{"id":11790,"date":"2015-01-09T10:39:26","date_gmt":"2015-01-09T09:39:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11790"},"modified":"2015-01-09T22:21:59","modified_gmt":"2015-01-09T21:21:59","slug":"muslime-in-deutschland-daten-fakten-und-tabus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11790","title":{"rendered":"Muslime in Deutschland: Daten, Fakten &#8211; und Tabus?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIslamkritiker\u201c versus Freunde der \u201ebunten Republik\u201c, Emotionalit\u00e4t und Bekenntnisdrang kennzeichnen nicht erst seit \u201ePEGIDA\u201c die Debatten \u00fcber \u201eden Islam\u201c in Deutschland. Im Kern geht es dabei um die Integrationsbereitschaft und -f\u00e4higkeit muslimischer\u00a0 Zuwanderer. \u00dcber diese Muslime wiederum meint man schon Bescheid zu wissen, aus pers\u00f6nlichen Erfahrungen heraus oder auch nur vom H\u00f6rensagen. Wer sich auf die \u201eAufkl\u00e4rung\u201c beruft, wie dies in den Kontroversen oft beide Seiten tun, sollte sich mit empirischen Befunden der Sozialwissenschaften befassen, denn nur auf deren Grundlage l\u00e4sst sich eine sachliche Diskussion f\u00fchren. Solche Befunde gibt es, obwohl es nicht einfach ist, \u00fcber muslimisches Leben zu forschen. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass der Islam im Unterschied zum Christentum keine Institution \u201eKirche\u201c kennt. Zwar gibt es inzwischen muslimische Verb\u00e4nde, die in der sogenannten \u201eIslamkonferenz\u201c ihre Interessen vertreten, aber sie repr\u00e4sentieren nur eine Minderheit der Muslime. Ein anderer wichtiger Grund ist, dass die unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Pr\u00e4gungen muslimischen Lebens die Forschung erschweren.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moslem ist,\u00a0 wer sich dazu bekennt. Ein solches Bekenntnis ist in L\u00e4ndern wie dem Iran oder der T\u00fcrkei in der \u00d6ffentlichkeit ein Muss. Von kleinen Minderheiten abgesehen sind dort offiziell fast alle Einwohner Muslime. Zuwanderer aus diesen L\u00e4ndern gelten deshalb bei uns als \u201eMuslime\u201c,\u00a0 was sie aber nicht unbedingt sind, wie empirische Untersuchungen zeigen (1). Denn zum einen sind nicht-muslimische Minderheiten (Christen, Jesiden u. a.) unter Zuwanderern aus diesen L\u00e4ndern \u00fcberrepr\u00e4sentiert, weil sie dort unter Verfolgung leiden (2). Zum anderen gibt es erstaunlich viele Zuwanderer aus \u201eislamischen\u201c L\u00e4ndern, die sich keiner Religion zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Der Anteil dieser \u201eAgnostiker\u201c unterscheidet sich einschl\u00e4gigen Studien zufolge je nach Herkunftsregion: Unter den T\u00fcrken liegt er bei ca. 15%, unter Irakern bei ca. 17%, unter Nordafrikanern bei ca. 20% und sogar 22% unter den Syrern. Noch wesentlich h\u00f6her ist er unter Migranten aus dem Iran \u2013 von ihnen f\u00fchlen sich fast 40% keiner Religion zugeh\u00f6rig (3). Und auch die \u201eMuslime\u201c aus dem Iran sind ihrer Religion oft kaum verbunden, f\u00fcr drei Viertel der Iraner spielt Religion keine nennenswerte Rolle im Leben; sie sind damit noch s\u00e4kularer eingestellt als die deutsche Bev\u00f6lkerung insgesamt (4). Der Grund daf\u00fcr ist evident: Es handelt sich oft um Gruppen, die nach der islamischen Revolution 1979 vor dem theokratischen Regime im Iran geflohen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Muslime aus der T\u00fcrkei, die das Gros der vier Millionen Muslime in Deutschland bilden, hat Religion einen wesentlich h\u00f6heren Stellenwert, der sich vor allen an den Festtagen zeigt. Noch lebenspr\u00e4gender ist die Religion f\u00fcr Muslime aus dem Nahen Osten und Nordafrika (5). Damit verbunden ist oft ein Frauen- und Familienbild, das westlichen Gleichheitsnormen widerspricht. Auch Muslime, die wenig religi\u00f6s sind, folgen hier \u201etraditionellen\u201c Leitbildern, was sich zum Beispiel in einer geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen zeigt (6). Gleichzeitig sind oft auch die Arbeitsmarktchancen der M\u00e4nner relativ schlecht, weil es an Qualifikationen fehlt. Das Problem der Bildungsdeprivation beschr\u00e4nkt sich aber nicht, wie manchmal unterstellt wird, vorwiegend auf \u201estrenggl\u00e4ubige\u201c Muslime, die sich in \u201eParallelgesellschaften\u201c absondern. Davon betroffen sind auch eher s\u00e4kulare und in ihren Sitten liberale Gruppen: So hat mehr als die H\u00e4lfte der Aleviten, deren Frauen bekanntlich kein Kopftuch tragen, keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss (7). Das ist bemerkenswert, denn in der \u00f6ffentlichen Diskussion wird Liberalit\u00e4t\/Freiz\u00fcgigkeit mit \u201eIntegration\u201c assoziiert. F\u00fcr den sozialen Aufstieg bietet sie aber keine Gew\u00e4hr, der h\u00e4ngt entscheidend an den Bildungsanstrengungen. Und umgekehrt ist (formale) Bildung auch keine Garantie f\u00fcr \u201eIntegration\u201c, wie studierte Selbstmordattent\u00e4ter zeigen. Das m\u00f6gen Einzelf\u00e4lle sein, die aber grunds\u00e4tzliche Fragen nach dem N\u00e4hrboden von religi\u00f6sem Fanatismus und Gewalt im Koran und den Schriften des Islam aufwerfen. Hier\u00fcber wei\u00df man immer noch zu wenig, hier wird immer noch zu wenig aufgekl\u00e4rt (8). Ist das ein Tabu im \u00f6ffentlichen Diskurs? Mehr Aufkl\u00e4rung auch in diesem Punkt w\u00fcrde die Diskussion relativieren und versachlichen. Denn hier d\u00fcrfte einer der ma\u00dfgeblichen Gr\u00fcnde liegen f\u00fcr das Unbehagen in Teilen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber muslimischen Zuwanderern oder dem Islam allgemein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0 Dies ist eine wichtige, zu wenig beachtete Erkenntnis aus der einschl\u00e4gigen Studie \u201eMuslimisches Leben in Deutschland\u201c des Bundesamtes f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge im Auftrag der \u201eIslamkonferenz\u201c (Sonja Haug\/Stephanie M\u00fcssig\/Anja Stichs: Muslimisches Leben in Deutschland, N\u00fcrnberg 2009).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0 Etwa ein F\u00fcnftel der Migranten, die aus einem muslimisch gepr\u00e4gten Land stammen, geh\u00f6ren einer christlichen Konfession an. Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 95.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3)\u00a0 Vgl. ebd., S. 87.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4)\u00a0 Vgl.: Yasemin El-Menouar\/Inna Becher: Geschlechterrollen bei Deutschen und Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugeh\u00f6rigkeit, N\u00fcrnberg 2014 (Forschungsbericht 21 des Bundesamtes f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge), S. 45.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5)\u00a0 Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 46. Zur Zahl der Muslime in Deutschland ebd., S. 11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6)\u00a0 Yasemin El-Menouar\/Inna Becher: Geschlechterrollen bei Deutschen und Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugeh\u00f6rigkeit, a.a.O, S. 152.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7)\u00a0 Vgl.: Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 315.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8)\u00a0 Der Studie Muslimisches Leben in Deutschland zufolge sind 6% der Muslime \u201eals fundamentalistisch im Sinne extremer Ausformungen\u201c einzustufen. Die Autoren wollen diesen Anteil aber nicht mit dem von \u201eIslamisten\u201c gleichsetzen, der sich durch den \u201ePrimat der Religion gegen\u00fcber der Demokratie sowie der Distanzierung von demokratischen Rechtsauffassungen\u201c (Ebd., S. 28-29) auszeichne. Die Einstellungen zu Rechtsstaat, Demokratie und Gewalt untersuchen sie aber in ihrer Studie nicht, w\u00e4hrend das Tragen von Kopft\u00fcchern breiten Raum einnimmt. Ausgerechnet die wichtigsten Fragen bleiben so g\u00e4nzlich unbeantwortet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie, IDAF-Nachrichten 1\/2015 (<\/em><a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\"><em>www.i-daf.org<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIslamkritiker\u201c versus Freunde der \u201ebunten Republik\u201c, Emotionalit\u00e4t und Bekenntnisdrang kennzeichnen nicht erst seit \u201ePEGIDA\u201c die Debatten \u00fcber \u201eden Islam\u201c in Deutschland. 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