{"id":12226,"date":"2015-05-12T14:00:46","date_gmt":"2015-05-12T12:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12226"},"modified":"2015-05-12T17:15:29","modified_gmt":"2015-05-12T15:15:29","slug":"was-familienmanagement-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=12226","title":{"rendered":"Was Familienmanagement bedeutet"},"content":{"rendered":"<div data-module=\"text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Von Martine Liminski<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der bekannte P\u00e4dagoge und Erziehungsforscher Heinrich Pestalozzi hat seine <a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/m_liminski.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-12232\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/m_liminski.jpg\" alt=\"m_liminski\" width=\"110\" height=\"133\" \/><\/a>Erkenntnisse einmal in den drei gro\u00dfen Z, wie er sagte, zusammengefasst. Sie lauten: Z\u00e4rtlichkeit, Zuwendung, Zeit. In diesen drei \u201eZ\u201c steckt in der Tat eine kleine summa paedagogica. Sie bezeichnen eine Haltung des Engagements und der inneren wie \u00e4u\u00dferen Verf\u00fcgbarkeit. Sie machen ein viertes Z aus, das Zuhause. Und sie bedingen einander. Wer keine Zeit f\u00fcr die Erziehung hat, der kann sich faktisch nicht dem Kind zuwenden und ihm auch nicht die Z\u00e4rtlichkeit und Liebe schenken, die es braucht. Vielleicht ist die Zeit sogar heute die wichtigste Gr\u00f6\u00dfe unter diesen drei. Sie fehlt am meisten. Denn viele Eltern haben zwar den guten Willen, liebevoll zu sein und sich ihren Kindern zuzuwenden. Aber sie sind nicht da, oder ihnen wird die Zeit genommen, meistens von der Arbeit, manchmal auch vom Fernsehen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gesellschaftliche Vorrangstellung der Erwerbsarbeit au\u00dfer Haus ist kein Geheimnis. Sie hat damit zu tun, da\u00df die eine Arbeit bezahlt wird, die andere nicht. Sie hat damit zu tun, da\u00df man sich die eine Arbeit vorstellen kann, weil sie meist in me\u00dfbaren Funktionen und Produktionen geschieht, w\u00e4hrend man von der anderen nur eine blasse und meist falsche Vorstellung hat, weil man auch hier in Funktionen und Produktionen denken will, sprich Windelnwickeln, W\u00e4schewaschen, B\u00fcgeln, Putzen, Kochen. An die weit wichtigeren Faktoren dieser Arbeit zuhause, n\u00e4mlich die Gestaltung, Pflege und Entwicklung\u00a0 der personalen Beziehungen und \u00fcberhaupt der Beziehungsf\u00e4higkeit, also das, was menschliche Erziehung ausmacht und deren \u201eProdukt\u201c erwachsene, verantwortungsbewu\u00dfte und nicht nur saubere und satte Menschen sind, an dieses Ziel des Managements der Beziehungen und Gef\u00fchle denkt man in unserer \u00f6konomisierten und funktionalisierten Gesellschaft kaum. Das aber ist die Kernkompetenz des Familienmanagers, in dieser Funktion ist er nicht zu ersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Denken ist doch st\u00e4rker von den Begriffen der \u00f6ffentlichen Meinung, vom Primat der Wirtschaft gepr\u00e4gt, als man als einfacher B\u00fcrger glauben will. Wie oft haben wir das erfahren, zum Beispiel auf Cocktailparties mit Gesch\u00e4ftsleuten und Diplomaten. Beim Kennenlernen fragt man nach dem Identit\u00e4tsmerkmal Nummer eins: Dem Beruf. Liebe Hausfrauen und M\u00fctter, geben Sie sich einmal auf so einer Party der feinen Leute zu erkennen, indem Sie sagen, ich bin Hausfrau und Mutter. Das ist fast so, wie wenn Sie sagen w\u00fcrden, ich habe Lepra. Sie werden schnell erleben, wie einsam man in der Masse sein kann. Wir haben uns \u00fcberlegt, da\u00df das so nicht mehr weitergehen kann und bei der n\u00e4chsten Party wurde ich wieder gefragt: \u201eUnd Sie, was machen Sie?\u201c- \u201eIch bin mittelst\u00e4ndische Unternehmerin.\u201c Es entspann sich ein interessiertes Gespr\u00e4ch. \u201eWieviele Mitarbeiter haben Sie?\u201c \u2013 \u201eZehn, gerade noch \u00fcberschaubar.\u201c &#8211; \u201eAch, interessant, als Frau. Da haben Sie doch sicher manchmal Probleme bei der Durchsetzung Ihrer Pl\u00e4ne?\u201c &#8211; \u201eDoch, gewi\u00df, aber man mu\u00df eben auf jeden Mitarbeiter eingehen. Bei mir wird Mitbestimmung gro\u00dfgeschrieben. Das ist Management by everybody.\u201c &#8211; Sofort entwickelt sich ein Smalltalk, ein spannendes Gespr\u00e4ch \u00fcber Unternehmensf\u00fchrung. Das Teilhaben, das Mitziehen, das Mittragen, das sollte jeden Mitarbeiter im Betrieb angehen. Entscheidungen f\u00e4llen und Entscheidungen \u00fcbernehmen hei\u00dfe auch Gef\u00fchl f\u00fcr Verantwortung entwickeln. Nat\u00fcrlich jedem, wie er kann. Aber das gebe Motivation und f\u00f6rdere die Identifikation mit dem Unternehmen. Das schaffe Selbstwertgef\u00fchl und forme die Pers\u00f6nlichkeit. Was ich denn produziere, will man schlie\u00dflich wissen. Die Antwort: \u201eHumanverm\u00f6gen\u201c.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verbl\u00fcffung nach solch einem Gespr\u00e4ch (gef\u00fchrt Jahre vor einer Werbung mit \u00e4hnlichem Inhalt) ist erstaunlich. Dabei werden hier nur wirtschaftliche Begriffe auf eine Arbeit angewandt, die man freilich als Privatsache betrachtet. Und hier ist der Webfehler im heutigen sozialen Tuch, mit dem die Gesellschaft ihr Tischlein deckt. Erziehung ist keineswegs nur eine Privatsache. Von ihren Folgen, von der Erziehungsleistung, profitiert die Gesellschaft. Oder sie leidet darunter, wenn diese Arbeit nicht oder nur mangelhaft getan wird. Wenn Firmen heute einstellen, fragen sie nicht nur nach fachlicher Kompetenz, sondern vor allem nach sozialer Kompetenz, nach emotionaler Intelligenz, nach Teamf\u00e4higkeit, eben nach diesem Humanverm\u00f6gen. Man darf sich fragen: Wer ist eigentlich st\u00e4rker von wem abh\u00e4ngig, die Wirtschaft von der Familie oder die Familie von der Wirtschaft?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Familie ist der nat\u00fcrliche Ort der selbstlosen Liebe. Deshalb ist sie auch der gesunde N\u00e4hrboden f\u00fcr die Sozialisierung der Person, der \u201egeistige Scho\u00df\u201c (Thomas von Aquin) des Menschen f\u00fcr das Hineingeborenwerden und Hineinwachsen in die Gesellschaft. Es ist der Ort der Solidarit\u00e4t, eine Chiffre der Soziologen f\u00fcr die Liebe. Die Manager dieser Solidarit\u00e4t sind zuerst die Eltern. Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, da\u00df &#8211; folgt man der wissenschaftlichen Literatur &#8211; \u201edie Erzeugung solidarischen Verhaltens\u201c als ein Grund f\u00fcr den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt wird. Es sei eine Leistung, schreibt etwa der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie \u201ein einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivit\u00e4t und Qualit\u00e4t\u201c erbracht werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist Familienmanagement? Man mu\u00df die ganze Realit\u00e4t, in der das Kind aufw\u00e4chst, die Familie, die Beobachtung der Konkurrenz, der Miterzieher in Schule, Medien und auf der Stra\u00dfe, im Auge haben, nicht nur die eigenen vier W\u00e4nde. Aus diesen Elementen ergibt sich\u00a0 eine Definition des Familienmanagements:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Familienmanagement ist die F\u00e4higkeit, verschiedenste Forderungen und Anspr\u00fcche aus Haus und Umwelt zielgerichtet und personalbezogen zu b\u00fcndeln, gedanklich zu verarbeiten, in Handlungsweisen zur Pflege von Beziehungen umzusetzen und dadurch Humankapital zu vermitteln und zu bilden. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Forderungen und Anspr\u00fcche an die Familienmanager bewegen sich auf drei Ebenen. Einer emotionalen, einer handwerklichen und einer kognitiven. Man mu\u00df Beziehungen managen k\u00f6nnen (emotionale Ebene), man mu\u00df kochen, putzen, waschen, b\u00fcgeln und reparieren k\u00f6nnen (handwerkliche Ebene) und man mu\u00df, um die beiden vorherigen Ebenen sachgerecht im Griff zu haben, auch das entsprechende Know-how haben, man mu\u00df wissen, lernen und sich weiterbilden (kognitive Ebene). Am wichtigsten sind meiner Meinung nach die emotionale und die kognitive Ebenen. Sie sind personengebunden und k\u00f6nnen kaum delegiert werden. Die handwerkliche Ebene dagegen kann delegiert werden. Sie kann aber auch, und das w\u00e4re die Optimierung des Managements, als Instrument zur besseren Handhabung der beiden anderen Ebenen dienen. Kleine handwerkliche Dienste im Haus, Jobs oder Auftr\u00e4ge, sind Mittel der Erziehung. \u00dcber ihre Handhabung mu\u00df gesprochen werden. Das geschieht zum Beispiel im Familienrat. Eine Vorstufe dieses Rats ist die Werkbank, das Tischgespr\u00e4ch. Es ist eine B\u00f6rse des Alltags, eine Schatzkammer der Erkenntnisse.\u00a0 Auf dieser B\u00f6rse gibt es immer etwas zu gewinnen.\u00a0 Zum Beispiel k\u00f6nnen die Eltern meist <em>en passant <\/em>korrigierend ihre Meinung einbringen, ohne erhobene Zeigefinger, einfach als Broker. Dieser t\u00e4gliche B\u00f6rsentermin ist f\u00fcr das Unternehmen Familie wichtig.\u00a0 Er st\u00e4rkt die Einheit der Familie und gleicht Interessen aus, auch wenn der Kurs manchmal vom Oberb\u00f6rsianer abschlie\u00dfend bestimmt wird. Fast wie im wirklichen Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Managen von emotionalen, kognitiven und handwerklichen Aufgaben ist\u00a0 weit mehr als eine Besch\u00e4ftigung. Es ist ein Beruf. Das bedeutet auch, da\u00df der Manager ein Bewu\u00dftsein f\u00fcr seine eigene Funktion entwickelt und das hei\u00dft, da\u00df er weiterlernt, sich weiterbildet, sich weiter entfaltet. Er muss die Elternkompetenz st\u00e4ndig erweitern. Er kann nicht nur aus dem Bauch heraus entscheiden. Daf\u00fcr sind die Verh\u00e4ltnisse heute zu komplex. Er mu\u00df mehr wissen. Er mu\u00df seinen eigenen Fundus an Humankapital vermehren, er mu\u00df aufstocken, seinen B\u00f6rsenwert permanent steigern, indem er an sich selbst arbeitet und sich bewu\u00dft ist, da\u00df er nicht nur eine Lebensphase mehr oder weniger gut hinter sich bringt, sondern da\u00df er eine Aufgabe hat, eine Berufung zu diesem Beruf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ein zentraler Punkt. Die Selbsteinsch\u00e4tzung des Familienmanagers macht ihn immun gegen\u00fcber der ungerechten Bewertung seines Berufs durch Politik und \u00d6ffentlichkeit. Es ist evident, da\u00df die Haus-und Familienarbeit gegen\u00fcber der Erwerbsarbeit au\u00dfer Haus als geringer eingestuft wird. Das hat nicht nur damit zu tun, da\u00df die eine Arbeit bezahlt wird, die andere nicht. Das liegt auch daran, da\u00df die eine Arbeit in me\u00dfbaren Funktionen und Produktionen abl\u00e4uft, die andere jedoch nicht, obwohl man auch hier in Funktion und Produktion denken will, also nur Putzen, Kochen, Windeln, W\u00e4sche, B\u00fcgeln etc. vor Augen hat. Das jedoch betrifft nur die zweite, die handwerkliche Ebene. Die wirklich substantielle und unersetzliche Arbeit zuhause aber ist die Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Beschenkung mit Menschlichkeit. Sie erst macht die Erziehung aus, ihr \u201eProdukt\u201c sind erwachsene, verantwortungsbewu\u00dfte und nicht nur satte und besch\u00e4ftigte Menschen. Daran denkt man in Politik und Medien ebenso wenig wie an die Weiter-und Fortbildung der Familienmanager selbst. Das sollten die V\u00e4ter und M\u00fctter nicht mitmachen. Sie sollten aus dem Bewu\u00dftsein heraus arbeiten, da\u00df man auch in der Familie Karriere machen kann. Nur hei\u00dft hier Karriere nicht Macht, sondern Freundschaft, nicht Geld, sondern Gl\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt in diesem Sinn auch keinen Mi\u00dferfolg. Ein mit Liebe, mit Menschlichkeit beschenkter Mensch ist immer ein Erfolg. Es z\u00e4hlen nicht seine Leistung, seine G\u00fcter \u2013 cold projects, k\u00f6nnte man mit Dahrendorf sagen \u2013 sondern seine F\u00e4higkeit, Liebe weiterzugeben, Menschlichkeit weiter zu schenken, Hoffnung zu haben und zu verschenken, den Glauben an das Leben zu st\u00e4rken, daran, da\u00df es gut gehen kann, ohne naiv zu sein. Die personale Beziehung in der Familie ist immer auch eine Beziehung der Liebe, selbst\u00a0 in ihrer negativen Form als Mangel an Liebe. In der Gestaltung dieser Liebes-Beziehung, die \u00fcber die diversen Phasen der Versorgung, Anleitung und Begleitung schlie\u00dflich zu einer Freundschaft\u00a0 von selbst\u00e4ndigen, freien und verantwortungsbewu\u00dften Personen f\u00fchren soll, in der Gestaltung dieser Beziehung liegt die eigentliche Erziehungsleistung. Diese Beziehung tr\u00e4gt das Leben. Die Soziologie und Psychologie lehrt uns, da\u00df die Familie \u00fcber gro\u00dfe sch\u00f6pferische Kr\u00e4fte verf\u00fcgt. Die Kunst des Familienmanagers besteht darin, diese Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln und zu kanalisieren, damit jedes Kind, jedes Mitglied im Unternehmen, bekommt, was es trotz materieller Defizite f\u00fcr seine Herzensbildung und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung braucht. Diese Leistung wird, glaube ich, immer noch erbracht. Aber die Kapitaldecke in Europa ist d\u00fcnn geworden. Ohne Anerkennung des Berufs Familie durch die Gesellschaft, materiell und ideell, werden manche Unternehmen Konkurs anmelden. Nicht nur Unternehmen Familie. Um das zu verhindern, sollten den Familienmanagern die M\u00f6glichkeiten gegeben werden, Menschlichkeit zu schenken. Sie brauchen dazu Zeit, Wissen und Engagement. Das sollte ihnen die Gesellschaft nicht nur g\u00f6nnen, sie schuldet es ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Martine Liminski, geboren in Nantes, Frankreich, war Directrice einer Ecole Maternelle bis sie sich ganz dem Beruf Mutter widmete. Sie hat zehn Kinder und ist Mitglied im Vorstand des Idaf. Der Aufsatz ist eine gek\u00fcrzte Fassung des Kapitels \u201eHumankapital und Familienmanagement\u201c aus dem Buch \u201eAbenteuer Familie\u201c (mit einem Vorwort von Paul Kirchhof). Das Buch ist vergriffen, aber auf Anfrage noch erh\u00e4ltlich unter jl@i-daf.org<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aufsatz des Monats 5\/2015<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (<a href=\"http:\/\/i-daf.org\">i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martine Liminski Der bekannte P\u00e4dagoge und Erziehungsforscher Heinrich Pestalozzi hat seine Erkenntnisse einmal in den drei gro\u00dfen Z, wie er sagte, zusammengefasst. Sie lauten: Z\u00e4rtlichkeit, Zuwendung, Zeit. In diesen drei \u201eZ\u201c steckt in der Tat eine kleine summa paedagogica. Sie bezeichnen eine Haltung des Engagements und der inneren wie \u00e4u\u00dferen Verf\u00fcgbarkeit. 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