{"id":12437,"date":"2015-07-09T17:13:40","date_gmt":"2015-07-09T15:13:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12437"},"modified":"2015-07-09T17:27:19","modified_gmt":"2015-07-09T15:27:19","slug":"margot-honeckers-ganzer-stolz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12437","title":{"rendered":"Margot Honeckers ganzer Stolz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Manuela Schwesigs Idee der 24-Stunden-Kita<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manuela Schwesig, Ministerin f\u00fcr besondere Interessen der deutschen Wirtschaft, hat wieder ein neues Projekt: die 24-Stunden-Kita. Warum nicht gleich die DDR-Wochenkrippe? Wenn schon Kinder wegschaffen, damit die Arbeitskraft der Frauen frei wird, dann bitte richtig. Eines muss man Margot Honecker lassen: Sie hatte das wenigstens bis zu Ende gedacht mit der Rundum-Betreuung von Kindern im Arbeiter- und Bauernstaat. Wer mit wehenden Fahnen in den sozialistischen Sonnenuntergang will, der muss schon ein bisschen was daf\u00fcr tun. Wer macht schon Halbtagskinderg\u00e4rten, wenn es auch ganztags sein kann? Wer macht schon Schule bis mittags, wenn es auch ganztags sein kann? Und wer macht schon 24-Stunden-Kitas, wenn es auch die ganze Woche sein kann? Ist doch super praktisch.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Montagmorgen das Kind im Schlafanzug abgeben und Freitagabend bettfertig abholen f\u00fcr das Wochenende. Toll! Nie wieder mit dem Chef diskutieren m\u00fcssen, weil man los muss, denn die Kita schlie\u00dft. Nie wieder wegen kranken Kindern morgens hektisch nach L\u00f6sungen suchen. Einfach ab in die Kita, Beipackzettel nicht vergessen und gel\u00f6st ist das Problem. Und wenn man Gl\u00fcck hat, dann ist das Balg bis Freitag schon wieder gesund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So will es die Manuela nat\u00fcrlich nicht. Die 100 Millionen, die sie jetzt f\u00fcr 24-Stunden-Kitas zur Verf\u00fcgung stellen m\u00f6chte, sollen ja nicht etwa dazu dienen, die Betreuungszeiten von Kindern auszuweiten, sondern nur dazu, dass die Betreuungszeiten ver\u00e4ndert werden. Also beispielsweise auf die Nacht. Tags\u00fcber mit Mutti spielen und abends fein ins Kita-Bettchen. Ja, das klingt verst\u00e4ndnisvoll, denn schlie\u00dflich gibt es Eltern, die arbeiten im Schichtdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohin mit dem Kind als Nachtschwester und Alleinerziehende? Manche Eltern arbeiten gar beide Schichtdienst und geben sich zu Hause nur die Klinke in die Hand, wohin mit dem Kind? Jeden Tag neue L\u00f6sungen suchen: montags Oma, dienstags die Nachbarin, mittwochs leistet man sich eine Babysitterin? Ja, wir kennen alle die Problematik, nur bei der L\u00f6sung sind wir eint\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kinder m\u00fcssen sich den Bed\u00fcrfnissen des Arbeitsmarktes anpassen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kommt die 24-Stunden-Kita auf den ersten Blick nahezu als Verhei\u00dfung daher. Endlich eine L\u00f6sung und wunderbar, dass der Staat das zahlt. Nur die Rechnung, dass das dann keine l\u00e4ngeren Betreuungszeiten sind, sondern blo\u00df andere, geht wohl nicht ganz auf. Klingt zwar nett, wenn unsere Familienministerin das so sagt, geht aber an der Realit\u00e4t vorbei. Nehmen wir nur mal beispielsweise ein 3-j\u00e4hriges Kind und seinen Schlafbedarf. Der liegt bei etwa 10 Stunden am St\u00fcck in der Nacht, mindestens. Die Betreuungszeit tags\u00fcber liegt bei den meisten Kindern bei maximal 8 Stunden. Verlegt man das auf die Nacht, muss man das Kind entweder aus dem Tiefschlaf rei\u00dfen und nach acht Stunden nach Hause schaffen, oder es wird automatisch l\u00e4nger, selbst wenn man davon ausgeht, dass es bei Ablieferung in der Kita innerhalb von Sekunden einschl\u00e4ft. Was Kinder ja quasi auf Kommando tun, vor allem, wenn sie in fremden Betten liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie genau darf ich mir das vorstellen, wenn die Nachtschwester nach acht Stunden Schicht fertig ist, wann genau darf sie dann schlafen? Gar nicht? Realistisch betrachtet kann sie ihr Kind nach der Schicht gar nicht abholen, denn sie braucht dann selbst erst mal Ruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am schlimmsten ist aber der Grundgedanke, der hinter dem Konzept 24-Stunden-Kita liegt: Kinder m\u00fcssen sich den Bed\u00fcrfnissen des Arbeitsmarktes anpassen. Um nichts anderes geht es wie \u00fcblich, schlie\u00dflich werden am heimischen Herd Potenziale verschwendet, die der Arbeitsmarkt dringend braucht. Auch in den Sp\u00e4tschichten, Fr\u00fchschichten und Nachtschichten. &#8222;Inaktivit\u00e4tsquote&#8220; nennen es die \u00d6konomen. Gemeint sind die Menschen, die dem Arbeitsmarkt fernbleiben, ergo inaktiv sind. Sie ziehen ja blo\u00df Kinder gro\u00df zum Beispiel, oder pflegen ihre Eltern, das ganze v\u00f6llig &#8222;inaktiv&#8220;. Wei\u00df man ja, die tun nichts, trinken Latte Macchiato den ganzen Tag und bleiben b\u00f6swillig dem B\u00fcro fern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vergeudete Potenziale, auch so ein netter Begriff, um das Ganze zu beschreiben. Dieser taucht immer gerne in feministischen Debatten auf, um darauf hinzuweisen, dass doch gerade Frauen zu weit H\u00f6herem berufen sind, als Brei anzur\u00fchren und Schn\u00fcrsenkel zu binden. Leider hat auch Kanzlerin Merkel diesen Begriff bereits benutzt, die einzige Mutti ohne Kinder. Will sagen: Frauen, die Kinder gro\u00dfziehen, vergeuden ihr Lebenspotenzial. Da kommt die aktuelle Allensbach-Studie, die das Ministerium Schwesig in Auftrag gegeben hat, gerade recht mit ihren Ergebnissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wundersamerweise w\u00fcnscht sich dort die Mehrheit der Eltern mehr Zeit f\u00fcr den Arbeitsplatz. Ist doch toll, wenn sich Eltern genau das w\u00fcnschen, was das Familienministerium gerade plant. Seltsamerweise w\u00fcnschen sich real die meisten Eltern tats\u00e4chlich mehr Zeit f\u00fcr die Familie, sie m\u00fcssen aber ihre Rechnungen bezahlen. Und damit kommen wir zum Wesentlichen in dieser Debatte. Was hat Vorrang: Familie oder Beruf?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Kindeswohl ist irrelevant<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort des Schwesigministeriums zur Steigerung des Bruttosozialproduktes hat dazu &#8211; f\u00fcr eine Partei wie die SPD &#8211; eine ganz erstaunliche Antwort: der Arbeitsmarkt. Mit rasanter Geschwindigkeit ist man dort offenbar bereit, die Kindheit der n\u00e4chsten Generation f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Wirtschaft zu opfern. M\u00f6glicherweise hat Schwesig sich auch nur zu lange mit Magdalena Andersson unterhalten, Finanzministerin von Schweden, dem Land mit der ersten &#8222;feministischen&#8220; Regierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Interview mit der &#8222;FAZ&#8220; erl\u00e4uterte diese nicht nur, dass sie sich mit Schwesig ausgetauscht habe, sondern auch, dass es zum Beispiel &#8222;effizienter&#8220; sei, wenn sich in der Kita eine Person um mehrere Kinder k\u00fcmmere, statt jeder Vater oder jede Mutter allein um ihr eigenes Kind. Kinder-Herden-Haltung, dass wir da nicht schon fr\u00fcher drauf gekommen sind! Oder dass es &#8222;Verschwendung von Humankapital&#8220; sei, wenn eine Frau nur Teilzeit arbeite. Und dass dem Bruttoinlandsprodukt ein &#8222;Verlust&#8220; von 10 Prozent entstehe durch diese M\u00fctter, die nicht genauso wie die V\u00e4ter am Arbeitsmarkt teiln\u00e4hmen. Margot Honecker w\u00fcrde sicher applaudieren, sch\u00f6ner h\u00e4tte man auch die DDR 2.0 nicht wieder aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Andersson spricht wenigstens aus, was sich Schwesig offenbar nicht traut: All die sch\u00f6nen Konzepte zur Steigerung der Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen haben nicht etwa ein emanzipatorisches Ziel, sondern ein \u00f6konomisches. Die Ausbeutung des weiblichen Humankapitals wird einfach nur in feministische Befreiungsrhetorik verpackt. Was Kinder brauchen oder wollen, ist dabei irrelevant, um nicht zu sagen: st\u00f6rend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sind wir bereits so weit, dass Kinder nicht einmal mehr in ihrem eigenen Bett \u00fcbernachten d\u00fcrfen, wenn der Arbeitsmarkt die Mama braucht. Mit Erwachsenen w\u00fcrden wir so etwas nicht einmal versuchen. Man m\u00f6ge sich vorstellen, was in diesem Land los w\u00e4re, wenn wir von Arbeitnehmern verlangen w\u00fcrden, auf ihr eigenes Bett zu verzichten, damit der Produktionsprozess im Betrieb ungest\u00f6rt weiter laufen kann. Ver.di w\u00e4re auf der Stra\u00dfe und w\u00fcrde &#8222;Ausbeutung&#8220; schreien. Wer schreit das bei den Kindern, denen wir ihr vertrautes Heim rauben, ihr Bett, ihr Zuhause, ihre Gutenachtgeschichte, vorgelesen von Mama oder Papa und nicht von irgendwem in Kita, wenn \u00fcberhaupt? Wer kommt nachts und tr\u00f6stet, wenn das Monster unter dem Bett rumort, zu wem darf ein Kind unter die Decke schl\u00fcpfen, wenn es Heimweh nach Mama und Papa hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann kommen die Alternativlosen aus ihrer L\u00f6chern hervor und rufen, aber wie soll es denn sonst gehen, schlie\u00dflich bleibt doch vielen Eltern gar nichts anderes \u00fcbrig? Wer kann denn noch von einem Gehalt leben? Richtiger Einwand, aber falsche L\u00f6sung. Wer 100 Millionen hat, um sie auf Kitas zu verteilen, h\u00e4tte auch 100 Millionen, um sie an die Familien selbst zu geben. Schlie\u00dflich kostet gerade die Nachtbetreuung von Kindern viel staatliches Geld, genau genommen unser aller Geld. Das ist \u00fcbrigens auch der Punkt, an dem die schwedische Finanzministerin mit ihrer effizienten Kinder-Herden-Haltung irrt. Kita-Betreuung ist eben nicht g\u00fcnstiger als Familienbetreuung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn jeder Krippenplatz schon tags\u00fcber pro Kind und pro Monat rund 1.200 Euro an Subvention kostet, dann ist es genau genommen die teuerste Variante, Kinder gro\u00df zu ziehen. Als Verwalterin des Steueraufkommens sieht sie das als Finanzministerin vermutlich aus anderer Perspektive: Eine erwerbst\u00e4tige Mutter zahlt Steuern, eine erziehende Mutter nicht. Eine erwerbst\u00e4tige Mutter schafft Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Erzieherinnen oder auch Pflegekr\u00e4fte, die dann Kind und Oma versorgen m\u00fcssen. Diese zahlen dann auch wieder Steuern. Aus Sicht einer Finanzministerin leistet eine Mutter zu Hause sozusagen &#8222;famili\u00e4re Schwarzarbeit&#8220;. Sie erlaubt sich doch tats\u00e4chlich, ihre eigenen Kinder gro\u00dfzuziehen, ohne Steuern daf\u00fcr zu bezahlen. Welch ein Affront. Zieht ein Fremder das gleiche Kind gro\u00df, wird es jedoch zu einer Dienstleistung und die Erzieherinnen bef\u00fcttern nicht nur den Steuers\u00e4ckel, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo aber steht in Stein gemei\u00dfelt, dass diese Milliardensummen, die wir inzwischen in staatliche Betreuungssysteme stecken, nicht direkt an die Familien flie\u00dfen k\u00f6nnen, damit sie eigene L\u00f6sungen finden? Warum k\u00e4mpft niemand f\u00fcr einen Arbeitsschutz f\u00fcr Eltern mit kleinen Kindern? Warum m\u00fcssen Eltern mit Kleinkindern in den Schichtdienst? W\u00e4re es nicht Aufgabe eines Ministeriums f\u00fcr Familie und Frauen und Kinder, hier L\u00f6sungen zu suchen, die den Bed\u00fcrfnissen der eigenen Sch\u00fctzlinge gen\u00fcgen, anstatt sich an deren Ausbeutung zu beteiligen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen wird rein faktisch durch das Angebot der 24-Stunden-Kita der Druck auf Eltern noch zus\u00e4tzlich erh\u00f6ht. Denn wer bislang bei Schichtdienst argumentieren konnte, er k\u00f6nne nicht wegen der Kinder, dem bleibt jetzt gar kein Gegenargument mehr zur Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so ist der 24-Stunden-Kita-Plan unserer Familienministerin letztendlich eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit. Vielleicht ist es aber noch viel schlimmer: Wom\u00f6glich glaubt Manuela Schwesig tats\u00e4chlich, dass sie etwas Gutes damit tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Birgit Kelle<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/birgit-kelle\/10378-manuela-schwesigs-idee-der-24-stunden-kita\">The European<\/a> (8.7.2015)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manuela Schwesigs Idee der 24-Stunden-Kita Manuela Schwesig, Ministerin f\u00fcr besondere Interessen der deutschen Wirtschaft, hat wieder ein neues Projekt: die 24-Stunden-Kita. Warum nicht gleich die DDR-Wochenkrippe? Wenn schon Kinder wegschaffen, damit die Arbeitskraft der Frauen frei wird, dann bitte richtig. 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