{"id":11702,"date":"2014-12-08T12:39:20","date_gmt":"2014-12-08T11:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11702"},"modified":"2014-12-08T12:41:44","modified_gmt":"2014-12-08T11:41:44","slug":"richtige-prognosen-falsche-schluesse-deutschlands-demographie-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11702","title":{"rendered":"Richtige Prognosen, falsche Schl\u00fcsse: Deutschlands Demographie-Problem"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man die Vielzahl der Ver\u00f6ffentlichungen und Meinungs\u00e4u\u00dferungen zum Thema Demographie, dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, da\u00df es in Deutschland kein wichtigeres demographisches Problem g\u00e4be als die Alterung der Gesellschaft. Ein entscheidender Grund daf\u00fcr war Frank Schirrmachers Bestseller \u201eDas Methusalem-Komplott\u201c. Darin wird die Steigerung der Lebenserwartung als Hauptgrund f\u00fcr die Alterung der Gesellschaft identifiziert, was nicht den Tatsachen entspricht. Denn der Anstieg des Durchschnittsalters der Bev\u00f6lkerung wird zum weitaus \u00fcberwiegenden Teil durch die niedrige Geburtenrate verursacht, durch die sich die Zahl der nachwachsenden J\u00fcngeren st\u00e4ndig verringert, w\u00e4hrend dem Anstieg der Lebenserwartung nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sachlich unrichtige Schwerpunktsetzung in einem der auflagenst\u00e4rksten B\u00fccher zum Thema Demographie hat gro\u00dfe und bleibende Auswirkungen auf die \u00f6ffentliche Meinung und die Politik. Sie ist m\u00f6glicherweise auch daf\u00fcr verantwortlich, da\u00df Schirrmachers Versuch, eine ernsthafte Debatte \u00fcber das Thema Demographie in Deutschland anzusto\u00dfen, ins Leere lief. Noch folgenreicher als das Ausbleiben der angestrebten Debatte ist, da\u00df dieses Buch anscheinend den Blick daf\u00fcr verstellt hat, da\u00df die niedrige Geburtenrate Deutschlands und nicht die steigende Lebenserwartung die entscheidende Ursache der Alterung, Schrumpfung und aller \u00fcbrigen demographischen Probleme bildet. Denn wenn in Deutschland die Zahl der J\u00fcngeren im gleichen Ma\u00dfe wie die der \u00c4lteren zun\u00e4hme, bliebe das Durchschnittsalter der Bev\u00f6lkerung konstant, und es w\u00fcrde niemand die Alterung f\u00fcr das wichtigste Problem halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum hat Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt? Diese Frage stellte die CDU-Fraktion schon 1976 und dann noch einmal 1979 im Rahmen einer \u201eGro\u00dfen Anfrage\u201c im Landtag von Nordrhein-Westfalen an die Landesregierung. Der damalige\u00a0Ministerpr\u00e4sident Johannes Rau antwortete: Wir kennen die Ursachen der niedrigen Geburtenrate nicht, aber \u201e&#8230; wir werden hier in Nordrhein-Westfalen ein Institut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung errichten und damit das erste Bundesland sein, das eine solche Ma\u00dfnahme ergreift. Hier ist viel Forschung n\u00f6tig\u201c (Plenarprotokoll 8\/123 vom 23.1.1980, S. 8326). In den folgenden Jahrzehnten erarbeitete das neu gegr\u00fcndete \u201eInstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung und Sozialpolitik\u201c der Universit\u00e4t Bielefeld zusammen mit weiteren in den 80er und 90er Jahren entstandenen Forschungsinitiativen die Grundlagen f\u00fcr eine wissenschaftliche Erkl\u00e4rung und Prognose der Geburten- und Bev\u00f6lkerungsentwicklung. Seitdem wissen wir, da\u00df die niedrige Geburtenrate auf der Spaltung der Gesellschaft in zwei Teilgesellschaften beruht, von denen die eine seit Jahrzehnten unver\u00e4ndert die ideale Geburtenrate von durchschnittlich zwei Kindern je Frau hat, w\u00e4hrend die andere zu einem Viertel bis einem Drittel zeitlebens kinderlos bleibt \u2013 mit noch h\u00f6heren Anteilen bei den beruflich gut qualifizierten Frauen, \u2013 so da\u00df der Durchschnitt f\u00fcr beide Teilgesellschaften zusammen weit unter dem idealen Wert bei nur 1,4 liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Normalerweise sind Prognosen umso unsicherer, je weiter der Prognosezeitpunkt in der Zukunft liegt. Bei Bev\u00f6lkerungsprognosen kann das anders sein: Kurzfristig kann die tats\u00e4chliche Bev\u00f6lkerungsentwicklung infolge von Einwanderungen st\u00e4rker von der prognostizierten Entwicklung abweichen als langfristig, denn zum einen gleichen sich positive und negative Abweichungen langfristig st\u00e4rker aus, zum anderen ist es wie bei den kurzfristigen Wetterschwankungen und dem langfristig stabilen Zyklus der Jahreszeiten: Eine Aussage \u00fcber die Temperatur in der n\u00e4chsten Woche kann weniger sicher sein als der vorausgesagte Wechsel der Jahreszeiten in sechs oder 9 Monaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die seit den 80er Jahren mit modernen wissenschaftlichen Methoden\u00a0 vorausberechnete Bev\u00f6lkerungsentwicklung zeigt: Deutschland steckt tief in einer demographischen Sackgasse. Welche Schl\u00fcsse hat das Land seit der Gro\u00dfen Anfrage im Parlament von Nordrhein-Westfalen aus den demographischen Forschungsergebnissen gezogen? Es wurden keine Initiativen zur Erh\u00f6hung der im weltweiten Vergleich extrem niedrigen Geburtenrate ergriffen. Die Begr\u00fcndung aus dem Jahr 1980 war und ist heute immer noch: \u201eKinder sollen um ihrer selbst\u00a0willen geboren werden. Wir werden eine aktive Familienpolitik betreiben, ohne jeden Hintergedanken, aber keine Bev\u00f6lkerungspolitik\u201c (Plenarprotokoll 8\/123, S. 8330). Leider erweisen sich diese sch\u00f6n klingenden S\u00e4tze bei genauerem Hinsehen als vollkommen leer. Denn damit die Menschen \u201eum ihrer selbst willen\u201c zur Welt kommen k\u00f6nnen, m\u00fcssen andere Menschen um ihretwillen zur der lebenslangen Verantwortung als Eltern bereit und f\u00e4hig sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahrzehnten ignoriert die Bundesrepublik Deutschland die am genauesten prognostizierte Krise ihrer Geschichte. Fr\u00fcher sah man in der demographischen Entwicklung immerhin noch ein Problem, aber seit zehn Jahren hat sich das ge\u00e4ndert, jetzt behauptet die Politik gebetsm\u00fchlenartig, die Bev\u00f6lkerungsentwicklung sei \u00fcberhaupt kein Problem, sondern eine \u201eChance\u201c. Um m\u00f6gliche Kritik seitens der Wissenschaft zu erschweren, wurde das 1980 gegr\u00fcndete Institut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung und Sozialpolitik der Universit\u00e4t Bielefeld im Jahr 2004 wieder aufgel\u00f6st (zeitgleich mit meiner Emeritierung als Institutsleiter und Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft). Das gleiche geschah mit den beiden anderen Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Bev\u00f6lkerungssoziologie an der Universit\u00e4t Bamberg und an der sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler startete 2005 in Berlin eine Reihe von Demographie-Konferenzen, auf deren programmatischer Auftaktveranstaltung er die Meinung vertrat, da\u00df die demographischen Probleme Deutschlands in Wahrheit \u201eL\u00f6sungen\u201c f\u00fcr andere Probleme seien. Indem er den Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang in Deutschland als ein Instrument zur D\u00e4mpfung des Wachstums der Weltbev\u00f6lkerung in Erw\u00e4gung zog, zeigte er, da\u00df die Geburt von Kindern durch die Politik durchaus als Mittel zum Zweck und keineswegs \u2013 wie es in dem zitierten Plenarprotokoll hei\u00dft \u2013 um ihrer selbst willen thematisiert wird. Die fr\u00fchere Bundesministerin f\u00fcr Bildung und Forschung, Annette Schavan, stellte das von ihr ausgerufene \u201eWissenschaftsjahr 2013\u201c sogar unter das Motto \u201eDie demographische Chance\u201c. Nach dieser Logik war das Fl\u00e4chenbombardement deutscher St\u00e4dte im Zweiten Weltkrieg keine Katastrophe, sondern eine \u201eChance\u201c f\u00fcr den Wiederaufbau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der so genannte \u201edemographische Wandel\u201c wird von Politikern\u00a0aller im Bundestag vertretenen Parteien als eine Gelegenheit f\u00fcr die Modernisierung des Landes und f\u00fcr die Umgestaltung Deutschlands zu einer \u201edemographiefesten\u201c Gesellschaft geradezu enthusiastisch begr\u00fc\u00dft. Aber eine demographiefeste Gesellschaft anzustreben w\u00e4re genauso absurd und unm\u00f6glich wie das Ziel, eine gegen Mathematik resistente Welt zu erschaffen. Jedes Jahr wird deutlicher, wie vielf\u00e4ltig die Auswirkungen des demographischen Niedergangs sind. Viele mag es \u00fcberraschen, aber auch die Wurzeln der Finanz- und Eurokrise liegen in der demographischen Entwicklung der europ\u00e4ischen L\u00e4nder. So verweigerten die Banken beim Ausbruch der Euro-Krise die Kreditvergabe an Griechenland mit der Begr\u00fcndung, das griechische Rentensystem sei wegen der niedrigen Geburtenrate nicht sanierbar. Auch in Deutschland wird der wachsende Mittelbedarf der gesetzlichen Renten,- Kranken,- und Pflegeversicherung durch Zusch\u00fcsse zu Lasten k\u00fcnftiger Generationen finanziert. Bereits ein Drittel der Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung mu\u00df durch Zusch\u00fcsse bestritten werden \u2013 Tendenz steigend. Von wem sollen die Schulden zur\u00fcckgezahlt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahrzehnten kommen immer weniger Kinder zur Welt, die die Lasten als Steuerzahler, Beitragszahler oder Schuldentilger tragen k\u00f6nnten. Die Nicht-Geborenen k\u00f6nnen keine Kinder und diese keine Enkel zur Welt bringen usf. \u2013 der Prognosefehler dieser Aussage ist gleich Null. So entwickelte sich ein Dominoeffekt der Schrumpfung, durch den die Zahl der 20 bis 60 j\u00e4hrigen, das R\u00fcckgrat der deutschen Volkswirtschaft, in der ersten H\u00e4lfte dieses Jahrhunderts selbst bei weiterhin hohen Einwanderungen j\u00fcngerer Menschen um 16 Millionen abnehmen wird. Gleichzeitig nimmt die Gruppe der zu versorgenden \u00fcber 60j\u00e4hrigen um 10 Millionen zu. An diesen Megatrends k\u00f6nnen die momentanen Zuw\u00e4chse bei den Einwanderungen aus den s\u00fcd- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, die ja nur in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von wenigen Hunderttausend liegen, nichts Entscheidendes \u00e4ndern, zumal auch das Reservoir an potentiellen Zuwanderern in den Herkunftsl\u00e4ndern schrumpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der Produktivit\u00e4tssteigerungen der deutschen Volkswirtschaft nimmt die j\u00e4hrliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts ab, sie ist infolge der demographischen Schrumpfung seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts von damals 4,4 auf j\u00e4hrlich 1,0 Prozent\u00a0gesunken. F\u00fcr die Zukunft ist aus demographischen Gr\u00fcnden mit einem noch schw\u00e4cheren Wirtschaftswachstum zu rechnen. Die zu erwartenden Zuw\u00e4chse des Bruttoinlandsprodukts reichen nicht aus, um den Wohlstand angesichts steigender Versorgungslasten f\u00fcr die alternde Gesellschaft zu sichern oder zu mehren. Die Entlastung durch die schrumpfende Zahl der zu versorgenden Kinder und Jugendlichen wirkt sich weit weniger aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer versorgt in Zukunft die wachsende Zahl der Menschen ohne Kinder im Alter, bei Krankheit und Pflegebed\u00fcrftigkeit? Die Beitr\u00e4ge zur Gesetzlichen Renten,- und Krankenversicherung (vor der Reform auch die Beitr\u00e4ge zur Gesetzlichen Pflegeversicherung) werden noch im Jahr der Einzahlung ganz an die Versorgungsberechtigten ausbezahlt, sie stehen f\u00fcr die eigene Versorgung der Beitragszahler im Ruhestand nicht zur Verf\u00fcgung. Ohne eine ausreichende Zahl nachwachsender Beitragszahler entsteht bei ihrer eigenen Versorgung ein Verteilungsproblem zwischen Menschen mit Kindern und Menschen ohne Kinder, denn jeder Mensch hat Eltern, aber nicht jeder Kinder. Das Bundesverfassungsgericht hat im so genannten Tr\u00fcmmerfrauenurteil und im Urteil zur Pflegeversicherung eine Beendigung der Ungerechtigkeit gegen\u00fcber den Familien mit Kindern gefordert. Die mit demographischen Fakten begr\u00fcndeten Urteile wurden nicht umgesetzt und von der Politik schlicht ignoriert. Was die Behandlung des Bundesverfassungsgerichts und der Familien mit Kindern betrifft, ist Deutschland kein Rechtsstaat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Herwig Birg, Berlin<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bei diesem Aufsatz handelt es sich um die leicht gek\u00fcrzte Fassung des Vorworts zum neuen Buch von Herwig Birg, \u201eDie alternde Republik und das Versagen der Politik \u2013 eine demographische Prognose\u201c, erschienen im LIT-Verlag, Berlin.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Aufsatz des Monats 12\/ 2014, Institut f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betrachtet man die Vielzahl der Ver\u00f6ffentlichungen und Meinungs\u00e4u\u00dferungen zum Thema Demographie, dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, da\u00df es in Deutschland kein wichtigeres demographisches Problem g\u00e4be als die Alterung der Gesellschaft. Ein entscheidender Grund daf\u00fcr war Frank Schirrmachers Bestseller \u201eDas Methusalem-Komplott\u201c. Darin wird die Steigerung der Lebenserwartung als Hauptgrund f\u00fcr die Alterung der Gesellschaft identifiziert, was [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":229,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11702"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/229"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11702"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11707,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11702\/revisions\/11707"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}