{"id":11999,"date":"2015-03-11T09:51:36","date_gmt":"2015-03-11T08:51:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11999"},"modified":"2015-03-13T09:21:13","modified_gmt":"2015-03-13T08:21:13","slug":"constantin-von-tischendorf-und-der-codex-sinaiticus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11999","title":{"rendered":"Constantin von Tischendorf und der Codex Sinaiticus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zum 200. Geburtstag von Constantin von Tischendorf<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2015 begehen wir den 200. Geburtstag (18. Januar) eines Forschers und Wissenschaftlers, der weit \u00fcber die Grenzen seines Landes bekannt geworden ist: Constantin von Tischendorf. Seine Geburtsstadt, Lengenfeld im s\u00e4chsischen Vogtland, erinnert mit einem \u201eTischendorfplatz\u201c und einer \u201eTischendorfstra\u00dfe\u201c an den ber\u00fchmten Sohn der Stadt. Sein Geburtshaus, das einst in der Bachaue nahe der heutigen Tischendorfstra\u00dfe stand, ist 1859 durch einen Brand in Schutt und Asche gelegt worden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einem Kirchenbucheintrag wurde Tischendorf in der Stadtkirche zu Lengenfeld durch Pfarrer Johann Gottlieb B\u00f6hm getauft. Taufpate war Christian Tille, der seit 1812 als zweiter Pfarrer in Lengenfeld amtierte. Bei dem gro\u00dfen Stadtbrand von Lengenfeld 1856 wurde der gesamte mittelalterliche Stadtkern mit Kirche, Schule und Gerichtsgeb\u00e4ude (das ehemalige Rathaus) vollkommen zerst\u00f6rt. Die Kirche, wie sie heute steht, wurde 1864 am gleichen Ort wieder errichtet. Das\u00a0 sp\u00e4ter neu erbaute Gemeindehaus neben der Stadtkirche tr\u00e4gt \u00fcber dem Eingangsportal deutlich lesbar die Inschrift: \u201eDem Andenken Constantin von Tischendorfs\u201c. Im Aufgang zum gro\u00dfen Saal erinnert die Besucher ein Bild an den ber\u00fchmten Mann, dem dieses Haus gewidmet ist. Zur Einweihung des Tischendorfhauses am 1. Juli 1928 hielt Pfarrer Dr. theol. Ludwig Schneller (K\u00f6ln), ein Schwiegersohn Tischendorfs, den Festgottesdienst. Auch eine Enkeltochter Tischendorfs, Frau Dr. Elisabeth Behrend (Hannover), war zugegen. In Leipzig hat man am Haus in der Eisenbahnstra\u00dfe Nr. 8, wo Tischendorf mit seiner Familie von 1863 bis zu seinem Tode 1874 wohnte, eine kleine Gedenktafel angebracht (auch wenn der Stra\u00dfenverlauf heute nicht mehr den Gegebenheiten des 19. Jh. entspricht). Sein Grab auf dem Leipziger Johannisfriedhof, wo auch viele andere ber\u00fchmte Leute begraben sind, wurde in den 70er Jahren wegen einer geplanten Neubebauung beseitigt. Der Grabstein und die Grabplatte konnten damals durch Lengenfelder B\u00fcrger gerettet und neu neben dem Eingang (linke Seite) der Lengenfelder Friedhofskapelle aufgestellt werden. An der Au\u00dfenwand rechts neben dem Eingang befindet sich auch die Grabplatte von Tischendorfs Eltern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bedeutung Tischendorfs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat Tischendorf so ber\u00fchmt gemacht? Warum erinnern wir uns heute noch an ihn? Was verbindet sich mit seinem Namen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tischendorf hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alte Bibelhandschriften zu vergleichen, um einen m\u00f6glichst genauen und urspr\u00fcnglichen Text zu gewinnen. Vor allem wollte er die Bibelkritiker seiner Zeit widerlegen. Diese Aufgabe hat er meisterhaft erf\u00fcllt. Viele Bibliotheken in Deutschland und Europa suchte er auf, um alte Handschriften zu finden und zu pr\u00fcfen. Selbst weite und gef\u00e4hrliche Reisen in den Orient scheute er dabei nicht, weil er wusste, dort schlummern an abgelegenen und unbekannten Orten noch Schriften aus fr\u00fchchristlichen Jahrhunderten. Bei dieser Suche stie\u00df er in einem alten Kloster auf der Sinai-Halbinsel auf eine der \u00e4ltesten Bibelabschriften, die fast das gesamte Alte Testament und das vollst\u00e4ndige Neue Testament in Griechisch enth\u00e4lt. Nach ihrem Fundort erhielten diese auf Pergament geschriebenen Bl\u00e4tter den Namen \u201eCodex Sinaiticus\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Bl\u00e4tter wurden von Tischendorf in m\u00fchevoller Kleinarbeit abgeschrieben, zur sicheren Aufbewahrung dann sogar mitgenommen und liegen heute gut bewacht in Bibliotheken von Leipzig, London, Petersburg und auch im Katharinenkloster (Sinai). In den letzten Jahren konnten sie durch die Zusammenarbeit von Fachleuten mit gro\u00dfem finanziellen Aufwand digitalisiert und im Internet weltweit zug\u00e4nglich gemacht werden (<a href=\"http:\/\/www.codex-sinaiticus.net\/\">www.codex-sinaiticus.net<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon zu Lebzeiten wurde Tischendorf ber\u00fchmt und geehrt. F\u00fcr seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, Medaillen, Orden und von verschiedenen Universit\u00e4ten den Ehrendoktor, ja, er wurde sogar in den Adelsstand erhoben. Die Leipziger Universit\u00e4t, an der er einst mit seinem Theologie- und Sprachenstudium begann und die seine Berufung zum Professor wegen angeblich unzureichender Sprachkenntnisse zun\u00e4chst ablehnte, bezeichnete ihn sp\u00e4ter als ihren w\u00fcrdigsten Lehrer. In Fachzeitschriften und Zeitungen wurde er als Forschungsreisender und Entdecker wertvoller Handschriften gefeiert. Mit zahlreichen Gelehrten und Forschern seiner Zeit stand er in Kontakt, etwa mit dem Naturforscher Alexander von Humboldt (1769\u20131859). Auch der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. (1795\u20131861), der w\u00e4hrend seiner Regierungszeit (1840\u20131861) die Verfolgung der Altlutheraner beendete und die lutherischen Pfarrer aus der Haft entlie\u00df, nahm an Tischendorfs Reisen regen Anteil. Er soll gesagt haben: \u201eWo Tischendorf hinkommt, da findet er auch etwas.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Familienwappen, das im Zusammenhang mit der Adelsverleihung 1869 durch den russischen Zaren Alexander II. (1818\u20131881) entstand, weist sehr anschaulich auf Tischendorfs Herkunft und Lebenswerk hin. Im oberen Teil zeigt es einen K\u00f6hler mit Sch\u00fcrbaum. M\u00fctterlicherseits soll die Familie von jenem K\u00f6hler abstammen, der nach dem Prinzenraub durch Kunz von Kaufungen (1455 in Altenburg) bei der Befreiung des Prinzen Albrecht in der Gegend von Gr\u00fcnhain\u2013Elterlein eine Rolle spielte. Im unteren Teil ist eine aufgeschlagene Bibel mit den griechischen Buchstaben f\u00fcr Alpha und Omega zu sehen, den ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets. Das erinnert auch an Jesu Wort aus der Offenbarung des Johannes: \u201eIch bin das A und das O, der Anfang und\u00a0 Ende, der Erste und der Letzte\u201c (Offb 22,13).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Herkunft und Ausbildung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 18. Januar 1815 wurde Tischendorf als neuntes von elf Kindern in Lengenfeld geboren. Die vollst\u00e4ndigen Vornamen lauten Lobegott Friedrich Constantin. Seine Mutter Christiane Eleonore Thomas, geboren 1777 in Lengenfeld und 1836 in Lengenfeld verstorben, war seit 1800 mit dem Gerichtsarzt Dr. med. Johann Christlieb Tischendorf (1772\u20131835) verheiratet. Der Vater stammt aus einem alten Greizer Papiermachergeschlecht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Sechs seiner Geschwister starben noch im Kindesalter. Ein besonders enges Verh\u00e4ltnis verband Constantin zeitlebens mit seinem zehn Jahre \u00e4lteren Bruder Julius Valentin, der als Gerichtsarzt die Nachfolge des Vaters in Lengenfeld antrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Jahre besuchte der begabte Junge die B\u00fcrgerschule seiner Heimatstadt. Nach seiner Konfirmation bezog er von 1829 bis 1834 das Gymnasium in Plauen. Die Schule wurde unter ihrem neuen Rektor und Konrektor reformiert und genoss dadurch einen guten Ruf, der sich durch wachsende Sch\u00fclerzahlen bemerkbar machte. Hier wurde die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit der Sch\u00fcler geweckt und die sprachliche Begabung Tischendorfs gef\u00f6rdert. Jedes Schuljahr schloss er als Klassenprimus ab und wurde daf\u00fcr belobigt. Seine Abiturientenrede l\u00e4sst auch seine dichterische Begabung erkennen. Sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte er dann in einem kleinen B\u00e4ndchen Gedichte und ein weiteres B\u00fcchlein mit dem Titel: \u201eDer junge Mystiker oder Die drei Festzeiten aus seinem Leben\u201c. Mit den Lehrern des Gymnasiums blieb er auch sp\u00e4ter \u201einnig\u201c verbunden, wie es in einem Brief hei\u00dft, den er w\u00e4hrend seiner ersten Orientreise im Juli 1844 aus Jerusalem an seinen ehemaligen Rektor Johann Gottlieb D\u00f6lling schrieb. In seinen Gr\u00fc\u00dfen \u201eaus den Mauern Jerusalems\u201c denkt er gern an die Schule in Plauen zur\u00fcck, wo er sich einst in v\u00e4terlicher Obhut befand.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Ostern 1834 schrieb sich Tischendorf an der Universit\u00e4t in Leipzig ein und studierte Theologie und Philologie. 1838 schloss er sein Studium ab und promovierte zum Doktor der Philologie. Wie damals oft \u00fcblich trat er keine Pfarrstelle an, sondern \u00fcbernahm die Stelle eines Hauslehrers bei Pfarrer Ferdinand Leberecht Zehme (1789 \u20131858) in Gro\u00dfst\u00e4dteln bei Leipzig. Hier verliebte er sich in die Pfarrerstochter Angelika Zehme und verlobte sich mit ihr heimlich. Erst nach der R\u00fcckkehr von der ersten Orientreise heirateten sie im September 1845 und gr\u00fcndeten in Leipzig eine Familie. Den Eheleuten wurden acht Kinder geschenkt. Da Tischendorf auch k\u00fcnstlerische F\u00e4higkeiten besa\u00df, pflegte er in seinen Leipziger Jahren auch rege Kontakte mit den ber\u00fchmten Komponisten Felix Mendelssohn\u2013Bartholdy und Robert Schumann. Tischendorf und Mendelssohn waren in Leipzig unmittelbare Nachbarn. Er arbeitete an Zeitschriften mit, die von den Komponisten herausgegeben wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Suche nach Handschriften<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1839\/40 (also schon mit 24 Jahren!) machte sich Tischendorf auf die erste Suche nach alten Handschriften der Bibel. Sie f\u00fchrte ihn in Bibliotheken nach S\u00fcddeutschland, in die Schweiz und nach Stra\u00dfburg. Als Ergebnis dieser Studienreise gab er das Neue Testament in Griechisch nach neuen methodischen Grunds\u00e4tzen bearbeitet heraus. Die Universit\u00e4t Breslau verlieh ihm daraufhin die Ehrendoktorw\u00fcrde. Mit einer weiteren Arbeit zum Text des Neuen Testaments leistete er seinen wissenschaftlichen Nachweis zur Lehrbef\u00e4higung (Habilitation). Daraufhin erhielt er 1840 an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t in Leipzig eine Anstellung als Privatdozent. Weil inzwischen andere Universit\u00e4ten auf ihn aufmerksam wurden, berief man ihn schlie\u00dflich zum au\u00dferordentlichen Professor f\u00fcr Theologie, um diesen inzwischen ber\u00fchmt gewordenen Lehrer an Leipzig zu binden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbst 1840 erforschte er dann in Paris den \u201eCodex Ephraemi Rescriptus\u201c, der als unlesbar galt. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Palimpsest<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, d.h. eine Pergamenthandschrift aus dem 5. Jh., die im 12. Jh. mit einem neuen Text<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u00fcberschrieben wurde, um mit dem teuren Schreibmaterial sparsam umzugehen. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es damals war, diese Aufgabe ohne die uns heute zur Verf\u00fcgung stehenden Hilfsmittel zu erf\u00fcllen. Vor Tischendorf hatten sich daran schon andere vergeblich versucht. Nachdem ein Kollege der Universit\u00e4t, Professor Florenz Fleck, den Kodex mit einer Chemikalie behandeln lie\u00df, gelang es Tischendorf unter gro\u00dfen M\u00fchen, diesen Text zu entziffern. In den Jahren 1843 und 1845 wurden die 64 Bl\u00e4tter mit Texten des Alten Testaments und 145 Bl\u00e4tter aus dem Neuen Testament erstmals durch Tischendorf ver\u00f6ffentlicht. Man kann sich vorstellen, dass man diese Leistung zu sch\u00e4tzen wusste und von verschiedenen Seiten weitere Gelder f\u00fcr seine Forschungsarbeiten zur Verf\u00fcgung gestellt wurden, ohne die es auch damals nicht ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Paris aus reiste er weiter nach England, in die Schweiz und Italien. In Rom interessierte er sich besonders f\u00fcr den Codex Vaticanus, der bis heute zu den \u00e4ltesten und bedeutendsten Handschriften aus der ersten H\u00e4lfte des 4. Jh. z\u00e4hlt und in der Vatikanischen Bibliothek unter Verschluss gehalten wurde. Tischendorf erhielt hier nur begrenzt Zugang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erste Orientreise<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im M\u00e4rz 1844 setzte Tischendorf mit dem Schiff von Livorno (Hafenstadt an der M\u00fcndung des Arno, etwa 20 km s\u00fcdwestlich von Pisa) aus nach Alexandrien \u00fcber und forschte in Bibliotheken von \u00c4gypten nach alten Handschriften. Da erhielt er einen Hinweis auf das \u201eKatharinenkloster\u201c auf der Halbinsel Sinai. Es ist eines der \u00e4ltesten Kl\u00f6ster und wurde schon im 6. Jahrhundert nach Christus am Fu\u00dfe des Moseberges erbaut, dort, wo einst Gott mit Mose aus dem brennenden Dornbusch geredet haben soll (2Mose 3). Dieses Kloster wurde nie zerst\u00f6rt und beherbergt viele Sch\u00e4tze in Form von kostbaren Ikonen und urchristlichen Schriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tischendorf machte sich umgehend mit einer kleinen Karawane auf den Weg durch die unwegsame Felsenlandschaft und erreichte endlich dieses Kloster. Hohe Mauern sch\u00fctzen das Kloster vor ungebetenen G\u00e4sten. Die Besucher konnten damals nur in einem Korb \u00fcber die Klostermauer gezogen werden. Tischendorf st\u00f6berte dort in der Bibliothek, wo viele alte Schriftst\u00fccke und Handschriften mit Texten der Bibel und von verschiedenen Kirchenv\u00e4tern ungeordnet aufbewahrt wurden. Die M\u00f6nche waren zwar fromm, aber recht ungebildet und nicht daran interessiert, die zahlreichen Manuskripte zu lesen und zu ordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Ecke der Klosterbibliothek entdeckte Tischendorf zuf\u00e4llig einige beschriebene Pergamentbl\u00e4tter in einem Papierkorb. Der Gelehrte zog das B\u00fcndel heraus und erkannte sofort, dass es sich bei diesen Pergamentbl\u00e4ttern um Teile einer altgriechischen Bibelhandschrift handeln musste. Wie er sp\u00e4ter bei n\u00e4herer Pr\u00fcfung feststellte, geh\u00f6rten diese Bl\u00e4tter zu einer der \u00e4ltesten und fast vollst\u00e4ndigen Bibelhandschrift aus dem 4. Jh. (sp\u00e4ter nach dem Fundort \u201eCodex Sinaiticus\u201c genannt). Man kann sich vorstellen, wie sich das Forscherherz vor Aufregung fast \u00fcberschlug. Nach langen Verhandlungen \u00fcberlie\u00dfen ihm die M\u00f6nche schlie\u00dflich 43 Bl\u00e4tter, w\u00e4hrend sie die \u00fcbrigen 86 anderen Bl\u00e4tter in Verwahrung nahmen. Aber sie erlaubten ihm, die restlichen Bl\u00e4tter im Kloster noch abzuschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbergl\u00fccklich kehrte Tischendorf Ende 1844 von seiner erfolgreichen Reise nach Leipzig zur\u00fcck. Zuvor musste er sich in Griechenland &#8211; wie alle Orientreisenden &#8211; noch einer 14-t\u00e4gigen Quarant\u00e4ne unterziehen, damit keine Krankheiten eingeschleppt wurden. Den Zwangsaufenthalt nutzte er zu Aufzeichnungen seiner Reiseabenteuer, die er dann in Buchform unter dem Titel \u201eReise in den Orient\u201c erscheinen lie\u00df. Von Jerusalem aus hatte er schon in einem Brief an seinen Bruder angek\u00fcndigt, \u00fcber Weihnachten seine Heimatstadt besuchen und am 1. Weihnachtsfeiertag in der Kirche die Predigt halten zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich lebhaft vorstellen, mit welcher Spannung der weitgereiste und inzwischen ber\u00fchmt gewordene Sohn der Stadt erwartet wurde. Rundfunk und Fernsehen gab es damals zwar noch nicht. Aber in Zeitungen wurde \u00fcber seine weiten Reisen und Entdeckungen berichtet. Seine Weihnachtspredigt beeindruckte die Zuh\u00f6rer so sehr, dass seine Freunde ihn baten, sie im Druck erscheinen zu lassen. Gern kam Tischendorf dieser Bitte nach. Heute ist die biblisch gut fundierte Weihnachtspredigt nachzulesen im Tischendorf\u2013Lesebuch: \u201eBibelforschung in Reiseabenteuern\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die als Geschenk mitgebrachten Bl\u00e4tter aus dem Sinaikloster \u00fcbergab er nach der Ver\u00f6ffentlichung der Universit\u00e4tsbibliothek in Leipzig. Woher dieser Fund stammte, verriet Tischendorf allerdings noch nicht. Er wollte nicht, dass sich Scharen von \u201eForschern\u201c zur Suche nach den \u00fcbrigen Pergamentbl\u00e4ttern aufmachen, um das Kloster heimzusuchen, und ihm mit ihren Ver\u00f6ffentlichungen zuvorkommen. Denn schon vor ihm schrieb ein italienischer Naturforscher von diesem Codex und auch kurz nach seinem ersten Klosteraufenthalt hielt der russische Archimandrit Porfirij Unspenskij (1804\u20131885) die Bl\u00e4tter in seinen H\u00e4nden, ohne jedoch \u2013 wie der italienische Forscher \u2013 ihre Bedeutung zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Universit\u00e4t in Leipzig hatte Tischendorf unterdessen eine au\u00dferordentliche Professur angetragen. 1859 wurde er dann ordentlicher Professor f\u00fcr Theologie und Biblische Pal\u00e4ografie<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Seine Vorlesungen an der Fakult\u00e4t wurden nicht nur von den Studenten besucht. Auch viele wissbegierige Fachleute aus anderen Forschungsgebieten fanden sich ein. Selbst der sp\u00e4tere Nihilist und Philosoph Friedrich Nietzsche geh\u00f6rte w\u00e4hrend seines Leipziger Aufenthaltes zur interessierten H\u00f6rerschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weitere Orientreisen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1853 trat Tischendorf mit Unterst\u00fctzung der s\u00e4chsischen Regierung eine zweite Reise zum Katharinenkloster auf dem Sinai an, leider erfolglos. Von den M\u00f6nchen konnte oder wollte keiner eine Auskunft \u00fcber die verbliebenen Bl\u00e4tter des Codex geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1859 brach er schlie\u00dflich zu einer dritten Orientreise auf, die im Auftrag der russischen Regierung erfolgte. Er wollte nochmals nach den verschollenen Bl\u00e4ttern im Kloster suchen. Auch diesmal schien er keinen Erfolg zu haben. Keiner konnte ihm sagen, wo die restlichen Bl\u00e4tter geblieben waren. Dann, am Abend des 4. Februar machte ihn ein Verwalter des Klosters eher zuf\u00e4llig auf Pergamenthandschriften aufmerksam. Tischendorf verschlug es fast die Sprache! Was er da in die H\u00e4nde bekam, waren nicht nur die gesuchten restlichen 86 Bl\u00e4tter des Codex, sondern weitere 260 Bl\u00e4tter, die das vollst\u00e4ndige Neue Testament enthielten, geschrieben etwa im Jahr 350 n.Chr. \u201eIch hatte Tr\u00e4nen in den Augen, und das Herz war mir ergriffen wie noch nie\u201c, schrieb er an seine Frau. Die M\u00f6nche wollten die Bl\u00e4tter nat\u00fcrlich nicht herausgeben. Doch wie sollte er diesen Schatz f\u00fcr die Schriftforschung zug\u00e4nglich machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach langen und m\u00fchseligen Verhandlungen einigte man sich, dass Tischendorf die Bl\u00e4tter nach Kairo mitnehmen durfte, um sie dort in einem Kloster des gleichen Ordens abzuschreiben. Eine anstrengende Arbeit! Allerdings halfen ihm dabei ein Arzt und ein Apotheker, die des Griechischen kundig waren und die er in Kairo kennengelernt hatte. Inzwischen \u00e4nderte sich auch die Haltung der M\u00f6nche im Sinaikloster. Sie waren nun bereit, die Bl\u00e4tter dem russischen Zaren zu schenken. Das Kloster geh\u00f6rte zu den orthodoxen Kirchen des Ostens und stand deshalb auch unter der Aufsicht des Zaren. Dieser hatte Tischendorfs dritte Reise mitfinanziert. Die \u00dcbergabe kam erst zehn Jahre danach zustande. Im Gegenzug erhielt das Kloster 9.000 Goldrubel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Angelegenheit hat man Tischendorf immer wieder der Unlauterkeit bezichtigt, ja sogar behauptet, er habe den Codex gestohlen. Im Museum des Sinaiklosters findet der Besucher bis heute eine Tafel mit dieser Behauptung. Dies gilt aber inzwischen als widerlegt. Neuere Nachforschungen haben bewiesen, dass Tischendorf aufrichtig und ehrlich handelte. Im Rahmen des Forschungsprojektes sind in Moskau die alten Akten aus dem Zarenarchiv wieder aufgetaucht, darunter auch die Schenkungsurkunde des Klosters an den Zaren aus dem Jahr 1869 mit dem Stempel des Klosters und den Unterschriften der M\u00f6nche. Die Russen haben inzwischen auch die Schenkungsurkunde und weitere Dokumente im Zusammenhang mit der Erwerbsgeschichte des Codex Sinaiticus ins Internet gestellt, wo sich jeder davon \u00fcberzeugen kann.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings verkaufte Stalin 1933 fast alle Bl\u00e4tter des Codex f\u00fcr gut 100.000 Pfund an das Britische Museum in London, um an Devisen zu kommen. Dort konnte die Bev\u00f6lkerung Londons wochenlang in Schauk\u00e4sten den einmaligen Schatz sehen. Der deutsche Mitarbeiter am Codex-Sinai-Projekt, Prof. Christfried B\u00f6ttrich aus Greifswald, hat in seinem neuesten Bericht zur Geschichte des Codex Sinaiticus in einer aufschlussreichen Dokumentation<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> klargestellt, dass Tischendorf nicht nur ein begnadeter Forscher, sondern auch ein Ehrenmann war, dem wir die Entdeckung dieser rund 1.700 Jahre alten Bibelhandschrift zu verdanken haben. Es ist verst\u00e4ndlich, dass vom Kloster der Verlust dieser wertvollen Handschriften beklagt wurde. Inzwischen wei\u00df man aber mit den anderen ebenfalls wertvollen Handschriften sorgsamer umzugehen und hat die B\u00fccher und Einzelst\u00fccke fachgerecht konserviert und in der Klosterbibliothek sicher untergebracht. W\u00fcnschenswert ist allerdings, mit den falschen Anschuldigungen gegen Tischendorf aufzuh\u00f6ren und sich lieber der Aufarbeitung und Ver\u00f6ffentlichung des Codex Sinaiticus zuzuwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Ver\u00f6ffentlichung des Codex Sinaiticus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser wichtigen Aufgabe hat sich Tischendorf in den folgenden Jahren nach dem spektakul\u00e4ren Fund voll und ganz gewidmet. Mit rastlosem Eifer und gro\u00dfer Gewissenhaftigkeit setzt er die begonnene Arbeit am neutestamentlichen Text fort. Er verglich die vorhandenen Handschriften und wertete sie aus. In zahlreichen Vortr\u00e4gen berichtete er \u00fcber seine Forschungsreisen und die zutage gef\u00f6rderten Funde. Er machte Leipzig zu einem Zentrum neutestamentlicher Forschung. 1859 hatte die Universit\u00e4t daf\u00fcr eigens einen Lehrstuhl eingerichtet, der auch nach seinem Tod weiter besetzt wurde. 1862 erschien erstmals eine Prachtausgabe des Codex Sinaiticus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder arbeitete Tischendorf an neuen Auflagen des griechischen Neuen Testaments, um sie zu verbessern. Den H\u00f6hepunkt stellt zweifelsohne die ber\u00fchmte \u201eEditio octava critica maior\u201c von 1869-1872 dar. Dadurch konnte er den Text an \u00fcber 3.000 Stellen gegen\u00fcber bisherigen Bibelausgaben verbessern. Sie gilt bis heute als Standardwerk der textkritischen Arbeit am Neuen Testament. Heute wird oft kritisiert, Tischendorf habe in seinen Ver\u00f6ffentlichungen den Codex Sinaiticus \u00fcberbewertet und dem bisherigen \u201eTextus receptus\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, wie er seit dem 16. und 17. Jh. vorlag und auch von Luther f\u00fcr seine \u00dcbersetzung verwendet wurde, nicht den geb\u00fchrenden Rang einger\u00e4umt. Doch ist es ganz verst\u00e4ndlich, wenn Tischendorf in seiner Entdeckerfreude der griechischen Ausgabe des Neuen Testaments den Codex Sinaiticus zugrunde legte. Dabei arbeitete er streng wissenschaftlich, indem er auch die Varianten anderer Handschriften im Apparat anf\u00fchrte, damit jeder selbst die Textzeugen bewerten und sich ein Urteil bilden konnte. Schon vor ihm erkannten einige Textforscher die Schw\u00e4chen des \u201eTextus receptus\u201c, die Tischendorf mit seinen neuen Ausgaben korrigierte. Es ist darum \u00fcbertrieben, wenn heute biblizistische Kreise den \u201eTextus receptus\u201c f\u00fcr inspiriert halten und als einzige Grundlage f\u00fcr \u00dcbersetzungen gelten lassen wollen. Die heutigen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> haben die Arbeiten Tischendorfs aufgenommen und weitergef\u00fchrt und bieten so einen zuverl\u00e4ssigen Arbeitstext.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Textforschung oder Bibelkritik?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Textforschung oder Textkritik Tischendorfs darf nicht mit der \u201eBibelkritik\u201c verwechselt werden. Die Bibelkritik versteht die \u00fcberlieferten Texte der Bibel als Zeugnisse verschiedener Zeit- und Kulturepochen. Mit einer F\u00fclle von unterschiedlichen und oft sich widersprechenden Hypothesen will man den vermeintlich urspr\u00fcnglichen Sinn eines Textes ergr\u00fcnden. Diese \u201ehistorisch\u2013kritische Methode\u201c wurde in Folge der Aufkl\u00e4rung von der sogenannten T\u00fcbinger Schule unter Ferdinand Christian Baur (1792\u20131860) entwickelt und von vielen anderen Auslegern der Schrift aufgegriffen und weiterentwickelt (Literarkritik, Redaktionskritik, \u00dcberlieferungskritik, Formkritik und Traditionskritik). Trotz vieler Widerspr\u00fcche und subjektiver Urteile wird bis heute an dieser Methode festgehalten. Sie hat verheerende Auswirkungen in der Bibelauslegung und Verk\u00fcndigung hinterlassen. Entscheidende Heilswahrheiten werden aufgrund fragw\u00fcrdiger Theorien umgedeutet und die Grundlagen des christlichen Glaubens zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tischendorf wendete sich zu seiner Zeit vor allem gegen den liberalen Theologen Adolf Hilgenfeld (1823\u20131907) aus Jena, der als Vertreter der T\u00fcbinger Schule mit seiner \u201eLiterarkritik\u201c die Echtheit der Evangelien anzweifelte. Als Herausgeber der Zeitschrift f\u00fcr wissenschaftliche Theologie ver\u00f6ffentlichte er mit anderen seine kritischen Theorien. Er konnte diese aber weder mit Zeugnissen der Kirchenv\u00e4ter noch durch andere Schriften belegen. Tischendorf hielt diese Vorgehensweise f\u00fcr grundfalsch und sah sie im Widerspruch zu solider Textforschung. Er ging dagegen wissenschaftlich vor, indem er versuchte, dem Urtext so nah wie m\u00f6glich zu kommen. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass viele alte Bibelhandschriften verloren gegangen sind, als vor allem auch w\u00e4hrend der Christenverfolgungen Handschriften unwiederbringlich vernichtet wurden. Das \u00e4nderte sich erst 313 n.Chr. unter Kaiser Konstantin. Deshalb spielt f\u00fcr die Bewertung der Lesart eines Textes nicht nur die Anzahl der Handschriftenzeugen, sondern auch das Alter und ihre \u00dcberlieferung eine Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich kann man feststellen, dass trotz aller Textvarianten, die oft nur Kleinigkeiten betreffen, der Inhalt der Bibel nicht in Frage gestellt werden konnte. Trotz der Masse auch noch sp\u00e4ter gefundener Handschriften ist es ganz unwahrscheinlich, dass selbst in Einzelf\u00e4llen sinnver\u00e4ndernde Korrekturen angebracht werden m\u00fcssen. So wurde durch Tischendorfs textkritische Arbeiten die Zuverl\u00e4ssigkeit der \u00dcberlieferung des Bibeltextes best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Suche nach alten Bibeltexten stie\u00df Tischendorf auch auf zahlreiche apokryphe Schriften, die er in Sammelwerken zug\u00e4nglich machte. Unter seinen exegetischen Schriften gelangten vor allem zwei zu Popularit\u00e4t: \u201eWann wurden unsere Evangelien verfasst?\u201c (1865) sowie \u201eDie Echtheit unserer Evangelien\u201c(1869).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Letzte Jahre im Gegenwind<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erfolg seiner gro\u00dfen Entdeckungen und Handschriftenforschungen brachte Tischendorf nicht nur Lob und Anerkennung ein, sondern rief auch manchen Gegner und Kritiker auf den Plan, der ihm den Ruhm streitig machen wollte. Dazu geh\u00f6rte der schon erw\u00e4hnte russische Orientexperte Porfirij Uspenskij. Er war selbst mehrfach in den Orient gereist und hatte das Kloster auf dem Sinai besucht. Dabei hielt er auch die 346 Bl\u00e4tter des Codex noch vor Tischendorf in den H\u00e4nden. Allerdings erkannte er ihren Wert nicht. Erst als der \u201elutherische Professor\u201c 1862 mit seinen Bl\u00e4ttern am russischen Zarenhof erschien und auf deren einmaligen Wert hinwies, reklamierte der orthodoxe Uspenskij den Ruhm der Entdeckung f\u00fcr sich. Schlie\u00dflich versuchte er, in einer Brosch\u00fcre die Rechtgl\u00e4ubigkeit des Codex Sinaiticus in Frage zu stellen, um eine Ver\u00f6ffentlichung durch Tischendorf zu verhindern. Dies gelang ihm allerdings nicht. Diese offenkundig falsche Behauptung wurde vom russischen Bildungsminister und Gelehrten Avraam Norov schriftlich widerlegt. Auch sp\u00e4ter ist Tischendorf auf die falsche Behauptung eingegangen. So blieb das Verh\u00e4ltnis beider Forscher recht angespannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus England meldete sich der Grieche Constantin Simonides zu Wort und behauptete, er selbst habe den von Tischendorf entdeckten Codex Sinaiticus in einem Kloster auf dem Berge\u00a0 Athos geschrieben und dabei verschiedene Vorlagen benutzt. Tischendorf entlarvte diese Behauptung als offenkundige L\u00fcge. Man kann sich aber vorstellen, dass solche dreisten L\u00fcgen gern aufgegriffen und auch von der Presse verbreitet worden sind, da sie f\u00fcr Schlagzeilen sorgten. \u00dcbrigens sorgte Constantin Simonides auch in anderen F\u00e4llen durch F\u00e4lschungen f\u00fcr Aufregung in der wissenschaftlichen Welt. Er ist darum als gr\u00f6\u00dfter F\u00e4lscher des 19. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tischendorfs letzte Jahre wurden durch einen pers\u00f6nlichen Konflikt \u00fcberschattet. Im Sommer 1871 nahm er an einer Abordnung der Evangelischen Allianz nach Russland teil, um sich bei Zar Alexander II. f\u00fcr bedr\u00e4ngte Lutheraner in den russischen Ostprovinzen einzusetzen. Leider blieb dieses Unternehmen erfolglos. In einer Ver\u00f6ffentlichung wurde Tischendorf f\u00fcr das Scheitern der Mission verantwortlich gemacht. Mit einer Gegendarstellung wehrte sich Tischendorf dagegen, was zu weiteren Auseinandersetzungen f\u00fchrte. Zuletzt konnte Tischendorf aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden darauf nicht mehr selbst antworten, so dass der Streit ungekl\u00e4rt blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schlaganfall fesselte ihn im Sommer 1873 ans Krankenbett. Am 7. Dezember 1874 starb Tischendorf, wenige Wochen vor seinem 60. Geburtstag. Unter gro\u00dfer Anteilnahme wurde er auf dem Johannisfriedhof in Leipzig beigesetzt. Es liegt ein ausf\u00fchrlicher Bericht dar\u00fcber gedruckt vor.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle\u00a0 Auseinandersetzungen und Anfeindungen k\u00f6nnen jedoch Tischendorfs Ruhm und Verdienste nicht schm\u00e4lern. Im Gegenteil, mit gro\u00dfem Eifer und Flei\u00df hat er sich an die Erforschung alter Bibeltexte gemacht und dabei weder M\u00fchen noch Strapazen gescheut. Der Fund des Codex Sinaiticus im Katharinenkloster und seine Ver\u00f6ffentlichung bleibt mit seinem Namen verbunden. Mit gro\u00dfem Sachverstand ging er dabei vor. In der Beurteilung von Bibelhandschriften hat er neue Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt. Mit einer Ausstellung der Universit\u00e4tsbibliothek Leipzig in der ehrw\u00fcrdigen Bibliotheca Albertina im Jahr 2011 wurde an die Lebensleistung Tischendorfs als eines der bedeutendsten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts erinnert.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur: Neben der schon angef\u00fchrten Literatur bin ich f\u00fcr Beitr\u00e4ge und Zuarbeit von Alexander Schick (Sylt\/www.bibelausstellung.de) und Friedrich Machold aus Lengenfeld dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hans-Wolf Baumann<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(Der Verfasser war 1970-2008 Pfarrer der Ev.-Luth. Freikirche in Hartenstein und 1989-2007 Dozent f\u00fcr Altes Testament am Luth. Theol. Seminar Leipzig. Er stammt aus Lengenfeld\/V. und lebt dort im Ruhestand)<\/em><br \/>\n<del><\/del><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Theol. Handreichung und Information 2015\/1<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Neuerscheinung:<\/strong> Alexander Schick, Tischendorf und die \u00e4lteste Bibel der Welt &#8211; Die Entdeckung des Codex Sinaiticus im Katharinenkloster, Jota-Publikationen, ISBN: 9783935707800, 19,95 Euro.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schick_tischendorf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-12008\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schick_tischendorf.jpg\" alt=\"schick_tischendorf\" width=\"306\" height=\"222\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schick_tischendorf.jpg 3344w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schick_tischendorf-300x217.jpg 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schick_tischendorf-1024x742.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Codex = urspr\u00fcnglich ein Gesetzbuch, sp\u00e4ter allgemein f\u00fcr \u201ealte Handschrift\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dr. Alfred Lindner hat \u00fcber Tischendorfs Abstammung und seine Familie einen ausf\u00fchrlichen Beitrag in der Mitteilung des Roland Dresden geschrieben (Verein zur F\u00f6rderung der Stamm-, Wappen- und Siegelkunde e.V. und der S\u00e4chs. Stiftung f\u00fcr Familienforschung 12, 1927, S. 71-77).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Dieser Brief befindet sich mit einer Transkription in der Handschriftensammlung des Stadtarchivs von Plauen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Palimpsest = eine abradierte und wieder beschriebene Handschrift.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Aus der Feder des syrischen Kirchenvaters Ephraem (306-373).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Herausgegeben von Christfried B\u00f6ttrich, Leipzig EVA 1999.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Pal\u00e4ografie = Lehre von den alten Schriften und B\u00fcchern.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a><a href=\"http:\/\/www.nlr.ru\/eng\/exib\/CodexSinaiticus\/zah\/\">www.nlr.ru\/eng\/exib\/CodexSinaiticus\/zah\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Chr. B\u00f6ttrich, Der Jahrhundertfund, Entdeckung und Geschichte des Codex Sinaiticus, Leipzig EVA 2011.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Textus receptus = der allgemein anerkannte Text.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, 28. Auflage.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Am Sarge und Grabe des Dr. th .Constantin von Tischendorf, gestorben am 7., bestattet am 10. Dec. 1874, F\u00fcnf Reden und Ansprachen, nebst einem R\u00fcckblick auf das Leben und einem Verzeichnis s\u00e4mtlicher Druckwerke des Verstorbenen, Leipzig 1875.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Im Internet unter: http:\/\/www.ub.uni-leipzig.de\/tischendorf\/thema.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 200. Geburtstag von Constantin von Tischendorf 2015 begehen wir den 200. Geburtstag (18. 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