{"id":12592,"date":"2015-09-08T09:23:57","date_gmt":"2015-09-08T07:23:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12592"},"modified":"2015-09-08T09:41:24","modified_gmt":"2015-09-08T07:41:24","slug":"im-gespraech-prof-dr-reinhard-slenczka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12592","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch: Prof. Dr. Reinhard Slenczka"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nach seinem Studium der Theologie, Philosophie und Slawistik in Deutschland und Paris promovierte Prof. Dr. Reinhard Slenczka 1960 bei Edmund Schlink an der Universit\u00e4t Heidelberg, 1966 folgte die Habilitation. \u00a0Professor f\u00fcr Systematische Theologie in Bern 1968-1970, in Heidelberg 1970 bis 1981, 1981 bis zu seiner Emeritierung 1998 in Erlangen. Nach seiner Emeritierung folgte er einem Ruf nach Lettland und wirkte dort als Rektor der Luther-Akademie in Riga von 1997-2005.<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie nach einem langen akademischen Leben die Lage der evangelischen Theologie in Deutschland insgesamt ein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Reinhard-Slenczka-neu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-12595 \" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Reinhard-Slenczka-neu-225x300.jpg\" alt=\"Prof. Dr. R. Slenczka\" width=\"117\" height=\"156\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Reinhard-Slenczka-neu-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Reinhard-Slenczka-neu.jpg 576w\" sizes=\"(max-width: 117px) 100vw, 117px\" \/><\/a><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Mein Eindruck ist, dass es seit langem keine theologischen Richtungen und Schulen mehr gibt. An die Stelle notwendiger Kontroversen, z. B. um die Inspiration der Heiligen Schrift und die Wirkung des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium, ist statt notwendiger Kl\u00e4rungen eine stillschweigende, jedoch massive Verdr\u00e4ngung und ein dementsprechender Konformismus getreten. Theologie scheint heute allein auf die Vermittlung von Vergangenheit in die Gegenwart sowie von Kirche und Gesellschaft ausgerichtet zu sein. Das ist <em>konservativ <\/em>in dem Sinne, dass man erhalten will, wo man im Grunde von der Sorge getrieben ist, es sei \u00fcberholt und nicht mehr interessant f\u00fcr den heutigen Menschen. Weshalb gehen so viele Predigten von der Voraussetzung aus, dass der heutige Mensch das Wort Gottes nicht mehr verstehen kann\u2026oder will? Die Ursache daf\u00fcr sehe ich darin, dass Gottes Handeln in Wort und Sakrament auf eine historisch-hermeneutische Aufgabe von Verstehen und Vermittlung reduziert wird. Von menschlichen Gotteserfahrungen in geschichtlicher Wandelbarkeit ist st\u00e4ndig die Rede. Wo aber wird theologisch wahrgenommen, dass der Dreieinige Gott diesen Kosmos geschaffen hat, ihn erh\u00e4lt, richtet und rettet, dass und wie er in Natur und Geschichte wirkt? Oder haben wir es nur mit Texten der Antike zu tun, um sie mit immer neuen Zweifeln und Infragestellungen der Gegenwart anzupassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Sie waren nach Ihrer Emeritierung 8 Jahre Rektor der Luther-Akademie in Riga, die der dortige Erzbischof der evang.-luth. Kirche Janis Vanags gegr\u00fcndet hat. Kann man in der lettischen lutherischen Kirche positive Auswirkungen dieser kirchlichen Ausbildungsst\u00e4tte feststellen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Gott sei Dank: Ja! An der Luther-Akademie werden Pfarrer, Religionslehrerinnen, Kirchenmusiker und Mitarbeiter in Gemeinden ausgebildet. Die kirchliche und theologische Situation in Lettland, einer fr\u00fcheren Sowjetrepublik mit militantem Atheismus, unterscheidet sich in vieler Hinsicht von unserer Lage in Deutschland: Eine Kirche, die in \u00e4u\u00dferer Verfolgung und innerer Anfechtung bewahrt wurde. Eine Gesellschaft, deren tragende und verbindende Werte zerst\u00f6rt sind, was besonders Familien und Heranwachsende betrifft. Aus diesem Grund wurde vom Parlament, keineswegs von der Kirche, die Einf\u00fchrung von Religionsunterricht an staatlichen Schulen beschlossen, und wir mussten umgehend einen religionsp\u00e4dagogischen Zweig einrichten. Es gibt zwar eine Theologische Fakult\u00e4t an der Universit\u00e4t Lettlands, die sich jedoch nach westlichem Muster als Human- bzw. Gesellschaftswissenschaft versteht und daher Religionswissenschaftler, nicht aber Pfarrer ausbildet. Die Lutherische Kirche war die letzte unter den lettischen Kirchen, die aus diesem Grund eine eigene kirchliche Ausbildungsst\u00e4tte einrichten musste. Theologisch geht es daher nicht um Traditionswahrung, sondern um \u201e<em>Wiedergeburt und Erneuerung<\/em>\u201c (das war die Bezeichnung jener Gruppe von jungen Pfarrern, die die Wende mit der Abl\u00f6sung von der Sowjetunion einleitete).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Wir gehen auf das Reformationsjubil\u00e4um zu. Wie sollten wir als evangelische Christen dieses Fest in zwei Jahren begehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Reformation ist damals wie heute die Beseitigung von Deformationen in der Kirche. Daher sollte man sich nicht nur dankbar oder kritisch an die Reformation vor 500 Jahren erinnern, sondern man sollte die zahlreichen Deformationen in Theologie und Kirche heute beseitigen. Wir haben nichts zu feiern, sondern wir haben Bu\u00dfe zu tun, also Umkehr. Das war mit Luthers 1. These das Thema der Reformation: \u201e<em>Wenn unser Herr Jesus Christus sagt \u201atut Bu\u00dfe\u2018, so wollte er, dass das ganze Leben der Gl\u00e4ubigen Bu\u00dfe sei.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Beim Zavelsteiner Kongress im M\u00e4rz d.J. haben Sie gro\u00dfen Wert auf das Auswendiglernen des Kleinen Katechismus Martin Luthers gelegt. Worin liegt dabei der geistliche und p\u00e4dagogische Nutzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Auswendiglernen hei\u00dft: \u201eIns Herz aufnehmen\u201c. Ich hatte auf die Vorrede zu Luthers \u201eKleinem Katechismus\u201c hingewiesen mit der guten p\u00e4dagogischen Regel: Erst auswendig lernen, dann den Sinn und Verstand erkl\u00e4ren. In den Pr\u00fcfungsordnungen der Luther-Akademie in Riga habe ich deshalb als Voraussetzung gefordert, dass Theologen den Kleinen Katechismus samt Erkl\u00e4rungen auswendig wissen m\u00fcssen. Es ist ein folgenreicher Fehler, wenn nicht nur den Theologen, sondern auch der Gemeinde die Grundkenntnisse des Glaubens, die sie im Leben und im Sterben tragen sollen, einfach fehlen und wenn man sich dann nur mit Theologenproblemen (von theologischen Problemen wohl zu unterscheiden) herumschl\u00e4gt. In allen F\u00e4chern muss man Vokabeln und Regeln auswendig lernen, um damit zu arbeiten. Das ist auch f\u00fcr die Glaubensunterweisung unabdingbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Sie haben in Ihrem Vortrag in Zavelstein gesagt, dass die christliche Taufe den T\u00e4ufling in den Leib Christi aufnimmt. In den Wortmeldungen wurde \u00f6fters gefragt, ob diese Zusage aus R\u00f6m 6 auch auf diejenigen zutrifft, die in gar keinem Glaubensbezug zu Christus stehen. K\u00f6nnen Sie bitte Ihre Antwort noch einmal zusammenfassen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Ich betone immer wieder und \u00fcberall: Eine g\u00fcltig gespendete und empfangene Taufe ist und bleibt als Tat des Dreieinigen Gottes wirksam, und zwar unabh\u00e4ngig von W\u00fcrdigkeit des Spenders und des Empf\u00e4ngers. Sie bleibt auch immer in Geltung und wird auch bei einer Umkehr aus einem Abfall nicht wiederholt: \u201e\u2026<em> sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen\u201c<\/em> (2 Tim 2,13). Die st\u00e4ndigen Einw\u00e4nde gegen die Taufe k\u00f6nnen sich daher nicht auf das Handeln Gottes in der Taufe beziehen, sondern auf das, was Menschen bei der Verwaltung der Taufe tun oder vers\u00e4umen: Z. B. bei der Entscheidung \u00fcber eine Taufbewerbung mit der Verpflichtung und Unterst\u00fctzung von Eltern und Paten zur christlichen Erziehung sowie auf das Leben aus der Taufe, die Erinnerung an die Taufe. Besonders zu beachten ist das Wissen um die Folge der Taufe im Ringen zwischen dem alten Menschen im Fleisch der S\u00fcnde und dem neuen Menschen nach dem Geist Gottes (R\u00f6m 6-8) im Gewissen und Herzen. Vieles wird hier vernachl\u00e4ssigt, wenn die Taufe als blo\u00dfer lebensbegleitender Gewohnheitsritus aufgefasst wird. Hier finden sich schwere Vers\u00e4umnisse in Theologie und Kirche, die daher auch schwere geistliche Sch\u00e4den in der Kirche zur Folge haben. Alle neutestamentlichen Briefe sind Taufermahnung f\u00fcr die Gemeinde, dass sie in dem bleibt, was sie in der Taufe empfangen hat, n\u00e4mlich die leibliche Verbindung mit dem Leib Christi und Christi Tod und Auferstehung. Wo wird bei der Begleitung Sterbender und bei einer Beerdigung darauf hingewiesen, dass wir mit der Taufe in Christi Tod getauft sind, um in ihm zu leben und wie er aufzuerstehen (R\u00f6m 6)? Ist uns das in Familie, Kindergarten, Schule und Gemeinde, schlie\u00dflich auch in der Theologenausbildung bewusst, welche gro\u00dfe Gabe wir hier haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Vor der Synode der Schaumburg-Lippischen Landeskirche haben Sie Anfang der 90er Jahre ein klares Votum gegen die Ordination von Frauen zum geistlichen Amt abgegeben. Halten Sie an dieser Sicht fest? Was sagen Sie denen, die meinen, dass eine gl\u00e4ubige Pfarrerin besser sei als ein ungl\u00e4ubiger Pfarrer?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Die Einf\u00fchrung oder besser: die Durchsetzung einer Ordination f\u00fcr Frauen zum gemeindeleitenden Amt geschah nicht wegen eines Mangels an Pfarrern, sondern in der Zeit einer \u201eTheologenschwemme\u201c. Die Einf\u00fchrung der Frauenordination ist nach wie vor ein Bruch kirchlicher Gemeinschaft mit anderen Kirchen, sie ist gegen die Sch\u00f6pfungsordnung und gegen das Gebot des Herrn (1 Kor 14,33-40). Schlimm dabei ist vor allem, dass die Ordination als Anspruch auf Gleichberechtigung und gesellschaftspolitische Forderungen mit massiven Mitteln durchgesetzt wurde. Kann darauf Gottes Segen ruhen? K\u00f6nnen sich Frauen darauf verlassen, dass ein Amt, das sie beanspruchen und fordern, sie auch tr\u00e4gt? Trifft sie nicht die Last des Widerspruchs aus dem Wort Gottes, das ihnen aufgetragen ist? Es geht \u00fcberhaupt nicht um F\u00e4higkeit oder Unf\u00e4higkeit, sondern allein um Wort und Weisung Gottes. Und ist es nicht so, dass in der Folgezeit immer wieder weitere gesellschaftspolitische Forderungen in Kirche und Theologie \u00fcber Gottes Wort gesetzt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>1996 hat die EKD in einer Orientierungshilfe erkl\u00e4rt, dass es weder im Alten noch im Neuen Testament Aussagen gibt, die gleichgeschlechtlichen Umgang rechtfertigen. 2004 hat die VELKD die \u00d6ffnung evangelischer Pfarrh\u00e4user f\u00fcr Amtstr\u00e4ger in Eingetragenen Partnerschaften unter bestimmten Voraussetzungen empfohlen. 2011 hat die EKD in ihrem Pfarrdienstgesetz aus dieser Empfehlung kirchliches Recht gemacht. Was sagen Sie zu diesem erstaunlichen Meinungsumschwung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Ich habe mehrfach und \u00f6ffentlich darauf hingewiesen, dass in der EKD durch zahlreiche Erkl\u00e4rungen und Beschl\u00fcsse fortlaufend die Grundlagen und Ordnungen der von Gott gestifteten und durch seine Gebote gesch\u00fctzten Ehe willk\u00fcrlich gebrochen werden. Man folgt gesellschaftspolitischen Forderungen und Zw\u00e4ngen, wie das leider im Protestantismus immer wieder geschieht. Es wird gesegnet, worauf kein Segen, sondern Fluch und Strafe Gottes (R\u00f6m 1,24.26.28) ruhen. Mit welcher Autorit\u00e4t kann man heute eigentlich behaupten: \u201e<em>Ich aber sage euch<\/em>\u2026\u201c, was damals als S\u00fcnde angesehen wurde, ist es heute nicht mehr. Damit wird nicht der S\u00fcnder durch den Ruf zu Umkehr und Vergebung gerechtfertigt, sondern die S\u00fcnde wird gerechtfertigt. Woher will man wissen, dass Gott den Ma\u00dfstab f\u00fcr sein Urteil nach den Werken (2 Kor 5,10) ge\u00e4ndert hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Es gibt nicht wenige evangelische Amtstr\u00e4ger, die im Einklang mit der Heiligen Schrift homosexuelle Praxis als gegen Gottes Willen gerichtet beurteilen und die deswegen zunehmend von ihren Kirchenleitungen unter Druck gesetzt werden. Was kann man ihnen raten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Wer sich zu Gott bekennt und seinem Wort vertraut und gehorcht, wird der Welt fremd, wenn er nicht mehr mitmacht, was alle machen (1 Petr 4,4). Der Herr hat immer wieder auf die Konflikte, die in der Familie aufbrechen k\u00f6nnen (Mat 10,21-22 pp) sowie auf die Verfolgung die aus der Gesellschaft kommt als Zeichen der Endzeit hingewiesen. Die Kirche und ihre Glieder haben immer in dieser Entscheidung zwischen Bekennen und Verleugnen gestanden, so auch heute (Mk 8,34-38 pp).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Die evangelische Kirche bestreitet in ihrer Orientierungshilfe \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c von 2013 und in den Verlautbarungen des 2014 gegr\u00fcndeten \u201eStudienzentrums der EKD f\u00fcr Genderfragen in Kirche und Theologie\u201c die Ehe als verbindliche Stiftung Gottes f\u00fcr das Zusammenleben von Mann und Frau. Ist damit der status confessionis gegeben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Es ist v\u00f6llig klar: Wo die Grundlagen von Schrift und Bekenntnis aufgegeben bzw. durch fremde Grundlagen ersetzt werden, \u201e<em>h\u00f6rt die Kirche auf, Kirche<\/em>\u201c (Offb 3,1) zu sein. Wenn heute kirchenamtlich eine \u201e<em>geschlechtergerechte Kirche\u201c <\/em>gefordert wird, dann ist das nichts anderes als die Forderung nach einem \u201e<em>artgerechten Christentum<\/em>\u201c vor 80 Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>In Schweden und Finnland haben sich in den letzten Jahren gegen den Widerstand der lutherischen Amtskirche freie lutherische Bist\u00fcmer gebildet, die mittlerweile bekenntnisorientierte junge Theologen zu Gemeindepfarrern ordinieren und eigene Gemeinden bilden. W\u00e4re dies u.U. auch ein Weg f\u00fcr Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Ich wei\u00df das nicht. Doch man sollte nicht \u00fcbersehen, wie sich Richtungsgemeinden und Hausgemeinden innerhalb der bestehenden Kirchenorganisation bilden. Dass der Gottesdienstbesuch zur\u00fcckgeht mag oft genug auch daran liegen, dass die Schafe die Stimme ihres guten Hirten nicht mehr h\u00f6ren. Das ist nach Joh 10 der Vorgang, dass die Schafe, die dem guten Hirten geh\u00f6ren, die Stimme dieses Hirten, der sein Leben f\u00fcr sie gibt, kennen und ihr folgen. Dem Mietling, der von den Schafen lebt, doch in der Gefahr flieht bzw. sich anpasst, folgen sie nicht. Mir scheint, wir sollten vielmehr die Pfarrer seelsorgerlich begleiten und ermutigen, die unter dem schweren Konflikt zwischen ihrem Gewissen und administrativen Zwangsma\u00dfnahmen stehen. Leider werden weithin Lehrdifferenzen nicht theologisch mit Lehrbeanstandungsverfahren entschieden, sondern als disziplinarische F\u00e4lle den Juristen \u00fcberlassen. Das ist ein Zeichen theologischer Hilflosigkeit oder auch ein Fehlen von geistlicher Autorit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Pastor Uwe Holmer hat sich auf dem Kongress des Gemeindehilfsbundes in Krelingen im M\u00e4rz d. J. f\u00fcr die Vorbereitung einer evangelischen Bekenntnissynode ausgesprochen. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Diese Forderung taucht immer wieder auf, und das Vorbild ist die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche von 1934 mit ihrer Theologischen Erkl\u00e4rung. Manche verstehen das als Protest und Widerstand gegen den Nationalsozialismus und entsprechend gegen heutige Vorg\u00e4nge in unserer Kirche. Tats\u00e4chlich ging es jedoch um das Eindringen aktueller gesellschaftspolitischer Forderungen in Theologie und Kirche. Das ist auch unsere Situation heute. Doch man muss sehen: Neben der Theologischen Erkl\u00e4rung standen auf der Synode von Barmen-Gemarke jedoch noch zwei weitere wichtige Themen und Aufgaben: Die Frage nach der Rechtsstellung einer Bekenntnissynode und der Aufbau bekennender Gemeinden. Dazu hei\u00dft es: \u201e<em>Wenn die Bekenntnissynode der DEK die Leitung der deutschen evangelischen Christenheit \u00fcbernimmt, so \u00fcbernimmt sie damit eine gro\u00dfe Verantwortung gegen\u00fcber den neuen Gaben und Kr\u00e4ften, die Gott der evangelischen Christenheit geschenkt hat.\u201c<\/em> Auf dieser Linie haben 11 weitere Bekenntnissynoden, die letzte im Oktober 1943, stattgefunden, die sich mit den jeweils aktuellen Problemen in den Gemeinden befassten und Pfarrern wie auch Gemeinden konkrete Weisung nach Gottes Wort gaben. Dabei ging es z. B. auch um den Dienst von Frauen angesichts des Pfarrermangels, um die Vernichtung \u201e<em>lebensunwertem Lebens<\/em>\u201c und von \u201e<em>Menschen anderer Rasse<\/em>\u201c sowie um eheliche Verfehlungen von Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern. Es ging damals also nicht nur um Protest, sondern um die \u00dcbernahme der Verantwortung f\u00fcr rechte Kirchenleitung. Sind wir daf\u00fcr bereit und in der Lage?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>AUFBRUCH: <\/strong><strong>Noch eine Frage zum Schriftverst\u00e4ndnis: In Ihrem Buch \u201eKirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung\u201c sprechen Sie von der Gefahr der \u201eAufhebung der dogmatischen in die historische Methode\u201c. Wie kann die Theologie aus dem Klammergriff des Historismus herausfinden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Slenczka:<\/strong> Historismus oder historische Methode werden weithin und unbedacht mit Fortschritt in der Entwicklung des menschlichen Geistes mit dem Anspruch von Wissenschaftlichkeit und daher als Gegensatz zu einer \u201ealten, \u00fcberholten dogmatischen Methode\u201c aufgefasst und verwendet. Dabei wird \u00fcbersehen, dass diese historische Methode in sich durchaus selbst dogmatisch ist, indem sie mit einem dogmatischen Absolutheitsanspruch auftritt: Das ist doch heute so! Es geh\u00f6rt zu den Voraussetzungen dieser Methode, dass man der Meinung ist, eine fortschreitende H\u00f6herentwicklung des menschlichen Geistes aufzeigen zu k\u00f6nnen, nach der sich dann auch Theologie und Kirche zu richten haben, indem sie dem folgen, was der heutige Mensch versteht, was die Zeit fordert und wohinter man nicht mehr zur\u00fcckkann. In der Konsequenz ist dann viel von Gotteserfahrungen in geschichtlicher Wandelbarkeit die Rede, doch nicht mehr von dem Handeln Gottes durch Wort und Sakrament in Gericht und Gnade, in Verstehen und Verstockung. Hier liegt die Ursache f\u00fcr die st\u00e4ndige Anpassung von Theologie und Kirche an die Forderungen und Erfahrungen des heutigen Menschen, der heutigen Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss: \u201e<em>Das Wirken des Wortes Gottes ist nicht abh\u00e4ngig von der geschichtlichen Lage, auf die es trifft, sondern allein davon, ob Gott durch sein Wort den Heiligen Geist gibt, der das H\u00f6ren wirkt\u201c<\/em> (Edmund Schlink (1903-1984) in seiner Habilitationsvorlesung 1934).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fragen stellte Pastor Dr. Joachim Cochlovius<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Aufbruch \u2013 Informationen des Gemeindehilfsbundes (Juli 2015). <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der \u201eAufbruch\u201c erscheint 2-3 x im Jahr. Der Bezug ist kostenlos. M\u00f6chten Sie den \u201eAufbruch\u201c abonnieren, teilen Sie uns Ihren Wunsch gerne mit (<a href=\"mailto:info@gemeindehilfsbund.de\">info@gemeindehilfsbund.de<\/a>). Die aktuelle Ausgabe kann <a href=\"http:\/\/gemeindehilfsbund.de\/images\/stories\/Aufbruch\/aufbruch_2_2015.pdf\">hier<\/a> heruntergeladen werden. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">____________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hinweise auf Ver\u00f6ffentlichungen von Reinhard Slenczka:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ziel<\/strong> <strong>und Ende \u2013 Einweisung in die christliche Endzeiterwartung: Der Herr ist nahe<\/strong>, Freimund-Verlag, Neuendettelsau 2008, 520 Seiten, 19,90 \u20ac<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Neues und Altes, <\/strong>3 B\u00e4nde, Freimund-Verlag, Neuendettelsau 2000, 1048 Seiten, 50,00 \u20ac, Band 1: Aufs\u00e4tze zu dogmatischen Themen; Band 2: Vortr\u00e4ge f\u00fcr Pfarrer und Gemeinde, Band 3: Dogmatische Gutachten und aktuelle Stellungnahmen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Bekenntnis der Kirche zu Fragen von Ehe und Kirche<\/strong>, Lutherisch Glauben; Schriftenreihe des luth. Einigungswerkes, Heft 6, Hg. Karl-Hermann Kandler, Freimund-Verlag, Neuendettelsau 2011, 136 Seiten, 9,80 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach seinem Studium der Theologie, Philosophie und Slawistik in Deutschland und Paris promovierte Prof. Dr. Reinhard Slenczka 1960 bei Edmund Schlink an der Universit\u00e4t Heidelberg, 1966 folgte die Habilitation. \u00a0Professor f\u00fcr Systematische Theologie in Bern 1968-1970, in Heidelberg 1970 bis 1981, 1981 bis zu seiner Emeritierung 1998 in Erlangen. 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