{"id":12380,"date":"2015-06-25T16:11:58","date_gmt":"2015-06-25T14:11:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12380"},"modified":"2015-06-25T16:11:58","modified_gmt":"2015-06-25T14:11:58","slug":"der-preis-des-digitalen-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12380","title":{"rendered":"Der Preis des \u201edigitalen Kapitalismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Immer sp\u00e4tere Elternschaft und damit immer weniger Kinder\u00a0 \u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sehr einfach, Gegner zu widerlegen, denen man abwegige Thesen zuschreibt, die sie gar nicht vertreten. Auf diese Weise werden auch Schein-Kontroversen um Demografie, Familie und Kinder gef\u00fchrt. So verlautbarte j\u00fcngst eine Autorin des Jahrgangs 1978, dass die \u201eArt und Weise, wie \u00fcber die Gr\u00fcnde des demographischen Wandels gesprochen wird\u201c, sie \u201ew\u00fctend\u201c mache, weil sie die \u201eUrsachen ganz bequem beim Individuum\u201c suche. Die niedrige Geburtenrate gehe nicht auf egoistische \u201eAkademikerinnen im Geb\u00e4rstreik\u201c zur\u00fcck, sondern sei eine \u201eGemeinschaftsfehlleistung von Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien\u201c, die es vers\u00e4umt h\u00e4tten, die \u201eVereinbarkeit von Familie und Beruf\u201c herzustellen (1). Nichts anderes vertrat die seinerzeitige Familienministerin Renate Schmidt (SPD) schon vor \u00fcber einer Dekade, als sie ihre sog. \u201enachhaltige Familienpolitik\u201c etablierte. Sie propagierte das Leitbild der erwerbst\u00e4tigen Mutter und initiierte einen umfassenden Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur, den ihre Amtsnachfolgerinnen fortsetzen (2). Daf\u00fcr ist viel Geld ausgegeben worden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Ergebnis ist so der Anteil der institutionell betreuten unterdreij\u00e4hrigen Kinder in den westdeutschen Fl\u00e4chenl\u00e4ndern von wenigen Prozent (3-4) auf 24 (Nordrhein-Westfalen) bis 31 Prozent (Rheinland-Pfalz) gestiegen. In den Stadtstaaten Hamburg und Berlin liegt die Quote bei 43 bzw. 46 Prozent, in den neuen Bundesl\u00e4ndern noch h\u00f6her, Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt mit 58,3 Prozent (3). Wesentlich aussagekr\u00e4ftiger sind die Quoten nach dem Kindesalter differenziert: Im S\u00e4uglingsalter (&lt;1) sind die Quoten sehr gering (2-5%) \u2013 was ja auch der Intention des Elterngeldes entspricht, das die Betreuung durch die Eltern unterst\u00fctzt. Sehr unterschiedlich sind die Quoten bei den 1-2-J\u00e4hrigen \u2013 zwischen 20 Prozent in Rheinland-Pfalz und \u00fcber 76 Prozent in Sachsen-Anhalt. Von den 2-3j\u00e4hrigen Kindern besucht inzwischen die Mehrheit eine \u201eKita\u201c, bei 53 Prozent liegt die Quote in Westdeutschland, bei rund 87 in Ostdeutschland, Spitzenreiter ist wiederum Sachsen-Anhalt (mehr als \u00a090 Prozent) (4).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nimmt man Ostdeutschland als Ma\u00dfstab, dann ist\u00a0 Westdeutschland in der \u00f6ffentlichen Kinderbetreuung im \u201eR\u00fcckstand\u201c. So wird es immer wieder dargestellt, aber unterschlagen, dass Ostdeutschland in Europa eine Ausnahme ist: Allenfalls D\u00e4nemark und Schweden haben \u00e4hnliche Versorgungsgrade, in Frankreich liegen sie schon niedriger, erst recht gilt dies f\u00fcr Gro\u00dfbritannien, die Niederlande und Irland (5). Dass diese L\u00e4nder h\u00f6here Geburtenraten haben als Deutschland, im Osten wie im Westen, hat offensichtlich andere Gr\u00fcnde als Kindertagesst\u00e4tten. Ob es mit der \u201eVereinbarkeit\u201c in diesen L\u00e4ndern besser steht, weil die Arbeitgeber \u201efamilienfreundlicher\u201c und die M\u00e4nner in der Familienarbeit flei\u00dfiger sind, erscheint fraglich. Aber selbst wenn dies so w\u00e4re: Auch dort haben junge Frauen weniger Kinder als \u00e4ltere Frauen, die \u201etraditionelleren\u201c Lebensentw\u00fcrfen folgten. \u00dcberall sind die Geburten zur\u00fcckgegangen, nicht trotz, sondern wegen der sog. \u201eModernisierung\u201c. Ein zentraler Grund daf\u00fcr ist, dass Frauen immer sp\u00e4ter mit der Familiengr\u00fcndung beginnen: Das Alter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen, ist drastisch angestiegen: In Deutschland ist es seit\u00a0 1970 von 24 auf \u00fcber 29, in D\u00e4nemark von knapp 24 auf \u00fcber 28 und in Frankreich von 24,4 auf 28,4 Jahre im Jahr 2013 gestiegen (6). In Mittelosteuropa lag dieses Erstgeburtsalter bis 1990 wesentlich niedriger als in Westeuropa, in Polen und Tschechien z. B. bei ca. 23 Jahren (7). Die fr\u00fche Familiengr\u00fcndung war typisch f\u00fcr realsozialistische Verh\u00e4ltnisse, so auch in der DDR. Seit 1990 ist nun auch in diesen Gesellschaften das Erstgeburtsalter stark angestiegen, es hat zwar noch nicht ganz, aber doch schon ann\u00e4hrend das westeurop\u00e4ische Niveau erreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist \u00fcberall dasselbe Muster: Junge Menschen schieben die Entscheidung f\u00fcr Kinder und Familie immer weiter auf, die Anspr\u00fcche an Ausbildung, Flexibilit\u00e4t, Mobilit\u00e4t im \u201edigitalen Kapitalismus\u201c fordern ihren Preis. Es ist ein Wucherpreis, insbesondere dann, wenn der Lohn f\u00fcr lange und fordernde Zeiten der Ausbildung, Jobsuche und Einarbeitung ausbleibt, wie dies die j\u00fcngere Generation in S\u00fcdeuropa zu erleiden hat. Die Jahre, die diese Generation jetzt verliert, sind f\u00fcr viele Familiengr\u00fcndungen verloren (8). Der Kindermangel versch\u00e4rft sich, die Abw\u00e4rtsspirale dreht sich weiter. Hier wird an der Zukunft gespart und zwar \u00fcberall. Das kann kein Kita-System ausgleichen.<\/p>\n<p><em>Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>Nachricht 12\/2015<\/em><\/p>\n<p>(1)\u00a0\u00a0 Zitiert ist der folgende Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 07.06.2015: Stefanie Lohaus: Land ohne Kinder: <a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.faz.net%2Faktuell%2Ffeuilleton%2Fbevoelkerungsentwicklung-land-ohne-kinder-13630943.html%23GEPC%3Bs6&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=e2623f59-14d0-4660-ac79-177205ed53a0\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/bevoelkerungsentwicklung-land-ohne-kinder-13630943.html#GEPC;s6<\/a>.<\/p>\n<p>(2)\u00a0\u00a0 Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder, Wiesbaden 2014, S. 32 ff.<\/p>\n<p>(3)\u00a0\u00a0 Statistisches Bundesamt: Kindertagesbetreuung regional. Ein Vergleich aller 402 Kreise in Deutschland, Wiesbaden 2015, S. 8.<\/p>\n<p>(4)\u00a0\u00a0 Vgl. ebd., S. 12.<\/p>\n<p>(5)\u00a0\u00a0 Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder, a.a.O., S. 340 ff.<\/p>\n<p>(6)\u00a0\u00a0 Frauen werden immer sp\u00e4ter M\u00fctter (Abbildung), in: Nachricht der Woche, 2015\/10, <a href=\"https:\/\/newslettertool2.1und1.de\/subscriber-frontend\/link-tracking?target=http%3A%2F%2Fwww.i-daf.org%2Faktuelles%2Faktuelles-einzelansicht%2Farchiv%2F2015%2F05%2F19%2Fartikel%2Fabwanderung-aus-der-zukunft-die-wirtschaftskrise-fuehrt-in-suedeuropa-zur-nachwuchsmisere.html&amp;contactUuid=fe655fe9-021a-4aed-b00d-87c821f34ca1&amp;campaignUuid=e2623f59-14d0-4660-ac79-177205ed53a0\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2015\/05\/19\/artikel\/abwanderung-aus-der-zukunft-die-wirtschaftskrise-fuehrt-in-suedeuropa-zur-nachwuchsmisere.html<\/a>.<\/p>\n<p>(7)\u00a0\u00a0 Vgl.: Trend zu sp\u00e4terer Mutterschaft in Europa (Abbildung).<\/p>\n<p>(8)\u00a0\u00a0 Zum extrem ausgepr\u00e4gten Aufschub der Familiengr\u00fcndung im S\u00fcdeuropa vgl.: Trend zu sp\u00e4terer Mutterschaft in Europa (Abbildung); Geburten \u00e4lterer M\u00fctter in Europa (Abbildung).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer sp\u00e4tere Elternschaft und damit immer weniger Kinder\u00a0 \u00a0 Es ist sehr einfach, Gegner zu widerlegen, denen man abwegige Thesen zuschreibt, die sie gar nicht vertreten. 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