{"id":11922,"date":"2015-02-13T14:40:13","date_gmt":"2015-02-13T13:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11922"},"modified":"2015-02-13T14:46:59","modified_gmt":"2015-02-13T13:46:59","slug":"nun-sag-was-weisst-du-ueber-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11922","title":{"rendered":"Nun sag&#8216;, was wei\u00dft du \u00fcber Religion?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vater sagte immer, man solle das studieren, wovon alle abraten, denn in wenigen Jahren werden Leute aus genau diesen F\u00e4chern h\u00e4nderingend gesucht. H\u00e4tte er die derzeitige Renaissance der Religion noch miterleben d\u00fcrfen, er w\u00fcrde sich best\u00e4tigt sehen. Eigentlich m\u00fcsste sich mein &#8218;brotloses&#8216; Studium jetzt auszahlen, eigentlich m\u00fcsste jetzt die Stunde der Theologen gekommen sein. Doch komischerweise werden Menschen meiner Zunft in die \u00f6ffentliche Debatte kaum einbezogen. Woran mag das liegen?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Plasberg Edikt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begab sich aber zu der Zeit des 24. November 2014, dass ein Gebot ausging von Talkshowkaiser Frank Plasberg, dass alle Welt auf das Zitieren des Korans in \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber den Islam verzichten solle. Damit fuhr er nicht nur der anwesenden Lisa Fitz \u00fcber den Mund, sondern setzte auch ein schlechtes Beispiel f\u00fcr zuk\u00fcnftige Debatten. Alle reden in Bezug auf Religion von notwendiger Aufkl\u00e4rung. Aber wenn man dann tats\u00e4chlich mal \u00fcber die Inhalte aufkl\u00e4ren will, wird die Diskussion sogleich abgebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele religi\u00f6se Menschen wissen im Grunde recht wenig \u00fcber die spezifischen Inhalte ihrer Religion, das gilt f\u00fcr Muslime und Christen gleicherma\u00dfen. Ihr religi\u00f6ser Glaube beinhaltet im Wesentlichen die Vorstellung, dass es einen Gott gibt und dass dieser Gott \u00fcber sie wacht, was ihnen einerseits ein Gef\u00fchl von Geborgenheit gibt und sie andererseits dazu anh\u00e4lt, sich anst\u00e4ndig zu verhalten. Exakt dieses Verst\u00e4ndnis von Religion brachte der ehemalige Bundespr\u00e4sident Christian Wulff vor wenigen Monaten zum Ausdruck, als er mit dem Toleranzpreis der evangelischen Akademie Tutzing ausgezeichnet wurde. In seiner Dankesrede hie\u00df es: &#8222;Sie [Christen und Muslime] glauben alle an den einen Gott, der die Welt und alle Menschen erschaffen hat. Sie teilen den Auftrag, die Sch\u00f6pfung zu achten und zu bewahren. Und Sie glauben an das J\u00fcngste Gericht und damit daran, dass sie einmal Rechenschaft abzulegen haben f\u00fcr ihr Tun auf Erden. Bei so vielen Gemeinsamkeiten sollte es eigentlich sogar leicht sein, die Unterschiede zu ertragen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider ist genau umgekehrt. Bei so vielen Unterschieden zwischen Christentum und Islam reicht ein Artikel wie dieser keineswegs aus, um sie alle in geb\u00fchrender L\u00e4nge zu behandeln. Ich m\u00f6chte dennoch versuchen, jene zwei Unterschiede herauszugreifen, die mir f\u00fcr die aktuelle Debatte am wichtigsten erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Heilige Schrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Koran ist die muslimische Bibel, die Moschee die muslimische Kirche, der Imam der muslimische Pfarrer. Alle diese Aussagen sind in gewisser Weise richtig, k\u00f6nnen aber auch \u00fcberaus irref\u00fchrend sein. Es geh\u00f6rt zu unseren menschlichen Verstehensprozessen, dass wir Fremdes \u00fcber den Vergleich mit Bekannten zu begreifen suchen. Das kann aber auch nach hinten losgehen, wenn man innerhalb dieses Prozesses die Unterschiede zwischen Eigenem und Fremden allzu sehr verwischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inwiefern l\u00e4sst sich der Koran mit der Bibel gleichsetzen? In beiden F\u00e4llen handelt es sich um heilige und autoritative Texte einer Religionsgemeinschaft. Mit dieser Feststellung enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Die Bibel ist eine gro\u00dfe Bibliothek, die in zwei Teile, Altes und Neues Testament, zerf\u00e4llt, in denen sich wiederum zahlreiche Einzeltexte finden. Der Koran ist in seiner Gesamtheit ein einziges Buch, das einem einzigen Propheten offenbart wurde, und demensprechend auch nur eine Literaturgattung enth\u00e4lt, die Predigten Mohammeds (Suren), die in ihrem Charakter am ehesten noch der Briefliteratur des Neuen Testamentes vergleichbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle h\u00f6re ich in Diskussionen f\u00fcr gew\u00f6hnlich schon den Einwand, das seien doch alles Spitzfindigkeiten, derartige Differenzierungen spielten doch keine Rolle. Doch dieser Einwand ist komplett falsch. Im Lichte der j\u00fcngsten Grausamkeiten durch islamistische Terroristen wird wieder viel \u00fcber einen Zusammenhang zwischen diesem Terror und dem Islam bzw. dem Koran diskutiert. Seit sich aber selbst die energischsten Islamapologeten von der Aussage verabschieden mussten, all das h\u00e4tte nichts mit dem Islam zu tun, wird eine neue Taktik gefahren: Man verweist darauf, dass auch die Bibel ein \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tiges Buch sei, und es folgen meist Zitate aus dem Alten Testament. Hierbei wird jedoch \u00fcbersehen, dass das Alte Testament f\u00fcr Christen eben nicht dieselbe Autorit\u00e4t hat wie der Koran f\u00fcr Muslime. Die Autorit\u00e4t des Alten Testaments ist aber nicht erst durch die moderne Wissenschaft relativiert worden, sondern durch Jesus Christus selbst! Er erhebt das Wort gegen die Regeln der Torah, stellt ihnen sein majest\u00e4tisches &#8222;Ich aber sage euch&#8220; entgegen. Das Gebot &#8222;Auge um Auge, Zahn um Zahn&#8220; ersetzt er durch das Gebot der Feindesliebe. Die j\u00fcdischen Speisevorschriften hebt er auf, ebenso wie die penible Einhaltung des Sabbatgebotes. Immer wieder gei\u00dfelt er die Pharis\u00e4er f\u00fcr ihr engstirniges und kleingeistiges Festhalten an menschlichen Regeln, die sie f\u00fcr g\u00f6ttlich halten. Auch der Apostel Paulus spricht davon, dass nur jene, die schwach im Glauben sind, sich an derart \u00fcberfl\u00fcssige Gebote halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich m\u00f6chte niemand behaupten, dass sich die christliche Welt in ihrem zweitausendj\u00e4hrigen Bestehen immer an dieses Ideal gehalten h\u00e4tte. Der Einwand, dass es auch in der Geschichte des Christentums Gewalt gegeben habe, ist durchaus berechtigt. Aber es gab sie in der Geschichte, nicht im Ursprung. Durch die R\u00fcckbesinnung auf Jesus Christus als Zentrum der Heiligen Schrift war es der Kirche immer wieder aufs Neue m\u00f6glich, sich von innen heraus zu reformieren. \u00dcber eine derartige M\u00f6glichkeit verf\u00fcgt der Islam mithilfe des Korans, der unzweideutige Aufrufe zur Gewalt enth\u00e4lt, nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Gesetz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende des 18. Jahrhunderts bereiste der muslimische Gelehrte Mirza Abu Taleb Khan Europa und hielt seine Eindr\u00fccke in einer Art Tagebuch fest. Besonders faszinierend sind seine Ausf\u00fchrungen \u00fcber das europ\u00e4ische Rechtssystem: &#8222;Die Christen, anders als die Muslime und die Juden, verf\u00fcgen \u00fcber keine g\u00f6ttlichen Gesetze in Bezug auf weltliche Dinge. Stattdessen erstellen sie solche Regeln selbst, wie es die jeweilige Zeit erfordert.&#8220; Selten ist es einem Menschen gelungen, in nur zwei S\u00e4tzen den entscheidenden Unterschied im Rechtsverst\u00e4ndnis zwischen verschiedenen Kulturen zum Ausdruck zu bringen. Bei der mitunter brutalen Feindschaft, die zwischen der j\u00fcdischen und der muslimischen Welt besteht, ist es nicht ohne eine gewisse Ironie, dass der Islam mit dem (orthodoxen) Judentum im Grunde mehr gemeinsam hat als mit den Christen. Erstere kennen beide einen g\u00f6ttlichen Gesetzeskodex, der nicht nur die kultischen Regeln (Speisegebote etc.) beschreibt, sondern auch s\u00e4mtliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens rechtlich festlegt, von der Eheschlie\u00dfung bis zum Strafrecht. Dem Christentum ist ein derartiger Kodex fremd, wie Mirza Abu Taleb Khan richtig erkannt hat. Klassisch zusammengefasst wurde dieses Prinzip in Jesu Antwort auf die Frage nach der Steuerpflicht f\u00fcr Christen: &#8222;Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.&#8220; Auch hier gilt: Nicht die modernen Staatstheoretiker haben die Trennung von weltlichem und g\u00f6ttlichem Recht herbeigef\u00fchrt, sondern Jesus Christus selbst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Islam ist eine derartige Unterscheidung fremd, was der Grund daf\u00fcr ist, dass in nahezu allen L\u00e4ndern, in denen der Islam Staatsreligion oder Religion der Bev\u00f6lkerungsmehrheit ist, die Scharia die Grundlage der Rechtsprechung bildet. Auch in der Kairoer Erkl\u00e4rung der Menschenrechte im Islam hei\u00dft es beispielsweise: &#8222;Jeder hat das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung in einer Weise, die nicht gegen die Prinzipien der Scharia verst\u00f6\u00dft.&#8220; Das Konzept von universellen Menschrechten, wie sie f\u00fcr die westliche Welt konstitutiv sind, w\u00e4re ein Fremdk\u00f6rper im muslimischen Denken. Rechte und Pflichten des Menschen gibt es im Islam im Grunde nicht, es gibt nur Rechte und Pflichten des Gl\u00e4ubigen. Ironischerweise f\u00fchrte dieses Konzept in fr\u00fcheren Epochen zu einer erstaunlichen Toleranz gegen\u00fcber den &#8218;Ungl\u00e4ubigen&#8216;. So sind uns aus dem 16. Jahrhundert Mahnungen an Muslime \u00fcberliefert, auf christlichen Hochzeiten (im Osmanischen Reich!) keinen Alkohol zu trinken. Keiner scherte sich darum, ob sich die Christen bei diesen Festen betrinken, ebenso wenig wie die offensichtliche Tatsache, dass Muslime zu diesen Hochzeiten eingeladen wurden, jemanden zu beunruhigen schien. Dieses Prinzip gilt auch noch heute, was sich unter anderem darin zeigt, dass die ber\u00fcchtigten Todesurteile (Fatwa), wie sie unter anderem \u00fcber den Schriftsteller Salman Rushdie wegen Abfalls vom Islam verh\u00e4ngt wurden, niemals &#8218;Ungl\u00e4ubige&#8216; treffen, da diese der Scharia nicht unterstehen. Daher weisen Islamgelehrte mit einem gewissen Recht darauf hin, dass die Attentate von Paris niemals durch die Scharia gerechtfertigt werden k\u00f6nnen. Aber ist das ein wirklicher Trost?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Islam und Europa<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr sich die islamische Welt auch vom Terrorismus distanziert, letztlich kann sie nicht verhehlen, dass in den meisten ihrer Staaten auf Gottesl\u00e4sterung oder Abfall vom Islam die Todesstrafe steht, und zwar in vollst\u00e4ndiger \u00dcbereinstimmung mit ihrer Vorstellung von Menschenrechten, wie sie in der Kairoer Erkl\u00e4rung formuliert sind. Zu erkl\u00e4ren, dass diese Urteile nur an Menschen vollstreckt werden, die der eigenen Jurisdiktion unterstehen, ist zwar juristisch gesehen korrekt, \u00e4ndert aber nichts daran, dass die islamische Welt Lichtjahre von unseren europ\u00e4ischen Vorstellungen von Menschenw\u00fcrde entfernt ist. Die Frage, ob diese Kultur zu unserem Land passt, stellt sich somit in Wirklichkeit gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em> Dr. Sebastian Moll, \u00a08. Februar 2015<\/em><\/p>\n<p><em>Habilitand an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t<\/em><br \/>\n<em> der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz,<\/em><br \/>\n<em> Leiter der PR-Agentur WortmitWert,<\/em><br \/>\n<em> zuletzt von ihm erschienen:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Du sollst nicht atmen&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.deutscherarbeitgeberverband.de\/aktuelles\/2015_02_08_dav_aktuelles_wissen_ueber_religion.html\">www.deutscherarbeitgeberverband.de<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Vater sagte immer, man solle das studieren, wovon alle abraten, denn in wenigen Jahren werden Leute aus genau diesen F\u00e4chern h\u00e4nderingend gesucht. H\u00e4tte er die derzeitige Renaissance der Religion noch miterleben d\u00fcrfen, er w\u00fcrde sich best\u00e4tigt sehen. Eigentlich m\u00fcsste sich mein &#8218;brotloses&#8216; Studium jetzt auszahlen, eigentlich m\u00fcsste jetzt die Stunde der Theologen gekommen sein. 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