{"id":11753,"date":"2014-12-22T11:49:07","date_gmt":"2014-12-22T10:49:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11753"},"modified":"2014-12-22T11:49:07","modified_gmt":"2014-12-22T10:49:07","slug":"perfektionismus-krankheit-unserer-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11753","title":{"rendered":"Perfektionismus &#8211; Krankheit unserer Tage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Raphael M. Bonelli<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Kinder haben heute das Gl\u00fcck, sich zu kleinen Wolfgang Amadeus Mozarts, Boris Beckers oder Steve Jobs entwickeln zu d\u00fcrfen. Bei M\u00e4dchen k\u00f6nnen die Zielvorgaben auch Julia Roberts, Steffi Graf oder Heidi Klum hei\u00dfen. Von Geburt an werden sie von einem Kurs zum anderen gekarrt. Werden gef\u00f6rdert, trainiert und gestylt. Zeit f\u00fcr so etwas Unn\u00fctzes wie Spielen und Freundschaften bleibt da nat\u00fcrlich kaum noch. Wozu auch? Was wirklich z\u00e4hlt ist Leistung! Endlich sind die gesellschaftlichen Spielregeln gerecht und transparent: Wir sind, was wir leisten. Leistung ist Selbstverwirklichung.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verabsolutierung der Leistung bleibt nicht folgenlos. Sie kann zu einer zwanghaften Fehlhaltung f\u00fchren: Zum Perfektionismus. Deswegen untersucht\u00a0 die psychologische Forschung zunehmend dieses Ph\u00e4nomen. Leider sind ihre Erkenntnisse einerseits oft in eine unverst\u00e4ndliche akademische Geheimsprache gepresst, die seltsam blutleer und lebensfern bleibt. Andererseits wird der Begriff in popul\u00e4rer Ratgeberliteratur und im gesellschaftlichen Diskurs so verw\u00e4ssert, da\u00df die Ratschl\u00e4ge zur Abhilfe wie eine Binsenweisheit anmuten. Der deutsche Psychotherapeut Nils Spitzer nennt den Perfektionismus gar einen \u201eschillernden Grenzbegriff zwischen Wissenschaft und Pop-Psychologie\u201c. Obwohl viele psychische Krankheiten in klinischen Studien einen statistischen Zusammenhang mit dem Perfektionismus zeigen, besonders Burn-out, Essst\u00f6rungen, Depressionen und die Zwangsst\u00f6rungen, gibt es nach wie vor keinen Konsens, was Perfektionismus \u00fcberhaupt bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wohl prominentesten Perfektionismus-Forscher unserer Tage, die kanadischen Psychologen Gordon L. Flett und Paul L. Hewitt, scheuen nicht davor zur\u00fcck, den Perfektionismus als \u201ein der westlichen Welt endemisch\u201c zu bezeichnen. Das bedeutet das permanent geh\u00e4ufte Auftreten einer Krankheit in einer Region oder Population. Perfektionismus pr\u00e4gt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere K\u00f6pfe. Fast niemand kann sich ihm ganz entziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einerseits sind sich alle einig, da\u00df Perfektionismus nicht wirklich super ist, andererseits steht er heute auf der Liste der \u201eattraktiven Laster\u201c sehr weit oben. Gleich nach \u201eMein gr\u00f6\u00dfter Fehler ist, da\u00df ich zu gutm\u00fctig bin und mir zu viel gefallen lasse\u201c, kommt die selbstkritische Beichte \u201eIch habe einen Hang zum Perfektionismus\u201c. Denn diese Schw\u00e4che finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft. Das l\u00e4sst sich auch bei dem um sich greifenden Psycho-Ph\u00e4nomen \u201eBurn-out\u201c gut beobachten: Viele Patienten bestellen sich heutzutage beim Psychiater diese Modediagnose, weil damit sichergestellt ist, dass sie ausgesprochen flei\u00dfige Zeitgenossen sind. Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen tritt bei der Selbstbeschreibung \u201ePerfektionist\u201c auf: Bei diesem Begriff schwingt ein Nimbus von Ernsthaftigkeit, Ordentlichkeit, Flei\u00df und Verl\u00e4sslichkeit mit, so da\u00df man einen solchen Defekt gerne unumwunden zugibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Laster oder Tugend?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, in der keiner mehr sagen kann, was wahre Perfektion \u2013 also Vollkommenheit \u2013 eigentlich bedeutet, streben wir sie doch scheinbar alle an. Nat\u00fcrlich ist es sinnvoll und erstrebenswert, Perfektes leisten zu wollen. Der Mechaniker soll das Auto fehlerlos reparieren, der Installateur den Wasserrohrbruch perfekt abdichten und der Chirurg m\u00f6glichst ohne Kunstfehler operieren. Von Lehrern und Beamten erwarten wir zu recht, da\u00df sie mehr tun als ihre Pflicht. Wer sich nicht um fehlerfreies Arbeiten bem\u00fcht, wird im Beruf schwerlich Wertsch\u00e4tzung erwarten d\u00fcrfen. Der streitlustige Philosoph Peter Sloterdijk\u00a0 erkl\u00e4rt das Streben nach Selbstverbesserung bis zur Vervollkommnung zum menschlichen Wesenskern. Das ist nicht neu, das hat schon Aristoteles gewusst: Es geht darum, die Natur zur Entfaltung zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Perfektionismus ist aber etwas v\u00f6llig anderes als das Streben nach Perfektion. Ein Perfektionist strebt Perfektion nicht an, weil er sich an der Vollkommenheit erfreut, sondern weil es ihm um die damit verbundene Unangreifbarkeit geht. Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gek\u00fcndigt werden.\u00a0 Der Perfektionist will nicht in erster Linie die Natur zur Entfaltung\u00a0 bringen, sondern giert nach Sicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sehnsucht nach Perfektion tut dem Menschen gut; durch Angst motiviert, verliert sie aber das richtige Ma\u00df. Nehmen wir etwa den gro\u00dfen deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche: Seine Angst vor Durchschnittlichkeit und Normalit\u00e4t brachte er in abf\u00e4lligen Urteilen wie \u201eMenschen ohne Sehnsucht\u201c oder \u201efinale Spie\u00dfer\u201c deutlich zum Ausdruck. Es sei die Aufgabe des Menschen, einen Typus hervorzubringen, der h\u00f6her entwickelt ist als er selbst. Dieser \u201e\u00dcbermensch\u201c habe, so Nietzsche, einen \u00dcberschuss an Lebenskraft und Willen zur Macht, was ihn zu besonderer Selbstbeherrschung und Selbstentfaltung bef\u00e4hige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Maske der Unantastbarkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Perfektionist ist ein Kind unserer leistungsfixierten Zeit. In ihm baut sich ein innerer Druck aus Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf. Unter diesem leidet er und diesen gibt er auch an seine Umgebung weiter. Das Bessere ist f\u00fcr ihn der Feind des Guten: Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser sein k\u00f6nnte. So entwickelt sich der Perfektionist wider Willen zum N\u00f6rgler, notorischen Pessimisten und humorlosen Querulanten. Er weist ein Schwarz-Wei\u00df-Denken auf, eine Alles-oder-Nichts-Mentalit\u00e4t: Entweder ist alles perfekt oder es taugt nichts. Ein Wesensmerkmal des Perfektionismus ist das krankhaft \u00fcberzogene Leistungsdenken, bei dem nur z\u00e4hlt, wer Tadelloses, Bewundernswertes und Au\u00dfergew\u00f6hnliches vorzuweisen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4ufig ist Perfektionismus von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet, der Angst, nicht gut genug zu sein, den Anspr\u00fcchen nicht zu gen\u00fcgen, und von einer \u00e4ngstlichen Besorgtheit um den eigenen Ruf. Der Perfektionist ist ein unsicherer Mensch. Er sehnt sich unbewusst nach einer bombensicheren Unantastbarkeit. Er h\u00e4lt sich st\u00e4ndig einen inneren Spiegel vor und \u00fcberlegt, wie er vor sich und anderen dasteht, was er von sich halten darf. Perfektion ist bei ihm nur Mittel zum Zweck: Eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit bringt sich der Perfektionist in eine Sisyphos-Situation, die oft im Burn-out endet. Er l\u00e4uft einem unerreichbaren Ziel nach, denn man kann unm\u00f6glich allen gefallen. Dem Perfektionismus liegt eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zugrunde, die die Seele erstarren l\u00e4sst wie die Maus vor der Schlange. Oft wird er in dieser Erstarrung von anderen als rigide, halsstarrig, besserwisserisch und mitunter sogar als intolerant wahrgenommen. Von seiner Umgebung\u00a0 bekommt der Perfektionist h\u00e4ufig das Feedback, er sei \u00fcberkritisch, mische sich ungefragt in das Leben anderer ein und versuche, ihnen das eigene \u201eIdeal\u201c \u00fcberzust\u00fclpen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Gl\u00fcck der Unvollkommenheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufl\u00f6sung dieses bedrohlich-zwanghaften Zustandes erfolgt schrittweise. An erster Stelle steht die Entlarvung des Perfektionismus als irrationales Bauchgef\u00fchl, als \u201einneres Dogma\u201c. Durch das Bewusstmachen und Analysieren des Kopfes kommt es im n\u00e4chsten Schritt zur Entmachtung des eigenen Leistungsdenkens \u2013 auch wenn es dem Zeitgeist widerspricht. Dann erfolgt das bewusste Annehmen der eigenen Unvollkommenheit mit dem Herzen. \u201eImperfektionstoleranz\u201c ist die Selbstannahme im Bewu\u00dftsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, Mittelm\u00e4\u00dfigkeit und Gew\u00f6hnlichkeit. Nur mit einer realistischen Selbsteinsch\u00e4tzung kann man gesunde Zielvorgaben formulieren und sich maskenlos in der Gesellschaft bewegen. Humor hilft am effektivsten, das Eis des Perfektionismus zum Schmelzen zu bringen. Schon Paul Watzlawick hat den \u201etierischen Ernst von psychologischen Abhandlungen\u201c gern augenzwinkernd auf die Schippe genommen. So gelangt man zu einer inneren Freiheit, die das Gegenst\u00fcck zum Perfektionismus ist. Imperfektionstoleranz befreit von Ich-Sucht, Kontrollzwang, Anspruch auf Fehlerlosigkeit, Verbitterung und Fremdbeschuldigung. Innere Freiheit verleiht deshalb Unbeschwertheit und nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t, sie macht flexibel und unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Aufsatz ist die leicht gek\u00fcrzte Fassung des Vorworts aus dem neuen\u00a0 Buch \u201ePerfektionismus \u2013 Wenn das Soll zum Muss wird\u201c (Pattloch-Verlag, M\u00fcnchen) des Wiener Neurowissenschaftlers an der Sigmund-Freud-Privatuniversit\u00e4t Raphael Bonelli. Bonelli hat an mehreren Universit\u00e4ten in den USA, u.a. Harvard, geforscht und sich im Fach Neuropsychiatrie habilitiert. Er f\u00fchrt als Psychiater und Psychotherapeut eine eigene Praxis in Wien. Sein 2013 erschienenes Buch \u201eSelber Schuld \u2013 Auswege aus seelischen Sackgassen\u201c (Pattloch, M\u00fcnchen) ist ein Bestseller.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: iDAF Aufsatz des Monats 13\/2014 (www.i-daf.org)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raphael M. Bonelli Viele Kinder haben heute das Gl\u00fcck, sich zu kleinen Wolfgang Amadeus Mozarts, Boris Beckers oder Steve Jobs entwickeln zu d\u00fcrfen. Bei M\u00e4dchen k\u00f6nnen die Zielvorgaben auch Julia Roberts, Steffi Graf oder Heidi Klum hei\u00dfen. Von Geburt an werden sie von einem Kurs zum anderen gekarrt. Werden gef\u00f6rdert, trainiert und gestylt. Zeit f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11753"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11753"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11754,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11753\/revisions\/11754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11753"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11753"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}