u201etechnisch\u201c zu verwalten und technisch-verf\u00fcgend mit ihr umzugehen. Dass Philosophie auch eine Sterbenskunst, also ein reflektierter Umgang mit der Endlichkeit ist, impliziert dagegen, dass man vom Sterben und vom Tod kein Verf\u00fcgungswissen haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Das entspricht dem, was Menschenw\u00fcrde ausmacht, die ja ebenso unverf\u00fcgbar ist. Dessen sind sich die Menschen heute nicht mehr bewusst. Wir leben mittlerweile in einem ahistorischen Kontext und fragen gar nicht danach, was dieses bestehende Verf\u00fcgungssystem mit uns macht. Ist Ihr Buch ein Versuch, das zu vermitteln?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP:<\/strong> Im Buch gibt es nicht nur die philosophische Perspektive. Sie wird durch medizinische, palliativ-medizinische, soziologische, psychologische, theologische und juristische Sichtweisen erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Da gibt es aber g\u00e4nzlich einander widersprechende Haltungen. Denken Sie etwa an die wissenschaftliche Ethik der Baroness Mary H. Warnock, die Sie sinngem\u00e4\u00df mit der Aussage zitieren, dass ein Mensch, der eine Demenz hat, das Leben anderer Menschen verderbe und daher aus dem Lebens zu entfernen sei.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN: <\/strong>Frau Warnock ist eine der prominentesten englischen Bioethikerinnen gewesen. Das muss man leider so sagen. Sie war jahrelang die Stimme der britischen Bioethik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Zur Einordnung des Todes f\u00e4llt ein Aphorismus von E. Cioran im Buchtext auf<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Er lautet: \u201eDas Leben ist nichts. Der Tod ist alles. Dennoch existiert kein Tod unabh\u00e4ngig vom Leben.\u201c Der Tod ist eigentlich der Parasit des Lebens, ohne das Leben g\u00e4be es den Tod nicht. Auf der anderen Seite \u2013 Cioran ist ein sehr pessimistischer Existenzphilosoph \u2013 hat er \u00fcberall den Tod gesehen, was eine typische Perspektive des 20. Jahrhunderts ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE:<\/strong> <strong>Der Tod &#8211; als ein je individuelles Geschehen &#8211; wird in der aktuellen Debatte immer mehr zu einem sozialen Vorgang, um den sich vielf\u00e4ltige Interessen ranken, gerade auch in Bezug auf \u00e4ltere Menschen. Auch ein Sozialstaat entwickelt dazu gesetzgeberische Vorstellungen. Wie muss hier der betreffende Mensch gesch\u00fctzt werden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Darauf gibt es verschiedene Antworten. Eine der ganz wichtigen w\u00e4re, dass man, wo immer es m\u00f6glich ist, die Vorherrschaft und Dominanz des utilitaristischen Denkens, das ist das auf den kurz- und mittelfristigen Nutzen ausgerichtete Denken, bricht. Kein Mensch kann nur aufgrund von Nutzenkalkulation ein gelingendes Leben f\u00fchren. Wir sind alle darauf angewiesen, dass uns auch Dinge geschenkt werden, dass Dinge eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit haben, dass Dinge eine W\u00fcrde haben, dass menschliche Beziehungen eine W\u00fcrde haben. Wenn man sich vorstellt, dass alle menschlichen Beziehungen nach Nutzen verrechnet w\u00fcrden, wer w\u00fcrde dann noch leben k\u00f6nnen? Dann g\u00e4be es keine Freundschaft mehr. Dann g\u00e4be es eine Dimension der Liebe nicht mehr. Dann g\u00e4be es keine Familie mehr, diese ist, wenn sie intakt ist, ein nutzenfreier Raum. Kein Kind muss sich daf\u00fcr rechtfertigen, warum es da ist. Wer diese Grunderfahrungen nicht macht bzw. nicht gemacht hat und daran erinnert werden kann, der kommt in diese Teufelsk\u00fcche des Utilitarismus hinein. Der Utilitarismus ist partiell wichtig, wenn man etwa in einem Unternehmen arbeitet. Nur, es muss der Rahmen stimmen, und dass wir immer auch andere Erfahrungen machen als die utilitaristischen. Das ist einer der wichtigsten Punkte. Ein weiterer Punkt ist, dass auch das Rechtssystem kein Nutzensystem ist, weil es eine Koexistenzordnung verlangt, die die menschliche Existenz gar nicht infrage stellen darf. Denn das Recht organisiert Koexistenz von Freiheitswesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Das geschieht auf Grundlagen der Gegenseitigkeit in einem demokratischen Rechtsstaat.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Ja, denn daher ist es von vornherein ausgeschlossen, dass es ein \u201eRecht\u201c geben kann, jemanden Anderen aus dieser Ordnung hinauszuhelfen. Das kann von der Logik des Rechtsgedankens her nicht sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE:<\/strong> <strong>Dann kann auch kein Gesetz eingef\u00fchrt werden, das T\u00f6ten erlaubt wie es etwa in Oregon USA, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz der Fall ist?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Das ist dann kein Rechtsstaat mehr. Das kann man in aller H\u00e4rte so sagen. In Oregon werden ja auch \u00c4rzte einbezogen. Das darf eigentlich nicht sein, das Ethos eines Berufsstandes zu beeinflussen, der sich entschieden hat, Heilberuf und nicht T\u00f6tungsberuf zu sein. Und wenn dann die Politik sagt: \u201eDu darfst aber doch, du solltest sogar.\u201c Das ist ziemlich unfassbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Was bedeutet der hippokratischen Eid f\u00fcr \u00c4rzte?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP:\u00a0<\/strong>Das hei\u00dft, dass der Arzt verpflichtet ist, zu heilen und das Leben zu bewahren. Wenn man sich vom hippokratischen Eid abkehrt, ist das die Wiederkehr des Medizinmanns, der \u00fcber Tod und Leben entscheiden darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>THOMAS S\u00d6REN HOFFMANN:<\/strong> Ich habe die Beobachtung gemacht \u2013 das m\u00fcsste man auch noch systematisch-wissenschaftlich untersuchen \u2013, dass die Politik gerade im Bereich von Bio- und Medizinethik eine Tendenz zeigt, sich nicht mehr an den Rahmen zu halten, der ihr durch das Recht vorgegeben ist, sondern sich Bereiche zueignet, in denen sie nichts zu suchen hat. Man kann das unter den Oberbegriff der Biopolitik fassen, dass sich Politik das Leben jetzt insgesamt zum Gegenstand macht, dass Politik \u00fcber das physische Dasein entscheidet, dass sie sich zur Herrin \u00fcber Leben und Tod macht. Der Rechtsgedanke schlie\u00dft das aber aus. Man muss den Zusammenhang sehen, in dem die Biopolitik in die Debatten eingedrungen ist. So gibt es in \u00d6sterreich inzwischen ein Lebensministerium, wo Landwirtschaft und Umwelt und alles M\u00f6gliche dazugeh\u00f6ren. Es bleibt eine aberwitzige Vorstellung, dass der Mensch das Leben als solches zum Gegenstand der Politik macht. Das geht nicht. Das Leben ist etwas, das auch die Politik tr\u00e4gt, aber nicht ihr Objekt sein kann. In den laufenden Debatten sehen wir einen Versuch, auf das Leben durch Regulation des Lebens zuzugreifen und damit die Politik zu entrechtlichen. Vom Recht her sind hier aber Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>BEATE GLINSKI-KRAUSE: Wird damit Politik \u00fcbergriffig? Das hat die NS-Politik auch getan. Wie sch\u00e4tzen Sie den NS-Film \u201eIch klage an\u201c ein, wenn er heute in neuem Gewande in die Kinos k\u00e4me?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MARCUS KNAUP:<\/strong> Das Interessante an dem Film ist, dass dort ein junges Paar gezeigt wird, das Zukunftspl\u00e4ne hat und das tr\u00e4umen kann. Dann wird eine unheilbare Krankheit der Frau diagnostiziert und die Tr\u00e4ume zerplatzen. Unter dem Deckmantel von Liebe, von F\u00fcrsorge und N\u00e4chstenliebe wird \u00e4rztliche Suizidbeihilfe geleistet. Der Film war Propagandafilm der NS-Diktatur, um die Euthanasie gesellschaftsf\u00e4hig zu machen. Wenn man einen derartigen Film heute mit bekannten Schauspielern neu in Szene setzte, h\u00e4tte er vermutlich einen gro\u00dfen Erfolg. Das m\u00fcsste uns zu denken geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.mynewsdesk.com\/de\/ffa\/pressreleases\/was-wurde-hat-ist-nicht-austauschbar-ist-unverfugbar-und-ohne-gegenrechnung-1244430?utm_campaign=facebook&amp;utm_medium=email&amp;utm_source=channel\">Frankfurter Forum f\u00fcr Altenpflege<\/a>, 2. November 2015<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>BUCHHINWEIS<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was hei\u00dft: In W\u00fcrde sterben? Wider die Normalisierung des T\u00f6tens &#8211; Thomas S. Hoffmann; Marcus Knaup (Hrsg.) &#8211; ist als Taschenbuch (326 Seiten) im Springer VS Wiesbaden (ISBN 978-3-658-09776-9) erschienen und kostet 19,99 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Staat, der in einem Gesetz das T\u00f6ten von Menschen regelt, ist kein demokratischer Rechtsstaat mehr. 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